
Gott
sehr sicher
im Zu-Fall
im ersten Miss-
Verständnis
des Lichts
Ur-Knall
beim Versuch: zu sprechen
hörte
noch ehe
Anfang
gesagt werden konnte
das Wort:
Hummel
Lyrik|Essays|Kritik

Gott
sehr sicher
im Zu-Fall
im ersten Miss-
Verständnis
des Lichts
Ur-Knall
beim Versuch: zu sprechen
hörte
noch ehe
Anfang
gesagt werden konnte
das Wort:
Hummel

dass niemand sie finde
irrte sie zwischen den Buchen
von Lichtung zu Lichtung
und ließ hinter sich
nichts als die Wege derer
die ihr zu folgen versuchten
die Wanderer der heutigen Zeit
verdanken ihr
Landschaften ohne Ankunft

neun Jahre
neu im Land
neu in den Wörtern
neu im Winter
schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan
Frage des Kindes:
was ist Bedeutung?
Antwort der Lehrkraft:
Das sollst du erklären! –
Die Bedeutung des Stroms
Be.deut?ung¿
Was ist Bedeutung?¿
schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan
aber WAS??
ist Be.deut?ung¿
Es wurde still
im Klassenzimmer
im Museum
der Missverständnisse
Ant-Wort
war Gegenrede
Fragen
war Widerstand
Zeigefinger
der Leerkraft —
Achse des Fortschritts —
vom Arbeitsblatt zum Irrtum
zwischen Lösung und Zukunft
aber
niemand zeigte auf
Be.deut?ung¿
Schweigen
war Widerstand
die Aufgabe saß laut
im Hals
die Aufgabe
aufgegeben
die Aufgabe
abgegeben
wie eine Flaschenpost
entkorkt
vor dem Wurf
ins Wasser der Träume
Das Kind saß still
auf: Gabe
in einsamer Zwischenzeit
vor dem Fenster
drei Amseln
zwei Tauben
ein Spatz
kein Schatten
später
Trabant auf Trabant
drei grüne
zwei blaue
ein weißer
kein Warum
alles
lässt sich zählen
nur Bedeutung
nicht
am Ende
die Fünf
unter dem Blatt
ein amtlicher Stempel
auf der Stirn der Frage
nun —
Jahre später —
steht die Bedeutung
auf der Bühne
sie fragt
was heißt
heißt
?¿

Was steht denn zwischen
Begehren und Schmerz?
Du weißt es so gut –
als Fragende
wie als Trauernde
Du kanntest die Antwort
lange bevor gefragt wurde
Doch:
Du schweigst
Denn Aussprechen wäre Spüren
der namenlosen Stimme
am Rand einer schon vor langer Zeit
abgeschlossenen Handlung
selbst wenn sie
erst viel später einsetzen würde
nachdem du der Zukunft
ihren Anfang gestattet hättest
Denn noch bevor
wir jemanden lieben
haben wir bereits begonnen
ihn zu verlieren
Nur ein wenig
wie der Schatten am Nachmittag
der sich unmerklich streckt
unter der jetzt noch hohen Sonne
Alles beginnt
mit einer Verwechslung
Da ist ein Gesicht
eine Stimme
eine Bewegung der Hand
nichts Besonderes
Und doch bleibt etwas
an ihm hängen
ein Blick vielleicht
oder ein Lächeln
vielleicht sogar eine unverwechselbare Art
den eigenen Namen zu hören
ausgesprochen vom Anderen
wenn er der Einzige ist
wenn sich beim Gang die Straße hinunter
sein Gesicht auf das deine legt
wie eine Maske
ja
das trägst du mit dir fort
ohne zu wissen
warum
Später
werden sie behaupten:
dort fing alles an
Aber das stimmt nicht
Es setzte viel früher ein
in einer Unruhe
im kaum merklichen
Verrutschen der Zeit
ja
plötzlich
stand dort ein Mensch
wo vorher nur Raum war
und es erschien etwas
mit ihm
das es vorher nicht gab:
die Möglichkeit eines Fehlens
ja
das
muss das Geheimnis
sein:
Nicht
dass wir lieben
Sondern
dass wir von Anfang an wissen
dass wir nicht bleiben können
weder im Augenblick
noch im Körper
und erst recht nicht:
in dieser Nähe
Darum schauen wir so lange
Darum hören wir noch einmal hin
und erinnern uns später
an Dinge
die niemals wichtig waren:
ein Ärmel
ein Geruch
ein Satz
den niemand
aufgeschrieben hat
Denn nicht mit Gewissheit
beginnt eine Liebe
sondern mit Verwirrung
mit einer kleinen Störung
im geordneten Ablauf der Welt
mit einem Namen
der plötzlich schwerer wird
als alle anderen
Und noch bevor
du ihn aussprichst
beginnt das Echo

