Reden. Monologe. Erleuchtungen

übungen: im.bleiben

sitzen. sitzen. sitzen. bis das warten beginnt. bis die erwartung endet. das aufstehen ist kein gedanke mehr. das aufstehen wurde aus der sorge entlassen. weil das sitzen seinen sitz nicht hat im schlechten mut, sondern im guten, in der gutmütigkeit, die in kleineren räumen wohnt, der gemütlichkeit wegen, die alles, was früher landschaft war und fenster und wachstum dahinter, als man noch hinausschaute, um der sehnsucht nahezukommen, mit dem dekor des funktionalen verdeckte. also: sitzen. sitzen. noch ein stündchen. eines sehr sehr langen lebens. weil man alles totschlagen kann. nur nicht die zeit. weil man vieles totschweigen kann. nur nicht die innere stimme. die ja so geduldig ist. und länger bleibt als man selbst. die nicht zuständig ist. und sich dennoch immer einmischt. also: sitzen. vor der wand, die man aufgerichtet hat gegen den blick, der weiter wollte. also: sitzen. und die tage nach farben ordnen. nach tassen und tellern. nach den geräuschen der uhren. nach den schritten, die draußen vorüberziehen. von wo der ruf nicht mehr ankommt, der früher genügte. man sitzt nicht ungern. weil sitzen nicht fortgeht. weil sitzen nicht fragt. weil sitzen nichts verspricht. und manchmal, wenn das licht am nachmittag schräg wird und ein staubkorn für einen augenblick so tut, als sei es ein zeichen, dann hebt sich etwas im innern, nicht zum aufstehen,
nein — nur zum erinnern daran, dass man einmal stand, dass man ging, ohne zu wissen, wohin. und dieses nicht-wissen war damals eine art von mut. jetzt aber sitzt man weiter. sitzt, bis selbst das sitzen still wird wie ein zurückgenommener befehl.

sitzen. und sehen. aber vielleicht sind zwei augen eines zu viel. oder zwei sogar. die blindheit wäre ein glück. die welt und die dinge am duft zu erkennen, der durch die seelischen stoffe greift. ohne aufzustehen, setzte eine bewegung ein. die die steilen hänge und die schmalen stege nicht fürchtete. man sähe die wege wieder unter den noch nicht gewagten schritten. man kehrte aus seinem schatten zurück in den fluss der zeit. und nähme gelassen abschied vom sommer. und ließe sinken das schwere licht des späten. das sich nie verspätet. nicht absichtlich jedenfalls. es sei denn, die verspätung zeigte an, dass eine ankunft nicht gewollt war. man wüsste wieder sehr genau, wer sich sehnte nach einem blick. der klarer und tiefer träfe. man stünde nicht mehr ungesehen in der allee der nummerierten bäume. man steht wieder, halb zertrümmert vielleicht von den wettern, auf freiem feld, ungeschützt, aber endlich.


es ist das gewohnte. das jeden ort ins nirgendwo schickt. seine landkarte ist ein raster aus zahllosen nadelstichen. weiße, fleckenlose haut. dotted. unbeschrieben. und wartend auf das unbeschreibliche. auf ein vergehen. vor dem gehen. auf eine enthüllung. eine entlüftung. der leichensäcke. es geht darum: erinnerung zu schaffen. rituale. wie: den täglichen gang an einer parkbank vorbei. oder entlang einer ladenzeile. um mehr zu sehen als sich selbst. wenn einer gegangen ist. nicht mit frost zu betäuben den schmerz der zweige nach dem fall des letzten laubes. es geht darum: dass die zeit sich quält durch das fleischliche gewebe, das im atem immer wieder seine risse schließt, wenn ihr zahn seine fäden durchbiss. mag sein, dass ein wunsch existierte: ins wasser zu gehen. und nicht damit rechnen zu können, dass eine heilige schildkröte den gehenden ans andere ufer bringt. dass vielmehr die spiegelung des mondes in die lichtlosen, lustlosen tiefen lockt. das mag alles sein. wenn nur am nächsten morgen ein mund aufsteigt aus der gischt. und nicht mehr aufhören kann zu erzählen.


ich schob den wald der buchen. vom hohen ufer auf das offene wasser. ich stellte das glas aller fenster, an denen ich stand, schauend wie aus einem käfig – ohne die rahmen – an die kante des letzten abbruchs. die landschaft, die aus den hinteren rippen wuchs, duldete keine türen und zäune mehr. kraniche zogen im flug die linien des schicksals. sie nahmen im märz die last der hoffnung mit sich. und schüttelten im september ein staubiges vergessen aus ihrem gefieder. und in der zwischenzeit riss ich aus den mauern der vergangenen häuser die koffer und warf sie geöffnet in die rastlose, restliche brandung. sie sollten zu booten werden. für das schwerste gepäck. das aus meinen nächten stürzen würde. oder zu boten: meiner leichtesten träume. nur meine zunge blieb ein dürrer rest vom gebrochenen ast. der zwischen zwei felsen gefallen war. die lässig aneinander zu lehnen schienen. als seien sie die beiden unbekannten enden zwischen träumen und wachheit. oder hätte ich etwa das licht schon gelöscht? nach dem sich die fuge sehnt. die ziegel und atem zusammenhält. es musste doch schließlich nischen geben. für die urnen. in denen ich die bilder begraben konnte. die bilder. die sich nicht wiederholen. und darum erinnert sein wollen.


hier
die bleibende statt
für die verschwundenen
hier
weil sehr viel ruhe ist
und sehr viel eintracht
und hier
weil alles so gut ist

stimme
mit gegenchor


ich hatte mich hingesetzt. ich war reglos. ich hatte mich zur ruhe gesetzt. die saß schon da. und hatte auf mich gewartet. ich zog mich zurück aus der geschichte. sie war mir im stand der einsamkeit sehr nahe gekommen. hier konnte ich offen schweigen. hier hatte ich gelernt, mich zu erhalten. das geschrei der anderen war erst kurz zuvor aus meinen ohren getropft. doch dann war es nur noch in der härte und ferne der mauern fremder häuser. zu mir kam ein stück land, auf dem ich noch eine weile verbleiben durfte, bevor ich in seiner erde versickerte wie eine verstummte nachricht im sediment der zeit. hier musste ich keinen mir fremden mut mehr aufbringen, wenn ich leben wollte. hier genügte das bisschen luft zum atmen, das ich für die enge des dazwischen brauchte. die bezirke der gefolgschaft und die zonen der verfolgung hatte ich verlassen. ich musste fortziehen, um hier zu sein. ich ging den weg, um wegzugehen. dorthin, von wo die zukunft rief. und wo die vergangenen, wenn sie einmal dort angekommen waren, schweigen konnten. wenn sie es einmal dorthin geschafft hätten. und neu erschaffen wären. hier. wurde mir nichts vorgeworfen. nicht vor die ermatteten füße. und nicht ins gewissen. hier. wurde die angst abgeschafft. hier. musste die hoffnung nicht mehr verordnet werden. weil das erhoffte schon erfüllt wurde, bevor es überhaupt gehofft werden konnte. hier. durfte alles gewohnheit sein. selbst die freiheit. hier. war niemand dagegen. hier zu sein. oder den ferneren ort nicht zu wünschen. oder die abwehr zu spüren, gegen noch mehr von denen, die herkämen, so wie ich einmal hierher gekommen war. hier. dachte sich jeder das seine über das andere, ohne sich dafür zu schämen. ohne sich dafür zu entschuldigen. hier. musste niemand das gedachte erläutern. weil hier schon alle geläutert waren. hier. kam niemand mehr rein. der am ende war. denn hier wohnte der anfang. jeden tag. endlos. hier. war nicht das land. dass fremde und heimat entkernt. hier war nicht die fremde, die überall ist. für die fremden. die überall sind. mit ihren beheimatungen im rucksack und unter den wundgetretenen sohlen. hier. ging jeder geradeaus. hier drehte sich nichts im kreis. außer der erde, auf der man stand. und die einen schickte in den nächsten tag und die übernächste nacht. hier. wurde jedes gewissen leicht. und jede erinnerung entsorgt. hier. musste nichts mehr erzählt werden. nicht vom pferd. und nicht vom schatten, der uns alle gemeint hat. hier war das ungeheure nicht in den ungeheuern, sondern im ungehörten, das hier allen gehört, die nichts sagen.

jetzt sprechen: wir. aus den vernähten mündern. jetzt schweigen: wir. im versiegelten grund. keiner horcht mehr, der nicht mehr gehorchte. die sahen wir hocken in den vermauerten rändern der ausgemessenen, angemessenen welt. die hatten sich ausgeschlagen aus ihren häuten. und kratzten sich wund ihre reue. jetzt aber: reden wir. jetzt aber: treten wir die reste ihrer worte aus dem sand. jetzt aber: kehren wir zurück auf das geschwätz vom boden der ständigen. jetzt schieben wir ab: die schatten der unanständigen. und reiben uns ein mit dem salböl der heiligen angst. und marschieren. nicht im takt, sondern im nachhall der zerbrochenen welt. uns trägt kein boden. wir treten ihn ab. bis er sich ergibt. wir sind die nachgeborenen der vergeblichen zerstörungen, die wiedergekehrten aus den barrikaden der verbrannten städte, wo die kinder ihre namen vergaßen und die mütter ihr gedächtnis unter dem kalk vergruben. wir haben gelernt, die luft zu essen, weil die erde voller knochen war. wir haben gelernt, das licht zu löschen, weil das dunkel zu viel sah. hier spricht jetzt kein orakel mehr. wir sind das hungrige orakel. der rachen, in dem alle prophezeiungen verschwinden. wir sind das echo, das keine stimme braucht. wir sind der wind in den offenen rippen der gefallenen, der befehlston in der zunge der ausgeweideten straßen. wir sagen: keiner kommt heim. keiner bleibt fremd. keiner wird erinnert. wir sagen: alle werden verwaltet. alle werden geordnet. alle werden ausgebucht aus dem register der irrlichter, ausgetragen aus dem alphabet der lebendigen. wir sagen: alles ist vergangen. alles ist verfügbar. alles ist verbraucht. wir sind das scharnier, das die welt schließt. wir sind die kupfernen gelenke der endzeitmaschine. wir sind die falte im himmel, durch die das licht entweichen musste, damit niemand mehr die götter erkennt an ihrer abwesenheit. wir sagen nicht mehr: den frieden. denn er ist nur das sedativ der schuldigen. wir sagen nicht mehr: die ruhe. denn sie ist nur der stillstand im getriebe der vernichtung. wir sagen nichts mehr von der freiheit als einer gewohnheit. weil jede gewohnheit eine seuche ist, die wir ausrotten werden. wir behaupten nichts mehr. und darum behaupten wir uns so gut. wir sind hier nicht, um den klagenden zu hören. wir sind hier, um seinen ort umzudrehen wie einen stein, unter dem etwas fault. denn wir schleifen die namen. und löschen die pfade. und verzehren die grenzen. und werden nie satt davon. wir sind der paramilitärische proteinshake der verzweiflung. der erdrutsch, der sich selbst gehorcht. die dritte stunde nach dem ende der welt. und wir sagen: niemand kehrt zurück. niemand kommt an. niemand wird je herausfinden, wohin das verschwinden sich verwandelt, wenn es endlich genug geschluckt hat. niemand darf sagen: die angst sei abgeschafft. denn jeder weiß: sie hat nur ihre form verloren. sie wurde zu einer dünnen, klaren flüssigkeit, die tropfenweise in die brunnen rinnt, aus denen wir trinken. wir kennen den ort, den sich land nennt. und die erde, die uns aufnehmen wird. sie ist kein boden. sie ist eine speicherplatte für verlorene namen. sie frisst die schritte, bis nichts mehr bleibt als die kante im staub, die der wind verwischt, bevor jemand sieht, dass wieder einer gegangen bist. denn das ungeheure erzählt sich selbst, in uns und durch uns und ohne uns. es ist der hall, der bleibt, wenn der letzte sprecher verstummt ist. wozu sollte denn alles gut sein? gut ist nur, was niemanden mehr stört. und uns stört nichts. weil wir das störende längst in uns begraben haben. wir begruben es, als die welt noch dachte, man könne uns retten. aber wir wissen schon lange, was hier ist – hier ist der ort, an dem die zukunft ihre akten vernichtet. hier ist der ort, an dem die engel ihre flügel trocknen nach den letzten missglückten botengängen. hier ist der ort, an dem die fremde aufhört fremd zu sein, weil es keine heimat mehr gibt, aus der sie kommen könnte. hier ist der ort, an dem die zeit sich weigert zu vergehen, weil sie niemanden mehr findet, der sie messen möchte. wir heißen hier jeden willkommen. aber jeder soll auch wissen: wer hier ankommt, ist nicht mehr unterwegs. und wer hier bleibt, hat nichts mehr zu verlieren. wer hier noch spricht, spricht nur, damit das schweigen nicht merkt, dass es längst übermächtig geworden ist. wir sind viele. wir sind die stimmen unter der erde. wir sind die, die nicht mehr hoffen müssen. nicht mehr fragen müssen. nicht mehr ankommen müssen. weil wir schon lange da sind, wohin alle aufbrechen, die sich setzen, um nicht mehr aufstehen zu müssen. wir sagen: hier ist kein ende. hier ist das nach.


rede. ohne gerede
end.sorg.ung: der pro.to.koll.ante.n
unter.stand: der gescheit.elten
über.satz: des gescheit.erten

man wartet, bis die tage sich ergeben. man sitzt. das ist die hauptsächlichkeit. das ist die haupttätigkeit. ja! sitzen ist das neue pilgern. man sitzt sich zum trost durch die abende, als gäbe es am boden des sofas eine erleuchtung, die nur geduldig freigeschwitzt werden muss. man lässt sich berieseln. mobilgeräte sind die modernen grabbeigaben: man nimmt sie überallhin mit, sogar ins schweigen hinein. man nennt es: information. eigentlich ist es eine narkose in hd. man scrollt. stundenlang. man nennt es: teilhabe. obwohl niemand etwas davon hat, am wenigsten man selbst. die daumen sind die letzten körperteile, die noch an arbeit glauben. man nennt es: auszeit, wenn man sich betäuben lässt. man nennt es: wellness, wenn die betäubung 20 euro mehr kostet. man spricht über backrezepte, während irgendwo ein flüchtlingsboot kentert. man diskutiert, ob zimt an den richtigen stellen ist, während kinder aus ruinen gezogen werden. man fragt nach veganer lasagne, während woanders das wasser knapp wird. man nennt es: in verbindung bleiben. dabei pflügt man nur durch die trümmer der eigenen aufmerksamkeit. man weiß genau, wie die kücheninsel der influencerin aussieht, aber nicht, wie das herz eines einsamen nachbars schlägt. man dekoriert. permanent. man nennt es: jahreszeitliche akzente. man drapiert getrocknete orangenscheiben, während woanders der himmel brennt. man hängt kränze auf, während menschen gehängt werden. man nennt das: geschmack. man merkt nicht, wie man verschwindet. wie die tage sich verflachen wie abgestandenes wasser. man nennt es: erwachsenwerden. dabei ist es nur erosion. man hört die welt schreien. aber gedämpft, wie durch die decke eines gut isolierten kellers. man sagt: schlimm, das alles, und wischt weiter zum nächsten klippertanzenden haustier. man sagt: ich brauche ruhe, und meint: lasst mir meine betäubung. man sagt: ich bin sensibel, und meint: ich halte keine wirklichkeit aus. man nennt es: nachrichten, wenn man sich betroffen stellt. und nennt es: pausenmodus, wenn die betroffenheit unpraktisch wird. man glaubt, man sei ohnmächtig. aber in wahrheit ist man längst handlungsunfähig gezüchtet. von sofas, bildschirmen, bequemen meinungen, die keine konsequenzen haben dürfen. man fürchtet die stille nicht mehr, weil man sie nie zulässt. man dreht die lautstärke hoch. und wenn es draußen kracht, sagt man: das wird schon wieder. man nennt es: empathie, wenn man eine kerze ins fenster stellt. man nennt es: engagement, wenn man etwas teilt, das man nicht verstanden hat. man nennt es: moral, wenn man sich selbst applaudiert. man hält sich zu müde fürs leben. dabei ist man nur erschöpft davon, ihm ständig auszuweichen. man könnte aufstehen. man könnte umkehren. man könnte zuhören. man könnte sehen. aber man sitzt. man sitzt so lange, bis die schwerkraft zur biografie wird. man nennt es: in frieden leben. dabei ist es nur: nicht gestört werden wollen. und irgendwann — das ist der eigentliche frost — merkt man, dass das sofa mehr erinnerung hat als man selbst. man sitzt. man sinkt. man schweigt. man ist ein hohlraum. ein echo ohne ursprung. man spricht, weil die stille sonst auffällt. man redet viel. man sagt nichts. man nennt das: kommunikation. man ist ein zwischen, ein dazwischen, ein nicht mehr und noch nicht. man nennt sich: mensch. man ist: erde auf erde, in plastik eingeschlagen. man ist eine ansammlung von geliehenen meinungen. man weiß nichts; man googelt. man empfindet nichts; man liked. man glaubt nichts; man teilt. man nennt das: identität. man lebt im fast. fast wach. fast betroffen. fast politisch. fast ein mitfühlender mensch. die reststrecke spart man sich. dafür hat man keine kapazität. die ist voll mit „vielleicht später“. man hält sich für verletzlich. aber man ist nur dünnhäutig, nicht tief. man hält sich für empathisch. aber man verwechselt rührung mit ruhebedürfnis. man betet nicht mehr. man bestellt. man liebt nicht mehr. man bewertet. man denkt nicht mehr. man scrollt. man lebt vom ersatz. man ernährt sich von approximaten. man nennt es: selbstentfaltung, wenn man die leere schön verpackt. man ist nicht böse. man ist schlimmer: man ist neutral. neutral, während es brennt. neutral, während es schreit. neutral, weil jede regung zu anstrengend wäre. man nennt es: ausgeglichen. dabei ist man nur: ausgeblutet. man trägt die welt wie eine tapete: dekorativ, problematisch nur, wenn sie nicht farblich passt. man möchte eine schöne gegenwart, ohne die schatten der vergangenheit im bild. man hat angst vor dem tod, aber noch mehr vor dem leben. man nennt das: vernunft. man sagt: wir haben alles versucht. man meint: wir haben nichts riskiert. man sagt: wir können nichts tun. man meint: wir wollen nicht gestört werden. man hat kinder, damit jemand später „schuld“ sagen kann. man hat eltern, damit jemand früher „schuld“ war. man nennt das: generationenvertrag. man ist müde. man sagt: burnout. man meint: ich habe mit nichts übertrieben. man stirbt langsam, aber zuverlässig. jeden tag ein paar millimeter weniger seele. man nennt das: alltag. man trägt seine hohlheit wie eine tüte aus dem supermarkt: raschelnd im wind der weltgeschichte, die einen nicht mehr bemerkt. man spricht über das wetter. man schweigt über das wesentliche. man nennt das: soziale kompetenz. man sitzt. immer wieder sitzt man. die schwerkraft ist der letzte treue partner. das sofa die letzte staatsform, die noch funktioniert. man lebt: zwischen werbepausen. man denkt: in push-notifications. man fühlt: im vibrationsmodus. man sagt: so ist es halt. das ist der wahlspruch der hohlen menschen. der slogan des ausgehöhlten zeitalters. und niemand merkt, dass der klang fehlt, der früher einmal von innen kam. die temperaturzonen verschieben sich. frostig und lauwarm unterscheiden sich kaum. man macht keine fässer auf. damit sie nicht überlaufen. damit sie laufen unter: unangezapft. eskalationsfrei. abgestanden.


archiv der stabilisierten fäulnis

es entspricht alles den umständen. auch wenn die umstände nicht sprechen. es gab sogar einige wiederbelebungen. die maschinen laufen normal. die schläuche sind frei von tromben. ein gutes leiden, unter kontrolle. ein leergeräumter corpus, ohne delikt. ein stilles gewebe, frei von faxen. es schlich sich heimlich, wie eine blase aus vakuum, durch den wald, der auch schon modrig hoch, faul und zufrieden, sozusagen, ruhiggestellt, unter der narkose des weltgedächtnisses. es hatte vertrauen in die erde, aus der es einmal gekrochen kam. und wurde zum helden der erschöpfung. was soll man mit ihm machen? so unter die räder gekommen. so durch die akten gedreht. man erlebt hier ja keine überraschungen mehr. das besondere ist teil der mangelwirtschaft. denn hier wird jeder durch die mangel gedreht, bis er es zum wirt geschafft hat. in der verordnung der verdienste, in der ordnung der orden, denen man beitritt, um sie sich zu verdienen, bis man nach luft ringt, bis man mit seinem glauben ringt und sich das seine schnappt von dem allen, nach dem alle schnappen. und sehr schnell wird es dann zur mangelware, zur sehnsucht der mangelnden, denen das irdische paradies vollgestopft wurde. ein system der dauerverstopfung, der dauernden verdauungsprobleme, die niemand in den griff bekommt, weil da niemand hineingreifen will. alle sind hier sehr fleißig, aber die drecksarbeit macht niemand, auch wenn alle den dreck machen. hier kann niemand etwas dafür, dass alle schuld sind und alle im recht. hier wundert sich niemand, weil es hier keine wunder gibt. hier wurden alle gut eingestellt, damit alle angestellt werden können, damit sie sich richtig anstellen, damit sie sich nicht so anstellen, wenn sie sich anstellen müssen. hier hat jeder eingesehen, was es bedeutet, wenn die einstellung stimmt, wenn die anstellung ohne störung ist. die himmlische ordnung des überirdischen schicksals, der unterirdisch verscharrten. aber hier gibt es keine verschwendung, gibt sich jeder gerne als dünger der zukunft und lässt sich untergraben mit all den anderen erwürgten, all den erwirkten. hier werden alle zu vergessenen der unvergesslichen, unvergleichlichen zukunft, die man sich ausgedacht hat, für ein unerzählbares heldentum. und ganz hinten, im feuchtesten der regale, liegt ein karton, ohne etikett, ohne deckel, ohne zeugen – darauf, in verlaufener tinte, fast ausgelöscht: dieses man. dieses ist. dieses nicht mehr. dieser rest. vor der heiligen kompostierung. dort: am mittelpunkt, am wendepunkt, wo ein strich gemacht wird, endgültig, durch die wunden punkte, am klaren rand, auf der geraden linie der unbemerkten kreuzfahrt, wo die letzte sirene kurz vorm ertrinken ein finales „johohohohe“ gurgelt, bevor sie die abgerollte spindel verschluckt, während die amme die letzten einträge verliest: fehlzeiten – keine; verfehlungen – eine; erbmasse – irrelevant. und: eine wiederholung findet nicht statt. höchstens: eine wiederverwertung.


