Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist

Rezension: Regina Schrott, Ich bin Echo

Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist.
Oder vielleicht gerade dann, wenn du es nicht bist…

Denn Regina Schrott erzählt in ihrem Debütroman Ich bin Echo keine beruhigende Geschichte, sondern eine, die sich leise unter die Haut schiebt. Eine Geschichte über Stimmen und Gegenstimmen, über das Sprechen und Überhörtwerden – und über Beziehungen, in denen man sich selbst allzu leicht verliert, ohne es sofort zu merken.

Der Mythos von Echo und Narziss gehört zu den stilleren, zugleich grausam präzisen Erzählungen der Antike. Echo, zur Strafe ihrer eigenen Stimme beraubt, kann fortan nur noch wiederholen, was andere sagen; Narziss hingegen, unfähig zur wirklichen Beziehung, verfällt seinem eigenen Spiegelbild. Was hier als göttliche Metamorphose erscheint, ist im Kern eine Konstellation radikaler Asymmetrie: Hier das Begehren nach Resonanz, dort die Selbstgenügsamkeit der eigenen Oberfläche. Zwischen beiden entsteht kein Dialog, sondern ein Kreislauf aus Annäherung, Verfehlung und Wiederholung.

Genau diese Konstellation nimmt Regina Schrott in ihrem Roman auf – und überführt sie mit bemerkenswerter Konsequenz in eine gegenwärtige Erfahrungswelt. Bereits die Kindheitskapitel legen die Grundstruktur frei: ein Vater, der als Richter nicht nur über andere urteilt, sondern ein Klima permanenter Bewertung schafft, und eine Mutter, die weniger sich selbst liebt als den eigenen Widerhall im Blick der anderen. Zwischen diesen Polen wächst ein Ich heran, das früh lernt, sich anzupassen, zu spiegeln, zu reagieren – und sich dabei zunehmend selbst entzieht.

Was diesen Roman besonders macht, ist die Art, wie er diese Erfahrungen erzählt. Märchenhafte, mythische und hochkonkrete gegenwärtige Elemente stehen unvermittelt nebeneinander: Elfenmütter und Trollväter begegnen Smartphones und sozialen Medien, antike Götter moderner Beziehungssprache. Diese Überlagerung wirkt nie beliebig, sondern folgt einer klaren poetischen Logik. Der Mythos erscheint hier nicht als fernes Deutungsmuster, sondern als Struktur, die sich im heutigen Leben fortschreibt.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Echo und Narziss, die der Roman mit großer Genauigkeit als asymmetrisches Gefüge entfaltet. Was zunächst als Begegnung, als Möglichkeit von Nähe erscheint, erweist sich zunehmend als einseitige Dynamik, in der Anerkennung verweigert, Kommunikation unterlaufen und Selbstwert systematisch untergraben wird. Dabei gelingt es dem Text, diese Beziehung nicht plakativ zu verurteilen, sondern in ihrer inneren Logik sichtbar zu machen – einschließlich der Ambivalenzen, die das Verharren verständlich werden lassen: Scham, Sehnsucht, Selbstzweifel und die paradoxe Hoffnung, durch Anpassung doch noch gesehen zu werden.

Gerade hier entfaltet der Roman eine beunruhigende Gegenwärtigkeit. Begriffe wie „Lovebombing“ oder die feine Beschreibung sozialer Masken – Ausreden, Gesten, das sorgfältige Polieren eines nach außen funktionierenden Bildes – erscheinen nicht als theoretische Kategorien, sondern als gelebte, mitunter grausame Realität. Gleichzeitig bleibt die mythische Tiefendimension erhalten, sodass sich individuelle Erfahrung und archetypisches Muster unauflöslich verschränken.

Dabei bewegt sich der Text auf einem schmalen Grat, den er erstaunlich sicher hält: Er erlaubt sich große Gefühle, dramatische Zuspitzungen, ja, mitunter fast pathetische Bilder – und bricht sie im nächsten Moment mit Ironie, Witz oder einer unerwarteten Alltagsbeobachtung. Gerade diese Reibung erzeugt einen Sog, der die Lektüre trotz der Härte des Erzählten überraschend leicht und beweglich macht. Das Tragische kippt immer wieder ins Schicksalhaft-Amüsante, das Groteske ins Komische, ohne je ins Beliebige abzugleiten.