Welt
unsere Ankunft
als sei dort
schon lange niemand mehr gestrandet
die Zimmer
hübsch hergerichtet
die Stimmen:
ausgewiesen
Kindheit
die frühe Kompetenz
mit Wänden zu sprechen
eine Gewohnheit
die man nicht mehr loswird
wie die Alten
die – nachdem verstorben –
endgültig einzogen
bei uns
sie saßen abends
an unseren Tischen
aßen die Vorräte
unserer Ruhe
und des restlichen Lichtes
redeten viel
hauptsächlich:
von sich
und vom Menschen
den sie sich vorgestellt hatten
bevor wir störten
breiteten
ihre Betagtheit aus
in allen Jahreszeiten
ihre Mäntel hingen
über den Stühlen
wie erschöpfte Tiere
ihre Würde
kam aus dem Mehr an Zeit
das sie an uns verschwendeten
wir dagegen
waren immer:
ihr Gegenteil
sie mussten uns erklären
wer wir gewesen seien
wir nickten
wie die Wackeldackel
nur die Tiere
durften bleiben
wie sie angekommen waren
ein Hund
musste sich nicht rechtfertigen
für sein treudoofes Gesicht
eine Katze
nicht für ihr trotziges Schweigen
nur wir
wurden dauernd
mit Bedeutung gefüttert
bis wir nachts
ihre Sätze ausatmeten
im Schlaf
und morgens
wieder fremd
standen
im eigenen Namen

gestern
kamen welche an
irgendwelche
von irgendwoher
das ist
auch nicht mehr
als nirgends
darum
sind sie niemand
denn jemand ist
wer einen ort hat
sie lungern
in unterführungen
sie murmeln
irgendetwas
sie gingen wohl fort
weil ihnen
unwohl war
sie kamen an
die verkommenen
doch sie sollen nicht denken
dass sie
angekommene sind
hier bleibt niemand
der nicht schon
jemand ist
und niemand
der noch
jemand werden möchte
hier
ist schon alles voll
sie wünschten sich
das ende der fremde
aber die
ist hier
noch lange nicht vorbei
hier ist
die zone des durchzugs
zügig weiter bitte
sie werden
etwas anderes finden
etwas
das nicht ihres ist
aber besser passt
sie sehen
halbwegs frisch aus
nicht zu mager
sie haben zeit
weiterzusuchen
sie sollen dorthin gehen
wo andere fremde sind
dort
versteht man sie besser
jeder ist doch
weniger fremd
unter seinesgleichen
da
wo auch immer
ist ein anfang
wahrscheinlicher
für die verendeten
was wollen
die vertriebenen
in den gärten
des zeitvertreibs
wir hören
immer nur geheul
tränen
werden uns
vor die füße geschüttet
augen
haben wir
nicht gesehen
es heißt
sie kommen von weit her
wir rufen zurück
dann macht es ihnen nichts aus
noch weiter zu irren
die irren
die straßen
sind lang
die orte
fern
ins irgendwann gefallen
aber doch bitte
nicht hier
unter die ungestörten
die genügsamen
jene
denen die heimat genügte
wer will schon
ein ziel erreichen
der sich
auf die flucht begab
nein
die augen
sind immer größer
als das erschaubare
sie verließen
die gefilde
wo sie noch
jemand waren
wurden im zug
zu irgendwelchen
gespenster
in der weite
denen der morgen
nicht werden kann
zur schattenwohnung

