Be.deut?ung¿

Ostdeutschland
1981
Ankunft: einer Anderen
von weiter her
als man denken konnte
in jener Zeit

für Vera Nemirova
Serie Echo ohne Mund 03/2026

neun Jahre
neu im Land
neu in den Wörtern
neu im Winter


schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

Frage des Kindes:
was ist Bedeutung?

Antwort der Lehrkraft:
Das sollst du erklären! –
Die Bedeutung des Stroms

Be.deut?ung¿
Was ist Bedeutung?¿

schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

aber WAS??
ist Be.deut?ung¿


Es wurde still
im Klassenzimmer
im Museum
der Missverständnisse

Ant-Wort
war Gegenrede
Fragen
war Widerstand

Zeigefinger
der Leerkraft —
Achse des Fortschritts —
vom Arbeitsblatt zum Irrtum
zwischen Lösung und Zukunft


aber
niemand zeigte auf
Be.deut?ung¿


Schweigen
war Widerstand


die Aufgabe saß laut
im Hals

die Aufgabe
aufgegeben

die Aufgabe
abgegeben

wie eine Flaschenpost
entkorkt
vor dem Wurf
ins Wasser der Träume

Das Kind saß still
auf: Gabe

in einsamer Zwischenzeit
vor dem Fenster

drei Amseln
zwei Tauben
ein Spatz

kein Schatten


später
Trabant auf Trabant

drei grüne
zwei blaue
ein weißer

kein Warum


alles
lässt sich zählen
nur Bedeutung
nicht


am Ende
die Fünf
unter dem Blatt

ein amtlicher Stempel
auf der Stirn der Frage


nun —
Jahre später —
steht die Bedeutung
auf der Bühne

sie fragt
was heißt

heißt
?¿

Erste Verwirrung

Serie Echo ohne Mund 02/2026

Was steht denn zwischen
Begehren und Schmerz?

Du weißt es so gut –
als Fragende
wie als Trauernde

Du kanntest die Antwort
lange bevor gefragt wurde

Doch:
Du schweigst

Denn Aussprechen wäre Spüren
der namenlosen Stimme

am Rand einer schon vor langer Zeit
abgeschlossenen Handlung

selbst wenn sie
erst viel später einsetzen würde

nachdem du der Zukunft
ihren Anfang gestattet hättest

Denn noch bevor
wir jemanden lieben
haben wir bereits begonnen
ihn zu verlieren

Nur ein wenig

wie der Schatten am Nachmittag
der sich unmerklich streckt
unter der jetzt noch hohen Sonne

Alles beginnt
mit einer Verwechslung

Da ist ein Gesicht
eine Stimme
eine Bewegung der Hand

nichts Besonderes

Und doch bleibt etwas
an ihm hängen

ein Blick vielleicht
oder ein Lächeln

vielleicht sogar eine unverwechselbare Art
den eigenen Namen zu hören
ausgesprochen vom Anderen

wenn er der Einzige ist

wenn sich beim Gang die Straße hinunter
sein Gesicht auf das deine legt
wie eine Maske

ja
das trägst du mit dir fort
ohne zu wissen
warum

Später
werden sie behaupten:
dort fing alles an

Aber das stimmt nicht

Es setzte viel früher ein
in einer Unruhe
im kaum merklichen
Verrutschen der Zeit

ja
plötzlich
stand dort ein Mensch
wo vorher nur Raum war

und es erschien etwas
mit ihm
das es vorher nicht gab:

die Möglichkeit eines Fehlens

ja
das
muss das Geheimnis
sein:

Nicht
dass wir lieben

Sondern
dass wir von Anfang an wissen
dass wir nicht bleiben können

weder im Augenblick
noch im Körper

und erst recht nicht:
in dieser Nähe

Darum schauen wir so lange
Darum hören wir noch einmal hin

und erinnern uns später
an Dinge
die niemals wichtig waren:

ein Ärmel
ein Geruch

ein Satz
den niemand
aufgeschrieben hat

Denn nicht mit Gewissheit
beginnt eine Liebe
sondern mit Verwirrung
mit einer kleinen Störung
im geordneten Ablauf der Welt

mit einem Namen
der plötzlich schwerer wird
als alle anderen

Und noch bevor
du ihn aussprichst

beginnt das Echo

nach der siebten pforte

per-se-phonie

[früh.jahr_2020]

