grand opéra

schnapp.schuss
frucht.ziehung
nieß.brauch
kleb.stoff: im nutz-Los

war als
alcina
ein einziges
schreibmaschinen-
geklimper

wurde beschimpft 
gebührenfrei

woke mischpoke
aufgeräumt
und verklemmt

blitzblank
zwischen den küchenkräutern
nicht ein einziger krümel

trug
bärte kalten milchschaums
lehmzungen
in die winde flüsternd

sprach:
davor ist
immer alles schlechter
und so vieles bleibt
danach
das nie wieder gut werden wird

hatte
keine idee
was jetzt sein könnte
wenn etwas sein dürfte

ggf.
(genommenfalls)
wie früher
oder anders

für den verspäteten
dickkopf im sand
monostatos
im white-facing
am bahnsteig 
allein

oder
die drei damen
mit qietschenden gelenken
zauberinnen
zahnlos
am lachen 
beinahe erstickt

wie säuglinge
unter beschädigten schatten 
zahllosen
an den erschöpften brüsten
der weilich weisesten wala
die den letzten zug 
in richtung ausgang der nacht
fast verpasst hätte 

wär um ein haar
verdunstet
wie daphne 
mit den feldern
den seen
den verheißungen 
und dem vergessen

weil niemand wandert
und niemand segelt

die tauben nüsse
mit stopfgehör

mit körpern aus pappmaschee
und knochen aus zuckerwatte

entfernt 
aus den sauber beschnittenen
immergrünhecken

falls ein:
herbstverbot

und weil:
die welt sehr im außen
ihre innereien hat

stieg also:
um
(statt auf)
trat also blindlings:
in die kulisse 

wusste:
als sich der fuß 
der stummen dryade 
ins unumgängliche verdrehte –

etwas wichtiges 
war gesungen worden 

und spürte
wieder daheim
im gähnen
auf der brennenden netzhaut 
ein verlöschendes nachbild

stoffloser
seh[n]sucht

geborgtes Ufer

Serie Echo ohne Mund 04/2026

dass niemand sie finde
irrte sie zwischen den Buchen

von Lichtung zu Lichtung

und ließ hinter sich
nichts als die Wege derer

die ihr zu folgen versuchten

die Wanderer der heutigen Zeit
verdanken ihr

Landschaften ohne Ankunft

Be.deut?ung¿

Ostdeutschland
1981
Ankunft: einer Anderen
von weiter her
als man denken konnte
in jener Zeit

für Vera Nemirova
Serie Echo ohne Mund 03/2026

neun Jahre
neu im Land
neu in den Wörtern
neu im Winter


schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

Frage des Kindes:
was ist Bedeutung?

Antwort der Lehrkraft:
Das sollst du erklären! –
Die Bedeutung des Stroms

Be.deut?ung¿
Was ist Bedeutung?¿

schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

aber WAS??
ist Be.deut?ung¿


Es wurde still
im Klassenzimmer
im Museum
der Missverständnisse

Ant-Wort
war Gegenrede
Fragen
war Widerstand

Zeigefinger
der Leerkraft —
Achse des Fortschritts —
vom Arbeitsblatt zum Irrtum
zwischen Lösung und Zukunft


aber
niemand zeigte auf
Be.deut?ung¿


Schweigen
war Widerstand


die Aufgabe saß laut
im Hals

die Aufgabe
aufgegeben

die Aufgabe
abgegeben

wie eine Flaschenpost
entkorkt
vor dem Wurf
ins Wasser der Träume

Das Kind saß still
auf: Gabe

in einsamer Zwischenzeit
vor dem Fenster

drei Amseln
zwei Tauben
ein Spatz

kein Schatten


später
Trabant auf Trabant

drei grüne
zwei blaue
ein weißer

kein Warum


alles
lässt sich zählen
nur Bedeutung
nicht


am Ende
die Fünf
unter dem Blatt

ein amtlicher Stempel
auf der Stirn der Frage


nun —
Jahre später —
steht die Bedeutung
auf der Bühne

sie fragt
was heißt

heißt
?¿

Erste Verwirrung

Serie Echo ohne Mund 02/2026

Was steht denn zwischen
Begehren und Schmerz?

