Eine kleine Metaphysik der Beförderung

Ich war frühzeitig aufgebrochen. Das war mein erster Fehler. Eine Stunde vor der vorgesehenen Zeit stand ich am Bahnhof Ahrweiler Markt, um sicherzustellen, dass ich rechtzeitig zu spät kommen würde. Die Deutsche Bahn hatte meinen Vorsprung erkannt und unverzüglich Gegenmaßnahmen eingeleitet. Der Zug fiel aus.
Damit war die erste Stunde erfolgreich vernichtet. Sie hatte sich ohnehin als überflüssig erwiesen. Im System der Deutschen Bahn ist Zeit keine physikalische Größe, sondern eine Zumutung, die der Fahrgast an den Betrieb heranträgt. Wer früher kommt, hat mehr Zeit, auf das Ausbleiben dessen zu warten, was später ebenfalls nicht kommt.
Ich nahm also den Zug, den ich ursprünglich hätte nehmen sollen. Das war immerhin ein Fortschritt. Ich befand mich wieder dort, wo ich ohne meine Vorsichtsmaßnahme bereits gewesen wäre. Man könnte von einer Wiederherstellung des ursprünglichen Schadens sprechen.
In Remagen erwartete mich die nächste Unterweisung: BITTE NICHT EINSTEIGEN. So stand es am Zug. Die App hingegen erklärte, ich solle einsteigen. Das Zugbegleitpersonal war anwesend, konnte aber nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es sich bei dem Zug um den Zug handelte, in dem es sich befand. Jemand rief: Geisterzug! Eine schwierige erkenntnistheoretische Lage. Das Zugbegleitpersonal stieg dennoch ein. Die so genannten Fahrgäste folgten verunsichert, aber nicht ohne Hoffnung – und sowieso mangels Alternativen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Er fuhr sogar in die richtige Richtung, was angesichts der ungeklärten Identitätsverhältnisse als bemerkenswerte Eigeninitiative des Schienenfahrzeugs gewertet werden muss.
Wenig später meldete sich eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Aus betrieblichen Gründen müssen wir den Stromabnehmer senken; dabei entstehen Geräusche auf dem Dach.“
Es wurde still. Wir hatten bis dahin nicht gewusst, dass wir über einen Stromabnehmer verfügten. Nun sollte er gesenkt werden. Aus betrieblichen Gründen. Niemand fragte, welche Gründe das seien. Auch die angekündigten Geräusche auf dem Dach nahmen wir widerspruchslos hin. Schließlich war es beruhigend, dass die Geräusche angekündigt wurden, bevor sie entstanden. Man hatte uns auf das Kommende vorbereitet. Das war mehr, als sich vom Leben im Allgemeinen behaupten ließ. Oben wurde etwas gesenkt. Unten blieben wir sitzen. Es war eine geordnete Angelegenheit. Der Zug fuhr weiter. Wir auch. Zumindest gingen wir davon aus.
In Koblenz durfte ich mit allen anderen Menschen, die sich für den heutigen Vormittag Reisende nannten, eine weitere Stunde mehr warten und ruhen. Unter Wartenden und Ruhenden entsteht Gemeinschaft, wenn auch nur eine sehr befristete. ICE 27 Richtung Frankfurt war eine Stunde verspätet. Dafür hatte er seinen Fahrplan überarbeitet. Frankfurt Hauptbahnhof, bislang eine gewisse Konstante im deutschen Eisenbahnwesen, war aus der Wirklichkeit gestrichen worden. Als Ersatz wurde Frankfurt Süd angeboten. Man hatte offenbar beschlossen, Frankfurt sei Frankfurt, und Süden sei schließlich auch eine Himmelsrichtung.
Wir Fahrgäste nahmen dies dankbar zur Kenntnis. Nicht alle Städte verfügen über einen Süden. Nicht alle Züge über eine Richtung. Nicht alle Richtungen über ein Ziel. Es lag nahe, über das Leben nachzudenken.
War man im Grunde nicht immer schon unterwegs gewesen? Hatte man nicht zahllose Stunden damit verbracht, rechtzeitig an Orten anzukommen, an denen man schließlich doch nicht geblieben war? Hatte man nicht Menschen verlassen, um andere zu erreichen, die ihrerseits verspätet waren oder den Halt ersatzlos gestrichen hatten? Vielleicht ist das Leben überhaupt nur eine Folge von Anschlussverbindungen, deren Existenz sich erst im Augenblick ihres Scheiterns bestätigt.
Man wird geboren, ohne einen Fahrschein gelöst zu haben. Man steigt ein, weil alle einsteigen. Man vertraut den Anzeigen, den Stimmen aus dem Lautsprecher, den freundlichen Damen und Herren in Uniform, die erklären, dass man aufgrund einer Störung im Betriebsablauf leider nicht dort ankommen könne, wo man hinwolle. Wohin man stattdessen komme, werde rechtzeitig bekannt gegeben. Gegebenenfalls.
Ich fahre übrigens zur Frankfurter Buchmesse. Dort werden Bücher vorgestellt, die von Menschen handeln, die unterwegs sind, sich verirren, scheitern, hoffen, verzweifeln und am Ende vielleicht eine Erkenntnis gewinnen. Ich habe mein Buch bereits geschrieben. Es heißt: Bitte nicht einsteigen. Es erscheint voraussichtlich. Ein Erscheinungstermin kann aus betrieblichen Gründen derzeit nicht genannt werden. Wir bitten um Ihr Verständnis. Bitte bleiben Sie bis auf Weiteres an Ihrem Platz. Auch wenn dieser nicht mehr vorhanden ist.
Hier wäre der Bericht fast zum Ende gekommen, als sich plötzlich am Fernbahnhof Flughafen Frankfurt etwas ereignete, das in den einschlägigen Beförderungsbedingungen nicht vorgesehen war: ein Wunder.
Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand ein anderer ICE. Er fuhr nach Frankfurt Hauptbahnhof. Jenem Hauptbahnhof, der wenige Minuten zuvor noch aus der Wirklichkeit gestrichen worden war. Man hatte ihn offenbar wiedergefunden. Oder er hatte sich selbst gemeldet.
Ich wechselte den Zug. Ohne Antrag, ohne Genehmigung, ohne vorherige Anhörung. Ein Akt zivilen Ungehorsams gegenüber dem Fahrplan.
Nun saß ich in einem Zug, der dorthin fuhr, wohin der andere nicht mehr fahren sollte. Ob er dort halten würde, war eine Frage des Glaubens. Die Hoffnung hatte ich inzwischen als unzuverlässiges Verkehrsmittel kennengelernt.
Vielleicht war dies die eigentliche Lehre des Tages: Dass man sein Ziel nur erreicht, wenn man rechtzeitig den Zug verlässt, der einen dorthin bringen sollte. Und dass selbst die Deutsche Bahn gelegentlich eine Auferstehung zulässt. Allerdings ohne Anschlussgarantie.