häusliche. trans\substantiation

gedicht. beim ziehen der hühnersuppe

am anfang. zwiebel. ihr tränenrührendes gold. am boden des suppentopfes | dann: wasser. regen des herbstes. und was die erde hergibt. an wurzeln. und kräutern. und stillen vorräten | dann das salz der meere. den pfeffer der fremde. das nötige bisschen schärfe aus ferneren sommern | während das huhn. langsam. von sich gibt. was es gewesen ist | nichts geht verloren. nur über. in etwas. das keinen namen braucht. nur eine zunge. die schmeckt. und eine kehle. die schweigt | man lässt sie ziehen. wie unnütze sorgen. und stunden später. wenn draußen der wind pfeift. haben unter dem deckel. die dinge zueinander gefunden | und einer. der kränkelt. nimmt einen löffel. von dieser welt | und gibt ihn noch lange nicht ab 

ohne weitere aussicht

du. lieber. ich fuhr aufs land.
tote sonntage. ein anderer tag
kam bislang nicht vorbei.

trotzdem. das leben. das einzige.
pausenlos. fraglos. übersichtlich
in seiner bedarfsarmut.

lieber. du. nur meine arme
um dich. einmal. bevor.
wortloses atmen.

lange stand ich im schweigen.
rändlich. tastend. die zitternden wände
einer unbewohnten zeit entlang.

nicht das aufdringliche neue
nährt den zweifel. sondern
das verzehrte gesicht des alten.

wärst du noch hier.
würde ich sprechen. von allem
was ich an gutem denken kann.

allein. die sprache davon.
müsste doch…

müsste ein jegliches besser machen.
und gut sein lassen. alles.
was einmal gesagt war.

niemand. weiß es.
niemand. soll es wissen.
besser als du. lieber.

Bitte nicht einsteigen

Eine kleine Metaphysik der Beförderung

Ich war frühzeitig aufgebrochen. Das war mein erster Fehler. Eine Stunde vor der vorgesehenen Zeit stand ich am Bahnhof Ahrweiler Markt, um sicherzustellen, dass ich rechtzeitig zu spät kommen würde. Die Deutsche Bahn hatte meinen Vorsprung erkannt und unverzüglich Gegenmaßnahmen eingeleitet. Der Zug fiel aus.

Damit war die erste Stunde erfolgreich vernichtet. Sie hatte sich ohnehin als überflüssig erwiesen. Im System der Deutschen Bahn ist Zeit keine physikalische Größe, sondern eine Zumutung, die der Fahrgast an den Betrieb heranträgt. Wer früher kommt, hat mehr Zeit, auf das Ausbleiben dessen zu warten, was später ebenfalls nicht kommt.

Ich nahm also den Zug, den ich ursprünglich hätte nehmen sollen. Das war immerhin ein Fortschritt. Ich befand mich wieder dort, wo ich ohne meine Vorsichtsmaßnahme bereits gewesen wäre. Man könnte von einer Wiederherstellung des ursprünglichen Schadens sprechen.

In Remagen erwartete mich die nächste Unterweisung: BITTE NICHT EINSTEIGEN. So stand es am Zug. Die App hingegen erklärte, ich solle einsteigen. Das Zugbegleitpersonal war anwesend, konnte aber nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es sich bei dem Zug um den Zug handelte, in dem es sich befand. Jemand rief: Geisterzug! Eine schwierige erkenntnistheoretische Lage. Das Zugbegleitpersonal stieg dennoch ein. Die so genannten Fahrgäste folgten verunsichert, aber nicht ohne Hoffnung – und sowieso mangels Alternativen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Er fuhr sogar in die richtige Richtung, was angesichts der ungeklärten Identitätsverhältnisse als bemerkenswerte Eigeninitiative des Schienenfahrzeugs gewertet werden muss.

Wenig später meldete sich eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Aus betrieblichen Gründen müssen wir den Stromabnehmer senken; dabei entstehen Geräusche auf dem Dach.“

Es wurde still. Wir hatten bis dahin nicht gewusst, dass wir über einen Stromabnehmer verfügten. Nun sollte er gesenkt werden. Aus betrieblichen Gründen. Niemand fragte, welche Gründe das seien. Auch die angekündigten Geräusche auf dem Dach nahmen wir widerspruchslos hin. Schließlich war es beruhigend, dass die Geräusche angekündigt wurden, bevor sie entstanden. Man hatte uns auf das Kommende vorbereitet. Das war mehr, als sich vom Leben im Allgemeinen behaupten ließ. Oben wurde etwas gesenkt. Unten blieben wir sitzen. Es war eine geordnete Angelegenheit. Der Zug fuhr weiter. Wir auch. Zumindest gingen wir davon aus.