Beginn eines prosalyrischen ‚Endlos‘-Monologs

ἴδμεν γάρ τοι πάνθ ᾽ […]
ἴδμεν δ᾽ ὅσσα γένηται ἐπὶ χθονὶ πουλυβοτείρῃ

uns ist alles bekannt […]
was irgend geschieht auf der vielnährenden erde

ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper…

end.los | brief aus der isolation

der zu einer unkenntlichkeit geschrumpfte körper. die ganze sich stetig schneller drehende welt. die keinen anderen halt erlaubt, als den dunklen, stillen fleck des eigenen, einen stand-orts. hier ist man vorerst nur, um vorhanden zu sein. hier könnte man eines tages warten, falls etwas zu erwarten ist. das offen zugewandte erreicht einen hier nicht und hat – wie alles unsichtbare – eine erstaunliche grenzenlosigkeit. doch das eigentliche hat jetzt einen fernen platz jenseits der gläsernen wände, die aus den früheren pfaden wuchsen, unbemerkt zur zeit des wachstums einer dünnen, nachträglich gebildeten kruste um ich und welt. die zeit regnet sich ab. ein gebrochenes, altersschwaches licht trifft die haut. man steht als ein unbewegliches in der reibung des flusses. man steht wie ein warnsignal am rand einer start- und landebahn der beflügelten. man steht an der grenze zum undurchstoßbaren. man stand vielleicht schon immer dort – ohne es zu bemerken. dabei weiß man doch in der tiefe der seele, dass es einmal – zu einem jetzt noch unbekannten moment – ein geräusch geben wird, das nicht wie ein laut ist, sondern vielmehr ein nachlassen der stille, als hätte sich irgendwo ein ton gelöst, der nie ganz dazugehört hatte. oder: ein schatten verschiebt sich. nicht viel. nur so weit, dass man nicht mehr sagen kann, ob er noch derselbe ist. oder: etwas zuckt. nicht im körper – eher an ihm vorbei. als hätte ihn etwas kurz gestreift, das keine spur hinterlässt. oder: ein augenblick dauert länger, als er dürfte. oder kürzer. man mag es nicht entscheiden. oder: ein wort stellt sich ein. ohne laut. und bleibt, ohne gesagt zu werden. und plötzlich ist das, was zuvor ich war, ein nichts, das nicht mehr zu verschieben ist. und welt ist jetzt alles, jedoch ohne geräusch, ohne schatten, ohne zucken. ein raum. und eine stelle, die nicht sichtbar ist, die nicht benannt wird. und gerade deshalb bleibt. man könnte sie für einen moment verwechseln mit ruhe. aber sie ist kälter. sie hat keinen rand. keinen zugang. sie entzieht sich jeder bewegung, weil sie selbst keine mehr kennt. dort sammelt sich nichts. nichts wird dort gehalten. nicht einmal der schmerz. und doch ist es genau das, was nicht mehr wehtut, weil es nicht mehr wehtun kann. eine stelle, an der einmal etwas offen war, das sich nun schloss. nicht verheilt, sondern entzogen. und das zurückbleibende ist keine wunde, sondern nur die vorstellung von einer wunde, die keinen zugriff mehr erlaubt. nein: diese kälte friert nicht, sondern sie stellt fest – dass dort nichts mehr erreicht werden kann.

