idylle. nach maß

dort. wo die rotkehlchen warten. dort. bei den blinden katzen. ist der tag still. wie eine knospe. ende januar. wie ein motto. ein leitmotiv. ohne handlung. ein leidvotiv. ohne gewähr.

gärten sind. gut. grenzen ein. die hoheitsbereiche des gehegten. und gestutzten. ihre mauern, als handle es sich um kapellen der wünsche, verbergen die zurückweisung. unter ranken, spalierobst und rosen.

dahinter. bedankt sich das glück der ufer. beim klang des fließenden wassers.

und die alleen. reihung der wegweisenden bäume. strophen. in einer wiege. auf einer waage. partikel. und konjunktionen. sortiert. in schächtelchen. morgens. und abends. zyklisch. wie‘s zähneputzen.

im fensterglas. ruht sich der zugvogel aus. zu blei gefroren. die federkiele. beisammenzuhalten. die lichthungrigen stücke. des anderswo.

nur so. ergibt sich. gelesen gegen den uhrzeigersinn. eine geschichte. ein echo. jener gedanken. derer. die lauschten.

später. wiederum. irren die straßen durch die menschenleere. warten. auf die blicke der wartenden. in den cafés. aber die stadt. als ob verlassen. jetzt. spiegelt sich in den nachträglich genehmigten fassaden. reiht sich ein. in die flachware der jahrhunderte.

ihre kälte. steht nicht im widerspruch. zu den milderen tagen. zu den ein oder zwei stunden. mehr an licht. die das jahr ihr zugesteht.

dazwischen ist. meist. das denken. pausenlos. das schweigen. das ausgegraute. aller gedächtnisse. und zwischen dem zwischen. die eine sekunde. in der sich wenige worte gebären. als ob.

hier. sollte es einen frieden geben. der sich die zeit aus seinen wunden kratzte. die schritte hinunter. führen in den hof. wo das kind in die pfütze sprang. aufzuwachen. mit dem duft der ausgebackenen brote in der nase.

hier. wo der schlussstein. aus dem gewölbe bricht. dort. wo sich das ursprüngliche thema. durch die letzte tonart schickt. und sich erinnert. an die erste stimmung. dort. bei den nichtgemeinten. hier.

sch.lichtung | kaum. der rede. wert

sprechen. in abbreviaturen. um nicht stammeln zu müssen. denn auch in akronymen ist gemütlichkeit. ich suche: synonym für anonym. abzuschütteln die verpflichtungen in den namen. den begriffen. ich frag nicht. um rat. ich dreh nicht. am rad. an der stacheligen spindel. ich ziehe die fäden aus den kadenzen der liedzyklen. der leidzyklen. ich repariere den zeitverschluss. nach der begründung des grundlosen. endliches zu beginnen. nach der zeitlosigkeit. kreisendes zu beenden. nach dem kreißen. dem kreischen. auszurufen: die stille. nach der periode der klanglosigkeit. zwischen den pendelnden tönen. dem schaukelnden licht. wässernd den trockenen schwamm der seele. für den schweif. der ihrem flug noch fehlte.

trieb.kopf.störung

[un.bedenk.lich.keit.s.be.schein.ig.ung]

und jedermann ging. die wunder zu validieren. die wunden. die felle. der fall. einer anomalie (≠ singularität). falls es nicht hagelt. beschwerden. weil: verzögerungen. im betriebsablauf. chorus horrendus: eine drehfahrt. die ist lustig. halbe strecke. rechter weg. linksrheinisch. überall. mittig platziert. schädelbasis. in sanfter verankerung. auf federn. die wut. dunkel und wild. wälder. überall. das rascheln unter den sohlen. haut. die nicht mehr beschrieben wird. fahrstuhl der blicke. durch nacht. in erwartung der schatten.

gestern endete jeder pfad. in einer furcht. vor der vergangenheit. wenn sie im späteren jahr die früchte abwirft. die fragen. durch halbersticktes licht gezwängt. an ihrer flucht gehindert. von zahlreichen ufern. rastzeiten. wegen ahnungen. ausgesetzt. restzeiten. in freundlicher öde. wortlos. in kalter traurigkeit. wertlos. weil ungestillt. die zeit. die wanderschaft. wege. unentwirrt. und vom schmuck strangulierte. einzelne. flüchtend. vor der aufmerksamkeit. dem tag der verstrickten. der drei mal gebenedeiten. kalesche. beim zwölften zug um den mond.