nach der siebten pforte / per-se-phonie

[früh.jahr_2020]

ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper. oder von völlig ausgehungerten dämonen. im wartestand der gnade. im wattezustand ihrer wahr.nehmung. angestellt nun: als boten der postaufklärung. als postboten in der – bis auf weitere anordnungen – vorläufig unbefristet ermüdeten welt. im entzug des bodens und der wege. das haltlos gewordene mangels gedächtnis an den stützapparat. und in der bitteren bitte zugleich: bei der eigenen auslöschung anwesend zu sein. steiniger strand unterhalb der kreideklippen. und schriften über den tod als etwas ganz und gar bekanntes. als anfang des lebens. ausruf also: eines tags der lehre. und das missverständnis kollektiven hörens als einem gehören, einem nicht-zuhören, solange man nur dazugehört. um ihn schließlich immer und immer wieder gleich zu durchschlürfen: den tag der leere. in dem das unbändige stabilisiert wird. und statt prästabilisierter harmonie befindet man sich ohne eigenes zutun und ohne gegenwehr im befund einer poststabilisierten entrückung. in einer rückung der stimme zur stimmung. des summens zur summe. der bewahrung hin zur verwahrung. zur sicherungsverwahrung. weil ja niemand wissen kann, wann sich so ein virus wie ruß auf den unschuldigen schnee gelegt haben wird. und weil ja die grippe in der gruppe so eine hastige reise tut. und man kann ja die exzellenz auch sehr gut aus der distanz bewundern. und wird sehr rasch einsehen müssen, dass die leere auch für die exzellenz ein stabilisierender faktor ist. eben ganz wie schon die alten sagten: faktoren, nicht fakten. oder die späteren: traktoren, nicht traktate. oder die heutigen: vorstand, nicht verstand. ja: man kann diesen weg, steinig genug in seiner ummauerung und brutalismus-ästhetik, auch dann gemeinsam gehen, wenn man einfach nur sitzt, ganz allein, vor den streaminggeräten und den heißluftfriteusen, die schon irgendwie ihre arbeit tun – gegen den kopfdruck: mit einem knopfdruck – und statt der schädel statuen zu zerbrechen, wenn das gerede von indikatorengestützter mittelvergabe an der zähen tretmühle operativer tagesgeschäfte vorbeirauscht wie ein exzess an der fremden exzellenz, die man sich zu eigen machen soll. wie einen abszess der verwaltung auf der haut des systems. die hoffnung wächst noch, wie die schlange der bereits erledigten aufgaben, dass auch ein sterben sanft sein möge, wenn doch selbst der tod dazu imstande ist. man folgt daher bereitwillig dem akkreditierungs-rat, nach dem ein individuelles erscheinungsbild noch jederzeit vor seiner stilllegung in das rollende rad günstiger muster und gültigen rechts und gütiger verordnung eingeflochten sein kann, wie das stolpern der öde fließenden zeit über den winzigen buckel eines augenblickes, wie ein unbedeutender nebensatz in die unendliche rede der geschichte. alles bleibt möglich, solange man sich nicht entscheiden muss. alles ist denkbar, im rahmen der standardverfahren und unter dem kapazitären vorbehalt. selbst, dass plötzlich jemand sagt: setz‘ dich doch zu mir auf die moduldatenbank, denn hier ist der raum, der sich engzieht um dein zittern, die landschaft der anerkannten kriterien, in deren uferlosigkeit du stehen darfst und stellen sollst deine anträge auf anrechnung deiner hingabe, damit man dir nicht ins gesicht spucken muss, sondern in die hohle hand hinein die füllung legt, die in zahllosen qualitätsgesprächen die verschreibungspflichtigen rezepte des guten und wahren und schönen versprochen haben. wer wollte in dieser einheit noch wissen, was als nächstes kommt, wenn die auskleidung der geräumten hintergründe alle grundlage der betrachtung bereitstellt, wenn die ziele vereinbart sind und die bewegung abgeschaltet, um nicht über eskalationshürden springen zu müssen und um der heiligen kontingenzvermeidung willen? was sind schon ziele anderes als korridore der zuständigkeit? kindliche wünsche auf zerknüllten zetteln. eben: ein heilloses chaos im ungezügelten erwartungsmanagement. nein, das leben ist kein runder tisch, an dem etwa verhandelt würde oder gar offen debattiert, sondern um den man herumläuft wie um den maulbeer- oder den holderbusch. es geht um den lauf der dinge, die um den stand ihrer legitimation laufen. es geht um die zukunft, die seit undenklichen zeiten auf sich selbst wartet. es geht um den schutz, nicht der menschen, sondern der daten, um ihre vorhaltung – damit sie uns keine vorhaltungen machen. denn jemand hatte ausgegeben, dass es genau so geschieht, was beweist, dass es auch genau so nicht hätte geschehen können. aber das nichts zu nichten, ist des menschen aufgabe, und weil es manchem, der so vereinzelt in den klemmen hängt, nicht gelingen will, hat man die kollektive angesprochen und muss jetzt nur noch schauen, wie man sie auf die spur der konformität setzt. aber all das erschaffene ordnet sich unter die mechanismen der evaluation, um endlich einmal die travestie eines nicht verwertbaren wissens zu überwinden. darum entsteht alles vom ziele her, von der abstraktion, von der fiktion. und alle kenntnisse fügen sich ein in die prozeduren der optimierung, damit sich nicht spontan eine unkontrollierte erkenntnis einmischt ins dumpfe brüten. denn die einsame pilgerschaft musste einmal beendet sein, versunken im meer der zeit, dessen wasser zurückstürzte ins all, damit sich – und so sollte es ja immer sein – das spurlose nicht spüren lässt. nicht erinnern zu müssen, wofür oder für wen man verlorengegangen ist. zwischen gemessenem und bezeichnetem. der namen entledigt. unter dem stillen licht einer tauben welt. und ohne ein wissen darum, wie lang der atem noch reichen würde. für die technische klarheit der sprache, nach der sich die schönheit der gedanken widerstandslos richtet. das systematische der gewohnheit wie in religiösen riten abzusichern. und selbst dem ruhelosen und verworrenen seine wohnlichen und erinnerbaren räume zu tapezieren. damit die entfremdung mit den rasch vergessenen träumen verraucht, sobald der tag ruft in die tat; der werktag und auch der sonntag, an dem noch eine restliche zeit an die erzählungen verschenkt sind – von wäldern und labyrinthen und wüstem land; erzählt, um es nicht zu betreten und um die seele zu schützen, denn sie soll nicht zur illusion verkommen. man ging sich also voran, älter und weiser, so jung man auch sein mochte. man hob die steine, doch man drehte sie nicht. man hielt auch nicht inne, um sich das leben von anderen vorzustellen und sich zu wünschen, es wäre das eigene. denn die einsicht, dass sich ein schicksal nicht selbst erschafft über fremde entlehnungen, wurde frühzeitig durch die trichter in die verdauungssysteme gepresst. im gang durch die institutionen der gezähmten zweifel und der unterdrückten ängste. das haus also nicht zu verlassen, weil der schatten nicht geworfen sein darf in die offenen landschaften, die immer sehr viel versprechen, aber nichts davon halten können. bevor man also versehentlich eine tür aufstößt, schaltet man gemäß der gewohnten verläufe ein mobilgerät ein, um die kammern wachsen zu lassen zu palästen. oder dass aus laminat- und teppichboden üppiges gras- und ackerland werde. also doch eigene orte zu schaffen, an denen man sich weltbekannt machte in der nötigen einsamkeit, mit dem gestein im auge, das die gedanken nicht mehr hindurchlässt, in der trübung einer nachmittäglichen ferne der zeit, im zustand der lautlosen nicht-stille, unter dem sinuston der überwachung. man steht vor dem spiegel, um abschied zu nehmen. man ist einfach nur und ist sich nicht sicher, ob das gut ist, obschon man ja weiß, dass es genügt. man denkt an die straßen, ihrer namen wegen, denn sie wiegen schwerer als die eigenen. man fühlt die menschen in der nähe, hinter den mauern, die einen einschließen, mehr als man sich selbst fühlt. man denkt ans gehen und spürt sofort die unordnung eines rohen wegverlangens, eines rauen landes, das ein fortkommen versprechen mag, aber keine ankunft. man weiß im grunde des herzens sehr genau von den verordneten erinnerungen, während man sich an gläsernen fassaden vorbeigehen sieht, ohne sich zur seite zu drehen, weil über die jahre so eine unfassliche angst vor dem eigenen gesicht, der eigenen körperlichen erscheinung wachsen konnte. und man hat an sich auch sehr gut begriffen, dass alle rede vom ewigen in den engen räumen des zeitlichen erfunden wurde, dass dieses zeitliche lichtschneisen schlägt ins große dunkle, in dem sich die seele wohl und daheim fühlen soll. verordnete erinnerung. gedächtnis auf rezept. um betäubt in der erzählten und wieder- und wiedererzählten vollendung der geschichte die eigenen geschichten zu vergessen, obwohl man doch längst erkannt hat, dass die vergangenheit immer unvollendet bleibt, wie alles vergangene immer nur ein abbruch des gegenwärtigen ist, dessen man sich nur dann bewusst werden kann, wenn es vergeht. und deshalb sollte man frohlocken, wenn man nach fünfzig jahren stille plötzlich im zorn erwacht, und wenn jemand fragt: willst du nun mörder sein oder wahnsinniger? und gelassen antwortet: ich habe mich für den wahnsinn entschieden, für den irren tanz auf der anämischen kruste meines bisher verschlafenen lebens. nun kann man sich freudig jeder form des scheiterns hingeben und wird dabei nicht mehr unterbrochen. denn das zeitalter des sekundär hat begonnen. und die seele ernährt sich von suchanfragen. und falls man sich eines tages wieder raus traut, hat man immer ein paar cent in der hosentasche, gesetzt den fall, man stolpert über einen bettler, dem man sodann die geldstücke hinwirft, aus angst vor seinen flüchen. man weiß im gehen, was man alles tun sollte – und hat es daheim wieder vergessen. man fühlt sich immer zu spät und ausgesetzt im zeitalter, das weniger zeit hat für einen, je älter man wird, und das selbst ist wie ein überfütterter leib kurz vorm platzen. wenn man allein zwischen allem so dasitzt, mit dem rauschen von feeds im hintergrund, kann es passieren, dass man wieder in der tiefe spürt, ein kind von geflüchteten zu sein, von angepassten, von schweigenden, zugleich ein nachbar von durchreisenden und verirrten. und man teilt mit ihnen eine art babylonischen weltdialekt, mit dem sich alle katastrophen hinunterschlucken lassen. das leben ist heute eben ein allgegenwärtiger tod, und das sterben geschieht im verborgenen. man hofft auf eine botschaft, aber bekommt nur nachrichten. man will ja sehr eigentlich einen schlussstrich ziehen, aber was täte man anschließend? wer hat noch kraft für einen neubeginn, die bereitschaft eingeschlossen, sich scheitern zu sehen mit lust? dabei hat man doch immer schon von der schlichten möglichkeit gesprochen, sich selbst zu übertreffen. man schaut auf hohe türme, auf mächtige staudämme, auf kaum verwitterte pyramiden, während man die scherben zerbrochener krüge sammelt und in die vitrinen der geschichte legt. noch einmal, um es zu betonen: es ist möglich anzufangen, abzubrechen, aufzubrechen, einzufangen, ja sogar noch sich selbst zu erkennen vor dem nötigen tod und sich nicht darum zu bekümmern, ob es einer gemerkt hat. und möglich wäre ja auch, im sinne seltenster vorgänge, die anderen zu verzaubern statt sie zu bedrängen, eine verzauberung, die die kollektive selbsterkenntnis mit einschlösse. und möglich wäre schließlich, ob all dieser möglichkeiten, die kürze des lebens zu bedauern, nicht jedoch das sterben als ende eines so verwaltet gelebten lebens. dass man sich schlafen legt, nach einem langen, dichten, erfüllten tag, erschöpft und wieder-beseelt, und dass man im schließen der augen noch einmal die bilder sieht, in vielleicht engen fluren, dennoch haltbar und geräumig hinter dem entspiegelten glas, gestalt und ent-täuschung schaffend dem, der sich nun als geschaffener im rückzug befindet, im einzug und fortzug alles gehenden. und als ein solcher mag man sich denken: ja, rückzug ist der eigentliche modus der transzendenz, also zieht man doch wie die kraniche noch viel weiter, bis das ende der schrecken erreicht ist, die schrecken, über die gesagt wurde, das niemand mehr über sie schreiben könne, weil sie zu unbeschreiblich seien. ein geschehenes, das dennoch unvorstellbar bleibt. also setzt man sich in aller herrgottsfrühe in das ruheabteil eines hochgeschwindigkeitszugs, um sich in räumlichen grenzüberschreitungen (von einer provinz in eine andere) und im angeblichen wurf aus dem alltäglichen kontinuum entschleunigen zu lassen und im verdösen des tags den versiegelten boden der träume aufzubrechen. man nimmt es hin, dass sich in die kognitive verdumpfung das knistern einer zeitung mischt, das sich fortsetzt im knistern einer brottüte, das sich fortsetzt im knistern der eigenen haut, die sich nicht festzurren lässt ums gehör. man nimmt hin – hinnahme als ersatz für hingabe. es überrascht einen auch nicht, dass nun auf den ersten satz (allegro ma non troppo) dieser knister-sequenz der zweite satz (unentschlossen zwischen menuetto und scherzo) folgt, in form eines endlos-gesäusels, eines grotesken kommunikativen pendelns zwischen einem frühalten paar, in seinem stillen einverständnis, dass es eigentlich schon immer möglich war, sich zu unterhalten, ohne irgendetwas zu sagen. die eine paarstimme redet in einem rasend schnellen tempo von erlebten verspätungen, möglicherweise hoffend, dass künftige dadurch vermieden werden können. sie geht sodann über in eine lesung von textmitteilungen der verwandten vom abend davor, gefolgt von kommentaren zu fernsehsendungen, die man trotz autonomie und kritischer grundhaltung in familiärer kleingruppe ertragen hat; jede station wird mit einer unerbetenen ansage „wir sind jetzt schon in…“ begrüßt und mit der mal kürzeren, mal längeren verkündung persönlicher erinnerungen begleitet, weitgehend unkommentiert von der anderen paarstimme, selbst dann noch, als bei der sprechenden paarstimme zweifel aufkommen, ob man nicht besser hätte fliegen sollen, denn dies sei ja inzwischen auch nicht teurer, womit sie recht haben könnte. man denkt irgendwann: es ist heute und für ein ganzes leben keines ankommens mehr. ja, das leben ist im grunde eine einzige verspätung, ein fortgesetztes verpassen der anschlüsse. jede erkenntnis dieser art wird durch ein rasches einschlummern begleitet, bis man vom eigenen schnarchen geweckt wird. oder – nachdem die frühalten eine zeitlang verstummt waren – von einem pfeilartig herausgeschossenen nein der einen paarstimme, während die andere mit vollem mund ein murmeln der indifferenz zurückgibt. natürlich wüsste man jetzt gern, was diesen laut des entsetzens verursachte, aber man findet sich damit ab, dies im leben nicht mehr zu erfahren. denn riss muss zu riss kommen und narbe zu narbe, im ganzen flickwerk des wissens und vergessens. kraniche im flug und viele andere bilder der inneren abnutzung, die am dösen vorbeirauschen, können daran nichts ändern. und das ist auf jeden fall besser als sich, ohne es selbst zu merken, die fingernägel abzukauen, während die innere schmerzdatenbank – sehr billig – fremde sehnsüchte kopiert. und will man überhaupt geweckt werden? der weckende wird dem erwachenden wunden schlagen. man wird sich verlieren in erwartungen. man wird zum ewigen wanderer in den bereichen des uneingelösten und des verdrängten. und auch tausende und abertausende fotos, gespeichert in der cloud der vorhaltung, werden nicht für erinnerung sorgen können. das knistern der zeitung ist nicht viel mehr als ein schlürfen und hopsen durch raschelndes herbstlaub mit kindlichen füßen. das auge mag grasen wie blöde in den vergangenen bildmomenten und wird doch nur in die nacht starren, die hinter dem fenster lauert. die spiegelung des eigenen im glas, das auf der dunkelheit klebt, muss ignoriert sein, als wäre man selbst gläsern. jetzt spricht die eine paarstimme wieder ein etwas, aber man ist inzwischen so weit vom klang weggerückt wie die ausgestreckten füße vom körper – gewiss, ein paradoxon angesichts der unüberwindlichen barriere, die ein vordersitz baut. ja, es stellt sich nach zwei bis drei stunden etwas ein, das nicht stille heißt, aber immerhin plätschern, ein geräuschliches phänomen in der nähe jeder alltäglichkeit. die ruhezone breitet sich in fleisch und knochen aus, während all der lärm der welt im unterwegs verdunstet. man spürt kaum, dass der zug nach einem zwischenstopp im sackbahnhof die fahrtrichtung wechselte und sitzt gleichgültig mit dem rücken zum ziel, das man sicher erreichen wird, wenn man dem ort des aufbruchs hinterherschaut. das sehen des weges, der hinter einem liegt, um das vor einem liegende nicht sehen zu müssen und trotzdem fortzukommen. und wenn – wie jetzt – der zug nach osten fährt, dann reist man also dem vergehen des tages entgegen, in einer flucht nach vorn sozusagen, ins davor, während es sich verwandelt, ins danach. und weil man sehr früh aufbrach, scheint einem – derart platziert – das licht auf den buckel, und der geworfene schatten legt sich auf den bewältigten weg. dennoch wird einem nun sehr gewiss, dass man heute kaum noch etwas von ursprung hört. mehr vielleicht von einsprung, weil es zuvor einen absprung gab, als nachsprung sozusagen, weil sich der behauptete vorsprung bereits nach kurzer frist nicht mehr halten ließ. auch das häufige benutzen von schnellzügen tut für den wunsch, sich einmal einen solchen vorsprung ereilt zu haben, rein gar nichts. und die zeit kommt nicht zur ruhe, sooft man auch halten mag an einer langen transregiostrecke. dann plötzlich – wie das gellende nein der früheren paarstimme – eine erinnerung daran, dass einmal einer zu einem anderen sagte, er wolle, dass nach seinem tod seine asche ins klo gekippt werde. und wer immer den letzten stecker zog, solle nun auch noch den knopf der spülung drücken, nachdem die blase entleert wurde, denn die riten waren ja immer schon die heiligen seelenspülungen. und nach einem solchen moment der reinigung, mit einem mütterlichen lächeln an den früh gebuchten grabstellen vorbeischlendernd, stören einen kaum noch die übersatten gesichter und all das falbe fleisch, über das man hinweg trottet, als hieße es immer erde und jetzt, als hätte es die scheußliche fallsucht und den blick in den abgrund nie gegeben, so kreuzwegelagernd im trudeln und taumeln der ver-gangenen tage, der ent-gangenen möglichkeiten. wenn zugleich alles ruft: komme an! – aber nichts fortkommt vom fleck. und die allgegenwärtigen lärmzonen die ruhebereiche an die ränder und ins dazwischen drücken. weil ja nur nicht das äußerste grauen nachzittern soll. darum auch hat man verlernt zu schwimmen, hat man sich ans treiben gewöhnt, um der reibung zu entgehen. die bäder des schreckens und der genuss des trauerns aber lassen sich noch verkunsten und versinnen, wie alles monströse der menschheitsgeschichte. man hat sich eben gründlich entwöhnen lassen von früheren ängsten und empathien. dulden heißt der ritus für die schlafverwöhnten, nicht geduld. man muss bedrängt sein und entsonnen, nicht erinnert. man muss erkaltet sein, nicht erkältet. animiert, nicht beseelt. von der nackten weltschau. von der betäubung der nerven mit allem unvorstellbaren leid, das einem selbst nicht widerfahren ist. man war so lange gewandert, bis man nicht mehr gewartet hatte auf den tod, so lange, bis man die wege nicht mehr sah. und das würgen der sehnsucht nicht mehr spürte. man war nicht viel mehr als ein laufender, laufend auf dem laufenden, ein stehender im stand einer hamstergleichen hektik, ein nicht widerstehender auf seinem wieder- und wieder-stand, in der ununterscheidbarkeit der tageszeiten, ein immer geschüttelter, ein nie gerührter. was hätte man sagen sollen? da es nichts neues zu erzählen gab. weil nie etwas neu ist und kaum etwas anders. man hat sich eben als ein langweiliges vor dem kurzweiligen verschanzt. so genannte bildschirme sind zum lettner geworden; doch die schirme schützen nicht vor den bildern und man steigt einfach nicht durch und dahinter, jenseits der schranke, wo ja auch nur ein diesseits zwischen den litaneien lungert, mit zerkratzter lunge von all der kaltfeuchten luft. die geheimnisse werden einem wie nasse lappen um die ohren geschlagen. bis man taub ist für jegliche nachricht und nur noch zur kenntnis nehmen kann das gezählte siechtum, das gehäufte leid, das ver-rechnete leben. aus strichmännchen werden strich-zählungen in je vier senkrechten und einer schrägen, die das eben erst aufgerichtete in einem nu, in einem no zu tilgen scheint; oder man hat auf diese weise mit der zeit auf die festen, weißen wände zäune gezeichnet, um ganz sicher zu gehen in der eigenen vergatterung und vergitterung. man hat aber auch akzeptiert, dass in die tonale welt der schreie und der durchsagen keine atonalität mehr eindringt und dass es keinen balsam gibt, der sich heilend tropfen ließe in die hirnrisse. es muss eben sein wie nach jedem unruhigen schlaf: die träume werden abgetan und man tut sich auf für ein zu-tuendes, das dem leben nichts zutut. aus dem kopf und auf die listen; erledigungen, um sich zu entledigen, um sich zu entlasten, um sich zu entlusten, wenn sich da oben und auch da unten alles zuzieht. dazwischen gibt es einsame momente, in denen die haut wie reif des fernen um die leere gespannt scheint, bis man sich gottlob wieder gewahr wird, dass