end.los | brief aus der isolation

jetzt müsste doch eigentlich eine große trauer durch die welt ziehen. aber den menschen gelingt es immer sehr gut, den schmerzen aus dem weg zu gehen… und dann immer dieses theater um die besseren kenntnisse, fakten, daten… statt nur ein einziges mal den mut aufzubringen, die siebte pforte der angst zu öffnen. und durch die räume des leids zu gehen, vorbei an unverputzten wänden und grau verhangenen fenstern. und es dort auszuhalten eine gewisse, ungewisse zeit, bis zum unfassbaren schritt von der kenntnis zur erkenntnis – von der kenntnis der verletzlichkeit zur erkenntnis einer zuwendung, die man nicht immer nur empfangen muss, sondern auch einmal spenden kann… oder vielleicht den glauben zu überwinden, dass jede zwanghaft ertragene zumutung eine heldentat ist… oder derer nicht mehr zu gedenken, die sich pathologisch schon so weit selbst erhöht hatten, dass sie keiner fremden menschlichen liebe mehr bedurften und zugleich ihre anbetung erzwangen; die ihre triebhafte sucht nach bedeutung und anerkennung auf der angst und ohnmacht jener gründen, die das haus ihrer not nicht verlassen werden… die veränderung aber bestünde nicht darin, dass etwas neues entstünde, sondern darin, dass nichts mehr umgangen werden könnte, dass jeder blick ein zweiter wäre, dass jede begegnung nicht mehr abgebrochen werden dürfte, ohne dass etwas zurückbliebe, das sich nicht mehr tilgen lässt. eine veränderung, nach der man nicht mehr darauf beharrt, recht zu behalten, nach der man nicht mehr zuerst sich selbst versteht, nach der man nicht mehr spricht, um zwischen allen stimmen zu bestehen, sondern um zu bleiben, wenn sich kein laut mehr rührt. eine veränderung, die bewirkte, dass bedeutung nicht mehr erarbeitet werden müsste, dass sie sich entzöge, dass sie dort entstünde, wo niemand sie beanspruchte, dass zuwendung nicht mehr als antwort erschiene, sondern als voraussetzung, dass man nicht mehr gefragt würde, ob man bereit sei, sondern nur noch, ob man geblieben sei, dass der körper nicht mehr nur getragen würde, sondern trüge, dass man nicht mehr ausweichen könnte vor dem puls des anderen. dass man im bleiben zur bleibe wird. ohne gewähr. ohne grund.

end.los | brief aus der isolation

die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.

end.los | brief aus der isolation

was spricht denn noch? rest einer stimme. unter dem zerkauten. bewegung auf einer geraden linie. exakte achse: natur, leere, masse, stimme, tier, mensch, engel, liebe. wenn man nur will. wenn man die vorstellung wagt. dreiklang. passung der unpassenden stimmen. sechs sätze. oder sieben. maximal. wenn der sommer anmarschiert kommt. nachdem der boden sich hob. nicht vor freude, sondern unter dem druck der tiefe, die zu lange schon den atem anhielt. zeitlich gestreckt, räumlich gestaucht lag die erde da. nun aber richtete sie sich auf. gegen den eigenen schmerz. denn niemand ging. und alles wurde gegangen. man mag es eine letzte große täuschung nennen. natur als bewegung. bewegung als sinn. da sonst alles scheppert wie in einem akustischen katasteramt des werdens und des vergehens. in einer gegend, wo selbst das erwachen wie ein administrativer vorgang erscheint. die göttliche instanz als frühindikator, die man sehr leicht verschlafen kann. die man jedoch nicht wegdrückt, in den zigfach wiederholten snooze-modus. die tiefe also hob sich. wollte höhe sein. risiko. eines falls. einer falte. zwischen licht und luft. nicht der sommer. aber die erinnerung. das leuchten, das erwartet wurde und von dem nicht mehr gesagt werden konnte, ob es noch ankam. nun: die blumen der wiesen haben ihre eigene sprache bewahrt. und halten ihre kelche hin. offene wunden im gras. dennoch sind auch sie nur semiotische restbestände einer überforderten symbolökonomie. man liest sie auf, doch man liest sie nicht, weil man sie nicht lässt. oder: jede blüte ist ein mund, der sich nicht mehr öffnet. doch alles steht im wind, als hätte es ein wort gewusst. und auch die tiere des waldes, gleich den unerreichbar fernen sonnen, wissen nichts von uns und tragen darum diese überlegene signatur: das ist unser wissen. statt spiegel, statt der begriffe: einfach nur richtung. gewiss: nur eine funktion als projektionsfläche einer verlorenen unmittelbarkeit. weil der mensch die tiere nicht hört, hört er seine eigene unfähigkeit, kein mensch zu sein. und also geht etwas weiter, im fell der zeit, ohne namen, ohne schuld. und deshalb: ohne erlösung. dann aber spricht noch einmal die zeit. nicht zu uns. wir hören nur das nachlassen des tages im eigenen körper. es bleibt eine klangliche domestizierung der philosophie und gleichzeitig bereits ein versagen des aufmerksamen. denn die achtsamkeit kommt immer zu spät. man hätte so gerne resümieren wollen, dass die stimme nicht von außen kam, sondern dass sie das war, was blieb, als alles andere verstummte. jedoch: der gesang war zu laut, zu hell. als sei nie geschwiegen worden. als erklinge ein chor, dem man nicht glauben darf. ein singendes kollektiv der ästhetisch verkleideten redundanzen. ein vokalensemble der affirmation. eine verwaltungseinheit des heiligen. sie rufen, weil sie nichts mehr hören. und nennen es himmel. schließlich ist die zone erreicht, in der es keiner worte mehr bedarf, nur eines tragens, das nicht fragt, wohin. es mag letzte geben, die darin nur eine strukturberuhigung erkennen, eine systemische glättung durch gefühl. doch falls ein ich dort steht, inmitten der mächtigen schlussakkorde, hört es ganz sicher keinen antwortsatz, sondern nur noch ein offenes bleiben.