wieder.vor.lage

parkbänke. fensterbänke. leer. lagernd vor fernen ufern. noch nicht am ende. der tag. am boden. angebrochene bücher. blaues gras. hochgeschossen. wie aus dem brunnen. der ball. noch einmal luft zu holen. und zurückzufallen zur erde. zu ihren kindern. zu den unverletzlichen träumen. aber noch nicht. jetzt. erst noch. dieses. und vieles. aber dann. im nächsten jahr. gewiss. zu ende lesen. zurück im haus. zu suchen. vergessenes. zwischen den kissen. dem holz der regale. vom sommer abgeschrieben. aber dann. unter dem ruhenden himmel. kälter. und klarer. enger. und fester. ein weiterer ring. um den namen. um den trockenen widerhall. eines erdenklichen. dann.

körper.fris[s]t

vor zehn tagen. oder vor hunderten. seither ein rauschen. vorbei. im gedächtnis. haft der gleichnisse. jetzt aber. nicht zu versäumen. den augenblick. der lautlosigkeit. zwischen dem sprechen. unentwegt. verzweifelt. verzweigt. hinaus. ein schauen. wurde zu einem gedicht. dahingesagt. klanglos. in augen. abgelegten. grau. das meer. unter dem himmel. unfrei. die anachronistin. bedrückt. und bedeckt. die zeitgebeugte. dankbar dem körper. der sie trug. der sie ertrug. unter all der befristung und sparsamkeit. geltend für alles geträumte. in bitterer stunde. wagnis der schritte. vom fremden fuß getan. oder noch warten. zehn minuten. als letzte duldung. weil die lider gerade sehr schwer. und gedämpft die erwartungen.

vorläufig. ohne beschwerde

verzeih. wenn ich das. noch nicht. so ganz. und was mich so kühl anweht. gewiss. die unruhe auf den wegen.

es wäre wesentlich besser. sich treiben zu lassen. hingabe an eine zeit. die überwunden ist.

ohne je wundlos sein zu können. weil das verlorene an den fersen klebt. weil es nichts klareres gibt. als das versäumte.

ich bin nicht traurig. die tage sind schön genug. die zeit hinterlässt keine spuren.

ein taubes gewölle. die früheren wünsche. ein kaum gehauchter saum des schlafes. die restliche empfindlichkeit.

ein gedanke nur. der geliebte mensch. zu dem ich spreche.

heute verstehe ich besser. bin in der stille daheim. die am anfang und am ende eines jeden tages steht.

auch die herzen. aus denen ich fortgestoßen wurde. können nicht leer sein. bei all dem erinnern.

wenn die einsamkeit kein geschwätz mehr ist. wenn sie schön geworden ist. wie eine ruhende schneelandschaft.

so ist es doch wesentlich besser. als hörte man die beschwerden der zeitverweser. weil die kastanien ein zweites mal blühen. in diesem jahr.

aber wie viel mehr als eine gebärde ist das wort. und was soll schöner sein als der schlaf. sicher nicht das erwachen.

mühelos muss die liebe sein. wie das graue warten der häuser entlang zertretener straßen.

sie lassen alles durch. doch bedeutung hat nur das angekommene. was in den heimischen zimmern sitzt.

und sich nichts vornimmt. sich nichts vormacht.

bleiben ist so gut wie gehen. ohne die mühsal der hoffnung.

und arbeiten. natürlich. ist sehr gesund. gegen die schnellen flüchtigen tage.

eben: beiläufige geschehnisse. die dem allerletzten nicht im wege sind.

sieben schritte | bei.nahe

ich versuchte mir vorzustellen, dass antworten kämen, wie auf besuch, in den schlimmsten stunden und ohne vorherige frage.

ich würde vielleicht hinausgehen, ohne besonderen grund, einfach nur, um mich umzusehen, aber nicht vor dem herbst, sondern erst, wenn die straßen sich leerten.

alle pläne müssten jedoch vage bleiben, damit es auch immer anders kommen könnte. und zugleich rechnete ich mit längeren aufenthalten in den zurückgelassenen fragen.

da sähe mich vielleicht ein anderes auge. genau dort, wo ich dann stünde und das warten wohnen nannte. weil es fast so schiene, als ließe sich die zeit zum verweilen überreden.

aber dann sprachen wieder, unablässig, die unerhörten worte zum herz. und was sich noch bezweifeln ließ, wurde davon nicht verschont: dass nicht die zeit innegehalten hatte, sondern die seele.

ja. der sterbende, der noch zu sehr am leben haftete. mit der ausgestreckten hand, die durch einen traum gegriffen hatte, um den schweren augenblick zurückzuziehen. wie ankertaue der längst verschwundenen schiffe.

was aber stattdessen geschah, war ein erinnern. und also ein sagen des anderen. unwirtlich nur dann. würde es wirklich.