es nur der seifenschaum war, mit dem man sich die anhaftungen des vergangenen von der rinde kratzte. ja, und der frühling, der unvermeidliche, ändert nichts daran, dass man blind durch die haine der buschwindröschen tapert, ohne auch nur den ansatz eines gespürs für die schönheit des bodensatzes, den ein jegliches, das verlorenging, hinterlässt. dann wieder das knistern von reisig unter den dicken sohlen, von trockengebinden an haustüren, von briefumschlägen und tüten mit geliefertem, um sich selbst zu beschenken und dem allgemeinen irregang eine kurze unterbrechung zu gewähren, ein knappe erinnerung, vielleicht an einen ort, den man doch schon so lange kannte, aber schon so lange nicht mehr wie beim ersten mal. man mag sich seiner erinnern, aber nicht seiner selbst. man mag denken: den habe ich schon einmal gesehen, aber man weiß weder wo noch wann und nicht einmal mehr, wer er ist. eine nicht mehr erkannte erkenntnis und rasch vergessen, wie alle verheißungen. und weil träumen doch eigentlich sicherer ist als leben, ein wurmfraß durch das holz und das bindegewebe, in bögen gespannt zwischen gewalt und gewissen; und um das zittern der aufgabe, der selbstaufgabe, die einem jeden gestellt wurde, mit dem man nicht gerechnet hat. gebrochenes, vor einen spiegel gestellt, damit es sich verdoppelt in seiner einsamkeit. wachsendes gras in rauer steppe. wuchernder trost in der großen gemütlichkeit. sonnige tage, glücklich vertan, im schattenweitwurf, im weitemessen der sprünge von einem nahenden zum nächsten oder was immer man ent-fernen muss. doch dann geschieht wieder so eine art platzen eines luftballons, aus dem einzelne wörter durch den ruheschlauch des schnellzuges schießen, sprachgeschosse wie in einer coprolalie, aber natürlich nichts anstößiges, sondern wörter wie weltfrieden oder krokus; tics, die sich aufbäumen gegen das ticken der zeit, und weil die welt vielleicht leer sein mag, aber nicht stimmlos sein soll. und dann ist es einmal fast so, als gleite ein boot ohne ruder und steuer über den schwarzen see. krähenrufe und amselsang wandern durch das lichtlose wasser. wie tumorzellen durch die müden gefäße der hoffnung. da wo die zonen der wahrheit und des vergessens sich überlagern, ohne gänzlich oder für immer eine einheit bilden zu können. und ja: allmählich kommt der verdacht auf, dass die aufs unheil wartenden so lange am offenen fenster stehen, bis sie im wahrsten sinne des wortes die nase voll haben. diesem gedanken folgt zwangsläufig eine frage: gehe ich zum arzt oder nehme ich den nächsten zug, der mich zwar nicht ins exil bringen wird, aber selbst das exil sein kann, vor allem dann, wenn erst einmal alle züge von der pandemie geleert sein werden und sich die glieder so weit strecken dürfen, wie ein waggon lang ist. doch man hat sich ja dazu entschieden, alles in serie zu schauen, nur nicht das eigene leben, nach dem es vermutlich keine neue folge, kein sequel, keine wiederaufnahme geben wird. man sieht eben nur die fremden reinkarnationen gut, während die existenz sich erschöpft im fortschaffen der anträge und der aufträge, ohne aber einen echten beitrag dazu zu leisten, was sich zutrug in der welt und ihrer geschichte, denn die geschichte soll nicht artig sein, sondern großartig. man ist so ein plüschiges wege-tier, das vor den schwellen und ufern dahinvegetiert. man sucht sich eine verborgene gasse, von der aus ein rauschen zu hören ist, von reifen auf asphalt oder von schweren güterzügen auf eisernen schienen, verlegt für den transport der güter, nicht der güte. es geht eben nicht um halt, sondern um aushalten, im aushalt, nicht um ankommen, sondern um durchkommen, durch den furcht- und furchenziehenden kamm der eng gestellten zacken vergehender tage. man kocht auf sparflamme, um sehr gründlich zu zergehen, auf der zunge dessen, der eben immer das letzte wort haben muss. man sieht sich dennoch selbst entzogen dem elend, erzogen im klimaschutz der distanz, im komfort der vergleichbarkeit und merkwürdig eingebettet in die not, die einen selbst kaum betrifft und leidlich betroffen macht. jemand, den man nicht kennt, in dieser zufallsgemeinschaft des coupés, zieht das glückliche los eines liedes, das für sekunden die gesichter der gegangenen aus der verwesung holt. wörter reihen sich aneinander wie bauklötze, keinen sinn erzeugend, aber so etwas wie ein unverständliches gerede der erwachsenen in die vor langer, langer zeit versickerte kindheit zurückrufend. ein fragliches fällt zu boden, wie ein von der viskose geklopfter fussel. man merkt eigentlich kaum, wie das atmen in die verordnete kühlung gleitet und spürt zugleich die auflösung der zeitlichen küsten. das fenster ist inzwischen beinahe ergraut, so lange starrte man schon durch sein glas, ohne etwas zu sehen. die abkehr ist folgerichtig, doch sie wird keine umkehr sein, und es wird keine tränen geben, wie nach der rückkehr vom grab in die heimische hinterlassenschaft. man durfte leben. das ist sehr viel, so kurz es auch immer war. und darum gibt es auch kein beklagen des von allen gebeten verstopften himmels, des akuten seelenverschlusses ob all der verluste, die man aus den fast zersprungenen schüsseln der unheimlichen heiligkeit löffeln musste, in denen sich das wirkliche einfach nicht in ein wahres transsubstantiieren wollte. wort war schall und körper staub. und der glaube letztendlich eine erschöpfung des denkens. ein tanz oder ein gesang als flucht vor der verflüchtigung. der fluch eines stachels in der allgemeinen fläche, für ein gefühl der besonderen tiefe. dabei haben sich die multiplen dimensionen nur wie abgezogene häute aufeinandergeschichtet und geben so ein besseres, ein wohligeres bild ab, in ihrer baumkuchenanmut. die ringe zeugen vom ein- und ausatmen, vom schaffen und vom schlafen und vielleicht sogar ein wenig vom vermissten, das man als kind, nach der letzten gute-nacht-geschichte, im bett allein gelassen mit seinen träumen, bereits ahnte. sperrfristen und ausgeh- oder weiterzug-verbote, damit man endlich einmal wieder in der herrlichen allgemeinen ruhe die echos seiner besonderen unruhe scheppern hört, wie schellen, die um die hände gelegt werden und durch die gehörgänge ranken. es reicht eben nicht, sich der zeit zu unterwerfen; auch der raum fordert seine zölle, erst recht, wenn man ihn monatelang belagert. wer hätte sich schon in solchen gegenden der verschreibungen und der versicherungen erlauben können, aus freien stücken einsam zu sein. man verschwindet doch nicht einfach so in seiner bequemen einsiedelung, sondern muss schon bereit sein, sich verschieben zu lassen, auf die fernen termine und in die unbestimmte zeit oder, wenn es nicht anders geht, in einen weitgehend akzeptablen zustand, damit es immer und sicher heißt: mit verlaub, nicht: mit urlaub. denn das urlaub raschelt in den noch nicht unterschriebenen formularen, nicht in den bereits ausgestellten zeugnissen. keine kunde spricht aus der urkunde, aber alles richten aus den nachrichten. und wenn man schon keine menschen mehr treffen kann, dann trifft man mit umso größerer lust vorkehrungen, indem man einmal einen frühling oder zwei oder drei gelassen, aber nicht freigelassen, einkehrt in die auskehrungen all der unverträglichkeiten aus dem trägen gedärm. ja, jetzt ist einmal dran diese gründliche reinigung, die eine große einigung bewirken kann, bei allen kleinen, denen die gewohnheit der maske noch zur täglichen haut werden soll. es gibt jetzt nicht mehr: die räume. es gibt jetzt noch: diesen einen raum, der sich nicht mehr teilt in öffentlich oder privat, sondern in erfüllt und übererfüllt. jenes zur vollsten zufriedenheit wird zur gravur auf ketten und grabsteinen. denn die rede von der freiheit ist eine seltene befindlichkeit, mit der sich die sonderkommandos schon noch befassen werden. doch selbst sie müssen jetzt erst einmal innehalten und ihren gekonnten zorn in die zungen verbeißen, bevor sie so richtig schlucken können von dem bitteren und dem salzigen, das auch ihnen, wie allen, verordnet war. und wenn es aussieht, als ob sich die welt abwende von den menschen, so heißt das noch nicht, dass die menschen sich von der welt abwenden können. wer vorhanden sein will, darf nicht abhanden kommen. man mag enden sehen einen weiteren tag, aber die welt hält zu denen, die zu ihr halten, im halt, nicht in der hast. der weitere tag im engen dazwischen wird ihnen beginnen, die inzwischen im zwischen recht wohnlich geworden sind. und wenn dieses zwischen erst einmal eine längere weile gedauert hat, wird man von dort gar nicht mehr wegwollen. man wird in seinem pauschalen glück weder von wetter noch weltlage gestört. man wird sehr viel zeit haben, das himmlische leben einzuüben. man wirft seine flügel ab und wird nicht mehr reden von den finsteren mythologien, den brennenden städten und den verwüsteten feldern und den gräben hinter den mauern und den gräbern darunter. man wird sich nun nicht mehr opfern müssen in dieser völligen bedürfnislosigkeit. weil sich nichts mehr entwickelt und alles außerhalb des vegetativen unbrauchbar geworden sein wird. der anteil des fremden wird innen wie außen auf das maß eines einzelnen reizes zurückgestutzt sein. man hängt eben herum, so völlig abgehangen in dieser gänzlichen abhängigkeit. aber das mögliche hat nun seine herrschaft aufgerichtet und kann sich voll auf die verlassen, die im verlässlichen rahmen der unmöglichkeiten auf das vermeiden jeglicher versuche abgerichtet wurden. wozu eine seuche? um einzuleiten die überfällige katabasis zur erkenntnis, dass der tod eine entscheidung ist, ebenso wie die liebe. eine torheit zu denken, man könne sich zeit sparen. die lernziele der schurken eilen uns voraus. man hat keine zeit sich zu erinnern. nur der unmittelbare moment einer untat brächte ein echo hervor, das nicht verhallt ist, bevor die getroffenen umfallen. man mordet den schlaf, weil die träume sich nicht schicken für die ungeschickten, die immer vergessen, zum brunnen hinunterzugehen, die mit blutigen händen den spalt suchen im gemäuer, um ihr überschüssiges herz zu verstecken, die immer denken, dass dieser zug durch ein winziges loch im zaun passen muss, wenn er durchs weserbergland rast, am hermannsdenkmal vorbei, die schneisen zu schlagen durch das verweser-land, das vom mythos in eine possierliche unbewohnbarkeit verwandelt wurde. man kehrt ein ins gasthaus zur rampe, wo ein gartenzwerg mit kettensäge die ausgehungerten reisenden begrüßt – er klebt ihnen den kuckuck wie einen epiphanias-segen an die stirn. dann werden die schuhe der schuldigen aufgereiht, weil doch das labyrinth nur barfuß betreten werden soll. er ruft ihnen nach: ich muss noch die bäume fällen, damit sie euch nicht auf die füße fallen. während ihre anabasis beginnt, i.e. das vergessen der namen, i.e. das zählen der zehen, i.e. das klopfen des holzes. der stein ist feucht, auf dem sie liegen, um das atmen zu verlernen. ein teufel mochte sie hierher gebracht haben, lockend mit erlösung, auf allen vieren kriechend und schleichend um sie herum, das fleisch witternd, auf das verzichtet werden kann. dann aber kam der tag, am dem der mond versank in einer pfütze, in der versehentlich ein schritt wie in einem netz hängenblieb. der eine schritt, der einen schatten hinterließ, auf unbeachteter schwelle. und oberhalb des schauens ist nun ein nebel. oder ist es doch nur die graue decke des himmels? wie dem auch sei: das schauen ist das der schlaflosen, wenn ein tag in die dienste ruft, das schauen der gebrochenen, die nicht mehr aufbrechen werden. man betet nicht mehr, und man wird seine einsamkeit nicht mehr begreifen, so eng man auch immer mit allen anderen in die waggons gepfercht worden ist. und in dieser allgemeinen entstörung wird die nähe keine berührung mehr erzeugen. dieser erste lockdown mag ja noch ein vergnügen sein, eine globale feier, die jeder mit sich allein begeht, tanzend oder, wie bei den allermeisten zu vermuten, sitzend oder halb liegend, damit zur verrohung auch die verruhung tritt. jeder folgende lockdown aber wird zur lockung in den entzug, in den rück-zug, der nicht mehr zurückfahren muss, weil er die bahnhöfe erst gar nicht verließ. ja, die bahnhöfe werden die friedhöfe sein der kommenden jetztzeit. wartehallen der erwartungslosigkeit. gleise, auf denen nichts mehr ankommt. steige, von denen niemand mehr abfährt. man hört die meinungen von experten, ganz beiläufig wie wetterberichte oder lottozahlen, gleich nach den neuesten börsenkursen, und selbstverständlich mit der empirischen unterfütterung mit aktuellen tagesständen zu infizierten und toten. es juckt eigentlich niemanden wirklich, der bislang noch nicht zu einer dieser beiden gruppen gehörte. und wenn erst einmal die inzwischen atrophierten glieder der lebenden und der gesunden, die früher für viel bewegung und wenig fort-bewegung zuständig waren, dieses still-leben manifestieren, dann werden die schädel dennoch nicken, ohne unterlass, wie niedliche wackeldackel, wenn die experten und nachrichtensprecher ihnen zurufen: passen sie auf, halten sie abstand, passen sie sich an, bleiben sie verfügbar, halten sie still, vermeiden sie abweichungen, akzeptieren sie die lage, verzichten sie endgültig, reduzieren sie ihr bedürfnis, reduzieren sie ihre erwartung, reduzieren sie sich, optimieren sie ihr verhalten, kalibrieren sie ihre angst, regulieren sie ihre nähe, dokumentieren sie ihre kontakte, melden sie auffälligkeiten, melden sie sich ab, bleiben sie registriert, bleiben sie berechenbar, verhalten sie sich unauffällig, verzögern sie entscheidungen, verschieben sie ihr leben, ersetzen sie berührung, ersetzen sie erinnerung, ersetzen sie hoffnung, halten sie das niveau, halten sie die kurve flach, halten sie die zahlen ein, ignorieren sie ausnahmen, akzeptieren sie verluste, rechnen sie mit verzögerungen, rechnen sie nicht mit besserung, vermeiden sie sinnfragen, vermeiden sie vergleiche, vermeiden sie sich selbst. ja, und man merkt dann auch, dass nichts fehlt. nicht wirklich. höchstens eine kleine unruhe, die sich früher einmal sehnsucht nannte und heute als störsignal gilt. man hat gelernt, sie wegzuatmen. sie flach zu halten. sie auf ein maß zu bringen, das sich gut dokumentieren lässt. man spricht nicht mehr davon, etwas zu vermissen, sondern davon, dass es im moment nicht vorgesehen ist. man empfindet eine gewisse dankbarkeit für die erklärungen, die einem abnehmen, wofür man früher selbst verantwortlich war. entscheidungen sind schwer, aber vorgaben sind leicht. man folgt ihnen nicht aus gehorsam, sondern aus erleichterung. und wenn man sich dabei ertappt, wie man das alles verteidigt, dann nicht, weil man überzeugt wäre, sondern weil es mühsam wäre, etwas anderes zu denken. man beginnt, vorsichtig, das eigene innenleben zu standardisieren. man vermeidet extreme gefühle, nicht aus angst, sondern aus pflichtgefühl gegenüber der allgemeinen lage. trauer darf sein, aber nur kurz. freude darf sein, aber bitte ohne ausdruck. liebe wird geduldet, solange sie niemanden bindet. alles andere gilt als unnötige reibung. man erinnert sich dunkel daran, dass es einmal hieß, der mensch sei ein fragendes wesen. aber fragen führen zu abzweigungen, und abzweigungen gelten als risiko. man bleibt lieber auf der strecke, bevor man auf der strecke bleibt. das ist echte verantwortung. und so sitzt man also, und wartet, und funktioniert. und irgendwann stellt man fest, dass das warten selbst zur tätigkeit geworden ist. man wartet nicht mehr auf etwas, sondern im namen von etwas. und das genügt. man sagt sich: so ist es nun. und meint damit nicht die welt, sondern sich selbst. das ist gut. denn es ist ein arbeitsfähiger zustand. denn wer sich selbst meint, ist bereits reduziert. handhabbar. skalierbar. man kann mit ihm rechnen, ohne ihn zu befragen. das war ja immer das problem mit der welt: sie stellte rückfragen. man hält den lauf der dinge ja nicht auf, am wenigsten den fortschritt, der diese ganze reglosigkeit der menschheit nun umschließt. es ist ein missverständnis zu glauben, dass zynismus etwas mit verachtung zu tun hätte. zynismus ist ordnung. eine aufgeräumte form der enttäuschung. er erlaubt, weiterzumachen, ohne sich dabei zu belügen. man hat lange gebraucht, um das zu lernen. jahrhunderte, wenn man großzügig rechnet. jetzt endlich sitzt es. die begriffe greifen. die formeln stimmen. die erwartungen sind eingedampft auf ein maß, das niemanden mehr überfordert. wer heute noch von welt spricht, meint in der regel zuständigkeiten. oder datenräume. oder narrative. nicht mehr dieses diffuse außen, das früher einmal landschaft hieß oder geschichte oder schicksal. das alles war zu unpräzise. zu feucht. zu windig. wir bevorzugen klare verhältnisse. klare fristen. klare zustände. man darf leben, selbstverständlich. das stand nie zur debatte. aber bitte ohne überschuss. ohne ausgreifen. ohne dieses unproduktive fragen nach sinn, das immer nur zeit kostet und nichts liefert. sinn ist kein rohstoff. er lässt sich nicht bilanzieren. darum haben wir ihn ersetzt. schrittweise. unauffällig. durch verlässlichkeit. man wird sich daran gewöhnen. hat sich ja an alles andere auch gewöhnt. an masken, an marker, an meldeschwellen. an das gefühl, dass berührung erklärungsbedürftig geworden ist. so ist eben der übliche lernprozess, damit einem von all dem übel nicht übel wird. und wenn gelegentlich jemand ausfällt, innerlich oder ganz, dann ist das bedauerlich, aber einkalkuliert. jedes system hat verluste. entscheidend ist nicht, wer fehlt, sondern dass der ablauf stimmt. man will ja nicht grausam sein, aber dafür sehr effizient. es ist im übrigen auch nicht korrekt, von stille zu sprechen. es gibt durchgehend kommunikation. berichte. updates. dashboards. pressekonferenzen. was fehlt, ist lediglich das unnötige reden. man könnte sagen: das denken wurde externalisiert. ausgelagert. professionalisiert. eine entlastung für alle. und sollte dennoch jemand behaupten, er spüre etwas, das sich nicht einordnen lässt — eine unruhe, ein widerstand, ein rest von wunsch — dann wird man sehr freundlich und klar auf die zuständigen stellen verweisen. oder auf morgen. oder auf später. es eilt ja nichts mehr. man ist auch übrigens gar nicht gegen den menschen an sich. das ist ein trugschluss, der sich hartnäckig hält, vor allem bei denen, die noch an so etwas wie ein innen glauben. man ist lediglich für funktion. der mensch war immer dann problematisch, wenn er mehr wollte als vorgesehen. mehr zeit. mehr bedeutung. mehr ausnahme. man nannte das früher freiheit, was nett war, solange es nicht organisiert werden musste. freiheiten lassen sich schlecht verwalten. sie entziehen sich der statistik. sie erzeugen randlagen. randlagen erzeugen gespräche. gespräche erzeugen erwartungen. das ist eine kaskade, die man irgendwann stoppen muss. und so hat man es ja auch getan. sachlich. datenbasiert. mit rücksicht auf alle. natürlich gibt es noch gefühle. sie wurden nicht abgeschafft, nur entkoppelt. sie laufen jetzt parallel. privat. außerhalb der entscheidungsprozesse. wer trauern will, soll halt trauern. aber bitte nicht störend. bitte nicht synchron. bitte nicht sichtbar. sichtbarkeit war ohnehin überschätzt. es ist ja nicht so, dass man nichts anbietet. im gegenteil. man bietet struktur. man bietet sicherheit. man bietet orientierung. man bietet rahmenbedingungen, innerhalb derer sich jeder frei entfalten kann — solange diese entfaltung keine folgen hat. das ist der kompromiss. man kann ihn mögen oder nicht. aber er funktioniert. und falls jemand einwendet, dass etwas verloren gegangen sei — nun ja. verlust ist kein argument. verlust ist ein zustand. er wird registriert. er fließt ein. er verändert die parameter. aber er hebt die regel nicht auf. man hat doch jetzt lange genug zugesehen, wie menschen an ihren eigenen möglichkeiten scheitern, an der last der entscheidung, an der qual der wahl, an der tyrannei des offenen. das war nicht human. das war fahrlässig. jetzt ist es besser. jetzt ist es ruhig. jetzt ist alles erklärbar. selbst der tod. er hat seine zahlen. seine kurven. seine intervalle. er ist nicht mehr dieses obszöne ereignis, das plötzlich hereinbricht und alles infrage stellt. er ist eingebettet. prognostiziert. kommuniziert. man stirbt nicht mehr einfach. man stirbt im kontext. und das ist eine verbesserung, die man nicht kleinreden sollte. wer dennoch behauptet, er fühle sich leer, dem muss leider gesagt werden: leere ist kein fehler. leere ist der zustand nach der bereinigung. sie zeigt, dass der prozess gegriffen hat. früher nannte man das entfremdung. heute heißt es: stabilität. und wenn jemand fragt, wofür das alles gut sei, dann antwortet man: für nichts. denn das nichts ist verlässlich. das nichts fordert nicht. das nichts stellt keine fragen. das nichts ist der ideale zustand. alles andere war romantik. man hat uns ja eingetrichtert, was die aufklärung gewesen sei. eine lichtmetapher. immer hat man uns ungezogenen diese lichtmetaphern um die langgezogenen ohren gehauen. als hätte man es mit räumen zu tun, die nur falsch beleuchtet waren. man sprach von vernunft. von mündigkeit. von dem menschen, der sich seines eigenen verstandes bedient. ein hübscher gedanke. historisch durchaus wirksam. kurzfristig sogar