end.los | brief aus der isolation

in einem großen saal. mit geschlossenen augen. jeder an seinem tisch. viel abstand. viel anstand. frage nach fristen, statuten, regularien. antworten: gebrüllt ins mikro des laptops. die drückenden stöpsel im ohr zum quellen zu bringen. vielfach verstärkte wahrheit. dazwischen: friedhofsstille. eine andere lautstärke hat das denken. wenn sehr leise und scheinbar langsam die großen wellen heranrollen, die einst das land überschwemmen werden. fallende türme. stürzende mauern. und alles sonstige, das nicht mehr nur gleichnis sein will. wortlose betrachtung. augen-blicke. im wunsch-krampf. dass einer auf die suche gegangen wäre, dass er gefunden hätte und endlich auflöste die verlorenheit. eines einzelnen engels gesang würde genügen. aber selbst das kleinste ist ein unerreichbares. der hauch eines atems, furchtbefreit. das bescheidenste aller geschenke, als ein einziges großes glück. denn: sehr viel schmerz muss von uns gefordert sein, um überhaupt noch empfinden zu können.

end.los | brief aus der isolation

Fragment eines Mosaiks der Kuppelgalerie, Petersdom, Rom

den umständen entsprechend. fenster zur freudlosen seite. dort blieb die erde noch ungeweiht. die nächste zahl kommt rein. der nächste schritt muss warten. schönheit der leeren seiten. stille der gelöschten träume. betrachtung des äußeren lebens wie waldbrand auf der vorgelagerten insel. frei stehende buche am rand des steilufers, das wissen um ein siegreiches meer in den tapferen wurzeln. die angst ist eine sonderbare sache früherer epochen. wartezone der leeren scheune, von ungeernteten maisfeldern umschlossen. dritte stufe: einer kroch aus dem schoß der sorge. weil auch das unendliche schon seit menschengedenken seinen reiz verloren hatte. vor dem auge steigt das vom licht nach oben gezogene auf, wird schatten, wird wesen, das bald gewesen sein wird. noch ist es zu früh für erwartungen. noch ist die schale nicht durchstoßen worden von einem herabstürzenden etwas. aber eines ist jetzt schon gewiss: von der liebe wird erst nach ihrer verabschiedung erzählt, nach ihrem ruhestand. vorher regt sich vielleicht noch eine klostersehnsucht, die an die wunder rührt, mit denen uns die scham verwandelt. eines tages will ja die seele befragt sein, um sich endlich selbst zu kennen. jetzt aber vorerst: parkhaus des lebens, und keine ausfahrt an sonn- und feiertagen. vor dem auge: weiße segel, zum offenen wasser hinaus sich entfernend. letzte ungebrochene flügel. letzte angebrochene speisen. geist auf den wassern, flüsternd: ruh, ach… – kreuzung der atemzüge, ein und aus, aus und ein. hiersein wäre herrlich, wäre ehrlich. furcht, nah an der heiligung. furche, nah bei der heilung. demarkationen des schwankenden lebens, trotz seiner reglosigkeit. dabei drehte sich die erde bis gestern noch ins schleudertrauma. jetzt hängt jeder schwung in halbverminderten septakkorden herum. sprung in der platte. schweb-licht. vorhalt: stiftung einer fundamentalen unruhe. torsal unstet. schlaf: gedrehtes fleisch am spieß der zeit. beschluss zur einsamkeit: einstimmig, vom einzelnen gefasst. vollverminderter gedächtnis-umsatz. liturgie des verbleibs, des aufschubs, des restes. antwort – rückrede – gegenlaut – widersatz – kontrafaktur – sprachkreisel. ungebrochen. ungesprochen.