Im letzten Drittel öffnen sich mit den Pariser Episoden und später mit der Schwangerschaft scheinbare Gegenräume, in denen andere Formen von Beziehung und Selbstwahrnehmung möglich werden. Für kurze Zeit gelingt es der Erzählerin, sich aus der vertrauten Konstellation zu lösen und „ich selbst“ zu sein. Doch auch hier unterläuft der Roman jede einfache Vorstellung von Befreiung. Die Strukturen verschieben sich, variieren sich, kehren in neuen Formen wieder. Selbst im Versprechen von Zukunft zeigt sich die alte Dynamik der Projektion – das ungeborene Kind wird zum Träger von Erwartungen, zum Heilsversprechen, das alles richten soll.

Die drastischen Ereignisse gegen Ende führen schließlich nicht in eine kathartische Auflösung, sondern in eine Form von schonungsloser Selbstwahrnehmung. Besonders eindrücklich ist dabei die Art, wie Schuld verhandelt wird – nicht nur als Belastung, sondern als paradoxer Versuch, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dass diese Einsicht zunächst in Erstarrung und Sprachverlust mündet, verleiht dem Roman eine große existenzielle Konsequenz.

Und doch bleibt es nicht dabei. In den letzten Kapiteln verschiebt sich der Ton noch einmal: Aus der Erstarrung entsteht Bewegung, aus der Sprachlosigkeit eine neue Form von Stimme. Wenn Echo beginnt, zurückzurufen, zurückzubrüllen, sich spielerisch und körperlich in ihrem eigenen Echo zu behaupten, dann ist das keine Aufhebung der Bedingungen, wohl aber eine Aneignung. Die Figur bleibt, was sie ist – und gewinnt gerade darin Handlungsspielraum.

Der Roman endet entsprechend leise, fast unspektakulär, in einer Szene von überraschender Leichtigkeit. In der erneuten Begegnung mit einer alten Liebe tritt an die Stelle von Scham und Verstrickung eine Gelassenheit, die nicht mehr alles erklären oder rechtfertigen muss. „Ich liebe dich“, heißt es – und schließlich: „und ich liebe endlich mich.“ Das ist kein pathetisches Finale, sondern eine ruhig gesetzte Öffnung, die dennoch, wie in allen guten literarischen Texten, eine gewisse Unsicherheit erzeugt: Ist das finale Glück echt? Oder ist das ‚neue Paris‘ (wahlweise: der neue Paris) nur eine Täuschung? Bleiben nicht doch Wunden nach der Selbsterkenntnis und der Selbstermächtigung?…

Umso wirkungsvoller ist die anschließende Schlussgeste: In Form einer nüchternen Todesanzeige (augenzwinkernd angekündigt mit der Warnung Lies den Epilog nur, wenn Du Dir sicher bist, dass Du es wissen möchtest) wird Echo zur öffentlichen Figur, zur „Stimme der Zerrissenheit“, deren Geschichte nun als Fall, als Nachricht erscheint. Diese Distanzierung erinnert an ästhetische Verfahren des souveränen Erzählens, nach denen die tragikomische Protagonistin dem unmittelbaren Zugriff entzogen und zugleich in eine neue, gesellschaftliche Lesbarkeit überführt wird. Was zuvor als innere Erfahrung erzählt wurde, erscheint nun als Teil eines größeren Zusammenhangs – und wirft Fragen auf, die weit über die einzelne Figur hinausweisen.

Ich bin Echo ist ein Roman, der viel wagt: thematisch, formal, sprachlich. Nicht alles ist gleichmäßig geglückt, manches geht bewusst an die Grenze der Überfrachtung. Doch gerade in dieser Radikalität liegt seine Stärke. Der Text nimmt seine Figur und ihre Erfahrungen ernst, ohne sie zu glätten, und findet dafür eine eigene, unverwechselbare Sprache.

Ich empfehle diesen Roman allen Menschen, die Mut haben oder sich Mut wünschen: zur Selbsterkenntnis, zum Wagnis neuer Beziehungen, zur eigenen Stimme und zur Zumutung, sich selbst wirklich und tief zu begegnen – und ausdrücklich auch allen Menschen, die sich auf der Suche befinden: nach der Überwindung von Scham, von neurotischen Ängsten vor Scheitern, vor Zurückweisung und schließlich vor sich selbst.