Bitte nicht einsteigen

Eine kleine Metaphysik der Beförderung

Ich war frühzeitig aufgebrochen. Das war mein erster Fehler. Eine Stunde vor der vorgesehenen Zeit stand ich am Bahnhof Ahrweiler Markt, um sicherzustellen, dass ich rechtzeitig zu spät kommen würde. Die Deutsche Bahn hatte meinen Vorsprung erkannt und unverzüglich Gegenmaßnahmen eingeleitet. Der Zug fiel aus.

Damit war die erste Stunde erfolgreich vernichtet. Sie hatte sich ohnehin als überflüssig erwiesen. Im System der Deutschen Bahn ist Zeit keine physikalische Größe, sondern eine Zumutung, die der Fahrgast an den Betrieb heranträgt. Wer früher kommt, hat mehr Zeit, auf das Ausbleiben dessen zu warten, was später ebenfalls nicht kommt.

Ich nahm also den Zug, den ich ursprünglich hätte nehmen sollen. Das war immerhin ein Fortschritt. Ich befand mich wieder dort, wo ich ohne meine Vorsichtsmaßnahme bereits gewesen wäre. Man könnte von einer Wiederherstellung des ursprünglichen Schadens sprechen.

In Remagen erwartete mich die nächste Unterweisung: BITTE NICHT EINSTEIGEN. So stand es am Zug. Die App hingegen erklärte, ich solle einsteigen. Das Zugbegleitpersonal war anwesend, konnte aber nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es sich bei dem Zug um den Zug handelte, in dem es sich befand. Jemand rief: Geisterzug! Eine schwierige erkenntnistheoretische Lage. Das Zugbegleitpersonal stieg dennoch ein. Die so genannten Fahrgäste folgten verunsichert, aber nicht ohne Hoffnung – und sowieso mangels Alternativen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Er fuhr sogar in die richtige Richtung, was angesichts der ungeklärten Identitätsverhältnisse als bemerkenswerte Eigeninitiative des Schienenfahrzeugs gewertet werden muss.

Wenig später meldete sich eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Aus betrieblichen Gründen müssen wir den Stromabnehmer senken; dabei entstehen Geräusche auf dem Dach.“

Es wurde still. Wir hatten bis dahin nicht gewusst, dass wir über einen Stromabnehmer verfügten. Nun sollte er gesenkt werden. Aus betrieblichen Gründen. Niemand fragte, welche Gründe das seien. Auch die angekündigten Geräusche auf dem Dach nahmen wir widerspruchslos hin. Schließlich war es beruhigend, dass die Geräusche angekündigt wurden, bevor sie entstanden. Man hatte uns auf das Kommende vorbereitet. Das war mehr, als sich vom Leben im Allgemeinen behaupten ließ. Oben wurde etwas gesenkt. Unten blieben wir sitzen. Es war eine geordnete Angelegenheit. Der Zug fuhr weiter. Wir auch. Zumindest gingen wir davon aus.

In Koblenz durfte ich mit allen anderen Menschen, die sich für den heutigen Vormittag Reisende nannten, eine weitere Stunde mehr warten und ruhen. Unter Wartenden und Ruhenden entsteht Gemeinschaft, wenn auch nur eine sehr befristete. ICE 27 Richtung Frankfurt war eine Stunde verspätet. Dafür hatte er seinen Fahrplan überarbeitet. Frankfurt Hauptbahnhof, bislang eine gewisse Konstante im deutschen Eisenbahnwesen, war aus der Wirklichkeit gestrichen worden. Als Ersatz wurde Frankfurt Süd angeboten. Man hatte offenbar beschlossen, Frankfurt sei Frankfurt, und Süden sei schließlich auch eine Himmelsrichtung.