In Koblenz durfte ich mit allen anderen Menschen, die sich für den heutigen Vormittag Reisende nannten, eine weitere Stunde mehr warten und ruhen. Unter Wartenden und Ruhenden entsteht Gemeinschaft, wenn auch nur eine sehr befristete. ICE 27 Richtung Frankfurt war eine Stunde verspätet. Dafür hatte er seinen Fahrplan überarbeitet. Frankfurt Hauptbahnhof, bislang eine gewisse Konstante im deutschen Eisenbahnwesen, war aus der Wirklichkeit gestrichen worden. Als Ersatz wurde Frankfurt Süd angeboten. Man hatte offenbar beschlossen, Frankfurt sei Frankfurt, und Süden sei schließlich auch eine Himmelsrichtung.

Wir Fahrgäste nahmen dies dankbar zur Kenntnis. Nicht alle Städte verfügen über einen Süden. Nicht alle Züge über eine Richtung. Nicht alle Richtungen über ein Ziel. Es lag nahe, über das Leben nachzudenken.

War man im Grunde nicht immer schon unterwegs gewesen? Hatte man nicht zahllose Stunden damit verbracht, rechtzeitig an Orten anzukommen, an denen man schließlich doch nicht geblieben war? Hatte man nicht Menschen verlassen, um andere zu erreichen, die ihrerseits verspätet waren oder den Halt ersatzlos gestrichen hatten? Vielleicht ist das Leben überhaupt nur eine Folge von Anschlussverbindungen, deren Existenz sich erst im Augenblick ihres Scheiterns bestätigt.

Man wird geboren, ohne einen Fahrschein gelöst zu haben. Man steigt ein, weil alle einsteigen. Man vertraut den Anzeigen, den Stimmen aus dem Lautsprecher, den freundlichen Damen und Herren in Uniform, die erklären, dass man aufgrund einer Störung im Betriebsablauf leider nicht dort ankommen könne, wo man hinwolle. Wohin man stattdessen komme, werde rechtzeitig bekannt gegeben. Gegebenenfalls.

Ich fahre übrigens zur Frankfurter Buchmesse. Dort werden Bücher vorgestellt, die von Menschen handeln, die unterwegs sind, sich verirren, scheitern, hoffen, verzweifeln und am Ende vielleicht eine Erkenntnis gewinnen. Ich habe mein Buch bereits geschrieben. Es heißt: Bitte nicht einsteigen. Es erscheint voraussichtlich. Ein Erscheinungstermin kann aus betrieblichen Gründen derzeit nicht genannt werden. Wir bitten um Ihr Verständnis. Bitte bleiben Sie bis auf Weiteres an Ihrem Platz. Auch wenn dieser nicht mehr vorhanden ist.

Hier wäre der Bericht fast zum Ende gekommen, als sich plötzlich am Fernbahnhof Flughafen Frankfurt etwas ereignete, das in den einschlägigen Beförderungsbedingungen nicht vorgesehen war: ein Wunder.

Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand ein anderer ICE. Er fuhr nach Frankfurt Hauptbahnhof. Jenem Hauptbahnhof, der wenige Minuten zuvor noch aus der Wirklichkeit gestrichen worden war. Man hatte ihn offenbar wiedergefunden. Oder er hatte sich selbst gemeldet.

Ich wechselte den Zug. Ohne Antrag, ohne Genehmigung, ohne vorherige Anhörung. Ein Akt zivilen Ungehorsams gegenüber dem Fahrplan.

Nun saß ich in einem Zug, der dorthin fuhr, wohin der andere nicht mehr fahren sollte. Ob er dort halten würde, war eine Frage des Glaubens. Die Hoffnung hatte ich inzwischen als unzuverlässiges Verkehrsmittel kennengelernt.

Vielleicht war dies die eigentliche Lehre des Tages: Dass man sein Ziel nur erreicht, wenn man rechtzeitig den Zug verlässt, der einen dorthin bringen sollte. Und dass selbst die Deutsche Bahn gelegentlich eine Auferstehung zulässt. Allerdings ohne Anschlussgarantie.

zeit.male

[aus dem notizbuch]

beginn eines neuen langgedichts

ja. auch. die körper. sind geschichte[t] / der AB.stand. vergrößert | zwischen den bildern. übernommen. überhoben. tanz und kreuzBRUCH | auf. schnitt | zeit.scheiben | fraß. des verschobenen

ja. unter der haut. dieselbe alte verkehrslage | es zog etwas. ein. das sich auszog. um sich mit einer stelle zu bekleiden. einer starre. nach dem abzug. der reste | blut. auf dem weg. zu blut | herz. auf dem weg. zurück | nichts. kommt an | ohne. wieder. fortzumüssen | in den adern. stocken noch. die vielen kleinen kriege | an den fersen. ziehen noch. die vielen fluchten | auf den versen. liegen wieder | kaum hörbar | die gedanklichen. ablagerungen | die den raum der worte. nicht fanden. oder. den sinn der suche. sahen in der. uferlosigkeit