Regina Schrott: Ich bin Echo. EMPATHIE-Verlag. Ahrweiler 2025.

die zeit singt nicht

die zeit singt nicht. sie zieht an etwas übrigem. die uhr schreit: drei. und fünf. und später. wenn das haus verlassen werden muss, als sei es das eigene fleisch. und weil die seele hier nicht bleiben kann.

ab-lauf: struktur als behauptung. von ordnung. residual. stunde. für stunde. ununterscheidbar. stundung. im fluss des gleichgültigen. im ausfluss des verbrauchten

ein gang. hinaus. drei. und fünf. und später. mit allem, das sich teilt, nur durch sich selbst. damit sich legt: atem zu atem, stelle zu stelle, druck zu druck.

gedächtnis: delegierung der kenntnis des ortes. an einen körper. zurückgelassen. das fleisch als zeichen: für ein gelungenes protokoll

die stunden zählten dich. drei. und fünf. und später. bis zur ablage – die kommt nie zu spät. im schrank hängt noch: dein mantel. dein schatten. echo eines körpers, der nicht mehr passte.

rückkehr: nicht ereignis. sondern: nachträgliche lokalisierung

end.los | brief aus der isolation

der zu einer unkenntlichkeit geschrumpfte körper. die ganze sich stetig schneller drehende welt. die keinen anderen halt erlaubt, als den dunklen, stillen fleck des eigenen, einen stand-orts. hier ist man vorerst nur, um vorhanden zu sein. hier könnte man eines tages warten, falls etwas zu erwarten ist. das offen zugewandte erreicht einen hier nicht und hat – wie alles unsichtbare – eine erstaunliche grenzenlosigkeit. doch das eigentliche hat jetzt einen fernen platz jenseits der gläsernen wände, die aus den früheren pfaden wuchsen, unbemerkt zur zeit des wachstums einer dünnen, nachträglich gebildeten kruste um ich und welt. die zeit regnet sich ab. ein gebrochenes, altersschwaches licht trifft die haut. man steht als ein unbewegliches in der reibung des flusses. man steht wie ein warnsignal am rand einer start- und landebahn der beflügelten. man steht an der grenze zum undurchstoßbaren. man stand vielleicht schon immer dort – ohne es zu bemerken. dabei weiß man doch in der tiefe der seele, dass es einmal – zu einem jetzt noch unbekannten moment – ein geräusch geben wird, das nicht wie ein laut ist, sondern vielmehr ein nachlassen der stille, als hätte sich irgendwo ein ton gelöst, der nie ganz dazugehört hatte. oder: ein schatten verschiebt sich. nicht viel. nur so weit, dass man nicht mehr sagen kann, ob er noch derselbe ist. oder: etwas zuckt. nicht im körper – eher an ihm vorbei. als hätte ihn etwas kurz gestreift, das keine spur hinterlässt. oder: ein augenblick dauert länger, als er dürfte. oder kürzer. man mag es nicht entscheiden. oder: ein wort stellt sich ein. ohne laut. und bleibt, ohne gesagt zu werden. und plötzlich ist das, was zuvor ich war, ein nichts, das nicht mehr zu verschieben ist. und welt ist jetzt alles, jedoch ohne geräusch, ohne schatten, ohne zucken. ein raum. und eine stelle, die nicht sichtbar ist, die nicht benannt wird. und gerade deshalb bleibt. man könnte sie für einen moment verwechseln mit ruhe. aber sie ist kälter. sie hat keinen rand. keinen zugang. sie entzieht sich jeder bewegung, weil sie selbst keine mehr kennt. dort sammelt sich nichts. nichts wird dort gehalten. nicht einmal der schmerz. und doch ist es genau das, was nicht mehr wehtut, weil es nicht mehr wehtun kann. eine stelle, an der einmal etwas offen war, das sich nun schloss. nicht verheilt, sondern entzogen. und das zurückbleibende ist keine wunde, sondern nur die vorstellung von einer wunde, die keinen zugriff mehr erlaubt. nein: diese kälte friert nicht, sondern sie stellt fest – dass dort nichts mehr erreicht werden kann.

end.los | brief aus der isolation

jetzt müsste doch eigentlich eine große trauer durch die welt ziehen. aber den menschen gelingt es immer sehr gut, den schmerzen aus dem weg zu gehen… und dann immer dieses theater um die besseren kenntnisse, fakten, daten… statt nur ein einziges mal den mut aufzubringen, die siebte pforte der angst zu öffnen. und durch die räume des leids zu gehen, vorbei an unverputzten wänden und grau verhangenen fenstern. und es dort auszuhalten eine gewisse, ungewisse zeit, bis zum unfassbaren schritt von der kenntnis zur erkenntnis – von der kenntnis der verletzlichkeit zur erkenntnis einer zuwendung, die man nicht immer nur empfangen muss, sondern auch einmal spenden kann… oder vielleicht den glauben zu überwinden, dass jede zwanghaft ertragene zumutung eine heldentat ist… oder derer nicht mehr zu gedenken, die sich pathologisch schon so weit selbst erhöht hatten, dass sie keiner fremden menschlichen liebe mehr bedurften und zugleich ihre anbetung erzwangen; die ihre triebhafte sucht nach bedeutung und anerkennung auf der angst und ohnmacht jener gründen, die das haus ihrer not nicht verlassen werden… die veränderung aber bestünde nicht darin, dass etwas neues entstünde, sondern darin, dass nichts mehr umgangen werden könnte, dass jeder blick ein zweiter wäre, dass jede begegnung nicht mehr abgebrochen werden dürfte, ohne dass etwas zurückbliebe, das sich nicht mehr tilgen lässt. eine veränderung, nach der man nicht mehr darauf beharrt, recht zu behalten, nach der man nicht mehr zuerst sich selbst versteht, nach der man nicht mehr spricht, um zwischen allen stimmen zu bestehen, sondern um zu bleiben, wenn sich kein laut mehr rührt. eine veränderung, die bewirkte, dass bedeutung nicht mehr erarbeitet werden müsste, dass sie sich entzöge, dass sie dort entstünde, wo niemand sie beanspruchte, dass zuwendung nicht mehr als antwort erschiene, sondern als voraussetzung, dass man nicht mehr gefragt würde, ob man bereit sei, sondern nur noch, ob man geblieben sei, dass der körper nicht mehr nur getragen würde, sondern trüge, dass man nicht mehr ausweichen könnte vor dem puls des anderen. dass man im bleiben zur bleibe wird. ohne gewähr. ohne grund.

end.los | brief aus der isolation

die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.

end.los | brief aus der isolation

was spricht denn noch? rest einer stimme. unter dem zerkauten. bewegung auf einer geraden linie. exakte achse: natur, leere, masse, stimme, tier, mensch, engel, liebe. wenn man nur will. wenn man die vorstellung wagt. dreiklang. passung der unpassenden stimmen. sechs sätze. oder sieben. maximal. wenn der sommer anmarschiert kommt. nachdem der boden sich hob. nicht vor freude, sondern unter dem druck der tiefe, die zu lange schon den atem anhielt. zeitlich gestreckt, räumlich gestaucht lag die erde da. nun aber richtete sie sich auf. gegen den eigenen schmerz. denn niemand ging. und alles wurde gegangen. man mag es eine letzte große täuschung nennen. natur als bewegung. bewegung als sinn. da sonst alles scheppert wie in einem akustischen katasteramt des werdens und des vergehens. in einer gegend, wo selbst das erwachen wie ein administrativer vorgang erscheint. die göttliche instanz als frühindikator, die man sehr leicht verschlafen kann. die man jedoch nicht wegdrückt, in den zigfach wiederholten snooze-modus. die tiefe also hob sich. wollte höhe sein. risiko. eines falls. einer falte. zwischen licht und luft. nicht der sommer. aber die erinnerung. das leuchten, das erwartet wurde und von dem nicht mehr gesagt werden konnte, ob es noch ankam. nun: die blumen der wiesen haben ihre eigene sprache bewahrt. und halten ihre kelche hin. offene wunden im gras. dennoch sind auch sie nur semiotische restbestände einer überforderten symbolökonomie. man liest sie auf, doch man liest sie nicht, weil man sie nicht lässt. oder: jede blüte ist ein mund, der sich nicht mehr öffnet. doch alles steht im wind, als hätte es ein wort gewusst. und auch die tiere des waldes, gleich den unerreichbar fernen sonnen, wissen nichts von uns und tragen darum diese überlegene signatur: das ist unser wissen. statt spiegel, statt der begriffe: einfach nur richtung. gewiss: nur eine funktion als projektionsfläche einer verlorenen unmittelbarkeit. weil der mensch die tiere nicht hört, hört er seine eigene unfähigkeit, kein mensch zu sein. und also geht etwas weiter, im fell der zeit, ohne namen, ohne schuld. und deshalb: ohne erlösung. dann aber spricht noch einmal die zeit. nicht zu uns. wir hören nur das nachlassen des tages im eigenen körper. es bleibt eine klangliche domestizierung der philosophie und gleichzeitig bereits ein versagen des aufmerksamen. denn die achtsamkeit kommt immer zu spät. man hätte so gerne resümieren wollen, dass die stimme nicht von außen kam, sondern dass sie das war, was blieb, als alles andere verstummte. jedoch: der gesang war zu laut, zu hell. als sei nie geschwiegen worden. als erklinge ein chor, dem man nicht glauben darf. ein singendes kollektiv der ästhetisch verkleideten redundanzen. ein vokalensemble der affirmation. eine verwaltungseinheit des heiligen. sie rufen, weil sie nichts mehr hören. und nennen es himmel. schließlich ist die zone erreicht, in der es keiner worte mehr bedarf, nur eines tragens, das nicht fragt, wohin. es mag letzte geben, die darin nur eine strukturberuhigung erkennen, eine systemische glättung durch gefühl. doch falls ein ich dort steht, inmitten der mächtigen schlussakkorde, hört es ganz sicher keinen antwortsatz, sondern nur noch ein offenes bleiben.

end.los | brief aus der isolation

in einem großen saal. mit geschlossenen augen. jeder an seinem tisch. viel abstand. viel anstand. frage nach fristen, statuten, regularien. antworten: gebrüllt ins mikro des laptops. die drückenden stöpsel im ohr zum quellen zu bringen. vielfach verstärkte wahrheit. dazwischen: friedhofsstille. eine andere lautstärke hat das denken. wenn sehr leise und scheinbar langsam die großen wellen heranrollen, die einst das land überschwemmen werden. fallende türme. stürzende mauern. und alles sonstige, das nicht mehr nur gleichnis sein will. wortlose betrachtung. augen-blicke. im wunsch-krampf. dass einer auf die suche gegangen wäre, dass er gefunden hätte und endlich auflöste die verlorenheit. eines einzelnen engels gesang würde genügen. aber selbst das kleinste ist ein unerreichbares. der hauch eines atems, furchtbefreit. das bescheidenste aller geschenke, als ein einziges großes glück. denn: sehr viel schmerz muss von uns gefordert sein, um überhaupt noch empfinden zu können.

end.los | brief aus der isolation

Fragment eines Mosaiks der Kuppelgalerie, Petersdom, Rom

den umständen entsprechend. fenster zur freudlosen seite. dort blieb die erde noch ungeweiht. die nächste zahl kommt rein. der nächste schritt muss warten. schönheit der leeren seiten. stille der gelöschten träume. betrachtung des äußeren lebens wie waldbrand auf der vorgelagerten insel. frei stehende buche am rand des steilufers, das wissen um ein siegreiches meer in den tapferen wurzeln. die angst ist eine sonderbare sache früherer epochen. wartezone der leeren scheune, von ungeernteten maisfeldern umschlossen. dritte stufe: einer kroch aus dem schoß der sorge. weil auch das unendliche schon seit menschengedenken seinen reiz verloren hatte. vor dem auge steigt das vom licht nach oben gezogene auf, wird schatten, wird wesen, das bald gewesen sein wird. noch ist es zu früh für erwartungen. noch ist die schale nicht durchstoßen worden von einem herabstürzenden etwas. aber eines ist jetzt schon gewiss: von der liebe wird erst nach ihrer verabschiedung erzählt, nach ihrem ruhestand. vorher regt sich vielleicht noch eine klostersehnsucht, die an die wunder rührt, mit denen uns die scham verwandelt. eines tages will ja die seele befragt sein, um sich endlich selbst zu kennen. jetzt aber vorerst: parkhaus des lebens, und keine ausfahrt an sonn- und feiertagen. vor dem auge: weiße segel, zum offenen wasser hinaus sich entfernend. letzte ungebrochene flügel. letzte angebrochene speisen. geist auf den wassern, flüsternd: ruh, ach… – kreuzung der atemzüge, ein und aus, aus und ein. hiersein wäre herrlich, wäre ehrlich. furcht, nah an der heiligung. furche, nah bei der heilung. demarkationen des schwankenden lebens, trotz seiner reglosigkeit. dabei drehte sich die erde bis gestern noch ins schleudertrauma. jetzt hängt jeder schwung in halbverminderten septakkorden herum. sprung in der platte. schweb-licht. vorhalt: stiftung einer fundamentalen unruhe. torsal unstet. schlaf: gedrehtes fleisch am spieß der zeit. beschluss zur einsamkeit: einstimmig, vom einzelnen gefasst. vollverminderter gedächtnis-umsatz. liturgie des verbleibs, des aufschubs, des restes. antwort – rückrede – gegenlaut – widersatz – kontrafaktur – sprachkreisel. ungebrochen. ungesprochen.