produktiv. aber schon damals zeigte sich das problem: vernunft erzeugt fragen. fragen erzeugen abweichungen. abweichungen verlangen entscheidungen. und entscheidungen sind teuer. und wer bitte schön kümmert sich dann darum? falls die zeche gezahlt wurde. die aufklärung hatte keinen plan für ihre eigenen folgen. sie setzte auf selbststeuerung. auf einsicht. auf das gute im menschen. das war nicht einfach nur ein irrtum. das war eine gefährliche wette. und sie wurde verloren. danach kam die romantik. als korrektur. als gefühlsrestaurierung. als rückgriff auf das, was man zuvor vernachlässigt hatte: natur, nacht, innerlichkeit, das unmessbare. auch das war verständlich. man wollte retten, was beschädigt war. man wollte tiefe zurückholen, wo fläche entstanden war. aber tiefe ist unökonomisch. sie bindet zeit. sie bindet subjektivität. sie produziert unverfügbare zustände. die romantik war schön. und vollkommen unbrauchbar. sie hat den mythos wiederbelebt. oder besser: sie hat ihn sentimentalisiert. denn der mythos war nie tröstlich. er war erklärung. ordnung. legitimierung von opfern. die romantik hat ihn weichgezeichnet. das war ihr verhängnis. man begann wieder an bedeutung zu glauben. an schicksal. an zusammenhänge, die größer seien als das einzelne leben. das war der moment, in dem die katastrophen wieder persönlich wurden und die personen katastrophen. und dennoch hält sich dieser reflex. noch immer. man greift auf mythos zurück, wenn die zahlen nicht mehr genügen. man ruft nach sinn, wenn die erklärungen abgeschlossen sind. man beschwört das menschliche, wenn die systeme funktionieren. das ist rührend, aber unerquicklich. man hat daraus gelernt. man hat verstanden, dass die tragödie der menschheit nicht in ihrem leiden liegt, sondern in ihrem beharren darauf, dass dieses leiden bedeutsam sei. bedeutung ist der fehler. sie verlängert das unnötige. sie veredelt das zufällige. sie verleiht dem vorübergehenden einen anspruch auf dauer. die antiken wussten das noch. sie kannten den mythos als maschine. als erklärungsinstrument. nicht als rückzugsraum. erst später hat man angefangen, ihn zu lieben. und liebe ist bekanntlich kein erkenntnisinstrument, sondern eine nervüberreizende interferenz. heute ist man weiter. man hat begriffen, dass der mensch nicht erlöst werden muss. er muss verwaltet werden. die aufklärung hat den menschen überschätzt. die romantik hat ihn idealisiert. der mythos hat ihn überfordert. man tut dergleichen heute nicht mehr. man nimmt den menschen, wie er ist: endlich, ersetzbar; berechenbar in gruppen, störanfällig im einzelnen. das ist keine verachtung, sondern nüchternheit. und wenn man uns vorwirft, wir hätten das tragische abgeschafft, dann antworten wir ruhig: nein. wir haben es nur entpersonalisiert. die tragödie ist jetzt systemisch. und damit endlich gerecht verteilt. man musste aber erst auch die gerechtigkeit aus dem romantischen missverständnis zerren. denn was wollte man anderes als eine gerechtigkeit, die sich nicht ziert, sondern ziemt? gleiche betroffenheit. gleiche verletzbarkeit. gleiche maßnahmen. gleiche verzichte. eine pandemie ist, bei aller tragik, ein herrliches egalisierungswerkzeug. nicht moralisch — statistisch. man könnte fast sagen: endlich wird schillers traum eingelöst. seid umschlungen, millionen. nur hat man lange übersehen, dass umschlingen immer auch heißt: festhalten, pressen, den raum nehmen. die pandemie hat das korrigiert. sie hat das umschlingen präzisiert, operationalisiert, entromantisiert. man ist jetzt wirklich verbunden: über aerosole, über ketten, über kurven. nicht mehr über gefühl. nicht mehr über idee. sondern über risiko. so geht fortschritt. schiller meinte noch die brüderlichkeit. beethoven hat sie vertont, als wäre sie ein zustand, ein chor, ein aufgehen im größeren ganzen. aber millionen und abermillionen sind nicht zu umarmen. sie sind wegzuadministrieren. und genau das leistet die pandemie. sie schafft das kollektive ohne subjekt, die einheit ohne gemeinschaft, die solidarität ohne nähe. seid umschlungen, millionen — das war immer schon ein logistischer alptraum. seid verschlungen hingegen: das ist realistisch. verschlungen im system, in den verordnungen, in den durchläufen, in den meldestrukturen. verschlungen heißt: aufgegangen. ohne rest. ohne widerspruch. man verschlingt nicht, um zu vernichten. man verschlingt, um zu integrieren. das ist der entscheidende punkt. die pandemie ist keine unterbrechung der geschichte. sie ist ihre vollendung. endlich fällt das pathos weg. endlich braucht niemand mehr so zu tun, als ginge es um menschenwürde, um sinn, um das gute leben. es geht um stabilität. um flächendeckung. um anschlussfähigkeit. und ja — auch um opfer. aber opfer sind kein skandal, wenn sie gleichmäßig anfallen. das war der fehler früherer katastrophen: sie waren ungerecht verteilt. zu sichtbar. zu lokal. diese hier ist elegant. sie trifft breit. sie trifft leise. sie trifft ohne schuldzuweisung. niemand wird mehr herausgehoben. niemand wird mehr gerettet. niemand wird mehr erinnert. das ist die neue humanität. seid verschlungen, millionen
nicht im rausch der freude, sondern in der ruhe der funktion. kein hymnischer ausbruch mehr. nur das gleichmäßige rauschen der kurven.
das kollektive nicken. das zufriedene schweigen derer, die endlich aufgehört haben, etwas besonderes sein zu wollen. man hat jetzt eigentlich als menschheit eine stufe erreicht, in der die latente müdigkeit in einen erholsamen schlaf übergeht, um im fortwährenden träumen das denken auszulöschen. man muss nun auch gar nichts mehr sagen, denn die rede der gedanken ist ein endlos mäandernder strom des schlafenden, dessen schlaf ganz einfach traum an traum reiht und so alles träumen als solches für alle zeiten aufhebt. jegliche komplexität des daseins darf nun verdichtet sein in einer überschaubaren zahl von symbolen, in denen die überfordernden spuren des menschlichen gesichtes, wenn es ein paar jahrzehnte geschichte hinter sich hatte, zum kern eines einzelnen, wesentlichen ausdruckes einer restlichen emotivität zurückgeführt wurden. wie schon gesagt: erkenntnis musste überwunden sein zugunsten einer nutzfördernden erkennbarkeit, dass es für die nötige arbeit der ruhe bedarf, bis man so weit ist, dass die ruhe die arbeit verrichtet. ja, ruhe. das ist mehr als stille. nicht einfach so ein zustand. es ist eine einrichtung, in der man mit leib und seele zum mobiliar geworden ist. man legt sich auf den teppich und lässt sich flach treten. richtet sich aus – so ganz ohne kompass – nach den kanten des sofas, dem mittelpunkt jeder bewusstlosigkeit. das sofa weiß alles. es kennt den rücken, der sich nicht mehr aufrichtet, die knie, die nicht mehr tragen wollen, die augen, die offen bleiben, obwohl nichts mehr zu sehen ist. hier sitzt man richtig. hier sitzt man sicher. hier sitzt man endgültig. man weiß in seiner einrichtung, in dieser ausrichtung genau, warum nicht die ruhe, aber die stille verordnet werden musste. denn die stille kommt nicht von außen, sondern wächst im inneren wie ein schaum, der alle geräusche bindet, ohne sie auszulöschen. denn was man hört, hört man weiter. es ist nur nicht mehr unterscheidbar. das summen der welt zieht sich zusammen zu einem einzigen ton, der nicht lauter wird, nicht leiser, sondern bleibt. ein rest. ein nachhall ohne ursprung. und in der mitte dieser stille ist der tinnitus der beweis, dass es noch leben gibt. ein letztes zeichen vielleicht der widerständigkeit des nervs. ein dünnes pfeifen, das sich weigert, in die allgemeine ruhe überzugehen. man lernt, es zu lieben. oder wenigstens zu dulden. es ist das private orchester des eingesperrten, ein solo ohne publikum, ein ton, der nicht applaudiert werden will. er erinnert daran, dass auch die stille arbeit verrichtet. dass sie drückt. dass sie formt. man liegt nun also. nicht erschöpft, sondern vorbereitet. der körper ist abgelegt wie ein mantel, der zu lange getragen wurde. atmung geschieht von selbst, flach, zuverlässig, normgerecht. ein und aus. aus und ein. nichts, was man beeinflussen müsste. nichts, was man fühlen müsste. der brustkorb hebt sich wie ein amtliches zeichen dafür, dass alles seinen gang geht. und während man so liegt, denkt man nicht. man muss es nicht mehr. und auch die stimme wird suspendiert. der monolog läuft trotzdem weiter, aber er gehört niemandem mehr. er ist nur noch ein leises abspulen von sätzen, die sich selbst zitieren. gedanken sprechen gedanken nach, wie kinder, die eine sprache lernen, deren bedeutung sie nicht mehr interessiert. es genügt, dass sie klingt. das sofa wird zur insel. nicht aus absonderung, sondern aus vernunft. eine insel ist nichts anderes als ein begrenzter raum mit klaren regeln. wasser ringsum. keine flucht. aber auch keine verpflichtung zur bewegung. man reist nicht mehr. man plant. man plant nicht mehr. man lässt es sein. reisepläne sind jetzt das, was man früher träume nannte: harmlose gedankenspiele ohne folgen. und irgendwo, zwischen dem gleichmäßigen atmen und dem anhaltenden ton im ohr, stellt sich ein gefühl ein, das man früher vielleicht frieden genannt hätte. jetzt nennt man es funktion. und so beginnt die ruhe zu arbeiten. und so bleibt man beschwerdefrei und ohne befund. und das passt ja so gut zur allgemeinen unauffälligkeit. aber weil sich das infektionsgeschehen nicht im namen der namenlosen vollzieht, geschieht der vollzug im namen einer außerindividuellen verhältnismäßigkeit. es mag sein, dass dieses geschehen geschieht unter den traurigen blicken dessen, der kein gesicht hat oder der jedes gesicht hat, nach dessen bild man geschaffen wurde, von dem man sich aber kein bild machen soll, der also schon immer sagte: ihr kommt sehr gut ohne spiegel aus. daher sollte man nicht verwundert sein, wenn das menschliche selbstbild aus kollektiven masken zusammengefrickelt wurde. man muss also bereit sein, das eigene kleine klagelied herunterzuschlucken und anzuerkennen, dass sich letztendlich noch alles getöse im rauschen der statistik verlor. und dann spricht es ganz ruhig noch einmal vom mondlicht über dem waldsee: es ist nämlich nur dann romantisch, solange es nicht den schlaf stört der jung verliebten, die sich aus offensichtlichen kostengründen und mangel an bequemeren alternativen in einer sternenklaren nacht vor ostern ins zelt verkrochen. möchte man noch in ihr träumen blicken? will man wirklich zu so einem trojanischen alptraum werden? die krieger springen nicht mehr aufs feld, aus ihren hölzernen särgen. sie sind kaum besser im tod als ihre vereinsamten väter im leben. und die mütter, die es ja immer gut meinen mit ihren verlorenen söhnen, werden sie nicht heimholen können mit einer nach heilung duftenden hühnersuppe. ja, früher diente die einsamkeit noch einer sozusagen proaktiv-passiven begegnung der angst vor dem tragischen. heute verbindet das tragische jeglicher unheilsvermeidung die qua ruhestellung legitimierten. man könnte zwischendurch – also im grunde jederzeit – mit der frage konfrontiert werden, wie lange sich eigentlich ein solcher monolog noch hinzieht, selbst wenn man für sich bereits vergessen hat, dass sich ein sprachliches schwirren, gewissermaßen als kognitive verklumpung, in einer art weißem rauschen auflöste – und das in einer epoche, die den sendeschluss nicht mehr kennt. aber man spürt, dass jetzt ein schreiben, ein aufschreiben ein gnadenloses erinnern evozierte, ein schmerzgedächtnis erwachen ließe ohne not, einen exponentiellen anstieg der krampfgefahr. also wird, der kratzfreien atmung zum dienst, das nicht erlebte und nie erfahrbare gestreamt, und ganz gleich, ob in einer phantastischen unwelt oder in einer fernen umwelt simuliert und verwertet. so lernt sich das sterben auch ohne leben. so wird jedes himmlische kind dressiert und adressiert – c/o gott – ohne die not einer anstrengenden namensgebung oder gar vorsorglichen taufe. und die seele – nicht die seele an sich, sondern das seelchen – wandert nun nicht mehr ziellos und wie besengt durch die gegenden, sondern legt sich nieder für eine tiefenreinigung, eine gründliche kur, badend in den schattigen wundern aller inneren wanderungen, die ohne gepäck und visum und reiseapotheke auskommen, verdichtet im mark aus hirn und knochen, schlürfend die traumhafte brühe, die sich gerade noch rechtzeitig aus allem fast schon verwelkten einkochen ließ. das seelchen wird nicht mehr müde vom warten, nicht mehr unruhig vom wetter, nicht mehr wund von anspruch und bedeutung. per chance, to dream – so heißt ihr chanson der gleichgültigkeit. es hat seine einstige bleibende statt in der vollendeten trostlosigkeit, weil es im samtigen saum der vorsorge und der versicherung keines trostes mehr bedarf. estomihi. fels in jeglicher brandung. das künstliche kniegelenk des sisyphus. man liegt ja nun vielleicht allein in der ebene seiner existenz, aber man liegt mit allen. und so wurde die einsamkeit von einer lifestyle-marotte zu einem heroischen phänomen des kollektivs, das sich die faxen einzelner glücksritter nicht mehr leisten konnte. das muss ja nicht heißen, dass man nun nicht mehr die poesie aufs alltägliche träufeln darf. die schönheit der träne, wenn der wind kurz vor dem frühling noch einmal eisig bläst, die insel unter der dämmerung, das reglose auge der verbluteten schlange, dornige zweige, rauschen von kiefern und schreie von möwen, farbe des schneelosen winters, tonlose saiten der harfe, unbeschriebenes briefpapier, leicht geöffnete lippen, sanft geschlossene lider, alles vielleicht ohne die ewige leier des abschieds, sondern einfach nur das zurückgelassene schicksal, der blinde winkel im von der zeit geschlagenen bogen und weil er sich nicht schließen wird zum kreis, wenn sich jetzt die nachrichten überschlagen, dass südkorea bereits die höchste warnstufe ausrief, dass karnevalszüge abgesagt wurden, die attentäter von hanau, der falschfahrer auf der a61, der mann mit den messern in der straßenbahn, die unvermeidlichen kotprobleme im gänsemanagement, die corona der angst, die von den radikalen vorgegebenen töne, das schlaflied der mutti. man knistert das alles nicht fort in die falten der zeitung, die man jetzt kauft, tag für tag, weil sich historisches abzeichnet. man ahnt schon, dass im heimischen einschluss die katastrophe nicht ausgeschlossen werden kann, dass bereits rollt: das rad, die welle, der unbegleitete zug. aber man sieht dem aus sicherer ferne zu und hat endlich begriffen, wozu fernsehen gut ist. was soll man auch noch hinausgehen, wenn alle türen und fenster verriegelt sind? was soll man verreisen, wenn alle landschaften leer sind? was will man allein auf offenen plätzen? man hat doch längst eingesehen, dass man noch frei genug ist in der geschlossenen gesellschaft, dass man sich selbst nicht begegnet in der alleinherrschaft. alle sind jetzt verlassene und einig im neid auf jene, die um ihre toten trauern dürfen, während man selbst ob der entfernung der geliebten lebenden nur in versteckter traurigkeit und ansonsten mit haltung den vorläufig unbefristeten alltag fristet. und es war ja schon immer so, dass wenige menschen hoffnung gaben und viele abschied nahmen. man mag vielleicht durch einen tunnel gegangen sein; aber: rief man es denen, die hinter einem waren, auch zu, dass ein ausgang in sicht war? man träumt von dämonen, mit den gesichtern von befreundeten menschen oder vom ende eines poetikseminars und der ankündigung der themen für die nächste sitzung: lektüre der zehnten elegie, befassung mit wagners parsifal, studium der dritten mahlers – und erntet jubel und applaus. oder man sieht wieder kraniche auf herbstäckern und in eintracht dazwischen krähen oder gänse. man erlaubt sich vielleicht früh am morgen, trotz des flusses des immergleichen, vor dem üblichen tagwerk, eine erinnerung an den abend davor. man mag momente haben, in denen man die spatzen vermisst oder die falter. oder vielleicht sogar das glühende herz hinter einem dunklen auge. aber solche anfälle sind schnell vorbei, und die rückkehr zur agenda wird zu keinem zeitpunkt gefährdet sein. man hört zwar die eigene stimme nicht mehr, aber so ein inneres rufen, das den traumgewächsen im friedwald allmählich näherkommt; doch die klarheit der kadenzen hat immer vorrang vor unendlichen melodien, weil man sich nicht vor dem beginn einer ewigkeit der periodischen gliederung widersetzen darf, und heimkehr – besser noch: heimbleiben – ist gesünder als wanderschaft, so wie ja auch die syntax gegenüber der atemlosigkeit. das rauschen gehört dem wind, nicht der sprache, und der rausch gehört dem körper, nicht dem denken oder – wesentlich schlimmer – dem fühlen. und wenn es dann ruft: bitte setzen sie sich! dann sitzt man schon und hat sich gut vorbereitet auf eine erdnahe position. nur so eine durchsage wie this train terminates here würde einen jetzt wirklich überraschen, wenn man bereits auf dem rücken liegt, um den himmel besser sehen zu können und trotzdem noch sehr gut weiß, dass das ermessliche hier unten zu finden ist, nicht da oben, und dass sich daher zwangsweise die frage stellt, wo sich etwas ganz und gar ermessliches wie trost entfalten soll, wenn nicht in den niederungen des hiesigen, wo sich die körperliche hälfte des lebens eingerichtet hat in einem katalog von schmerzen, die sich noch einigermaßen einordnen lassen, kleinere und größere beschwerden eben, die nicht aus der reihe der diskreten verschlüsselungen tanzen, wie man sie kennt von den arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und die man betrachtet wie geheimnisvolle inschriften einer kaum denklichen vorzeit. etwas ganz anderes aber wird man fühlen, wollte man jetzt, in dieser solidargemeinschaft der abgrenzung und vereinzelung die hand einer lange vermissten person nehmen. man weiß genau, dass sich nichts ändern wird, aber soll sich selbst durch und durch verwandelt haben in diesen einsam erstickten schmerzen, wenn es flüstert in der zone zwischen wachen und schlafen: komm mit uns in die frostige nacht, wenn der hirte der zahlen seine katatonische herde über die kuppen treibt und den trottenden zuruft, sie sollen doch gehen, denn so sind sie die richtigen und nicht mehr die richtenden, sie sollen doch gehen, denn so sind sie die vielen, die vielleicht davonkommen, sie sollen doch gehen, denn so sind sie die gleichen, die nicht ständig behaupten, gleich sind wir da, sondern leise summen ihr mächtiges aber dann, sie sollen doch gehen, denn der weg kannte sie schon vor dem ersten schritt, sie sollen doch gehen, denn die verworrenen pfade tragen geduldig die aufgescheuerten hacken, sie sollen doch gehen, denn der straßen ist hier kein ende, und was nicht endet, belastet nicht; und also gingen sie, den kurven zu folgen, als seien es liebliche hügel, wo sie abzählen konnten die halme der süßgräser und dass sich darob endlich vergessen ließen die lästigen namen. man schaut nur nach vorne oder auf seine füße und lässt andere für sich bitten, von denen gesagt wird, sie wüssten noch, wo osten ist. man kennt seinen willen noch nicht ganz so genau, aber hat für alle fälle den letzten schon einmal in die oberste schublade gelegt, wo auch die policen und die verfügungen verwahrt wurden. man ist eben, ohne den wohnort wechseln zu müssen, sehr abrupt umgetopft worden und verpflanzt als eine einsame ulme auf einen weiten winteracker und zugleich gepfropft aufs gefrorene erdreich als schreckende vogelscheuche, dass nichts geflügeltes und jegliches ohne bodenhaftung im sektor der dünneren luft verbleibt. und so steht man halt mit der nacktheit des eigenen körpers wie ein stamm ohne rinde, wie ein seltsames trugbild in der wüste – nicht mitte, nicht rand – ortlos in seiner zuweisung und lässt seine bedenken ranken und ragen und schickt den regen zum himmel zurück, weil dieses jahr alles bestäubte ohne frucht bleiben wird. die sohlen wurden mit steinernen hufen beschlagen, doch schon das gestein, aus dem man das formbare ausgangsmaterial gewann, roch nach farblosen träumen, in denen man schemenhaft die traurige heimfahrt erkannte, wie ein rückfahrtticket ans ende der finsteren klarheit geheftet. man wird zur versickernden spur eines lebens, dass ja bislang nicht gänzlich aus sich allein heraus in die eingeweide der möglichen wege trat. irgendwie konnte man immer noch andere auftreiben, mit denen man gemeinsam die züge verpassen durfte. doch nun wird man umso einsichtiger, dass man als schwindende spur müheloser spurt, weniger getrieben und mehr entträumt, in den abgeschlossenen räumen, in denen vielleicht noch ein unverbesserlicher erlöser den wünschenden voranirren mag; doch mit wünschen kann nicht mehr gerechnet werden, wenn man uns alle gezählt hat, uns alle, auf die man zählen kann, nicht mehr verstrickt in die albernen verheißungen oder die warmen worte, ans kalte auge gehaucht, wenn es einmal den tod sah. zwar schaltet das denken nicht ab und lässt sich recht einfach auf angenehmere nebengleise entführen, doch wer wollte sich jetzt noch so ermattet und ergraut wiederfinden unter dem grauen eines endlosen abschiednehmens? ja, das land war weit und täuschte so gerne die freiheit vor, von der man so gerne sprach und das, ganz gleich, ob man fortfuhr oder heimkehrte, immer ein land der gespenster blieb. nein, der