I. die Namen. verenden
von einem Meer
zum anderen
Ufer
starrt sie lang genug
aufs Wasser
fern ist
der Brunnen
in den der Stein
ihres Namens fiel
sie trug ihn
von Welt zu Welt
in der Leere ihrer Hände
nicht viel
gab man der Fortgeschickten
ein paar Erzählungen
vom grauen Wasser
in dem die Namen verenden
stets am anderen Ort
ist das Paradies
zu kurz
die Arme
einzeln
sind die Orte
der Heimat
zahlreich jene
der Fremde
die Sage ging
von einer Sprache
ertrunken
die Stumme
eine Verstoßene
steht in Vitrinen
singt sich die Seele
aus dem lautlosen Leib
die Hiesigen
fressen den Klang
ihres Atems
summen
was will die denn
ein Brot
ein Bett
ein Fenster
sie aber
bleibt zurück
bestellt und
nicht abgeholt
in stillgelegter Zeit
II. AKTEN.NOTIZ
es wird berichtet:
im vereisten Gehör
anhaltend
die Weherufe
des Vaters
zur Mutter
liegt vor:
Neigung
zum Träumen
unzureichende Kraft
die verlorenen Kinder
eine weitere Nacht
zu beklagen
III. fremd. endlos
hilf mir
zu vergessen
meine Liebe
niemand
wird ertragen
den Tag der Rückkehr
viele Stimmen
zogen schon
an meiner Tür
vorbei
die meine
lieh ich
dem Schrei
der Ertrinkenden
die Flossen
wurden mir nicht
zur Zunge
die Füße
haben nicht gelernt
zu tanzen
mein Atem
ist ein Wind
durch das Hohle
der Regenrinnen
ich stieg
aus Schaum
jetzt
steht er
am Mund
des Toten
ich war
ein junger Baum
im Fenn
ich bin
ein Stein
am Wegrand
im Licht der Pfützen
steht
fremd
endlos
IV. TRANSIT.PROTOKOLL
lief
der Zeit
davon
ortlos
heimgesucht
buchte
Verbleib
im Augenblick
erfasst
war
auf Enthalt
Fernes
im Fleisch
Retour
ausgeschlossen
V. das Licht. hat sich geirrt
ich sage jetzt nichts mehr
ich bin jetzt in der Sage
zwischen die Fotos gerutscht
in die Ritze des Sofas
ich liege unter den Trümmern
der uferlosen Erzählungen
habe die Augen der Greisinnen
Flechte auf dem Gestein
ich bin: die Gesagte
ich bin nicht: die Angesagte
heiße: zur unrechten Stunde Gekommene
heiße nicht: die Abgeholte
stehe an der Haltestelle
an der Stelle ohne Halt
das Licht
hat sich geirrt

Wenn ich erwache
liegt das Meer vor den Straßen
letzte Kühle
vor dem Licht
das Wasser
glatt wie ein See
der den Frost noch kennt
die Welt
noch nicht entlassen
aus dem Schlaf
die Zeit
noch unentschlossen
ob Schwelle
oder Spalt
ich höre schon
den zweiten
den dritten Schritt
des fremden Fußes
wie Landschaft
die durch den Körper geht
bis wieder Abend ist
und sich der Himmel
allem beugt
dunkler
ohne Grund
zahllos
liegen die Kiesel
unter den Sohlen
ich hebe
einen auf

am Anfang steht:
ein Wort
das sich nach oben irrt
ein Satz
gebaut auf Antwort
ein Ruf
in banger Erwartung
nichts
halten die Hände
lange genug
um es glauben zu können
das Ende aber:
soll kein Ende sein
nur: Verstreuung
darum:
solange
man dazwischen hängt
fällt ein Ding
aus seinem Namen
ein initialer Laut
vom Zweig geschnitten
der klingt
nach allem Abschied
allen Bitten:
wie Atmen:
Biss ins Fleisch
der unverwandten Stille
ein Echo ohne Mund—
vergesse. folge. fülle.
Beginn eines prosalyrischen ‚Endlos‘-Monologs

ἴδμεν γάρ τοι πάνθ ᾽ […]
ἴδμεν δ᾽ ὅσσα γένηται ἐπὶ χθονὶ πουλυβοτείρῃ
uns ist alles bekannt […]
was irgend geschieht auf der vielnährenden erde
ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper…