nach.richten

die anwesenden verlangen: stille

[gesänge. aus dem verwalteten dunkel]

Eine Auswahl der für diesen Gedichtband vorgesehenen Texte


klinik
mythnisch.e
unter.spült
sprachl.ich.e
kippe

ich hörte
keinen abschiedsgruß

die umgebung
schien mich
zu beobachten

ein notfall
am straßenrand

ein teil
meiner seele
tropfte
an schaufenstern herab

das glas
kannte meinen blick
die häuserfronten
atmeten ruhig

beton
hat ein gedächtnis

lass den nächsten morgen kommen
oder das nächste jahr

es braucht nur
einen leichten wind
einen kleinen laut
gegen die große stille
damit wieder struktur
in die leere kommt

zuerst
riecht es
nach rostigem eisen
mit geduld
vielleicht
nach gemähtem gras

riss
sagt der eine
abbruchkante
ein anderer

naht
narbe

oder:
narbe
die naht

es herrscht
keine einigkeit

darum
nannte ich es:
pfad
zwischen wandel
und verwandlung

ufer der rufe

nach dem moment
in dem es geschah


trag.werk
schwebe.balken

tag der abreise

die leeren schiffe
versenkt.

schön:
sonnenaufgang
über den trümmern

fast:
erstes erwachen

küstenblick

von den oberen rängen
aufs große orchester

heute:
im tiefer gefahrenen graben

gravity blanket:
klang
aus vorhalt
und verweigerung

f-h-dis1-a1
h-dis-fis-a
gis-h-d1-f1

mir
hätte ein steg gereicht

das wasser ist tückisch

von oben
scheint es flach

die liebenden aber
stehen
zwischen insel und insel

kaum merken sie
wie nah

nicht
dass der tod sie nicht kümmerte

nur:
er sorgt sie nicht mehr

ein ewiger sturz
ins verwaltete dunkel

kein fragen mehr

für diesen einen atem
mussten sie
sechs-achtel eines lebens
einholen

dann riss der wind
die seelen
von den knochen

zog sie
ein letztes mal
landwärts

in die gärten des anfangs

wo beete
zu betten werden

gebete
zu gesängen

welcher narr
der gott sein wollte

setzte ihnen
diesen floh ins ohr

der wuchs

wartend
über den ewigen mauern

auf ein paar reife freuden

sie oder er
ganz gleich den unterschied
hätte er
nicht bemerkt


alm.ab.trieb
chor: der unbehelligten
zu gast: im durchgangs.stadl

gestern
kamen welche an

irgendwelche
von irgendwoher

das ist
auch nicht mehr
als nirgends

darum
sind sie niemand

denn jemand ist
wer einen ort hat

sie lungern
in unterführungen

sie murmeln
irgendetwas

sie gingen wohl fort
weil ihnen
unwohl war

sie kamen an
die verkommenen

doch sie sollen nicht denken
dass sie
angekommene sind

hier bleibt niemand
der nicht schon
jemand ist

und niemand
der noch
jemand werden möchte

hier
ist schon alles voll

sie wünschten sich
das ende der fremde

aber die
ist hier
noch lange nicht vorbei

hier ist
die zone des durchzugs

zügig weiter bitte

sie werden
etwas anderes finden

etwas
das nicht ihres ist
aber besser passt

sie sehen
halbwegs frisch aus
nicht zu mager

sie haben zeit
weiterzusuchen

sie sollen dorthin gehen
wo andere fremde sind

dort
versteht man sie besser

jeder ist doch
weniger fremd
unter seinesgleichen

da
wo auch immer
ist ein anfang
wahrscheinlicher

für die verendeten

was wollen
die vertriebenen
in den gärten
des zeitvertreibs

wir hören
immer nur geheul

tränen
werden uns
vor die füße geschüttet

augen
haben wir
nicht gesehen

es heißt
sie kommen von weit her

wir rufen zurück
dann macht es ihnen nichts aus
noch weiter zu irren

die irren

die straßen
sind lang

die orte
fern

ins irgendwann gefallen

aber doch bitte
nicht hier

unter die ungestörten
die genügsamen

jene
denen die heimat genügte

wer will schon
ein ziel erreichen

der sich
auf die flucht begab

nein

die augen
sind immer größer
als das erschaubare

sie verließen
die gefilde
wo sie noch