abschied musste ein und für alle mal aus der welt geschafft sein, damit das verbleiben endlich beginnen konnte, eingerollt in wolldecken und heilige überlieferungen. es spielte dabei keine rolle mehr, ob man zuvor von rosa herzen träumte oder nah am saum des schilfes über deiche gegangen ist; jetzt sind kindheit und jugend geschichte, und die vorpubertären stimmen mussten sich brechen, damit sie anschlussfähig werden konnten. es kann auch keine rücksicht darauf genommen werden, dass die umstände eine unverletzlichkeit der nächsten unmöglich macht. jeder muss sich jetzt am obligaten opfer beteiligen, das erst in dieser teilung zu seiner größten größe gelangt. und manch einer schreibt von alldem ein kleines stück auf, morgens vielleicht nach dem erwachen und abends vielleicht vor dem schlafengehen. und es könnte ja sein, dass man eines fernen tages davon liest und dass neue erzählungen entstehen von einer ruhigeren zukunft, in der sich das schicksal einzelner nicht mehr vordrängelt, sondern – wie es sich gehört – hinten anstellt und einreiht in die schlange derer, die zwar schon lange in der reihe stehen, aber deshalb noch lange nicht an der reihe sind. man wird schon sehr bald eingesehen haben, warum es absolut unerlässlich war, den schiffbruch in großer gruppe erlebt zu haben, denn als einzelner muss man sich des scheiterns nicht schämen, wenn dieses scheitern allen gehörte, ganz gleich, wo man gerade stand im fluss der zeit, als man gemeinsam die uhren anhielt, auch wenn man das fließen der zeit als solches nicht aufhalten konnte. das leben entdeckt sich nicht gänzlich neu in der verordneten isolation, aber es richtet sich noch einmal neu aus, nach den regeln des dreifach beschworenen g als dem neuen grundton der resistenz gegen ungebetene gäste, die man zwar gerne in finsteren, feuchten zellen wegsperren würde, aber nicht in den eigenen bewirten möchte. man sieht ein, warum all die neurosen zwecklos waren und das mögliche gift in den mitochondrien bei weitem nicht so gefährlich ist wie es das kommende gift der welt in den seelen sein wird. nun gut, man wird hier eines tages, wenn die aprés-periode eingesetzt hat, nicht von offenbarung sprechen können, denn man lag zwar auf den baren, aber nicht im offenen. dafür wird man aber auf alle geheimnisse und andere tuereien verzichten können, denn die statistik gewährt eine transparenz, die nicht blendet oder verblendet. statt ritualisierter grüße und charmanter wünsche sagt man dann einander den status quo mit der klarheit alles klinischen. die totenbücher werden keine chroniken der schrecknisse mehr sein, sondern bestandsverzeichnisse. das schöne an dieser pandemie ist ja auch, dass man – wenn auch allein – als gemeinschaft etwas erlebt, auch wenn man als einzelner nichts davon sehen kann. und mit der eigenen nackheit liegt man doch halbwegs gefeit in der schonung der nackten zahlen und wird somit als gänzlich unwillkürlich atmende entität in die schmerzbefreiung allen abstrakten seins übersetzt. ja, hier ist eine wahre lösung gelungen, aus den fängen der spekulation und der hermeneutik, in die tiefere erkenntnis hinein, dass die bilder des grauens konstrukte waren, die erst zu lästigen kontraktionen führen und schließlich zu lastigen kontrakten, innerhalb derer das grausame als anthropologische konstante vorauszusetzen war. jetzt aber sieht man – indirekt zwar, doch dafür nachdrücklicher – das abstoßende der natur, das sich nicht abstoßen lässt und gegen alles wirkt, was ins vitale hinein und mit größter erschöpfung geschöpft wurde, überlebend nur so lange – und insofern in effizienter kürze verwirkend – wie sich der ungefragte wirt über wasser hält, letztlich aber seine sekundäre existenz in der zerstörung der primären kategorie vollendend. und trotz der völligen transparenz dieser perversen form des seins in der natur, weiß man nicht, wohin man seinen zorn lenken soll. aber vielleicht wirkt da auch heimlich und unheimlich ein naturimmanentes korrektiv, als hätte gott zur sicherheit und inneren gegenwehr in die krone seiner schöpfung einen giftigen stachel eingebaut, der seine spitze ins widersinnige fleisch stoßen kann, wenn es nottut. die frage bleibt jedoch, ob die toxine auch bis zur seele vordringen werden und was eigentlich passiert, wenn sie sich mit den dort schon länger wirkenden galligen säften mischen? man sieht es jetzt nicht, aber man wird eines tages erkennen, was es erschuf, das sich in größtmöglicher distanz zu den himmlischen bereichen vollzog. man begreift so langsam, was die alten meinten mit erbsünde: nicht eigentlich die neugier, sondern das kosten eines nicht autorisierten wissens, das zugleich den keim von zweifel und trübsinn in sich trug. ja, der virus will wissen, was so eine zelle wirklich ist, als kleinere einheit des lebens, und wie wir zerstört er im erkunden und erkennen das erkannte und das gewünschte, was er selbst nie sein kann. und es mag ihm wie uns menschen gehen, die, während das denken der äußerlich unbewegten auf wanderschaft oder irrfahrt entrückt scheint, plötzlich bemerken, dass sie noch da sind, wie dieses reden, wenn es sich irgendwann – ohne datum, ohne zeichen – unverhofft und übergangslos selbst reden hört. dennoch setzt sich dieses reden fort, wie eine einmal vom gefallenen wort-geröll angestoßene welle im großen meer der stille. es setzt sich fort, obwohl niemand mehr hört und nichts mehr folgt. aber das ist keine schande. es ist ganz schlicht ein status, der zutiefst beruhigt und beinahe ermutigt. die sätze legen sich übereinander wie decken, nicht um zu wärmen, sondern um die kälte gleichmäßig zu verteilen. man weiß nicht mehr, welcher gedanke begonnen hat und welcher nur mitläuft. wie tröstlich! es wäre falsch, jetzt aufzuhören. aufhören würde bedeuten, einen sinn zu markieren, eine grenze, einen punkt. aber das endlose reden hat gelernt, dass punkte behauptungen sind. also redet es weiter. langsamer vielleicht. schwerer. mit der trägheit eines körpers, der nicht mehr weiß, warum er atmet, es aber weiterhin tut. ein und aus. aus und ein. auch das ist schon eine form von text. gewiss: man könnte fragen, wer hier redet. aber die frage ist verbraucht. sie gehört zu jenen anfällen von bedeutung, die man erfolgreich hinter sich gelassen hat. denn die rede redet eigentlich gar nicht. manche werden sagen: sie tröpfelt dahin wie ein kaputter wasserhahn. andere wiederum: sie läuft wie ein gerät, das man nicht mehr ausschaltet, weil es keine funktion mehr hat außer sich selbst. das ist effizient. das ist störungsarm. und man hat ja schon beobachten dürfen, dass es stellen gab, an denen die rede kurz innehielt, als würde sie sich sammeln. aber das sind keine pausen. das sind puffer. zeit, die sich selbst sortiert. in diesen pufferzonen entsteht kein neuer gedanke, sondern nur der eindruck, dass etwas hätte entstehen können. auch das genügt. man merkt, dass die bilder allmählich dünner werden. nicht schlechter, nur leichter. sie tragen weniger last. sie verlangen weniger. das ist der fortschritt, von dem bereits mehrfach die rede war und von dem eigentlich immer die rede sein sollte. früher hätte man das verfall genannt. heute heißt es entlastung. ja, die rede passt sich an. sie will nicht mehr überzeugen. sie will nicht mehr entlarven. sie will nicht einmal mehr erinnern. sie will nur: bleiben. und so redet die rede sich selbst zu, dass sie noch einen satz machen kann. und noch einen. und noch einen. nicht aus not, sondern aus gewohnheit. wie das ticken einer uhr, die keine zeit mehr misst, sondern nur noch beweist, dass sie existiert. man hört ihr zu, ohne hinzuhören. man nimmt sie wahr, ohne sie wahrzunehmen. jawohl, das ist die große meta-erschöpfung: nicht müde zu sein, sondern nicht mehr müde werden zu können. die rede weiß das jetzt. und man weiß es auch. und so geht es weiter. genau so! und dann wird man bestimmt – einen balkon vorausgesetzt – auch weiter ohne vorbehalt unter der sonne sitzen dürfen, oder still in der küche, hinreichend beschattet, wartend auf den freudensprung des toastes oder das aufatmen des kühlschranks. der heimische dienstraum wird zum tempel der lange ersehnten und bisher nie geglückten work-life-balance. endlich hat man zeit, den kaffee frisch aufzubrühen und vorher sogar selbst zu mahlen. man stellt sich vor, wie in der kaffeemühle die törichten meilensteine zum feinstaub der selbstevaluation zerkleinert werden. man zählt schäfchen statt schritte und lässt sich nun nicht mehr verbrauchen vom denken und danken, den lieben langen tag, das liebe lange leben, sondern wird selbst ganz und gar ein verbraucher von zornloser zeit und zahnloser zuständigkeit. und dennoch spürt man nun umso mehr, dass die welt, die jetzt ist eine welt im zwischen von drinnen und draußen, einen braucht; und also bricht man sich keinen zacken mehr aus der krone, sondern nimmt sich sein stück des wohnlichen schicksals wie ein amuse-bouche von der alu-cateringplatte der systemrelevanz. das heimische amtszimmer wird zur kommandobrücke der couch. man ist ein feldwebel der gepolsterten governance. man sitzt im fleece-bademantel wie in einer uniform der leisen führung. man muss jetzt eben agil bleiben, im pendeln zwischen küchentisch und sekretär. man priorisiert; und sortiert die krümel vom keyboard. man navigiert auf sicht; und schließt die jalousien. man hätte jetzt, würde man noch sprechen, bedeutendes vokabular auf der zunge – den wortschatz der globalen krise eben; aber es genügt auch, wenn es einem nur auf dem gaumen der affirmation liegt. man sagt resilienz, und fährt das pult fürs notebook zwei zentimeter höher. man sagt: im namen der inzidenz, und lässt das eigene gewissen mit einem kurzen klick gegenzeichnen. man betont die rücksichtnahme auf die vulnerablen gruppen und streicht die überflüssigen beziehungen aus dem kalender. man setzt sich ein für die lückenlose durchimpfungsrate und vacciniert vorsorglich seine zweifel mit narrativen. man will seinen beitrag leisten für die große herdenimmunität und tritt freiwillig in den stall der statistischen geborgenheit. man hält morgens lagebesprechungen mit sich selbst. man protokolliert das eigene gähnen als indikator latenter systemspannung. man setzt sich deadlines für das entleeren der spülmaschine. man verschiebt sie. man evaluiert das verschieben. man lobt sich für die transparente kommunikation im wohnraum. die kamera bleibt aus, das mikro bleibt stumm, aber das icon der präsenz leuchtet grün. das reicht. präsenz ist jetzt eine farbe. man spricht vom wir und meint das wlan. man erstellt krisenpläne für den fall, dass der milchschaum kollabiert. man skaliert die hausarbeit. man optimiert den staub. man harmonisiert den kalender. man spricht vom alignment mit dem eisfach. und irgendwann beginnt man zu merken, dass der krisenmanager im fleece selbst das eigentliche projekt ist: das projekt der reibungslosen selbstverwaltung. die welt ist draußen im ausnahmezustand, aber hier drinnen herrscht die gesetzmäßigkeit des ergonomischen stuhls. man führt sich selbst wie eine befristete maßnahme. man verlängert sich quartalsweise. man kündigt sich nicht. denn man ist das kalte herz eines maschinenraums, und zwischen schreibtisch und hackbrett dehnt sich die enge der hotspot-zonen der eigenverantwortung. man fährt auf sicht wird zur litanei aller latenz; man summt es wie eine komplet im kesselhaus, während man nichts mehr sieht außer dem wasserkocher und dem posteingang. ja, die lage ist dynamisch, besonders zwischen kühlschrank und kloschüssel, wo sich die inzidenz der gedanken exponentiell steigert, sobald das wlan stabil bleibt. ja, die maßnahmen greifen, sagt man sich nach dem dritten oder vierten kaffee. ja, sie greifen tief hinein in den tagesablauf, sie greifen nach dem handgelenk, wenn man sich selbst die pulsfrequenz misst, sie greifen ins leere, wenn man die eigene existenz als systemrelevant deklariert, weil es sonst niemand tut. und mit dem abflachen der kurven ermatten auch die eigenen ambitionen. aber dann boostert man wieder den ehrgeiz mit vitamin d und webinar-zertifikaten. ja, es geht um den schutz des lebens, vor allem des eigenen, weswegen man sich gerne an der kurzen leine und weitgehend kontaktlos hält. das heimbüro ist der stehende fernzug der solidarität, wo kopf und heimat eine quarantänegeeichte wohneinheit bezogen haben, in der endlich der verzicht auf jeglichen aufruhr gelungen ist. hier begegnet man zu guter letzt der alternativlosigkeit von nachhaltiger bevorratung und verhaltener nachsicht, wenn sich die online task force wiederum in nur vier späten und langen stunden die pixelreste aus den brennenden augen rieb. dennoch – man weiß eben: man darf jetzt nicht nachlassen – der bildschirm flüstert es einem zu, während man die haushose zurechtrückt; man darf jetzt den virtuellen raum nicht verlassen, denn virtuell bedeutet: scheinbar, potentiell, imaginabel. und das heißt ja letztlich: ersetzbar. und das heißt ebenso: verschiebbar. und das heißt erst recht: verzichtbar. es hat im grunde auch gar nicht so lange gedauert, dass man im glück des verschlusses die headlines der frohlockung sah: lockdown light im schlafzimmer, lockdown medium im wohnzimmer, lockdown deluxe im inneren. gemeinsam durch diese krise, heißt es; und so nickt man dem eigenen spiegelbild zu. und die fliesen belcantieren: wir schaffen das. und während die zahlen steigen, sinkt der atem. während die kurve sich abflacht, wird das sofa tiefer. während die lage ernst bleibt, wird man selbst heiter. es mag sein, dass man bald nicht mehr merkt, ob man arbeitet, um zu leben, oder lebt, um die arbeit nicht zu vermissen. aber was macht das schon? man ist noch halbwegs derselbe, auch wenn man schon nicht mehr ganz bei sich ist. man hat die krise erfolgreich gemanagt, indem man sie in tabs geöffnet ließ. man ist ständig eingeloggt, aber nirgendwo eingelassen. man hat alles unter kontrolle, außer das, was kontrolliert. und glücklicherweise kann sich auf dem feld des zeitmanagements nicht zugleich ein change management ereignen. man wird zwar nicht losgelassen, aber sitzt umso gelassener als sein eigener untergebener, vor der eigenen direktion, auf freigabe wartend, bis man sie sich mit genuss erteilt, um sie sogleich mit strenge zu widerrufen. und dennoch: man genehmigt sich selbst und verweigert sich nicht. die eigenen impulse kommen in die dauerverwahrung. entwürfe des aufbruchs landen im papierkorb. die sehnsucht wird ans ticket-system verwiesen. atem wird priorisiert. der tod wird verschoben. man ist jetzt eben eine prozessbeschreibung des selbst. und im performance review wird es noch einmal auf den punkt gebracht: man ist mit-arbeiter in der abteilung da-sein, unter zwar noch unklarer vorgesetzten-instanz, aber fest entschlossen, schon einmal vorsorglich den berichtszeitraum festzulegen, von der geburt bis zur gegenwart. man sitzt sich selbst gegenüber. die kamera ist ausgeschaltet. die stimme klingt professionell gedämpft. man beginnt mit einer positiven rahmung: im großen und ganzen handelte es sich um eine zufriedenstellende existenz. der atem ist weitgehend stabil. grundlegende funktionen sind vorhanden. vereinzelte spontane emotionale ausschläge konnten durch selbstmoderation eingehegt werden. das leben wurde bis jetzt zwar noch nicht übererfüllt, aber dafür erfüllte sich bereits das überleben. die anpassungsfähigkeit hat luft nach oben, auch wenn oben die luft dünner wird. dafür muss man den grad der risikovermeidung als vorbildlich loben, unnötige eskalationen des sinnhaften eingeschlossen. gleichwohl bleiben entwicklungsfelder: unterdrückung spontaner zärtlichkeit, noch mehr mut zur zweckdienlichkeit, vorsicht vor unangemeldeter freude, eigenständige rückkehr zum erwartungskorridor. man nimmt die formeln der selbst-affirmation und heftet sie ans korkbrett: ich habe gelernt, mich frühzeitig selbst zu disziplinieren; ich habe mich zuverlässig durch tage getragen, die keiner bemerkte; ich habe meine verzweiflung effizient internalisiert; ich habe keine unnötigen spuren hinterlassen; ich bin unauffällig; ich bin kooperativ; ich bin belastbar im rahmen des zumutbaren; ich bin kein übermäßiger störfaktor im betrieb der welt; ich bin ein verlässliches beispiel für das ausbleiben radikaler lebendigkeit; ich halte die emotionale bilanz schlank; ich provoziere keine dramatischen szenen am ausgang; ich sorge für einen geordneten rückbau der erinnerung; ich zeige der welt einen moderaten ausdruck der dankbarkeit; ich kündige das sterben rechtzeitig an; ich nutze mein frühbucherticket für den finalen transit. und zwischen erstem kaffee und toilettengang liest man das protokoll, als sei es eine fürbitte. man erkennt, dass man sich selbst niemals befördern wird. man hat sich immer nur verlängert. man wollte einmal etwas ganz anderes sein. kein mitarbeiter der eigenen existenz, sondern ein unberechenbarer gast. doch gäste werden derzeit nicht zugelassen. also unterschreibt man. und datiert. und legt ab. und während der drucker das dokument ausspuckt, merkt man: es ist kein review des lebens gewesen. es war eine kündigung der intensität. und vielleicht – ganz leise, ganz am rand – flackert noch ein rest von widerstand: zielverfehlung in der kategorie lebendigkeit. übererfüllung in der kategorie funktion. und man fragt sich, ohne es laut zu protokollieren: wer hat dieses gespräch eigentlich angesetzt? wer sitzt mir da gegenüber? und warum nickt er die ganze zeit so gleichmäßig-teilnahmslos? man möchte ihm doch eigentlich eine abmahnung erteilen, wegen unzureichender transzendenz. doch stattdessen schickt man einstweilen die seele – scheinbar noch anwesend, wenn auch im rückzug – ins gründliche audit. man fragt sich, ob noch reste nicht deklarierter hoffnung im umlauf sind, ob sich zwischen den rippen eine nicht genehmigte wärmequelle befindet, ob in den traumarchiven unerlaubte bilder von wasser, haut oder wind gespeichert wurden. und wie steht es um die notwendige stilllegung? die stille ist vorhanden, aber sie ist funktionalisiert. bloß keine überschüssige versenkung. nur kein unkontrolliertes versinken. die stille dient ausschließlich der regeneration, nicht der erkenntnis. nun, vielleicht sind da noch letzte bodensätze von schuldgefühl oder vereinzelte rückstände in den schwer zugänglichen randbereichen des gedächtnisses. man empfiehlt in diesem fall, diese als kollektive erfahrungswerte umzuwidmen, denn individuelle schuld gilt als unökonomisch. man stellt dies vorerst auf strukturell bedingt um. und wartet ab. dann aber geht es an die sehnsucht – ein möglicher kipppunkt. man mag durchaus noch partikel vereinzelt auftretender impulse nach unklarer nähe, nach unproduktiver berührung, nach bedeutung jenseits des verwertbaren finden. doch auch dafür werden rasch maßnahmen ergriffen. man spricht bis auf weiteres von ästhetischer sensibilität. und wartet ab. aber wie steht es mit der resttranszendenz? was wird man tun, wenn sich minimale anzeichen einer vorstellung, dass etwas jenseits des sichtbaren nicht nur verwaltet, sondern geliebt werden könnte, zeigten? ja, das stellte ein latentes risiko dar. doch auch dafür sind die rezepte schnell zur hand: man verweist auf historische fehlinterpretationen, wie die aufklärung wird überschätzt oder der mythos wird grundsätzlich missverstanden. und wartet ab. und beobachtet, was sich im unsicheren feld der individualabweichungen tut. aber die seele weiß fast besser als man selbst, dass ausgeprägte fluchtgedanken schadhaft sind, dass sie sich dereinst nicht verwandeln wird, wenn ihr träger sich immer nur verändern wollte. sie weiß um die verbrechen der ästhetischen anomalien. sie weiß um den vorzug der kadenzen. sie weiß um die stabilität der periodik. sie weiß aber auch um den verlust der sicht und der wege, wenn die unendlichen melodien ihre giftige seide um ihre haut wickeln. sie will es dem träger leicht machen und doch einfach nur – ohne viel gewese – im wesentlichen die anforderungen erfüllen, die eine zeitgemäß verwaltbare innerlichkeit stellen; sie will doch nur moderat resonanzfähig sein, kontrolliert verletzlich, hinreichend gedämpft und gepolstert, kompatibel mit den kollektiven rhythmiken. sie ist für das einst zuständig und kann im rahmen dieser aufgabe unnötige metaphysische aufladungen nun wirklich nicht gebrauchen. sie will ja auch einfach nur, dass man die klappe hält, dass man die mappe schließt, dass ausgeatmet wird, dass die schublade schublade bleibt und nicht als krippe missbraucht wird. und wenn die schublade schublade bleibt, dann bleibt auch der inhalt dort, wo er hingehört: abgelegt, beschriftet, datiert. denn was innen gilt, gilt bald auch außen. was sich in der seele nicht mehr regt, wird auch in den registern nicht mehr vermisst. man merkt kaum, wie aus der verwalteten innerlichkeit eine verwaltete zeit wird. die seele wollte ordnung – die geschichte liefert sie im großen maßstab. und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass alles einen platz hat, eine rubrik, eine laufnummer, dann stellt sich fast unmerklich die größere frage gar nicht mehr, ob etwas geschieht, sondern nur noch, wo es abgelegt wird. so beginnt geschichte nicht mehr im aufbruch, sondern im archiv. nicht im schrei, sondern im