Wir Fahrgäste nahmen dies dankbar zur Kenntnis. Nicht alle Städte verfügen über einen Süden. Nicht alle Züge über eine Richtung. Nicht alle Richtungen über ein Ziel. Es lag nahe, über das Leben nachzudenken.

War man im Grunde nicht immer schon unterwegs gewesen? Hatte man nicht zahllose Stunden damit verbracht, rechtzeitig an Orten anzukommen, an denen man schließlich doch nicht geblieben war? Hatte man nicht Menschen verlassen, um andere zu erreichen, die ihrerseits verspätet waren oder den Halt ersatzlos gestrichen hatten? Vielleicht ist das Leben überhaupt nur eine Folge von Anschlussverbindungen, deren Existenz sich erst im Augenblick ihres Scheiterns bestätigt.

Man wird geboren, ohne einen Fahrschein gelöst zu haben. Man steigt ein, weil alle einsteigen. Man vertraut den Anzeigen, den Stimmen aus dem Lautsprecher, den freundlichen Damen und Herren in Uniform, die erklären, dass man aufgrund einer Störung im Betriebsablauf leider nicht dort ankommen könne, wo man hinwolle. Wohin man stattdessen komme, werde rechtzeitig bekannt gegeben. Gegebenenfalls.

Ich fahre übrigens zur Frankfurter Buchmesse. Dort werden Bücher vorgestellt, die von Menschen handeln, die unterwegs sind, sich verirren, scheitern, hoffen, verzweifeln und am Ende vielleicht eine Erkenntnis gewinnen. Ich habe mein Buch bereits geschrieben. Es heißt: Bitte nicht einsteigen. Es erscheint voraussichtlich. Ein Erscheinungstermin kann aus betrieblichen Gründen derzeit nicht genannt werden. Wir bitten um Ihr Verständnis. Bitte bleiben Sie bis auf Weiteres an Ihrem Platz. Auch wenn dieser nicht mehr vorhanden ist.

Hier wäre der Bericht fast zum Ende gekommen, als sich plötzlich am Fernbahnhof Flughafen Frankfurt etwas ereignete, das in den einschlägigen Beförderungsbedingungen nicht vorgesehen war: ein Wunder.

Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand ein anderer ICE. Er fuhr nach Frankfurt Hauptbahnhof. Jenem Hauptbahnhof, der wenige Minuten zuvor noch aus der Wirklichkeit gestrichen worden war. Man hatte ihn offenbar wiedergefunden. Oder er hatte sich selbst gemeldet.

Ich wechselte den Zug. Ohne Antrag, ohne Genehmigung, ohne vorherige Anhörung. Ein Akt zivilen Ungehorsams gegenüber dem Fahrplan.

Nun saß ich in einem Zug, der dorthin fuhr, wohin der andere nicht mehr fahren sollte. Ob er dort halten würde, war eine Frage des Glaubens. Die Hoffnung hatte ich inzwischen als unzuverlässiges Verkehrsmittel kennengelernt.

Vielleicht war dies die eigentliche Lehre des Tages: Dass man sein Ziel nur erreicht, wenn man rechtzeitig den Zug verlässt, der einen dorthin bringen sollte. Und dass selbst die Deutsche Bahn gelegentlich eine Auferstehung zulässt. Allerdings ohne Anschlussgarantie.

unbekannte adresse

hätte gerne etwas mitgenommen. frühtau. soviel in eine geliehene hand passt. vereinzelte bleibe. in schütterer seele. kurz. ein göttliches augenzwinkern. zahllos darin. die gedanken ans reiseziel. überwältigt. vom restlicht verlassener ufer. von restlicher zukunft. sehr knapp vor dem aufbruch. grenzort. wo sich ein jedes betrachtet: von hinten. gegenort. an dem sich alles in seiner vorhandenheit wiederfindet. auch das verlorene.

den fremden. wie dich selbst

den fremden. wie dich selbst | ordnung der räume. und unordnung der körper | leere zimmer. lieber. als einer darin | stört nicht. die zeit. der tief atmenden erde | watte auf den zungen. was schmilzt. spricht sich nicht frei | sterbende. alle | darunter die mühenden wurzeln. noch immer beschäftigt. mit halt | sprecht nicht die urteile. aus toter dichtung. nicht wieder. das alte recht. behalten | wind. frostige krumen. eine giftige frucht | von herz zu herz. die übliche lieferkette | bis einer die farben zieht. aus allen landschaften | und hinter den fenstern. grau | die anordnung wieder stimmt