end.los | brief aus der isolation

die tür ist immer zu. immerzu. in der eigenen wohnung. ist man noch weniger bei sich als sonst. man hat fremde nötig, um nicht zu sehr zu entfremden. man ist sich selbst kaum mehr als eine vermutung. die herkunft aus armut und chaos mag eine fiktion sein, eine notwendige friktion des sklerosierten geistes, der schmachtet nach ein wenig erhabenheit. vierte etage unter gosse und grab. hut der gurrenden taube. kamelie im dunklen haar. fest der phantome. festung der gesichter. zu-seh-ends. hinzu-schau-end. dass die leere nicht sich selbst überlassen bleibt. dass die lücke gesellschaft bekommt. der spiegel stellt morgens eine frage, die auch am abend noch unbeantwortet bleibt. man kann aber dennoch sehr schnell wieder beliebter werden. man wacht auf mit zwei neuen likes auf der dating-app. einer will sogar ein kind, hofft auf ein hübsches gesicht, ruft: meld dich mal wieder. man zählt sich durch den tag der unerledigten aufgaben: sechshunderteinundfünfzig emails, sechsundzwanzig unbeantwortete anrufe, neunundachtzig tickets. dagegen stehen: zweitausendeinhundertsechsundneunzig schritte, bei dreihundertachtundsechzig eingesparten atemzügen. zwischendurch klingelt die app und öffnet ein neues flüstern im keller: du hast schöne augen. traurig, aber sexy. – danke! wie heißt du? – bis denne. man erinnert sich an die letzte erkältung. man ist vollständig genesen. man hielt ausschau. links die ausfahrt. rechts die mauer. man hat sich weiterqualifiziert: zum wegweiser. man raunt: die wege. man bleibt: im weg. bis man selbst weg ist. dann blitzt ganz kurz eine antwort auf: erzähl mir nichts vom pferd. aber die bittere wahrheit ist: das mangelnde gedächtnis ist für jeden von uns der erste verlust, den es zu ertragen gilt. erinnerungen sind nur notwendige erzählungen des selbst. ihre faktische basis ist mindestens porös, behauptet, versioniert – ein nachträglicher, einträglicher irrtum; einer, der viel einträgt und dem man nichts nachträgt. erinnerungen sind ebenso gut für das sinnvolle leben wie das frühzeitige einüben der abschieds-kaskaden, der in die abgründe gestürzten gesichter und stimmen, die – anders als die echo-sendenden steine, die ins wasser des brunnens fielen – kein noch so langes warten erwidern. gleichzeitig evoziert der bewegungsmangel phantasien von pilgerschaft. dabei ist man selbst für eine gewöhnliche ängstlichkeit viel zu erschöpft. dennoch sieht man sich gehen, sehr sehr langsam, auf sehr sehr langen pfaden. geschwindigkeit und richtung sind egal – die hauptsache ist, dass man flieht, dass man fortkommt, auch wenn einen das nicht weit bringt. erfüllendes zeigt sich nachts, während der tag die wahren straßen unter dem licht begräbt. man kann nicht sicher sein, ob jemand an einen denkt. aber man kann es sich wünschen, als eine fremde sehnsucht, die einen vielleicht – eines unverhofften tages – ins leben zurückbringt. jenen verlorenen stimmen mag man erde und blüten ins finstere hinterherwerfen, doch diesen einen wortlos rufenden blick muss es noch einmal geben – diesen einen blick, dem man sich gibt, als gabe der dämmerung (donum matutinale). ja, dieses eine geschenk muss noch sein, bevor man sich umdreht, nach kürzerer oder längerer flucht, und schließlich zurückkehrt zum ursprünglichen pfad, vielleicht unter dem rauschen von kiefern, vielleicht sogar wie eingehüllt in die umarmung einer unendlichen welt, die vom tod nichts zu wissen scheint.