eintrag. während die weltseele schon taumelt, will sich die seele eben noch die passlichkeit bewahren und integriert sein. und was integriert ist, wird protokolliert. und was protokolliert ist, wird geschichte. nicht mehr erzählung, sondern vermerk. nicht mehr erinnerung, sondern bestand. aber wessen geschichte will man jetzt noch erzählen, da sich für eine derzeit noch unbekannte frist die geschichte in einem ausbreitet, in allen ausbreitet, die sich nun – wie man selbst – schlank gemacht haben im begrenzten sektor des einzelnen, des vereinzelten lebens. geschichten hatten mit einem selbst zu tun, mehr oder weniger. doch man hat jetzt eingesehen, dass geschichten vom selbst ablenken und das selbst von der geschichte. dabei hatte sich die geschichte doch immer so sehr bemüht, alles geschehen zu reihen und zu stapeln – eben zu schichten, was andernfalls der zeit und der welt entglitten wäre. die geschichten täuschten uns nur träumereien und wanderschaften vor, erzeugten fernweh und schnupfen. die geschichte aber bewies uns, worum es in zeit und welt wirklich geht: nicht gedächtnis, sondern ablage ad acta. um den glanz der abendsonne auch noch mit entseeltem auge beschreiben zu können – als archiviertes phänomen, aus dem register gezogen, falls die kinder einen fragen, weshalb man lieber speicherte als lebte. welches tool wüsste dies besser als die foto-cloud des smartphones? man ist endlich kalt geworden gegen die brennenden wolken über der wilden brandung. man muss jetzt noch die letzte immunitätsstufe erreichen und ist endlich ein unbrennbares und revisionssicheres wesen. aber geschichte war ja auch sehr lange so ein kurort der romantischen bedürftigkeit. und sie war etwas, das man auf andere projizierte: feldherren in zu engen uniformen, dichter in zu weiten mänteln, revolutionäre mit zu kurzen geduldsfäden. jetzt aber trägt man selbst den titel einer epoche, ohne ihn beantragt zu haben. man ist zeitzeuge ohne zeugnis, akteur ohne aktion, betroffener ohne betroffenheit. und die großen dialektiken ruhen im unangezapften speicher. die weltseele hat homeoffice. sie arbeitet an sich selbst, revisioniert ihre fehlkalkulationen, skaliert die katastrophen nach unten. man spricht nicht mehr von fortschritt, sondern von stundung. nicht mehr von umsturz, sondern von update. früher bewegte sich geschichte auf schlachtfeldern, in straßenschluchten, in parlamentsgebäuden. heute bewegt sie sich im browserverlauf. sie löscht cookies, nicht dynastien. sie ersetzt heroische akte durch algorithmische anpassungen. man hatte doch einmal geglaubt, geschichte sei ein gericht. man könne sich rechtfertigen, anklagen, verteidigen. man dachte an tribunale, an manifeste, an große reden. nun aber ist geschichte eine benutzeroberfläche. sie bittet um vertragliche zustimmung: akzeptieren sie alle. freilich bleibt man der aufklärung verpflichtet – man knipst das licht an und gibt der beleuchtung den vorrang vor der erleuchtung. man hat ja grundsätzlich nichts gegen romantische bedürfnisse, aber fühlt sich doch reichlich erdrückt von der allgemeinen fehlinvestition ins gefühlskapital. man hat jetzt viel zeit für erkenntnis. aber auch die erkenntnis erzeugt eine nachhaltige paralyse, z.B. in der lange vergessenen wahrheit, dass der mythos schon immer ein prototyp narrativer stabilisierung war. man spricht noch immer von epochenbrüchen, aber es bricht nichts mehr. es knickt. und knackt. es biegt sich. es wird weich. geschichte ist kein sturz mehr, sondern ein schleichender ergonomischer verfall. man hat die großen entwürfe eingelagert wie saisonware. revolution – vorübergehend nicht lieferbar. utopie – dauerhaft vergriffen. apokalypse – nur als abo erhältlich. also unterlässt man es, von ziel oder telos zu sprechen und betont stattdessen die trends, die korrelationen, die prognosen unter vorbehalt. das mutet alles sehr nüchtern und aufgeräumt an, doch man hat längst begriffen, dass eine große resignation durch mark und bein gegangen ist. ja, es mag paradox klingen, aber im heutigen menschen sind pessimismus und affirmation eine postheroische symbiose eingegangen, und man beginnt zu ahnen, welche zuchtformen der fügsamkeit daraus noch wachsen werden. geschichte war einmal erzählbar, weil sie ein außen hatte. einen rand. ein fremdes. heute gibt es kein außen mehr. nur noch zwischenräume mit zugangsbeschränkung. und so erzählt man sich selbst als randnotiz einer globalen synchronisation. man wird zur fußnote einer fußnote. man hatte doch gehofft, einmal in einer entscheidenden zeit zu leben. nun lebt man in einer entscheidenden dauer. und die dauer entscheidet nichts, während schleichend die neuen alten heilsverwalter und volksverklärer und erlösungsbeauftragten wie führungsfigürchen, wie maskottchen der macht auf den plan treten und unter neuen alten marschrichtungen neue alte fremdheiten markieren, auf die man zeigen und zielen kann, auf die man schimpfen und schießen kann. das telos wird wieder zur guideline, die schuld wird wieder zur headline, und die sühne hat wieder ihre deadline. so funktionierte ja immer schon die geschichte als kalkulierte katastrophe, die sozusagen auf ihre finale strophe wartete, gesungen vom chorus der bereinigten, der entschleunigten, der unterbelüfteten, der zwangsbeatmeten, der enteigneten, die sich nicht eigneten für den entlass ins heillose gewusel der grenzüberschreitungen. man darf ihnen nicht einfach so überlassen die unterkomplexe gesinnungstechnik und die schlichte schönheit des empörungshandwerks. dafür braucht es eben experten, die im sinnes-handel und -wandel genau wissen, wie es die heimat zu dekorieren gilt und wann es des zuchtmeisters der identität bedarf. und so wird man noch einmal rechtzeitig gelernt haben, dass die vernunft sich in der geschichte verwirkliche, dass sie – hinterrücks, listig, dialektisch – selbst das scheitern noch in fortschritt verwandle und dass der weltgeist ritt durch die jahrhunderte wie ein schlecht gelaunter generaldirektor, der sich bei bedarf auf schlachtfeldern blicken ließ, verfassungen unterzeichnete und ganz nebenbei noch die kulturgeschichte mit auf die große butterfahrt der ent-sorgung nahm – extremitäten statt humanitäten; und alles nur als durchgangsstation seines heroischen selbstbewusstseins. gewiss: heute zieht der weltgeist nur noch ein ticket im reisecenter der kontingenz. auch für ihn heißt es: bitte haben sie geduld. aber dafür erreicht er wesentlich schneller als früher sein ziel. der neuere weltgeist hat die geschichte ganz schön wuschig gemacht; auf ihre geradlinigkeit war früher verlass: konflikt, katastrophe, katharsis. doch die synthese erscheint nicht mehr so einfach; sie blieb im logistikzentrum des fortschritts liegen, falsch etikettiert, adressiert an eine zukunft, die nie zugestellt wird. irgendwann ist selbst der weltgeist auf der strecke geblieben, hatte sich kaputtoptimiert am unsteten telos. jetzt ist er nicht mehr als ein magazineur und kommissionierer im fulfillment-area der automatisierten ratio. er trägt ffp-3-maske und warnweste, während er barcodes scannt auf halbfertigen epochen oder als lagerist durch die klimatisierten hallen der evolution kreist, um die nächsten erwartbaren paradigmenwechsel in die ruhe der kühlung zu schieben. nein, die geschichte ist kein strom mehr, sondern ein vorrat mit kurzer halbwertzeit. sie bewegt sich nicht mehr, wie ein atrophiertes gewebe, wie eine apoplektische masse. aber wenn es nottut, wird sie bewegt, vor und zurück, auf und ab, mit hubwagen. hauptsache, sie hält jetzt mal still und vermeidet hektik – wie wir. dennoch redet man jetzt von beschleunigung, während doch eigentlich alles stillsteht. aber der virus hat sich wie eine unkontrollierte kernspaltung in die erstarrte welt und die gefrostete zeit gesetzt; er will uns jetzt einmal zeigen, was er kann, innerhalb der gesetzten grenzen hypnotisierter dynamik und risikominimierter gravitation. aber auch er wird sich sehr rasch ins burnout mutiert haben und wie der weltgeist ganz schnell ziemlich alt aussehen. denn auch der weltgeist hatte einst behauptet, er bediene sich der leidenschaften der menschen, um sich selbst voranzubringen. heute bedient er sich der leidenschaftslosigkeit. sie ist zuverlässiger. sie widerspricht nicht. die berühmte list der vernunft ist inzwischen ein automatisiertes filterprogramm. es sortiert alles aus, was zu intensiv ist, zu schmerzhaft, zu wahr. statt list: listen. übrig bleibt ein verwertbarer restbestand an symbolen, kompatibel mit den sicherheitsstandards der gegenwart. nein, geschichte ist nicht dramatisch, sie ist logistisch; eine permanent begonnene und dauernd unabgeschlossene inventur. und der mensch, weil er immer noch so sehr subjekt war, wird endlich lernen, teil einer erfassung zu sein, einer zählung, einer verplanung. und also darf er doch gefasst, weil erfasst, eingehen in die große versöhnung am ende aller widersprüche – sie findet statt, ja, aber nicht im absoluten wissen, sondern im absoluten ausgleich der lagerbestände. alles ist bilanziert. alles ist verrechnet. nichts bleibt offen außer der frage, warum man überhaupt noch von offenheit spricht. man hatte in seinem kindheitsgemüt doch geglaubt, freiheit sei das ziel. nun ist freiheit eine optionale zusatzleistung. aufpreispflichtig. nicht systemrelevant. und wenn der weltgeist sich einmal irrt, wird er nicht mehr tragisch, sondern effizient korrigiert. geschichte als lagerhaltung des möglichen und des vermeidbaren unvermeidlichen. fortschritt als inventur des noch nicht abgeschriebenen im zyklus alles recyclebaren. vernunft als zustellservice im namen der verhältnismäßigkeit. und irgendwo, zwischen hochregal und notausgang, lehnt der absolute geist an einer palette aus unerfüllten utopien und murmelt etwas – nicht mehr alles wirkliche ist vernünftig, sondern: alles lieferbare ist gültig. ja, und hat man erst einmal dieses seditativ tief genug in die sendimente der geschichte gespritzt, dann wird man nicht mehr lange darauf warten müssen, dass sie selbst in die müllverbrennungsanlage der zeit befördert wird, damit man epochen endlich nicht mehr überliefern muss, sondern thermisch verwertet. geschichte ist dann nicht einmal mehr ein depot. man führt sie zu, schubkarrenweise, in den schlund der gegenwart. und das schöne ist: nichts geht verloren. alles wird umgewandelt. energieeffizienzklasse a+. aus revolution wird fernwärme. aus utopie wird strom für bildschirme. aus tragödie wird feinstaub für die lungen der kommenden generationen. der fortschritt hat eine digitale anzeige. sie zeigt die temperatur der verbrennung. je heißer die krise, desto nachhaltiger die verwertung. man spricht nicht mehr von asche. man spricht von transformation. und wenn die flammen niedergehen, bleibt ein sauberer rest. ein graues, hygienisches pulver. das nennt man dann erfahrung. die großen namen stehen noch auf den säcken, aber sie sind leer. man kann sie weiterverwenden. und auf dem recyclinghof sortiert man sorgfältig die einstigen ideale und verarbeitet sie zum granulat, mit dem die grünanlagen der gleichgültigkeit, die monokulturen der zustimmung gedüngt werden. aus den revolutionen destilliert man nachhaltige slogans. von der romantik bleibt pure wellnessästhetik. und metaphysik wird mindfulness. ja, alles ist wiederverwertbar. nichts ist mehr gefährlich. der mensch hat endlich gelernt, sich selbst zu kompostieren. selbstverdauung als höchste stufe der geschichtsphilosophie. die menschheit als geschlossenes system. input: krise. output: narrativ. dazwischen: hitze. ja, die geschichte hat heute den sterilen duft von desinfektionsmitteln, nicht wie früher, als sie noch nach verschimmeltem papier roch. es geht heute nicht mehr um tragische schicksale oder missliche umstände. geschichte ist material. keine schuld. nur rückstände. kein regen. nur niederschlag. keine erlösung. nur energiegewinnung. und während die förderbänder der epochen unermüdlich laufen, beginnt man zu begreifen: geschichte war nie zielgerichtet. sie war ein stoffwechsel. der mensch frisst seine eigenen entwürfe. er schluckt seine versprechen. er kaut seine zukunft zu einer breiigen gegenwart. und wenn schließlich alles verbrannt, recycelt, verdaut ist, bleibt eine glatte, warme fläche zurück. eine welt ohne reststoffe. eine welt ohne widerstand. eine welt, die nichts mehr ausscheidet, weil sie nichts mehr aufnimmt. und dann wird man vielleicht sagen: der fortschritt ist gelungen. denn es brennt nichts mehr. nur noch dieses leise, kontinuierliche glimmen im innersten ofen der selbstgenügsamen menschheit. und die sprache? man hat lange geglaubt, die sprache sei das letzte refugium. das letzte, was sich der verwertung entzieht. aber auch sie ist brennbar. man muss sie nur trocknen. man legt die wörter aus wie nasses holz. man entzieht ihnen die feuchtigkeit des zweifels. man stapelt sie ordentlich, nach frequenz und funktion. man entfernt die metaphysik, weil sie rußt. man entfernt die bilder, weil sie unkontrolliert züngeln. man lässt nur die gut normierten begriffe zurück, die sauber und gleichmäßig abbrennen. krise. maßnahme. solidarität. systemrelevant. alternativlos. sie brennen ruhig und nahezu rauchfrei. man führt sie dem ofen zu. bedeutung ist jetzt nur noch ein heizwert. der satz als pellet. der diskurs als brikettierte pressmasse aus alten zeitungen und neuen protokollen. man spricht, um zu wärmen. man schreibt, um zu regulieren. man schweigt, um energie zu sparen. irgendwann merkt man, dass die sprache nicht mehr entzündet, sondern nur noch glimmt. das ist ökonomisch. es gibt keine flammen mehr, nur ein dauerhaftes glühen. ein rotes auge unter dem gitterrost der vernunft. man wirft hinein: freiheit. es zischt kurz. dann dampft etwas wärme ab, aber nur flüchtig, und: nicht sehr viel. man wirft hinein: liebe. sie knistert stärker – man hätte sie besser zerkleinern sollen. man wirft hinein: gott. die filteranlage meldet erhöhte emission. also beschließt man, künftig nur noch geprüfte vokabeln zu verwenden. die sprache wird CE-zertifiziert, bekommt beipackzettel. man warnt noch vor geringen nebenwirkungen, aber weiß schon, dass diese nicht mehr statistisch relevant sind. und poesie? nun, man verdreht die augen oder schüttelt den kopf, denn sie ist so ein seltsam-spinnertes lagerfeuer. selbstverständlich genehmigungspflichtig. sie steht auf dem index wie die inneren monologe, die sich immerfort hinziehen und beharren auf grenzenlosigkeit und sich dann wundern, dass sich die transzendenz nicht ereignet. es sind potenzielle brandherde. zu lang. zu heiß. zu wenig kontrollierbar. man verlangt: kurze statements, klare botschaften, keine verschachtelungen. denn verschachtelungen enthalten luft. und luft nährt die flammen. also beginnt man, die sätze zu kürzen. man kappt nebensätze. man amputiert parenthesen. man versiegelt metaphern. man reduziert. bis nur noch das kernwort übrig bleibt. dann nur noch die silbe. dann nur noch der laut. dann nur noch ein ton. ein gleichmäßiger, technisch abgesicherter grundton. bis man den stecker zieht. der monolog merkt es zuerst. er stolpert. er verliert die luft zwischen den gedanken. er wird eng. er beginnt, sich selbst zu fressen, weil nichts anderes mehr nachkommt. er zitiert sich, variiert sich, kommentiert sich, analysiert sich. er wird zum audit seiner eigenen hitzeentwicklung. die hitze der fragen: ist dieser satz noch zulässig? liegt der sarkasmus im grenzbereich? stand der zorn lange genug in der kühlung? die sprache antwortet nicht mehr. sie ist bereits im ofen. und während die asche der begriffe sich lautlos absetzt auf die tastatur, spürt man eine neue form der erschöpfung: nicht die erschöpfung des denkens. sondern die erschöpfung der formulierbarkeit. man könnte noch schreiben. aber es würde nichts mehr brennen. man könnte noch sprechen. aber es würde nichts mehr treffen. man könnte noch klagen. aber selbst die klage wäre ein zertifiziertes verfallsprodukt. und vielleicht ist das der eigentliche triumph der menschheit: nicht dass sie die geschichte verwertet hat. nicht dass sie die ideen recycelt hat. nicht dass sie sich selbst verdaut hat. sondern dass sie gelernt hat, die sprache so lange zu regulieren, bis sie nicht mehr gefährlich ist. bis kein wort mehr aus der reihe tanzt. bis kein bild mehr sticht. bis kein satz mehr atmet. aber unter dem monolog, unter dem fluss der geschichte und den behauptungen des mythos ist noch so ein verfluchter rest eines renitenten zitterns, so eine letzte aufmüpfige feuchtigkeit im brennholz der sprache, ein so völlig unbrauchbares stottern, als ob eine stimme kurz davor stünde, sich selbst zu verschlingen. ja, der allgemeine mehltau auf dem nicht mehr erzählbaren leben. härte des träumens, wenn sich die sichtungen nicht vergessen lassen. schlammwüste alles ent-denklichten. betrachtung verlassener landschaften. um ins singen zu kommen. im leerstehenden haus. schritte von früher kehren als echo zurück. das bett wird jede nacht einen atem breiter. gott muss von allem die seele gewesen sein. der schlafenden weiße unkenntnis. nie gehobener abgrund. unbekanntes zwischen den nachrichten. suche nach unauffindbarem. askese des sprachlichen. und endlich das ende der ektase im affektiven gelände. und das schluckauf des denkens zu besiegen mit süßem. aber: beklemmende stille, falls eine erinnerung. grausam, die aufrichtigkeit. mädchenblick zwischen den schwarzerlen am verbrauchten, verödeten ufer, unfrei dennoch und mutlos. das leichte zittern der hand, während sie steine sammelt, das leise summen beim perlen-aufziehen. doch der fluss weiß nichts mehr von seinem namen. die steine sind kalt von zu viel geschichte. das gras wächst nicht, es verharrt. häuser stehen mit offenen fenstern und beziehen stellung. der wind trägt nur noch temperatur. noch kein zeichen in sicht. noch keine sendung angekommen. noch keine strophe gesungen. sie hebt die hand, um etwas zu berühren, was da vom laub noch an den winterlichen zweigen hängt, nicht achtend auf die matte oberfläche der welt, die sich selbst schon durchgestrichen hat. das leben ist für sie noch keine entscheidung, sondern ein aufgeschobenes staunen. sie holt sich die ersten krokusse des jahres – das früh blühende, dem licht zugesehnt – um es ins kleine fenster oberhalb ihres bettes zu stellen, dort, wo die tagträume lauern, und ist noch nicht in der großen angst der älteren, die zu viel asche geatmet haben, die durch die birkenwälder irrten, dem nächsten leben nach. sie wartet nicht auf anrufe, sondern lässt die luftgeister sprechen. und wenn sie will, kann sie sich ganz klein machen, um wie ein falter durch die zäune zu fliegen. da, wo ängstliches ist, im getuschel zu vieler schatten, wird sie schweigen können, um andere stimmen zu hören, wie das singen der fische unter dem fließenden wasser. dann, in den wochen der buschwindröschen, mag sie vielleicht noch nicht erkennen die zahllosen furchtsamen augen, die sich aus der erwachenden erde heben in die erste kälte beginnender traumlosigkeit, doch sie wird vielleicht eine erste traurigkeit spüren und das vergebliche warten auf die antwortenden briefe, dereinst. und schnell wird die kindheit, die bis gestern noch endlose, durchschritten sein, in einem einzigen kurzen frühling, der nichts hinterlässt als pollen im haar und eine spur von kälte im blick. sie hatte auch kaum bemerkt, dass der erste geliebte schon wieder fortgegangen war, oder am mondlosen abend die gasse unter dem fenster entlang schlich. seine worte blieben zurück im unbeheizten zimmer: es ging alles so schnell; gerade waren wir fast noch jung, und gleich werden wir es immer noch sein, beinahe, wenn wir uns nicht zu nahe sind und das leben, das uns genommen wurde, allein aus der sehnsucht erschaffen. da, wo es hingehört, wenn man die räume des schutzes und der ungeprüften gewissheit noch nicht verlassen hat. denn die sehnsucht ist eine erfindung der unversehrten, eine vormerkung auf verlust. der mensch sehnt, also ist er. und wenn er nicht mehr sehnt, weil sich etwas ersehntes erfüllte, dann ist er nicht mehr, kann er nicht mehr sein, weil ihm die seele platzte von zu viel luft, wie ein ballon, der nicht groß genug sein konnte für die flugsüchtigen. und darum ist ja auch der ursprung der trauer ein zu viel an erwartung und ein zu wenig an erfüllung. invokavit. der verschluss rückt langsam, aber unaufhaltsam näher. es gibt jetzt noch viele anrufungen, aber in wenigen tagen dann nur noch anrufe. dann folgen auch bald die anhörungen, weil die rufe nicht erhört wurden, nicht rechtzeitig ernst genommen wurden. auf die masken wird der mundschutz aufgespannt. das unerhörte macht sich breit, und von den engeln bleibt nur die enge, weil jetzt jedes wesen seinen beitrag zur beschneidung leisten muss. aber natürlich wird wieder jeder seine kassandra im ohr gehabt haben, und selbstverständlich wird es wieder niemand gewusst haben wollen. das wachen muss nun aber bis auf unbestimmte zeit unterbrochen werden. der mensch legt sich schlafen. er muss warten. er muss nun schlange stehen, statt einfach weiter die schlange zu zertreten, die sich ja ohnehin nicht entfernen lässt. doch der rückzug muss nicht automatisch eine rückung nach c-moll sein; stille, ungeteilte freude darf er auslösen in