end.los | brief aus der isolation

die tür ist immer zu. immerzu. in der eigenen wohnung. ist man noch weniger bei sich als sonst. man hat fremde nötig, um nicht zu sehr zu entfremden. man ist sich selbst kaum mehr als eine vermutung. die herkunft aus armut und chaos mag eine fiktion sein, eine notwendige friktion des sklerosierten geistes, der schmachtet nach ein wenig erhabenheit. vierte etage unter gosse und grab. hut der gurrenden taube. kamelie im dunklen haar. fest der phantome. festung der gesichter. zu-seh-ends. hinzu-schau-end. dass die leere nicht sich selbst überlassen bleibt. dass die lücke gesellschaft bekommt. der spiegel stellt morgens eine frage, die auch am abend noch unbeantwortet bleibt. man kann aber dennoch sehr schnell wieder beliebter werden. man wacht auf mit zwei neuen likes auf der dating-app. einer will sogar ein kind, hofft auf ein hübsches gesicht, ruft: meld dich mal wieder. man zählt sich durch den tag der unerledigten aufgaben: sechshunderteinundfünfzig emails, sechsundzwanzig unbeantwortete anrufe, neunundachtzig tickets. dagegen stehen: zweitausendeinhundertsechsundneunzig schritte, bei dreihundertachtundsechzig eingesparten atemzügen. zwischendurch klingelt die app und öffnet ein neues flüstern im keller: du hast schöne augen. traurig, aber sexy. – danke! wie heißt du? – bis denne. man erinnert sich an die letzte erkältung. man ist vollständig genesen. man hielt ausschau. links die ausfahrt. rechts die mauer. man hat sich weiterqualifiziert: zum wegweiser. man raunt: die wege. man bleibt: im weg. bis man selbst weg ist. dann blitzt ganz kurz eine antwort auf: erzähl mir nichts vom pferd. aber die bittere wahrheit ist: das mangelnde gedächtnis ist für jeden von uns der erste verlust, den es zu ertragen gilt. erinnerungen sind nur notwendige erzählungen des selbst. ihre faktische basis ist mindestens porös, behauptet, versioniert – ein nachträglicher, einträglicher irrtum; einer, der viel einträgt und dem man nichts nachträgt. erinnerungen sind ebenso gut für das sinnvolle leben wie das frühzeitige einüben der abschieds-kaskaden, der in die abgründe gestürzten gesichter und stimmen, die – anders als die echo-sendenden steine, die ins wasser des brunnens fielen – kein noch so langes warten erwidern. gleichzeitig evoziert der bewegungsmangel phantasien von pilgerschaft. dabei ist man selbst für eine gewöhnliche ängstlichkeit viel zu erschöpft. dennoch sieht man sich gehen, sehr sehr langsam, auf sehr sehr langen pfaden. geschwindigkeit und richtung sind egal – die hauptsache ist, dass man flieht, dass man fortkommt, auch wenn einen das nicht weit bringt. erfüllendes zeigt sich nachts, während der tag die wahren straßen unter dem licht begräbt. man kann nicht sicher sein, ob jemand an einen denkt. aber man kann es sich wünschen, als eine fremde sehnsucht, die einen vielleicht – eines unverhofften tages – ins leben zurückbringt. jenen verlorenen stimmen mag man erde und blüten ins finstere hinterherwerfen, doch diesen einen wortlos rufenden blick muss es noch einmal geben – diesen einen blick, dem man sich gibt, als gabe der dämmerung (donum matutinale). ja, dieses eine geschenk muss noch sein, bevor man sich umdreht, nach kürzerer oder längerer flucht, und schließlich zurückkehrt zum ursprünglichen pfad, vielleicht unter dem rauschen von kiefern, vielleicht sogar wie eingehüllt in die umarmung einer unendlichen welt, die vom tod nichts zu wissen scheint.