Du weißt es so gut –
als Fragende
wie als Trauernde

Du kanntest die Antwort
lange bevor gefragt wurde

Doch:
Du schweigst

Denn Aussprechen wäre Spüren
der namenlosen Stimme

am Rand einer schon vor langer Zeit
abgeschlossenen Handlung

selbst wenn sie
erst viel später einsetzen würde

nachdem du der Zukunft
ihren Anfang gestattet hättest

Denn noch bevor
wir jemanden lieben
haben wir bereits begonnen
ihn zu verlieren

Nur ein wenig

wie der Schatten am Nachmittag
der sich unmerklich streckt
unter der jetzt noch hohen Sonne

Alles beginnt
mit einer Verwechslung

Da ist ein Gesicht
eine Stimme
eine Bewegung der Hand

nichts Besonderes

Und doch bleibt etwas
an ihm hängen

ein Blick vielleicht
oder ein Lächeln

vielleicht sogar eine unverwechselbare Art
den eigenen Namen zu hören
ausgesprochen vom Anderen

wenn er der Einzige ist

wenn sich beim Gang die Straße hinunter
sein Gesicht auf das deine legt
wie eine Maske

ja
das trägst du mit dir fort
ohne zu wissen
warum

Später
werden sie behaupten:
dort fing alles an

Aber das stimmt nicht

Es setzte viel früher ein
in einer Unruhe
im kaum merklichen
Verrutschen der Zeit

ja
plötzlich
stand dort ein Mensch
wo vorher nur Raum war

und es erschien etwas
mit ihm
das es vorher nicht gab:

die Möglichkeit eines Fehlens

ja
das
muss das Geheimnis
sein:

Nicht
dass wir lieben

Sondern
dass wir von Anfang an wissen
dass wir nicht bleiben können

weder im Augenblick
noch im Körper

und erst recht nicht:
in dieser Nähe

Darum schauen wir so lange
Darum hören wir noch einmal hin

und erinnern uns später
an Dinge
die niemals wichtig waren:

ein Ärmel
ein Geruch

ein Satz
den niemand
aufgeschrieben hat

Denn nicht mit Gewissheit
beginnt eine Liebe
sondern mit Verwirrung
mit einer kleinen Störung
im geordneten Ablauf der Welt

mit einem Namen
der plötzlich schwerer wird
als alle anderen

Und noch bevor
du ihn aussprichst

beginnt das Echo

die Alten: eingezogen. die Stimmen: ausgewiesen

Serie Echo ohne Mund 01/26

Welt
unsere Ankunft
als sei dort
schon lange niemand mehr gestrandet

die Zimmer
hübsch hergerichtet
die Stimmen:
ausgewiesen

Kindheit
die frühe Kompetenz
mit Wänden zu sprechen
eine Gewohnheit
die man nicht mehr loswird

wie die Alten
die – nachdem verstorben –
endgültig einzogen
bei uns

sie saßen abends
an unseren Tischen
aßen die Vorräte
unserer Ruhe
und des restlichen Lichtes

redeten viel
hauptsächlich:
von sich

und vom Menschen
den sie sich vorgestellt hatten
bevor wir störten

breiteten
ihre Betagtheit aus
in allen Jahreszeiten

ihre Mäntel hingen
über den Stühlen
wie erschöpfte Tiere

ihre Würde
kam aus dem Mehr an Zeit
das sie an uns verschwendeten

wir dagegen
waren immer:
ihr Gegenteil

sie mussten uns erklären
wer wir gewesen seien

wir nickten
wie die Wackeldackel

nur die Tiere
durften bleiben
wie sie angekommen waren

ein Hund
musste sich nicht rechtfertigen
für sein treudoofes Gesicht

eine Katze
nicht für ihr trotziges Schweigen

nur wir
wurden dauernd
mit Bedeutung gefüttert

bis wir nachts
ihre Sätze ausatmeten

im Schlaf

und morgens
wieder fremd

standen
im eigenen Namen

ELEKTRA – Werkstattgespräch mit Vera Nemirova

Einladung zur Veranstaltung am Freitag, 29. Mai 2026, 19.00 Uhr, Woelfl-Haus Bonn

Titelblatt des Librettos. Zeichnung von Lovis Corinth (1909)

Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt?

Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde. Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns. Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.

Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?

Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (UniversitätBonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.

Die Veranstaltung findet im Woelfl-Haus Bonn statt (Meßdorfer Straße 177, Bonn-Lessenich).
Das Woelfl-Haus Bonn ist mit den Buslinien 610 und 611 (Richtung Lessenich, Duisdorf) bequem vom Hauptbahnhof Bonn aus zu erreichen (Fahrtzeit: etwa 20 Minuten).

Anmeldung unter: haider-dechant@woelflhaus.de oder Tel.: 0151-655 18155.

Der Eintritt ist frei.


Vera Nemirova

Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“.
Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“.
Vera Nemirova ist Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre
Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.