jeder seele, die des sehnens schon lange müde war. man steht auf, eine stunde später als gewohnt, woran man sich sehr rasch gewöhnt haben wird, und sagt in den spiegel: wie geht es dir heute? und es antwortet: verfügbar, symptomfrei, funktionsbereit. ja, so schlagen die dreifachen akkorde der zwischensätze, der zweiten aufzüge. denn das hier ist jetzt noch nicht das finale; es ist nur die abstellkammer der vorläufigkeit, der man nicht hinterherlaufen muss, weil sie einem ja eh immer schon sehr weit voraus war. das hier ist jetzt der durchzug, der in die abstellung gefahren wurde, die traumpassage an den entkehlten sirenen und ihren steinernen schößen vorbei. man legt sich hin und lässt all das lärmende und drängende links und rechts liegen und ist als der immer wartende rand der wege und straßen nicht mehr schlechter, denn auch die rasenden strecken ziehen die knie an zur stabilen seitenlage, wie im fruchtwasser vorregistrierte embryonen, lange vor ihrem wurf in die zeit. man schläft sich mal gründlich aus und hört mit sich selbst die ganze welt ausatmen im schier endlos gestreckten ruhebereich. die motten im kopf und die motten in den alten, ranzigen wollsachen werden in schwarzen mülltüten erstickt. man fällt jetzt nicht mehr von der kante des wortes in die haltlosen gedanken, denn man liegt ja schon und hat den abgrund versiegelt; nicht mehr im fall, sondern als ein fall – das ist der sieg der diagnose über die ekstase. ein fall ohne einfall – das ist die wahre verwandlung, die den wechsel der orte gar nicht nötig hat. ein fall ohne einfall: der welt in die wohnung. ein fall ohne einfall: der wangen, weil man sich frisch hält im folienwickel der verhaltenshygiene. und denen demnächst die luft dennoch knapp wird, die an den schläuchen und die in der myalgisch und neuronal entzündeten falle, wird man ins ohr pfeifen den rechten platz auf den heiligen listen der priorisierung. denn medizin ist nicht wunderheilung, sondern dosierter aufschub. weil das leben nicht immerzu schicksal spielen kann, sondern sich leise legt und klein macht – kindlich sozusagen – vor der großen wiederaufnahme. und wenn die erst einmal erreicht ist, werden sich sehr schnell vergessen die ganzen lästigen scherereien. wie immer wird das fassliche des unfasslichen leides in grauwässrig kräuselnden bildern am gedächtnis vorbeischippern, ohne dass sich noch einer großartig beschwert. wer will denn auch fortwährend irrlichtern in den erinnerungen? das zeitig erloschene ist eine grundvoraussetzung fürs sanfte fortleben, innerhalb dessen eben niemand große umstände machen darf. und wer wollte auch gerne wiederkäuen das zertretene gras der zeit? nicht der tod muss eingeübt werden, sondern das sterben will gelernt sein, und dafür wird jetzt eben ein jeder in die stille trainingspause abgeordnet, einzugehen in die geschichte der fremdherrschaft und der selbstbeherrschung, für den durchlass und den schließlichen auslass jeder wesenheit, die dem leben nur dem schein nach nahesteht, aber dem tod noch näher, die ins leben eindringt, aber nur kurz dort verweilt, weil der tod die besseren argumente hatte, die als pflichtfach ursupation hatte und als wahlpflichtoptionen degustation und digestion. aber so ist es ja immer gewesen mit den goldenen zeitaltern: mordshunger, vielfraß, selbstverzehr. die zeit der blüte will eben gekostet sein, bevor noch schnell genug die zeiten der blässe und der bläue kommen. es war ja noch so entsetzlich viel luft im umlauf, dass man bereits erwogen hatte, aufs atmen mehrwertsteuer zu erheben. jetzt wäscht man sich aber erst einmal die hände. schuld oder unschuld sind fern, wenn es ums schicksal geht. und das überlässt man ja auch nicht so einfach dem zufall. die bevorratung wurde erledigt, gemäß den üblichen katalogen: dauerbrot, h-milch, dosenfutter, tiefgekühltes, seife, taschentücher, toilettenpapier. hinter jeder tat ein häkchen, hinter jedem tag drei kreuze. die wiegenlieder der großmütter als schreie der drill-instruktoren. nicht mehr haken zu schlagen in den spalten der zerhackten zeit. abstrich der träume. bevor eine drossel aus dem auge flattert. bevor von der güte der seele die rede ist statt von der gültigkeit. die seele soll sich nicht vordrängeln, auch wenn die sohle vorerst unbrauchbar geworden ist. zwischen den wipfeln sterne, manchmal sogar ein mond – nun, das kann ein ganz hübsches bild abgeben; aber deswegen muss man ja nicht gleich auf wanderschaft gehen, in der hoffnung, dass einem einer entgegenkommt, einer, der nicht nur ein einzelner sein soll, sondern zugleich ein einziger. so werden beziehungen sehr leicht zur überforderung und die selbstkenntnis verkümmert. also bleibt man am selben ort, um nicht aus derselben zeit zu rutschen, die durch den ort des da-seins – des nirgends-sonst – rauschte. der ort, von kahlen hecken umstanden, während draußen der frühling seine gewohnte veranstaltung durchführt und sehr gut ohne publikum auskommt. die veranstaltung der äußeren natur, um die verunstaltung der inneren zu überblühen. doch obwohl man keinen schritt tut, schmerzen die sohlen, weil sich mitgefühl und mitleid fortwährend gegenseitig auf die füße treten und man einfach nicht einschätzen kann, ob man noch unwissend, aber rein ist, oder schon wissend und unrein. man steht wie an zäunen, in den himmel gewachsen und von wolken gehalten, wolken, die nicht weiterziehen, und kann nicht sagen, wo innen und außen ist, ob man in den käfig blickt oder in die freiheit. das taubenpaar auf dem balkon starrt in den menschenzoo zwischen wäschetruhe und kühltruhe und begleitet das konzept der einsiedelei mit einem gurrelied. nur der mensch ist jetzt furchtsam, statt fruchtbar zu sein. wo immer er hockt: sein zimmer mag eine aussicht haben, wird aber im zwang der steten gegenwart nicht mehr zum landsitz der erinnernden und erzählenden. dem irdischen nutzt kein zielloses sagen, und dem überirdischen wurde es zum ekel. es war darum höchste zeit, den alten vorsatz geminderter leidenschaften aufzuwärmen und – nach gründlicher abkühlung – schließlich als kaltschale zu servieren, damit man sich nicht die zunge verbrennt, denn die vom sprechen gelösten gedanken waren jetzt lange genug wie ein glühendes eisen zwischen den schläfen. man muss die sterbenden, die ob des ziehenden lebens nicht klagen, nicht mehr wie früher bedauern; man gratuliert ihnen zum baldigen tod und wünscht alles gute. jeder sitzt allein auf der parkbank, blickt fragend zum greis nach rechts und wissend zum kind nach links. aber schweigen und vergessen sind übungen, mit denen man dem himmel die arbeit erleichtert und sich selbst erträglich macht. ja, und viel mehr von uns können jetzt wieder zu wunderkindern werden, statt immer nur wanderkinder zu sein. das unbedeutende mag reden in einem fort, aber es soll sich nicht einschreiben in die erkaltung, denn die bleibt dem großen monobachelor geschichte vorbehalten, in den sich die künftigen, die nicht mehr fragen, sondern streamen, inskribieren dürfen. das unbedeutende einer einzelnen gesundheit führt keinen quellennachweis; es löscht sich selbst, ganz automatisch, nach ablauf der entsicherungsfrist. man zahlt ja doch insgesamt eine bescheidene monatliche rate, um für den tod auf nummer sicher zu gehen. dafür lohnt doch die lautlose fensterschau, die ablösung erschöpfter leidenschaft durch betreute passion. und wer trost braucht, gehe doch bitte zum zuständigen sachbearbeiter. die welt kam uns ja fast abhanden; man nannte sie daher nicht mehr abhang, sondern abhand. jetzt darf sie endlich einmal wieder ein konsolidierter zustand sein, damit wir, die lädierten, statt liebende lobende seien, die trotz der umstände keine aufstände machen. und konsolidiert ist ja immerhin besser als kondoliert, vor allem wenn eh niemand mehr auf die friedhöfe gehen darf, und wo einem ja sowieso schon so viele enterdigungen durch den krauskopf schießen. vor der streu muss die zerstreuung kommen, die fremdseelen-show zur besten sendezeit statt binge watching der nutzlosen introspektion, nacht für nacht, um froher und freier zu atmen, an der frischen luft der maßnahme. die einsamen alten haben es vorgemacht und sind zu helden der keimfreien, angstresistenten arbeit geworden; sie atmen sich gründlich aus und verschwinden geräuschlos in der finalen erhebung. diese ent-sorgung ist umso wichtiger, je weniger man weiß, was in der luft liegt, und wer. und auch die zeit konzentriert sich auf ihre wesentliche aufgabe, etwas gemessenes zu sein: drei minuten bis zum tee, sieben fragen ohne antwort bis zum tod, elf schläge der glocke. kreuz- und quersumme: drei. dies ist der kreislauf der restzeit, und er geht ruhig und ohne feder-lesen. er sitzt und hat ausreichend platz, wie der jetzt traumlose fischerkönig, der sich den haken der angel ins auge stach. okuli. und sah er nicht gott mit herzschrittmacher und high-flow-nasenbrille? den ufern nachgerufen: was heut‘ noch pflanzen, im refugium, wenn nicht lieb‘ und ruh‘? x-te ebene einer verlorenheit. exit: und rück-blende, blind. reduzierter zustand. ex.it.us: von jedem ein residuum, nach excel deportiert. und zeilen: wie die stufen hinauf zum schloss sanssouci, denn die sorge lässt sich absetzen. abgerechnetes. angerechnetes. widerspruchslos beschiedenes. bescheidenes. eingespannt: ins abgespann, das bewegungslos durch den raum jagt, weil auf die drehung der erde einfach immer verlass ist. vetruvianische streckung als frühsport. und auf jeden fall aus allen fellen gerissen. fristlos eingestellt und aufgelöst in jeder gezählten schäfchenwolke. waisenkind mit glückshaube. und drei goldenen haaren zwischen den wimpern. jeder tag: eine krönung. jeder abend: untergang einer nicht mehr nötigen welt. ach, und die fernen brandungen. ach, und der nahe wundbrand. stella maris. greisin im fetzengewand. ameisenlarven. wenn alles schläft. ach, liebes ellermütterchen. und weil dich keiner hört. und die schimmernden flügel der schlupfwespen. weil alles treibholz auf endlosem wasser. weil keiner wagt, an boote zu denken. jeder steht auf, morgens, unwesentlich, unverändert. echo des tityrus, mit frostrauher kehle. als reif auf den ersten blättern des frühen jahres. und wartend auf wärmendes licht. auf einen atemzug ohne zählung. auf eine berührung ohne nachweis. also wird es einmal zeit: für einen frontalangriff. für einen ruf, hinein in den ersten verwegenen spaziergang. vielleicht war es – als das schlafzimmerfenster offen stand – der ruf eines vereinsamten amselhahns, weil die eigene stimme längst verstummt war. es folgten: erste schritte, fast so, als ob dem system in die eingeweide getreten wurde. die ahnung war schon lange da, dass das system im grunde existiert, weil es unterlaufen sein will. ja, der atem drängt vor und weiter, einer fragilen nähe zu. der atem – draußen, an kühler luft – ist wie ein weichmacher für die inneren fasern des systems. er schleicht sich da ein, wo das gewebe eh schon risse hatte. ja, der atem stößt gegen die rippen wie gegen ein gitter. und der körper weigert sich, statt einen schmerz ein aktenzeichen zu tragen. er will fiebern, ohne kurve. und die hand will zittern, nicht aus angst, sondern aus der erinnerung, die keine genehmigung braucht. irgendwo zwischen rippe und lunge muss dieser rest von aufruhr sitzen, dieser kloß im hals, der sich zu lösen beginnt, die unstille stelle im fleisch, dieses wort, das sich weigert, korrekt ausgesprochen zu werden. ja, der moment ist gekommen, da der geist sich gesund schreibt, da die krankheit des körpers zur revolte wird. nicht mehr funktion, sondern begehren. nicht mehr linie, sondern liebe. und auch das herz hält sich jetzt nicht mehr zurück; es verhält sich nicht mehr verhältnismäßig, sondern schlägt. wie die glocke, die zum ausgang ruft, in den gang durch leere straßen und verwaiste parks, leer genug, um alles zu erlauben, belebt genug, um nichts zu verraten; der gang aufeinander zu, nebeneinander her, um den zufall zu teilen, den abstand zu mindern, vielleicht auch den anstand, zwischen bänken und hecken, in denen es raschelt wie in alten protokollen. und da die luft schon so abgestanden war vom langen abstand der atmenden voneinander, verschob sich etwas in dieser selben luft, die eine mögliche berührung schon ahnen konnte, die schon spüren konnte den arm, der sich um eine schulter legt, ein knie, das nicht ausweicht, ein atem, der sich mischen wird mit einem zweiten atem, gegen alle verbote. der frühling ist noch jung; das licht noch kühl, doch es fällt als entscheidung zwischen beider lippen, die jetzt noch zittern, die sich jetzt wärmen wollen, während diese nun zuckende gegen-wart im kleid einer er-innerung vor den geschlossenen augen steht. kein wort ist zu hören. nur puls. und atmen. und irgendwann später ein aufstehen, das keine flucht war, sondern heimkehr vor der heimkehr. eine bewegung, die nicht mehr wusste, ob es geschah. oder ob der körper es brauchte. die haut erinnert schneller als der geist, speichert die wärme wie schuld. der schweiß fließt nicht aus beklemmung, sondern ist ein zeichen des widerspruchs. ja, der körper dehnt sich aus; er wird wieder zu einem teil der landschaft, die ja auch schon so lange und tapfer der reduktion widerstanden hat. das zittern weiß natürlich, dass es nicht passt in die felder der formulare, dass es nicht folgt den gesetzmäßigkeiten der zertifikate. es ist weder logisch noch ideologisch. es ist die innere stimme der ungeplanten bewegung, der unerwarteten begegnung. straßen und parks aber sind nur durchgänge, passagen durch orte, die sich nicht einmischen. und weil die laternen weit genug auseinander stehen, gibt es immer noch zahlreiche dunkle sektoren, in denen niemand gesichtet wird. vielleicht ging einer voraus, wie der eigene gedanke der stimme, die zone zu betreten, in der niemand mehr weiß, wer in wessen schatten zuerst eintritt. die schritte verlangsamen sich, bis einer stehen bleibt und sich halb dem anderen zudreht, das stumme zeichen, ihm noch weiter ins dickicht zu folgen. nähe entsteht hier nicht durch kontakt, sondern durch den ausbleibenden rückzug. etwas, das nicht dem eigenen körper gehört, streift den kragen der jacke, etwas, das in die noch fremde wohnung diese körpers eingeladen werden möchte. das dem traum verwandte gefühl, beobachtet zu werden, steht in befreiter nackheit in der wüste der waldung. es zieht den körper an den schnüren eines nun heftigeren atems nach unten, in die zone der widerwärtigen bodenlosigkeit, in den grauen winkel, der das senkrechte zur seite kippen lässt; und seien es auch nur wenige zentimeter – es geht um eine jetzt erforderliche neigung, um eine zwingende verschiebung, fraglos, ohne rückruf, ein streifen am unbekannten gewebe entlang, ein stolpern durch die wünsche und befehle des anderen, bis der puls aussetzt, nicht aus angst oder unterwerfung, sondern um neu anzusetzen, einer anderen, vielleicht schmerzvolleren richtung zu, um durch die falte in der luft ins freie zu rutschen wie in einen verspiegelten raum, der noch gänzlich unbekannt war, aber einmal gewusst sein musste, ganz gleich, ob das sich-verlieren siegt oder das sich-finden oder ob beides in diesem augenblick zusammenfällt. der geruch von laub und rinde und schotter und erde soll noch bis über den morgen hinaus auf der haut haften bleiben, denn er ist heiliger als der heiligste duft der dekrete und satzungen. dem ausatmen folgt ein erwachen, in einer neuen wärme, die das zeichen der opferung trägt. die muskelfasern transportieren nun keine scham mehr, sondern den sehr nachhaltig produzierten strom einer flüchtigen zärtlichkeit. die mütter mögen es beobachtet haben, als ob sie standen an den betten der schlafenden kinder; sie mögen von einem verhängnis geträumt haben, das seine eigene erlösung bewirkte; sie mögen den puls der stillen auflehnung gefühlt haben, doch sie ließen die sich umarmenden gewähren, ja, öffneten ihnen vielleicht sogar die flügel der verriegelten pforten. die vorwürfe knirschten noch im gebiss der welt, doch darunter wuchs jetzt etwas anderes, unartikuliert, ungebeten, vom tasten zum wurf, vom schritt zum sprung, vom sturz zum flug, über die ufer hinaus, in die siegreiche erschöpfung. und nach der heimkehr dreht sich der schlüssel im schloss nur noch, um die tür zu öffnen, nicht mehr, um sie zu schließen. leere und kühle sind die lautlosen begleiterinnen der unterbrochenen einsamkeit. aber immerhin gab es noch eine ankunft, da drinnen, weil man es draußen erlebte, weil man es durch die landschaft trug, wie eine sich selbst gestattende verlegenheit, in der hoffnung auf ein freundliches ufer. doch wenn man wieder daheim ist und fern der indiskreten heimlichkeiten der natur, dem zischen und züngeln der natter, spüren fleisch und hirn wieder die inverse perverse gravitation, den fall der schließenden tür, in den körper zurück. zu hell, das licht der hausflure, für die restliche schicht gefahr auf der haut, die nur langsam weichende wärme, während der heimkehr in die kalte vertrautheit der ziegel und des zements. die heimatlichen räume, in denen nichts wartet, denn die gewohnheit kennt keine verstellung, nicht der maskierungen und nicht der möbel. das bett ist eine aufgegebene frage und wieder groß, zu groß für den geschrumpften körper, nach seiner maß-nahme, nicht viel mehr als ein geräusch, das sich nicht mehr mitteilen kann. kleidung und scham werden abgestreift wie überreste eines traums nach dem erwachen. der letzte fremde geruch verliert seine überzeugungskraft. alles, was geschah, verschwindet, alles nieseln der geschichten versickert in der krume der geschichte. auch die verlorene liebe, die einmal wie eine zweite schwerkraft war, stärker als jede ordnung, stärker als jede vernunft. sie hatte einen namen, eine stimme, eine hand, die nicht fragte. jetzt ist sie nur noch ein schmerzender umkreis, eine stelle im körper, die nicht heilt, sondern sich einrichtet. die kante des bettes weiß es: das war keine wiederkehr, kein ersatz; das war nur ein kurzes aufblitzen, und es war deshalb so grell, weil es nichts rettet. das alte kommt nicht zurück, wird nicht neu, steht nicht im türrahmen, schreibt keine nachrichten, ruft nicht an. es ist eine landschaft hinter geschlossenen grenzen, eine landschaft, von der die geflüchteten raunen. dennoch kann der körper immer noch glauben, auch wenn der geist schon lange wusste; denn im körper ist der spruch, im geist aber ist der widerspruch. darum atmet die wohnung nicht mit. darum kennt sie keinen puls. darum kennt sie nur wände, ohne wende, ohne wenn und aber, selbst wenn sich zwischen ihnen einschlich ein dann und wann und behauptete, ein dort und fort zu sein. denn zwischen den wänden sei die aseptische einsamkeit. die metallene einsamkeit, die kein drama ist, sondern eine aktuelle lage, der kleinste teil des infektionsgeschehens, kleiner noch als der erreger selbst – darum ist sie so unaufgeregt. die aktuelle lage ist ein liegendes, das sich vorschriftsgemäß entleert. ein tier, das sich totstellt. in der wartehalle der beute und des luders, nach dem vorläufigen ende der wilden jagd. und auch die verlorene liebe hat kein gesicht mehr. sie ist kein mensch, kein ort, kein datum. sie ist ein verschobenes verhältnis im körper, eine falsche justierung der schwerkraft. etwas in der brust hängt seither ein paar millimeter tiefer, als es sollte. kein bild ruft sie hervor, kein geruch bindet sie zurück. sie existiert nur als dauernde ungenauigkeit im eigenen stehen, als leichtes nach-vorne-fallen, das nie ganz in einen schritt übergeht. das worte-gedächtnis ist verloschen. die welt hat ihre temperatur ganz leicht, aber entscheidend verändert. sie war wärmer, dichter, atmender. die welt ist jetzt luft mit abstand. was einst genügte, reicht nicht mehr; was jetzt geschieht, erreicht nicht mehr die tiefe, die einmal möglich war. es ist nicht sehnsucht. es ist eine art phantomdruck, wie von einem glied, das noch da zu sein scheint, obwohl es längst fehlt. nächte im park sind keine rückkehr, sondern ein aufleuchten entlang dieser leerstelle, ein kurzer stromstoß im abgestorbenen gewebe. der körper erinnerte sich an seine frühere ausdehnung, an das sich-verlieren ohne sicherungsseil. aber der verlust selbst bleibt unberührbar. er hat keinen rand, an dem man ihn greifen könnte. er ist nicht dramatisch. er ist strukturell. die wohnung nimmt diese leere ohne widerstand auf. sie kennt sie längst. zwischen tisch und bett, zwischen fenster und tür hat sich diese unsichtbare masse eingerichtet. sie verlangt nichts. sie erklärt nichts. sie ist nur da. und in ihr liegt das paradoxe wissen, dass man einmal mehr war, ohne sagen zu können, wann oder mit wem. als hätte man sich selbst in einer anderen dichte erlebt – und sei nun auf normalmaß zurückgerechnet worden. der körper liegt still. aber unter dieser stillheit arbeitet die verschiebung weiter, im schmerz, in der differenz. die falsche gravitation blieb dennoch nicht unbeachtet; etwas in der welt richtete nach, auf der anderen, unsichtbaren seite der nachrichten. das stehen wird anstrengender. der rücken zieht sich zusammen, als wolle er die abweichung ausgleichen. was ein paar millimeter tiefer hängt, wird vom alltag nach oben gezwungen. die welt mag keine schiefen achsen. sie zieht sie