Einladung zur Veranstaltung am Freitag, 29. Mai 2026, 19.00 Uhr, Woelfl-Haus Bonn
Titelblatt des Librettos. Zeichnung von Lovis Corinth (1909)
Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt?
Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde. Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns. Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.
Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?
Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (UniversitätBonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.
Die Veranstaltung findet im Woelfl-Haus Bonn statt (Meßdorfer Straße 177, Bonn-Lessenich). Das Woelfl-Haus Bonn ist mit den Buslinien 610 und 611 (Richtung Lessenich, Duisdorf) bequem vom Hauptbahnhof Bonn aus zu erreichen (Fahrtzeit: etwa 20 Minuten).
Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“. Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“. Vera Nemirova ist Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.
uns ist alles bekannt […] was irgend geschieht auf der vielnährenden erde
ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper…
Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist. Oder vielleicht gerade dann, wenn du es nicht bist…
Denn Regina Schrott erzählt in ihrem Debütroman Ich bin Echo keine beruhigende Geschichte, sondern eine, die sich leise unter die Haut schiebt. Eine Geschichte über Stimmen und Gegenstimmen, über das Sprechen und Überhörtwerden – und über Beziehungen, in denen man sich selbst allzu leicht verliert, ohne es sofort zu merken.
Der Mythos von Echo und Narziss gehört zu den stilleren, zugleich grausam präzisen Erzählungen der Antike. Echo, zur Strafe ihrer eigenen Stimme beraubt, kann fortan nur noch wiederholen, was andere sagen; Narziss hingegen, unfähig zur wirklichen Beziehung, verfällt seinem eigenen Spiegelbild. Was hier als göttliche Metamorphose erscheint, ist im Kern eine Konstellation radikaler Asymmetrie: Hier das Begehren nach Resonanz, dort die Selbstgenügsamkeit der eigenen Oberfläche. Zwischen beiden entsteht kein Dialog, sondern ein Kreislauf aus Annäherung, Verfehlung und Wiederholung.
Genau diese Konstellation nimmt Regina Schrott in ihrem Roman auf – und überführt sie mit bemerkenswerter Konsequenz in eine gegenwärtige Erfahrungswelt. Bereits die Kindheitskapitel legen die Grundstruktur frei: ein Vater, der als Richter nicht nur über andere urteilt, sondern ein Klima permanenter Bewertung schafft, und eine Mutter, die weniger sich selbst liebt als den eigenen Widerhall im Blick der anderen. Zwischen diesen Polen wächst ein Ich heran, das früh lernt, sich anzupassen, zu spiegeln, zu reagieren – und sich dabei zunehmend selbst entzieht.
Was diesen Roman besonders macht, ist die Art, wie er diese Erfahrungen erzählt. Märchenhafte, mythische und hochkonkrete gegenwärtige Elemente stehen unvermittelt nebeneinander: Elfenmütter und Trollväter begegnen Smartphones und sozialen Medien, antike Götter moderner Beziehungssprache. Diese Überlagerung wirkt nie beliebig, sondern folgt einer klaren poetischen Logik. Der Mythos erscheint hier nicht als fernes Deutungsmuster, sondern als Struktur, die sich im heutigen Leben fortschreibt.
Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Echo und Narziss, die der Roman mit großer Genauigkeit als asymmetrisches Gefüge entfaltet. Was zunächst als Begegnung, als Möglichkeit von Nähe erscheint, erweist sich zunehmend als einseitige Dynamik, in der Anerkennung verweigert, Kommunikation unterlaufen und Selbstwert systematisch untergraben wird. Dabei gelingt es dem Text, diese Beziehung nicht plakativ zu verurteilen, sondern in ihrer inneren Logik sichtbar zu machen – einschließlich der Ambivalenzen, die das Verharren verständlich werden lassen: Scham, Sehnsucht, Selbstzweifel und die paradoxe Hoffnung, durch Anpassung doch noch gesehen zu werden.
Gerade hier entfaltet der Roman eine beunruhigende Gegenwärtigkeit. Begriffe wie „Lovebombing“ oder die feine Beschreibung sozialer Masken – Ausreden, Gesten, das sorgfältige Polieren eines nach außen funktionierenden Bildes – erscheinen nicht als theoretische Kategorien, sondern als gelebte, mitunter grausame Realität. Gleichzeitig bleibt die mythische Tiefendimension erhalten, sodass sich individuelle Erfahrung und archetypisches Muster unauflöslich verschränken.
Dabei bewegt sich der Text auf einem schmalen Grat, den er erstaunlich sicher hält: Er erlaubt sich große Gefühle, dramatische Zuspitzungen, ja, mitunter fast pathetische Bilder – und bricht sie im nächsten Moment mit Ironie, Witz oder einer unerwarteten Alltagsbeobachtung. Gerade diese Reibung erzeugt einen Sog, der die Lektüre trotz der Härte des Erzählten überraschend leicht und beweglich macht. Das Tragische kippt immer wieder ins Schicksalhaft-Amüsante, das Groteske ins Komische, ohne je ins Beliebige abzugleiten.