alm.ab.trieb

chor: der unbehelligten
zu gast: im durchgangs.stadl

gestern
kamen welche an

irgendwelche
von irgendwoher

das ist
auch nicht mehr
als nirgends

darum
sind sie niemand

denn jemand ist
wer einen ort hat

sie lungern
in unterführungen

sie murmeln
irgendetwas

sie gingen wohl fort
weil ihnen
unwohl war

sie kamen an
die verkommenen

doch sie sollen nicht denken
dass sie
angekommene sind

hier bleibt niemand
der nicht schon
jemand ist

und niemand
der noch
jemand werden möchte

hier
ist schon alles voll

sie wünschten sich
das ende der fremde

aber die
ist hier
noch lange nicht vorbei

hier ist
die zone des durchzugs

zügig weiter bitte

sie werden
etwas anderes finden

etwas
das nicht ihres ist
aber besser passt

sie sehen
halbwegs frisch aus
nicht zu mager

sie haben zeit
weiterzusuchen

sie sollen dorthin gehen
wo andere fremde sind

dort
versteht man sie besser

jeder ist doch
weniger fremd
unter seinesgleichen

da
wo auch immer
ist ein anfang
wahrscheinlicher

für die verendeten

was wollen
die vertriebenen
in den gärten
des zeitvertreibs

wir hören
immer nur geheul

tränen
werden uns
vor die füße geschüttet

augen
haben wir
nicht gesehen

es heißt
sie kommen von weit her

wir rufen zurück
dann macht es ihnen nichts aus
noch weiter zu irren

die irren

die straßen
sind lang

die orte
fern

ins irgendwann gefallen

aber doch bitte
nicht hier

unter die ungestörten
die genügsamen

jene
denen die heimat genügte

wer will schon
ein ziel erreichen

der sich
auf die flucht begab

nein

die augen
sind immer größer
als das erschaubare

sie verließen
die gefilde
wo sie noch
jemand waren

wurden im zug
zu irgendwelchen

gespenster
in der weite

denen der morgen
nicht werden kann

zur schattenwohnung

Arlette/Rusalka

I. die Namen. verenden

von einem Meer
zum anderen

Ufer

starrt sie lang genug 
aufs Wasser 

fern ist
der Brunnen
in den der Stein
ihres Namens fiel

sie trug ihn
von Welt zu Welt
in der Leere ihrer Hände

nicht viel 
gab man der Fortgeschickten 

ein paar Erzählungen 
vom grauen Wasser
in dem die Namen verenden 

stets am anderen Ort
ist das Paradies

zu kurz
die Arme

einzeln
sind die Orte
der Heimat

zahlreich jene
der Fremde

die Sage ging 
von einer Sprache
ertrunken 

die Stumme
eine Verstoßene

steht in Vitrinen 

singt sich die Seele
aus dem lautlosen Leib

die Hiesigen 
fressen den Klang 
ihres Atems 

summen
              was will die denn
             
              ein Brot
              ein Bett
              ein Fenster

sie aber
bleibt zurück 
bestellt und 
nicht abgeholt

in stillgelegter Zeit

II. AKTEN.NOTIZ

es wird berichtet:

im vereisten Gehör
anhaltend
die Weherufe
des Vaters

zur Mutter
liegt vor:

Neigung
zum Träumen

unzureichende Kraft
die verlorenen Kinder
eine weitere Nacht
zu beklagen 

III. fremd. endlos 

hilf mir
zu vergessen
meine Liebe

niemand 
wird ertragen 
den Tag der Rückkehr 

viele Stimmen
zogen schon
an meiner Tür
vorbei

die meine
lieh ich
dem Schrei
der Ertrinkenden 

die Flossen
wurden mir nicht
zur Zunge

die Füße
haben nicht gelernt 
zu tanzen

mein Atem
ist ein Wind
durch das Hohle
der Regenrinnen

ich stieg 
aus Schaum

jetzt
steht er
am Mund
des Toten

ich war
ein junger Baum
im Fenn

ich bin
ein Stein
am Wegrand

im Licht der Pfützen 
steht

fremd
endlos

IV. TRANSIT.PROTOKOLL

lief
der Zeit 
davon

ortlos
heimgesucht

buchte 
Verbleib
im Augenblick
erfasst

war
auf Enthalt

Fernes
im Fleisch

Retour
ausgeschlossen 

V. das Licht. hat sich geirrt

ich sage jetzt nichts mehr 
ich bin jetzt in der Sage

zwischen die Fotos gerutscht 
in die Ritze des Sofas

ich liege unter den Trümmern
der uferlosen Erzählungen 

habe die Augen der Greisinnen
Flechte auf dem Gestein

ich bin: die Gesagte
ich bin nicht: die Angesagte

heiße: zur unrechten Stunde Gekommene
heiße nicht: die Abgeholte

stehe an der Haltestelle 
an der Stelle ohne Halt

das Licht
hat sich geirrt

Wenn ich erwache

Wenn ich erwache
liegt das Meer vor den Straßen

letzte Kühle
vor dem Licht

das Wasser
glatt wie ein See
der den Frost noch kennt

die Welt
noch nicht entlassen
aus dem Schlaf

die Zeit
noch unentschlossen
ob Schwelle
oder Spalt

ich höre schon
den zweiten
den dritten Schritt

des fremden Fußes

wie Landschaft
die durch den Körper geht

bis wieder Abend ist

und sich der Himmel
allem beugt

dunkler
ohne Grund

zahllos
liegen die Kiesel
unter den Sohlen

ich hebe
einen auf