ja. damals. waren sie noch. ganz nah bei ihm | aber. er hatte für sie. keine namen | wo. also war. der platz. jener enge | zwischen hals und hand | jener schalter. abzustellen. den schmerz | bei den vasen. und den schalen. die das übrige. von sich stießen | nach ablauf. der duldung. allen staubs. und aller versprechungen 

ja. seitdem. läuft er. ganz leise | aber. nicht im kreis | wider. die wiederkehr | für alles. was fehlt | für jedes. mal. das etwas anderes. auflöste im gleichen | und nicht. zurückbrachte. den flehenden. die fehlenden 

ja. draußen. stand dieser baum | in seiner langsamen aufruhr | aber. jedes blatt. hielt einen fetzen luft | hielt das licht. für eine frühere verletzung | denn. darunter. die erde | nass. und voller. fortsetzungen | fraß. was fiel | ohne. es zu beenden | ohne. es zu beerben 

ja. man könnte. fast glauben | alles. habe seinen lauf | aber. der lauf. habe niemanden | und wenn er. auch läuft und läuft | steht doch. in seiner mitte. etwas. das nicht mitgeht | keine ruhe. weil. es zu wach ist | kein halt. weil. es nichts hält | eben. sehr schlicht | nur. die stelle | an der. das vorher aufhörte | nachher. zu werden | eben dort | wo. für weniger. als einen augenblick | die zeit. fällt | aus dem gehäuse. ihrer verwendung | weil. niemand sie brauchte | und die hand. nichts halten musste | und der mund. nichts erwiderte | und das auge. keinen menschen. bei sich hielt 

ja. selbst der schmerz. verlor | für einen schlag. seine zuständigkeit | so dass man | nein | auch. dieses MAN | nicht. nur diese. ungeheure. un. benötigte. gegenwart | bis der körper. sich erinnert | dass er. einer war | knochen. gewicht. hunger | eine narbe. zieht | wetter auf | und alles. was gewesen | legt wieder. seine hand | auf alles. was noch | nicht | so wird. man | vor dem. ewigen | bewahrt | durch. verschleiß | durch das. lächerliche | weiter. schlagen | eines herzens | das von. erlösung | nichts | weiß

seen.platte

ach ja

und wieder die erde
zur einsamen stunde
die wunden der ernte ausstellend
offenes feld
strohvoll
verschluckte zeit

gesicht des käuzchens
vom letzten traum
versehen

angelwurf
eines entwöhnten blicks
dass nicht zu nah komme
das einmal entfernte

3fach vergrößerter mond
in einer pfütze
die kaum ein kindliches hüpfen
zu fassen vermag

in kalter platte
das bild verwahrt
zum schutz vor den sprüngen
von ufer zu ufer

bereiche dazwischen

in der zone des
aus
bleibens
der eingegangenen hoffnung

weil heute mein geburtstag ist…

[geburtstag; ein verzweifelter versuch der zeit, sich kurzfristig beliebt zu machen]

ich schreibe
geburtstag
klein

und auch sonst
alles

[ständchen | für mich selbst]

heute
zeige ich
die zeit an

für die dauer
in der sie mir fehlte

gestern
stellte ich
die uhren vorsorglich

eine stunde
jünger

der spiegel bat mich
bevor ich zu bett ging
ein wahres gesicht zu zeigen

morgen

und zu vertrauen
den kerzen

und im anschluss
an die grüße

das ver-
gangene jahr
sehr sauber
zusammenzufalten

und zurück-
zulegen für
später

und
dann
über mich
zu lesen

falls
ich
noch finde

die lesebrille

nach der siebten pforte

per-se-phonie

[früh.jahr_2020]