jemand waren

wurden im zug
zu irgendwelchen

gespenster
in der weite

denen der morgen
nicht werden kann

zur schattenwohnung


lidlose eule: tages.geschäft

der himmel hat heute geschlossen. die welt plustert sich auf. gestapelte luftgymnastik. paletten des fortschritts. the live-long day. die stille: fernes gezwitscher in den hecken. von denen die ödnis sich umarmen lässt. fraktur gebrochener brote. schweigegelübde. und immer: die sinnlose eile. als ob der zeit davonzulaufen. die lidlose eule. als ob träume zu stempeln.

warten oder wachen. beides geht nicht. schrumpfen oder wachsen. kaltschale im zweckfell des atmenden. narkotisiert. bevor der erste fragt: haben sie feuer?

eben: aufgeschrecktes leben. nach verdösten dekaden. eben: gewalt der zukunft. im schockgedächtnis. im scheckbuch der zeit. aus dem sich die enttäuschten letzte ungedeckte wechsel rissen. nachdem sie dreifache kreuze schlugen. nachdem sie die heiligen erschlugen.

sie haben jetzt augen wie paradeiser. oder nadelkissen. wo die stachel des erinnerns vergessliche momente erhalten. im durchstoßenen muskel der hoffnung. die durch seichte gewässer watet. wie schnorchelnde kinder.

vom schattenriss der ufer winken die abgewählten. oder es ist nur das restliche haar der erschöpflichen. im unendlichen nachrückverfahren der gerechtigkeit.

die schmerzlichen bleiben verborgen. nicht schamlos genug. oder verstoßen aus dem brauchbaren reich der funktionen. zur zeitigen rückkehr in die geputzte geschichte. um die verlassenheit aus genormten wohnungen zu fegen.


brief. einer ungenannten

was bedeuten schon
all die wunden?

ich gehe in die wände
meinen schmerz zu verbergen

ich verstecke
die seelen der verstorbenen
hinter den sofakissen

das letzte hat mich erreicht
und wohnt bei mir
auf unbestimmte zeit

ich hatte ihnen so oft gesagt
dass ich jetzt gehen müsse
dass sie mich lassen

nicht nach mir rufen
wenn ich fort bin

doch wohin blickte ich?
kämen sie mir entgegen
auf dem heimweg

drei tage einsamkeit

dreißig jahre
mit meinem körper
die schreie bedecken

die kinder
kamen aus dem wald
mit körben voller zeit

zwei winter
allein in der hütte
bevor ich wieder hinauskonnte
auf kahle felder

niemand folgte mir

manchmal
lief mir eine füchsin
über die füße

lang sind die nächte
unter verödeten stimmen


rei.gen
steck.brief

fünf schöne waka-variationen

kennt jemand die masse da unten?
zwischen eingang und pfahl
war sie beweglich?
ging sie auf und ab?
wir erinnern uns nicht

wann fiel die masse um?
keine zeugen. keine uhrzeit
die lage ist störend
man muss das bein heben
es gibt beschwerden

die masse war männlich
heißt es
namen wurden nicht geführt
gesicht: nicht mehr eindeutig
zeitlich stark beschädigt

die masse hielt sich draußen auf
wir innen
trennung war zweckmäßig
die masse hatte defekte organe
und krause atmung

nicht länger vorgesehen
für lohnenden betrieb
zustand der masse jetzt:
ruhe = besserung
fall: abgeschlossen


end.deckung:
post.lyrik
eines:
ver.schiedenen

aber dann
wurde mir anders
und langweilig
der eigene schmerz

ich kannte auswendig
alles inwendige

ein amtsschimmel
hätte wiehern können

und ich hätte genickt:
ja! das bin ich

seit ich aufhörte
fragen zu stellen
hielt man mich
für reif

seit ich
nicht mehr widersprach
nannte man mich:
weise

seit ich
von meinen hoffnungen schwieg
gehörte ich
zu den friedlichen

ich bin jetzt:
ein körper
der sich bewegt

er trägt:
eine seele
in der zone
der verweilung
und versorgung

zwischen beiden
zerrt kein muskel
der hieße:
unruhe
oder mut

darum ziehe ich:
ein überwiegend positives fazit