end.los | brief aus der isolation

fern voneinander. im unterholz. wenn die dämmerung in den weiden. variation der wunder, die noch erwartet. beiläufiges gehen. zuflucht des verschwiegenen wunsches im augenwinkel. zärtliche reibung einer stimme mit der stille. wundverschluss der geräumten zimmer. winzige nester. darin die mächtigen ruinen, die dereinst von den immer gesunden bestaunt, wenn sie die von vulkanischer asche bedeckten städte wieder aus dem vergessen ans licht einer beliebigen jetztzeit heben und die erde von den versteinerten leibern schälen. oder die glocke, die gerade zwölf geschlagen hatte, als die pyroklastische walze durch die straßen rollte. der erkaltete staub in unseren lungen wird uns dann wieder schlagartig interessanter machen. man wird uns nicht mehr beim wort, aber beim anblick nehmen können. wir werden nicht mehr erwachen. doch man wird uns die träume einer weitgehend unbekannten vergangenheit in die geschlossenen augen reiben. man wird nicht mehr sagen: oh, das jahr hatte sich schnell erschöpft. allenfalls: es gab eine kleine unterbrechung, eine unauffällige zwischenzeit, eine störung des getriebes, eine zäsur des zeitlaufs, eine lücke in der erzählung des selbst, eine aussetzung des telos, einen einschnitt in den leib, eine fraktur des wirklichkeitsgefüges, eine faktur der gestockten atmung. man lässt uns so liegen, sitzen oder stehen, wie wir gerade waren, im moment des großen blitzes, als unsere schatten verbrannten, zwischen solchen oder anderen unter- oder überschriften, im museum der pause, der blau-pause, der aus-zeit zur un-zeit, der disruption aller eruptionen. man kratzt noch den letzten rest schlamm von unseren pappmaschee-körpern und schmiert ihn sich auf die ungeschorene haut. die seuche, die zur sache wird, zur sichel, zum stachel, zum zeichen einer verimpften gleichgültigkeit. sache zwischen sachen. hauptsache nicht: suche. die steht ja schon klanglich zu nah bei der seuche. sage – ja. aber auf keinen fall: sog. sic! und endlich: der sieg jeder jetzigen lage, jeder hiesigen liege über die unendliche geschichte, die ihren wuchtigen lagen-look gerne auf den ewigen kartoffeläckern oder den ungewöhnlichen laufbändern des vergehens, des gehens in die ver-gangen-heit präsentieren mag, aber bitte nicht in den schau-fenstern und ein-lauf-straßen unserer wohnlichkeit im gewöhnlichen. und auch nicht die waldung, die schwankt heran, und nicht die felsen, die lasten dran, und erst recht nicht die wurzeln, die klammern an (jwg, faust ii, bergschluchten…). alles erdrückende. die langen alleen. die schattenstraßen. man will doch lieber erwacht sein und stehen in einem raum, in dem man träumt, ohne zu schlafen, wo zeit ist im überfluss, sich die wirklichkeit vorzustellen. vorerst auf zweiter stufe, vorbehaltlich höherer ebenen, falls es fahrstühle gibt oder rolltreppen, eilend jedenfalls, das dickicht zu verlassen, sprintend, mit der menschheit im rücken und dem offenen voraus, und dem einzigen ziel, eines tages von einem hügel aus auf ein meer zu schauen, vor sonnenuntergang. doch von welchen gütern reißt man das hungrige herz, dass es zur warte wird eines unsichtbaren? mit dem kopf als wurzelwerk und der seele als blattwerk, weil doch die kehre so nottut. man weiß zu viel und hat darum große furcht, betrachtet die dinge, von denen man nichts versteht, wie licht, das durch halbtransparente fasern drang; laub und seide und bemaltes glas. zwischendurch sieht man sich selbst nachtwandeln, alternd in den langen wüstenjahren, wünschend die rückkehr zur regenzeit. man ist bereit, das sehen noch einmal neu zu erlernen, erst nur eine stimme zu hören, viel später vielleicht ein gesicht zu erkennen, das man einmal gekannt hat – die zweite seele, die in das erste haus einzog und deren unausgesprochene worte so viel bedeuten wie: du sagst mir, wofür ich bitten soll und wann ich den dunklen mantel abwerfe, der meine nacktheit verhüllte.