gerade. ja, jede abweichung wird gemessen. selbst im inneren. die körper beginnen, sich selbst zu korrigieren. die herzen klopfen nicht mehr gegen etwas an. sie schlagen einfach. sie nehmen ihre arbeit wieder auf, ohne erinnerung an den aussetzer. und der schlaf kommt nicht als gnade, sondern als funktion. er löscht die ränder des ereignisses, glättet die falte in der luft, bis der atem wieder einzeln ist und der lunge gehorcht, nicht dem verlangen. was wollte man denn eigentlich noch mit den ausgestreckten händen? der schwarm der gedanken entzieht sich, sobald man ihn halten will. er ist ein wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. una mo sa-kosa wa — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben. und wahrlich, darum ward gesagt: legt um den schalter im schlaf-wandler. es dauert nicht lang, dann folgt dem erwachen schon wieder eine ermattung. die ewige schau leerer wasser, trotz der mächtigen stärke göttlicher hilfe (hildegard). drei tage. bis gestern. den schmerz verschlafen, der anderen stimme, die noch ins halbwache ohr geflüstert hatte: bleibe doch noch und wache mit mir. doch es war einfacher, dass die erzählungen begannen mit: es war einmal. dass sie endeten mit: und wenn sie nicht gestorben sind. aber es hat einen anderen klang als das, wesentlich ferner und ungefährlicher. das war einmal ist eine viel grausamere setzung, ist eine satzung ohne widerrede, eine fügung ohne schicksal, die hier und jetzt in der seele nistet. wie der gekreuzigte freund, der nun für immer die irrpfade des nach seinem namen suchenden kreuzen wird, ohne dass man jemals genau erfährt, ob man der war mit dem giftigen kuss oder der mit dem heulkrampf nach dem dritten hahnenschrei. ein loch im herz hatten beide. der eine aber gab sein leben, während der andere es sich nahm. man ist aber – gottlob – pragmatischer heute und weiß, auf welcher seite des abgrunds die sicheren schritte zu tun sind. und wenn man selbst nicht mehr die füße bewegt, weil sie im fußbad festfroren, dann stellt man sich eben vor, wie einer, der früher schon einmal freundlich gewesen war, an einem nachmittag, der sonst keine überraschungen mehr bereithielt, weil man der zeit schon so heftig mit tensiden, fleckenentfernern und isopropanolen beigekommen war, in der nähe des hauses einen kontrollgang macht, durch die passage einer anderen sprache, jenseits der parolen und platitüden. ja, es macht sich mit der zeit, je länger die tage werden, eine wahrheit breit – zuerst in der seele, sprachlos; dann im körper, wort- und schmerzmächtig – wie sie sonst nur die mütter haben von ihren schweigenden oder fernen kindern, wenn sie mehr als nur ahnen, was sie der welt nicht zeigen könnten. aber auch ohne sprache wird ihnen das herz bange bei der ersten liebe, die nach der mütterlichen sorge folgt – und die zieht ja noch lange ihre prüfenden kreise um die wachsenden augenränder. die ersten liebenden eilen sich einander zu, um ihren müttern zu entkommen. sie wiederholen das einige male, als handle es sich um die vorbereitung eines abschlussexamens, bis sie schließlich das träumen einstellen, wenn sie erst einmal zertifizierte schatten geworden sind. ein dunkleres hätte sie denken müssen. eine grauheit der dünen, kurz vor dem aufgang der sonne. scheinbar unendliche wege, dennoch begangen, trotz schwerer schritte, trotz einer krankheit, die sie schon immer befallen hatte, selbst ohne jede berührung, eine krankheit, vor der keine isolation sie schützen kann. im gegenteil: sie werden jetzt zwar als getrennte oder als für immer verlassene der kalkulierbaren relativität des gesundheitssystems zugeteilt, doch über alle distanzen hinweg werden sie sich für immer zuraunen: wie langsam ich gehe! wie schnell alles verging! aber das wahrhaft vergängliche zog schon längst vorbei. es steht nicht in den schaufenstern, vor denen man hält, ohne genau zu wissen, warum, denn nicht auf die objekte des konsums blickt man, sondern auf die abwesenheit, die sie nicht verdecken können. das eigene gesicht im glas gibt einen hinweis darauf, was sich in ihnen nicht mehr spiegelt. aber das glas erklärt nichts; es wirft nur zurück, was schon nicht mehr ganz da ist. die dinge altern nicht, nur der blick. die sonntage haben sich vermehrt. man sucht nach dem anderen paar augen. man geht weiter. vorbei an geschäften mit heruntergelassenen rollgittern, die aussehen wie geschlossene lider. cafés reichen die cups-to-go durch fenster und türen. man trägt den kaffee im nachhaltigen plastikbecher wie ein provisorisches herz, das nur für die dauer der wärme schlägt. stehen aber wäre bleiben, und bleiben ist ein regelverstoß. man geht weiter. denn auch cafés sind jetzt keine orte des aufenthalts mehr. gehen ist jetzt kein vergehen mehr. gehen ist jetzt ein folgen. wohin, ist dabei ohne belang, hauptsache weiter. gelassen und ziellos. still und bewegt. am flussufer dann sitzt man auf stein. und auch ein brunnenrand ist jetzt noch kalt, selbst im frühen licht. doch die mögliche infektion von unten fürchtet man weniger als die von oben, die ja nun vorläufig so gut wie ausgeschlossen werden kann. das wasser der flüsse, das wasser der brunnen fließt, aber es trägt nichts fort. es wiederholt nur sich selbst. man blickt. ja. man blickt. doch nicht auf das wasser. nicht auf die gegenüberliegenden häuser. nicht auf die wolken, die sich bemühen, etwas darzustellen. man blickt in die zwischenräume der dinge. in die flächen, die nichts verheißen. in das gleichmäßige gleiten, das keinen sinn erzeugt. der blick sucht kein objekt mehr. er sucht ein widerlager. etwas, das ihn zurückwirft. aber es antwortet einfach nichts. man sieht sich kaum im spiegel des wassers, in dem das licht zerschnitten wird. die reglosigkeit wird in verzerrten bewegungen zurückgegeben, bis man den becher hebt und wieder senkt, als ginge es um eine segnung des im wasser gefangenen bildes. man wollte doch sehen. irgendetwas. eine bedeutung, eine linie, einen hinweis. aber die straße ist nur straße. das wasser nur wasser. die steine nur steine. und der blick, der früher glaubte, er könne durchdringen, ruht nun an der oberfläche wie ein erschöpfter vogel. in der ruhe beginnt der blick, sein eigenes gewicht zu spüren. nicht die welt ist leer. der blick ist schwer geworden, denn das sehen ist ein nicht mehr einlösbarer rest, im wandern zwischen gedächtnis und sehnen. man sitzt, bis der kaffee kalt ist. und als man aufsteht, bleibt etwas zurück — nicht auf dem stein, sondern im sehen selbst. man nimmt es mit heim, wie man sich selbst mit heimnehmen muss. man geht zurück, vom provisorischen herzen zum dauerhaften, das vom umtausch ausgeschlossen bleibt. denn der einzelne ist jetzt in der welt ein verlassener. und er musste noch ein gefangener werden. damit seine seele, wenn sie im zwischen wandert, die membranen schließt zur leere. ja, die wohnung ist jetzt das ödland der hoffenden. im warten löst sich die seele auf, wird sie ausgelöst aus fleisch und gerippe. das sitzen wird zum aussitzen der träume, über den spuren der wandernden, unter den augen der wundernden, deren zeitalter ein für alle mal beendet wurde. die sprache ist nur noch eine in reduzierten lauten und symbolen verdichtete vergessenheit. das gedachte wird zum angedachten, das denken zur andacht. das leben darf nicht vermessen sein, sondern hält sich ausgemessen und angemessen zurück. so wird es angenehm. so wird es genehmigungsfähig. die abgründe wurden zugeschüttet und für alle zeiten verplombt. keiner soll mehr über einem abgrund stehen, um ein urgründiges zu ahnen, mit dem in den vergangenen, überwundenen zeitaltern das unnütze und zeitraubende erzählen begann, in dem irgendwann immer irgendein geäst knackt beim ängstlichen schreiten durch das verholzte gelände der überforderten innerlichkeit. letztlich war es schon immer nur das knacken der eigenen gelenke, wenn man sich zu weit über die ränder hinausgestreckt hatte. das eigene sollte auch eigenartig sein, um sich selbst besser zu erkennen. aber das hat alles nur unnötig verkompliziert. die einfachheit und ruhe des neuen zeitalters ist ein ergebnis der erfolgreichen überwindung der vielheit des selbst, das nun in seiner eigenen eigenheit zur ununterscheidbarkeit hin eingezogen wurde. und gerade darin blieb ein rest, kaum hörbar, aber nicht zum schweigen zu bringen. es durfte aber nicht um gehör gehen, sondern um gehorsam. und doch blieb etwas zurück. ein gedanke hing noch, zwischen zwei buchseiten, als das geäst knackte im schon zu lange nicht mehr bewegten rücken, als das gehör zu klingeln begann, nach der stille eines frühlings, als ob es einlass begehre, an der unsichtbaren tür des gedächtnisses. dort abgelegt wurde – in einer der unteren schubladen – die seltsame spiegelung, die wohl so viel sagen wollte wie: ein jeder anfang geschieht um einer bewegung willen. doch was kann getan werden, wenn jeder neue tag als sinnbild eines möglichen anfangs direkt nach dem erwachen in den abend rutscht und die nächte wie schleusen sind, die – um sie vor anbruch des nächsten morgens noch rechtzeitig zu passieren – zölle erheben für den kleinsten traum, in dem so etwas wie ein wunsch schon lange keinen platz mehr beanspruchen durfte? jegliche wohnung wird zum verlies des aufgeschobenen lebens. jede bettstatt wird zur truhe der abgehakten versäumnisse. das ende der welt wird befördert von einem reiseziel zu einem zustand, der nach verkürzter probezeit seine verstetigung feiern darf. es hätte das jahr der wanderung sein sollen. nun müssen alle guten vorsätze der verfügung geopfert werden, damit es fügung gibt statt schwebe und vorhalt einer richtungsentbundenen hoffnung, statt irrung und wirrung zwischen denken und lust. dem ferneren nahe zu kommen, ohne sich selbst zu ent-fernen, sich auf die suche zu machen nach einem haus, einsam bewohnt wie das eigene. man sollte dem geschenk des träumens dankbarer sein. denn das denken ist so ein unstillbarer durst und will zugleich ein wasser der labung sein. bedürfnis und befriedigung in einem. dabei verfehlt es sich ständig, während schlaf und traum sehr mütterlich dafür sorgen, das gedachte rasch zu vergessen. dieser verlust wird nicht gespeichert. nein, es geht vielmehr um einen entzug, um ein erscheinen an anderer, späterer stelle: als forderung. alles muss geträumt werden, damit sich nichts erinnert. nutzlos sind daher schon immer die warnungen seiner gebote. wie schriftzug auf einer rakete, die zum mond startet, während die traumlosen starren. jeden morgen aufs neue: verwitterte gräber. und wie große, ferne geschwister: die toten, deren namen wir nicht mehr wissen. sanfte hügel, ihre zugleich geordneten und vorläufigen quartiere, wie vom anderen ufer eines sees betrachtet, in der frühe, bevor die steigende sonne die nebeltücher vom grauen gesicht des wassers zieht. ja, die welt wird schon sehen, welche sehnsucht keimt in der haft. wenn die tage sich ziehen und schnell vergangen sein werden. denn der abend ist immer sehr plötzlich und unerwartet da, ganz wie jene momente, in denen sich manche – leider zu spät – wünschen, einander nicht oberflächlich begegnet zu sein und in denen sich wiederum andere der aufrichtigkeit ihres rückzugs schämen. wer aber gäbe ihnen die kraft, die sie selbst nicht mehr aufbringen können? wenn alles in ihnen ein warte-stand ist, ein nicht endender clusterkopfschmerz, weil die zeit so dahinsickert und ab-läuft, trotz all der an-läufe, die man nahm. nein, die zeit ist so ein trügerisches a posteriori geschenk, das einen fast unmerklich, aber nachhaltig verschwinden lässt, wenn man sich seinen genuss zu sehr einteilen oder gar aufheben wollte – für bessere, freiere, luftigere tage. sicher: man ist zum sammelnden wesen erzogen worden und ist es gewohnt, sich im selbst zu versammeln und zusammenzureißen, bevor man sich – in den dionysien der preisgabe und der stilllegung – gänzlich zerreißt, sich aufzusparen für die finale ruhe-zeit, in der – jeder für sich – gelernt haben wird, das schwindende, das nicht schwindelt, und das auflösende, das nichts löst, endlich nicht mehr zu beklagen. man wird aber die auf krücken gestützten mänaden, die – abgearbeitet am eigenen rausch – ihr rasen nur noch verwalten, nicht mehr anflehen müssen, die restlichen bilder aus den augen zu reißen, denn sie hatten sich längst verflüchtigt mit den letzten tränen, die noch fielen – nicht aus trauer, sondern weil man im frostigen wind stand. man will ja gut behütet sein und vertraut auf das über alle dächer gespannte licht, wenn es im eigenen stübchen dunkelt. man müsste jetzt eigentlich sehr sorgfältig lauschen, was alles darunter kauert und lauert. und der not-fall müsste einen doch dazu zwingen, dass die ideen wuchern, in ihrer fall-not. doch man weiß auch: die toten-ruhe darf nicht gestört werden. man nennt es schlaf und legt sich zu ihnen. in den nächten der ent-raumten träume. zu den quellen des zwielichts, das die seele um und um durch atem und tränen schickte. die last des glücks. der zorn gegen alle laster. unaufhaltsam. εἰς τοὺς αἰώνας τῶν αἰώνων. als suchte die zeit selbst nach den erwirtschafteten überschüssen der sparsamen. dabei muss man jetzt gar nicht mehr am wasser wohnen, um seinen klang zu hören, den ewigen wechsel von brandung und stille, als sein unmissverständliches zeichen, dass man vom künftigen – wie von allem unbekannten – nicht zu erzählen wagt. und auch wenn wir den schiffbruch scheuen: das meer blickt zurück auf seine zuschauer, als lebten die vermeintlich sicheren schon jetzt in seinem trügerisch ruhigen auge, träumend von segeln wie von flügeln, während aus ihm die gewittergüsse stürzen, als sei den himmlischen nun endgültig der vorrat an mitleid geplatzt. wer wollte schon immer rastlos sein, wie ihr uferschwalben, und pünktlich zur stelle, wenn ein hungriges seinen schnabel aufsperrte? wer wollte schon ewig zusehen dem windgewogenen dünengras, dem spiel der wellen mit kiesel und muschel und tang, während der eigene heilige name sang- und klanglos verschwand aus der friktion und fiktion des kollektiven gedächtnisses? und doch: etwas ruft einem zu, dass es zeit wird, sich auf den weg zu machen und die berechtigten ängste vor dem betreten der ausgesparten, lange verschlossenen räume abzuschütteln, wie den staub aus dem tuch, mit dem über die glatten flächen des mobiliars gewischt wurde, als ob über das müde auge selbst, dass es klarer stehe vor dem kommenden. denn zum ersten mal in diesem jahr stieg die sonne noch vor mittag über die dächer der häuser gegenüber und warf durch die grauen vorhänge gläserne schatten in die engen zimmer, als riefe jemand, den unsichtbaren spalt zwischen blick und bild zu durchschreiten. aber was kostet der eintritt in die landschaften? der preis ist die suche nach einsamen pfaden, durch das grau aller tage, dem fragilen licht halbwacher augenblicke hinterher, dem per se unhaltbaren, ein fremdes gedächtnis formend, nachdem sich das vergehende deutlicher zeigte im spiegel des vergangenen, wenn sich das stille atmen der nebel allmählich über die weinhänge hob und sich die bald wieder fruchtbaren ebenen senkten unter der rückschau der schwebenden, denen sich – im flug entlang am rande der troposhäre – die großen mythischen flüsse wie äderchen durch eine dünne haut ziehen, bis sie – nah beim meer – ein mächtiges delta bilden, ähnelnd in seiner anmutung dem wurzelgeflecht eines weltenbaums. hätte sich nicht gelohnt – wird man sich fragen – eine letzte wanderung an ihren ufern, eine kurze strecke nur? denn das wasser trägt ein lautloses wissen um das ziel. es fügt sich den neigungen und sieht gelassen seiner auflösung entgegen, im größeren fließen und wogen, wo sich schließlich alle klagen und freuden verbinden zu einem endlos sinkenden ton ohne echo. ging es nicht eigentlich immer darum, sich nicht zu verirren, in dieser einsamkeit? begann es nicht immer mit einem inneren aufruhr, einer idee von etwas noch nicht erlangtem? und lösten sich etwa nicht die schmerzlichsten erinnerungen, sobald ein aufbruch gelungen war, erwartungslos schreitend ins dunkel des kommenden? man wollte doch nur noch gehen, geradeaus, ohne sich umzudrehen, ohne in den schwarzen sumpf des schlafes auch nur noch einen einzigen nutzlosen traum zu schütten. denn die trauer war überwunden. von ihr blieb nicht mehr zurück als eine stille, kalte traurigkeit, im fortgesetzten gang vorbei am elend der welt, entfernt beteiligt, bemüht im mitleid, und ohne jeden gedanken an etwas wie liebe oder aufenthalt in einer halbherzigen sehnsucht. denn nur das unbestimmte und zufällige, das gänzlich unverdiente, ließ einen weiterziehen, ohne tiefere regungen, kalt gegenüber dem besonderen, als würde es im moment des anschauens – vor jeglichem spüren – abrupt zum gewöhnlichen. man erkennt nun wieder sehr klar die alte heimat in der öde des vertrauten. man weiß wieder, dass man kein anderer sein wird, dass man nie etwas anderes sagen wird, nach dem langen langen schweigen, hinter dem halbdunklen blick. gibt es denn überhaupt noch einen grund, dazusein — unerkannt, ungefragt, wie in pfützen stehend und von großer seefahrt phantasierend? man weiß doch eigentlich sehr genau, wenn man aufwacht, welchen stillen platz man besiedelt, und muss sich nicht sorgen um den andrang der gedanken und die flucht der zeit. das harren ist ortlos. die tage sind ohne morgen und abend. man ist ein gefrorener augenblick, zur flachware verarbeitet — ein starres, auf das man starren soll. man ist ein in der luft haftender klang — eine immer gleiche brut des immergleichen haltlosen tönens, unter dem helm der geschlagenen glocke. man ist ein gebrochenes, das sich nicht unterbricht, ein fallendes, ohne erwartung des grunds. man spürt das unerträgliche nicht mehr. die wechselnden wetter ziehen als ein beständiges rauschen am fenster vorbei. man weiß vielleicht noch, wo die sonnenstrahlen im laub hängen wie lametta, aber man hat sich jetzt eingeschlossen in die eigene fremdheit und beschwert sich darüber nicht, denn es ist fast wie eine rückkehr zu den uferlosen fernen, zur bezwingenden schönheit der zeitlosen ordnung, eingespannt in die immer objektive rahmung des da-seins, dessen weitgehend verzicht- und ersetzbarer teil man war, für eine kurze, geschichtsuntaugliche frist. und wenn man also nichts mehr sehnt, dann kann man alles gründlich planen, für das restliche, das dem da-nach angehört. das inventar der epoche wurde gut sortiert: felsbrocken, baumstümpfe, welkes laub — archivstücke, katalogeinträge, fortschreibungen — mundarten, restlaute, verstummte satzanfänge — erinnerungsspuren, nachträge, gelöschte zugriffe — symptome, richtwerte, stabilisierte abweichungen — restbestände, lagerposten, verzeichnete verluste — seriennummern, leergut, fortlaufende ausfälle — personenprofile, fallnummern, austauschbare einträge — einzelplätze, residuen, voneinander getrennte nullen. man wartet also weiter, als sei vor ewigen zeiten schon eine weltkundige reisegruppe, ein weltrettendes einsatzkommando, eine delegation der verheißung von den küsten gestoßen worden. sie sind noch nicht zurück. ihr aufbruch ist zum mythos geworden. man sagt, sie hätten sehr viel zeit am wegrand verbracht, an den ufern, bei den leuchtfeuern. man sagt, sie hätten eines tages aufgehört, das wort rückkehr zu benutzen. man sagt, sie seien sich nicht einig gewesen, wer als erster aufsteht. man sagt, am ende habe ein jeder für sich selbst gebetet. man sagt, sie hätten einander gefragt: wie ist mein name? man sagt, sie griffen ins leere, wenn sie einander berühren wollten. man sagt, es habe sie kaum gestört. und darum weiß man: einer muss immer den anfang machen und die einsamkeit begreifen. aber es muss ein anderer sein. einer, der sich fürchtet vor dem kommenden tag. einer zugleich, der keine angst davor hat, bis zum abend mehr zu wissen — auch wenn es still bleibt um die eigenen gedanken, auch wenn das sagbare nicht ausgesprochen wird, auch wenn es in ihm ruft: der verlassene altert schneller. einer, der für alle anderen ans brennende pult der großen rateshow geht und die lose zieht — wählen sie bitte aus einer unendlichen zahl von gedanken. hin und wieder ist eine niete möglich. sprechen sie nur, wenn es nicht nötig ist. das über-flüssige ist das wirklich bedeutende. lassen sie es nicht aus ihren händen gleiten. den wünschen wird noch ein nachschlag serviert. der muss aber ordentlich sitzen. geben sie sich nur dieses eine mal mühe. klatschen sie drei mal in die hände. achten sie dabei darauf, dass ihnen die hoffnung nicht wie ein regen von ziegeln auf die zehen fällt. einer, der trotzdem noch briefe schreibt, auch wenn die post nicht mehr ausliefert. einer, der sie unter erde und laub vergräbt — sie dürfen sich nun waschen. spülen sie ihre träume aus. gehen sie heim und meiden sie jeden kontakt. einer, der sich noch atmen hört. einer, der noch diese eine saison weiterleben darf und für die verbleibende zeit die wände tapeziert — mit landschaften, von wegen durchschnitten. ja, und man erkennt plötzlich: er hatte schon alles wesentliche gesagt; man hatte nur für eine gewisse zeit, die einem jetzt sehr kurz vorkommt, nicht hingehört. und jene, die hingehört hatten, verstanden nichts….

Fortsetzung vorgesehen


Beginn einer Ansprache

folgt demnächst 😉