Beginn eines prosalyrischen ‚Endlos‘-Monologs

ἴδμεν γάρ τοι πάνθ ᾽ […]
ἴδμεν δ᾽ ὅσσα γένηται ἐπὶ χθονὶ πουλυβοτείρῃ

uns ist alles bekannt […]
was irgend geschieht auf der vielnährenden erde

ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper…

end.los | brief aus der isolation

der zu einer unkenntlichkeit geschrumpfte körper. die ganze sich stetig schneller drehende welt. die keinen anderen halt erlaubt, als den dunklen, stillen fleck des eigenen, einen stand-orts. hier ist man vorerst nur, um vorhanden zu sein. hier könnte man eines tages warten, falls etwas zu erwarten ist. das offen zugewandte erreicht einen hier nicht und hat – wie alles unsichtbare – eine erstaunliche grenzenlosigkeit. doch das eigentliche hat jetzt einen fernen platz jenseits der gläsernen wände, die aus den früheren pfaden wuchsen, unbemerkt zur zeit des wachstums einer dünnen, nachträglich gebildeten kruste um ich und welt. die zeit regnet sich ab. ein gebrochenes, altersschwaches licht trifft die haut. man steht als ein unbewegliches in der reibung des flusses. man steht wie ein warnsignal am rand einer start- und landebahn der beflügelten. man steht an der grenze zum undurchstoßbaren. man stand vielleicht schon immer dort – ohne es zu bemerken. dabei weiß man doch in der tiefe der seele, dass es einmal – zu einem jetzt noch unbekannten moment – ein geräusch geben wird, das nicht wie ein laut ist, sondern vielmehr ein nachlassen der stille, als hätte sich irgendwo ein ton gelöst, der nie ganz dazugehört hatte. oder: ein schatten verschiebt sich. nicht viel. nur so weit, dass man nicht mehr sagen kann, ob er noch derselbe ist. oder: etwas zuckt. nicht im körper – eher an ihm vorbei. als hätte ihn etwas kurz gestreift, das keine spur hinterlässt. oder: ein augenblick dauert länger, als er dürfte. oder kürzer. man mag es nicht entscheiden. oder: ein wort stellt sich ein. ohne laut. und bleibt, ohne gesagt zu werden. und plötzlich ist das, was zuvor ich war, ein nichts, das nicht mehr zu verschieben ist. und welt ist jetzt alles, jedoch ohne geräusch, ohne schatten, ohne zucken. ein raum. und eine stelle, die nicht sichtbar ist, die nicht benannt wird. und gerade deshalb bleibt. man könnte sie für einen moment verwechseln mit ruhe. aber sie ist kälter. sie hat keinen rand. keinen zugang. sie entzieht sich jeder bewegung, weil sie selbst keine mehr kennt. dort sammelt sich nichts. nichts wird dort gehalten. nicht einmal der schmerz. und doch ist es genau das, was nicht mehr wehtut, weil es nicht mehr wehtun kann. eine stelle, an der einmal etwas offen war, das sich nun schloss. nicht verheilt, sondern entzogen. und das zurückbleibende ist keine wunde, sondern nur die vorstellung von einer wunde, die keinen zugriff mehr erlaubt. nein: diese kälte friert nicht, sondern sie stellt fest – dass dort nichts mehr erreicht werden kann.

end.los | brief aus der isolation

jetzt müsste doch eigentlich eine große trauer durch die welt ziehen. aber den menschen gelingt es immer sehr gut, den schmerzen aus dem weg zu gehen… und dann immer dieses theater um die besseren kenntnisse, fakten, daten… statt nur ein einziges mal den mut aufzubringen, die siebte pforte der angst zu öffnen. und durch die räume des leids zu gehen, vorbei an unverputzten wänden und grau verhangenen fenstern. und es dort auszuhalten eine gewisse, ungewisse zeit, bis zum unfassbaren schritt von der kenntnis zur erkenntnis – von der kenntnis der verletzlichkeit zur erkenntnis einer zuwendung, die man nicht immer nur empfangen muss, sondern auch einmal spenden kann… oder vielleicht den glauben zu überwinden, dass jede zwanghaft ertragene zumutung eine heldentat ist… oder derer nicht mehr zu gedenken, die sich pathologisch schon so weit selbst erhöht hatten, dass sie keiner fremden menschlichen liebe mehr bedurften und zugleich ihre anbetung erzwangen; die ihre triebhafte sucht nach bedeutung und anerkennung auf der angst und ohnmacht jener gründen, die das haus ihrer not nicht verlassen werden… die veränderung aber bestünde nicht darin, dass etwas neues entstünde, sondern darin, dass nichts mehr umgangen werden könnte, dass jeder blick ein zweiter wäre, dass jede begegnung nicht mehr abgebrochen werden dürfte, ohne dass etwas zurückbliebe, das sich nicht mehr tilgen lässt. eine veränderung, nach der man nicht mehr darauf beharrt, recht zu behalten, nach der man nicht mehr zuerst sich selbst versteht, nach der man nicht mehr spricht, um zwischen allen stimmen zu bestehen, sondern um zu bleiben, wenn sich kein laut mehr rührt. eine veränderung, die bewirkte, dass bedeutung nicht mehr erarbeitet werden müsste, dass sie sich entzöge, dass sie dort entstünde, wo niemand sie beanspruchte, dass zuwendung nicht mehr als antwort erschiene, sondern als voraussetzung, dass man nicht mehr gefragt würde, ob man bereit sei, sondern nur noch, ob man geblieben sei, dass der körper nicht mehr nur getragen würde, sondern trüge, dass man nicht mehr ausweichen könnte vor dem puls des anderen. dass man im bleiben zur bleibe wird. ohne gewähr. ohne grund.

end.los | brief aus der isolation

die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.