Im letzten Drittel öffnen sich mit den Pariser Episoden und später mit der Schwangerschaft scheinbare Gegenräume, in denen andere Formen von Beziehung und Selbstwahrnehmung möglich werden. Für kurze Zeit gelingt es der Erzählerin, sich aus der vertrauten Konstellation zu lösen und „ich selbst“ zu sein. Doch auch hier unterläuft der Roman jede einfache Vorstellung von Befreiung. Die Strukturen verschieben sich, variieren sich, kehren in neuen Formen wieder. Selbst im Versprechen von Zukunft zeigt sich die alte Dynamik der Projektion – das ungeborene Kind wird zum Träger von Erwartungen, zum Heilsversprechen, das alles richten soll.
Die drastischen Ereignisse gegen Ende führen schließlich nicht in eine kathartische Auflösung, sondern in eine Form von schonungsloser Selbstwahrnehmung. Besonders eindrücklich ist dabei die Art, wie Schuld verhandelt wird – nicht nur als Belastung, sondern als paradoxer Versuch, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dass diese Einsicht zunächst in Erstarrung und Sprachverlust mündet, verleiht dem Roman eine große existenzielle Konsequenz.
Und doch bleibt es nicht dabei. In den letzten Kapiteln verschiebt sich der Ton noch einmal: Aus der Erstarrung entsteht Bewegung, aus der Sprachlosigkeit eine neue Form von Stimme. Wenn Echo beginnt, zurückzurufen, zurückzubrüllen, sich spielerisch und körperlich in ihrem eigenen Echo zu behaupten, dann ist das keine Aufhebung der Bedingungen, wohl aber eine Aneignung. Die Figur bleibt, was sie ist – und gewinnt gerade darin Handlungsspielraum.
Der Roman endet entsprechend leise, fast unspektakulär, in einer Szene von überraschender Leichtigkeit. In der erneuten Begegnung mit einer alten Liebe tritt an die Stelle von Scham und Verstrickung eine Gelassenheit, die nicht mehr alles erklären oder rechtfertigen muss. „Ich liebe dich“, heißt es – und schließlich: „und ich liebe endlich mich.“ Das ist kein pathetisches Finale, sondern eine ruhig gesetzte Öffnung, die dennoch, wie in allen guten literarischen Texten, eine gewisse Unsicherheit erzeugt: Ist das finale Glück echt? Oder ist das ‚neue Paris‘ (wahlweise: der neue Paris) nur eine Täuschung? Bleiben nicht doch Wunden nach der Selbsterkenntnis und der Selbstermächtigung?…
Umso wirkungsvoller ist die anschließende Schlussgeste: In Form einer nüchternen Todesanzeige (augenzwinkernd angekündigt mit der Warnung Lies den Epilog nur, wenn Du Dir sicher bist, dass Du es wissen möchtest) wird Echo zur öffentlichen Figur, zur „Stimme der Zerrissenheit“, deren Geschichte nun als Fall, als Nachricht erscheint. Diese Distanzierung erinnert an ästhetische Verfahren des souveränen Erzählens, nach denen die tragikomische Protagonistin dem unmittelbaren Zugriff entzogen und zugleich in eine neue, gesellschaftliche Lesbarkeit überführt wird. Was zuvor als innere Erfahrung erzählt wurde, erscheint nun als Teil eines größeren Zusammenhangs – und wirft Fragen auf, die weit über die einzelne Figur hinausweisen.
Ich bin Echo ist ein Roman, der viel wagt: thematisch, formal, sprachlich. Nicht alles ist gleichmäßig geglückt, manches geht bewusst an die Grenze der Überfrachtung. Doch gerade in dieser Radikalität liegt seine Stärke. Der Text nimmt seine Figur und ihre Erfahrungen ernst, ohne sie zu glätten, und findet dafür eine eigene, unverwechselbare Sprache.
Ich empfehle diesen Roman allen Menschen, die Mut haben oder sich Mut wünschen: zur Selbsterkenntnis, zum Wagnis neuer Beziehungen, zur eigenen Stimme und zur Zumutung, sich selbst wirklich und tief zu begegnen – und ausdrücklich auch allen Menschen, die sich auf der Suche befinden: nach der Überwindung von Scham, von neurotischen Ängsten vor Scheitern, vor Zurückweisung und schließlich vor sich selbst.
Regina Schrott: Ich bin Echo. EMPATHIE-Verlag. Ahrweiler 2025.
die zeit singt nicht. sie zieht an etwas übrigem. die uhr schreit: drei. und fünf. und später. wenn das haus verlassen werden muss, als sei es das eigene fleisch. und weil die seele hier nicht bleiben kann.
ab-lauf: struktur als behauptung. von ordnung. residual. stunde. für stunde. ununterscheidbar. stundung. im fluss des gleichgültigen. im ausfluss des verbrauchten
ein gang. hinaus. drei. und fünf. und später. mit allem, das sich teilt, nur durch sich selbst. damit sich legt: atem zu atem, stelle zu stelle, druck zu druck.
gedächtnis: delegierung der kenntnis des ortes. an einen körper. zurückgelassen. das fleisch als zeichen: für ein gelungenes protokoll
die stunden zählten dich. drei. und fünf. und später. bis zur ablage – die kommt nie zu spät. im schrank hängt noch: dein mantel. dein schatten. echo eines körpers, der nicht mehr passte.
rückkehr: nicht ereignis. sondern: nachträgliche lokalisierung