Wie moralflexibel bist du?

Vorrede und Kollektivmonolog zum Thema des Literatursalons Schrott am 26.09.2026

Vorrede

Die Frage Bist du moralflexibel? mag beim ersten Hören wie eine Aufforderung zum Bekenntnis klingen. Ihr könnte sehr rasch eine charakterliche Einordnung folgen. Vor der bösen Kollektivstimme lohnt es sich m.E., die Frage einmal von ihrer Pointe zu befreien, der ja gemeinhin folgende Nachfrage zugrunde liegt: Hast du Grundsätze oder biegst du sie dir je nach Lebenslage zurecht? Philosophisch wird sie für mich interessanter, sobald ich frage: Kann gerade das starre Festhalten an einem moralischen Grundsatz unmoralisch werden?

Immanuel Kants Kategorischer Imperativ ist dafür ein wunderbar unbequemer Ausgangspunkt (zur Erinnerung: Handle nur nach einer Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde). Das bedeutet: Moral darf nicht davon abhängen, ob mir die Folgen gerade passen oder nicht. Sonst hätte ich keine Moral, sondern handelte auf der Basis einer situationsabhängigen Interessenkalkulation. Noch schärfer wird es in Kants sogenannter Zweck-an-sich-Formel: Der Mensch darf niemals bloß als Mittel zum Zweck, sondern muss immer zugleich als Zweck angesehen werden. Damit besitzt Kants ethischer Grundsatz etwas enorm Attraktives: Er errichtet eine Grenze gegen die beliebte Formel Diesmal müssen wir leider eine Ausnahme machen. Denn mit genau solchen „Ausnahmen“ beginnt vieles, was den Kollektivmonolog so böse macht. Man darf diesen Menschen übergehen, weil die Lage schwierig ist. Man darf jene Gruppe opfern, weil das Ganze wichtiger sei. Man darf hier ein bisschen lügen, dort ein bisschen entrechten, weiter weg ein bisschen Gewalt zulassen – selbstverständlich nur „ausnahmsweise“.

Kant würde misstrauisch fragen: Und was geschieht, wenn deine Ausnahme allgemeine Praxis wird? Hier wird Kant berüchtigt radikal. In seinem Aufsatz Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen von 1797 verteidigt er die Wahrhaftigkeit sogar gegenüber demjenigen, der einen von dir versteckten Menschen verfolgt und nach dessen Aufenthaltsort fragt. Kant vertritt aus rechtsphilosophischer Sicht die Auffassung, dass es selbst in lebensbedrohlichen Situationen kein Recht auf Lüge, also Notlüge, gibt.

Genau dort beginnt aber unser Problem. Nehmen wir eine zugespitzte Situation: Ein Mensch wird verfolgt. Ich verstecke ihn. Die Verfolger fragen mich, ob er bei mir ist. Was wäre in dieser Situation moralflexibel? Zu lügen? Oder wäre es gerade moralisch geboten, die Wahrheitspflicht zu verletzen, weil eine höhere Verpflichtung besteht: das bedrohte Leben des anderen zu schützen? Plötzlich wird aus „Moralflexibilität“ etwas ganz anderes. Nicht mehr Bequemlichkeit, sondern möglicherweise moralischer Mut zur Regelverletzung, die Leben retten kann.

Vielleicht gilt es also, zwei Arten von Moralflexibilität zu unterscheiden. Es gibt eine Moralflexibilität nach unten: Ich ändere meine Grundsätze, weil sie mich etwas kosten würden. Und es gibt möglicherweise eine Moralflexibilität nach oben: Ich verletze eine Regel, weil ihre Befolgung in dieser konkreten Situation genau das zerstören würde, was die Regel eigentlich schützen sollte.

Von außen können beide Handlungen gleich aussehen. Jemand lügt. Jemand widersetzt sich einer Vorschrift. Jemand gehorcht nicht. Jemand stiehlt vielleicht sogar. Aber moralisch können Welten dazwischenliegen. Ein hungernder Mensch, der Nahrung stiehlt, um sein Kind am Leben zu erhalten, stellt uns vor eine andere Frage als jemand, der einen anderen betrügt, um seinen eigenen Wohlstand zu vergrößern. Die Handlungskategorie Diebstahl allein beantwortet die moralische Frage nicht.

Wann muss ich also ggf. moralflexibel werden, um zu überleben? Hier wird es unangenehm, weil Moral meistens aus einer einigermaßen sicheren Position diskutiert wird. Wie moralisch muss ein Mensch handeln, dem Hunger, Folter, Krieg oder Tod drohen? Wir bewundern Menschen, die selbst unter äußerstem Druck an ihren Prinzipien festhalten. Aber dürfen wir daraus umgekehrt eine Verpflichtung zum Heldentum machen? Das wäre mir zu einfach. Es gibt einen Unterschied zwischen Ich würde gern glauben, dass ich in dieser Situation standhaft wäre und Ich verlange von einem anderen, lieber zu sterben, als seinen moralischen Grundsatz zu verletzen. Der zweite Satz ist erheblich brutaler. Hier bekommt Moralflexibilität als Überlebensstrategie eine menschliche Dimension. Ein Mensch unter extremer Bedrohung handelt nicht unter denselben Bedingungen wie jemand, der bequem über seine Entscheidungsmöglichkeiten verfügt.

Und dennoch löst Überleben nicht automatisch alle moralischen Grenzen auf. Sonst würde aus Ich darf manches tun, um zu überleben sehr schnell Ich darf alles tun, um zu überleben. Und genau da wird Moralflexibilität lebensgefährlich – nämlich für die anderen.

Wer trägt eigentlich die Kosten meiner moralischen Ausnahme? Wenn ich eine Regel verletze, um einen Verfolgten zu retten, trage zunächst ich das Risiko meiner Regelverletzung. Wenn ich dagegen meine moralischen Prinzipien lockere, damit ein anderer geopfert, entrechtet, ausgeschlossen oder gefährdet werden kann, zahlt er für meine Flexibilität.

Das alles ist noch keine vollständige Ethik, aber als Prüfstein ist es immerhin brauchbar. Folgende Fragen stehen nebeneinander: Wessen Leben oder Würde soll durch die Ausnahme geschützt werden? Wer trägt das Risiko und die Folgen? Dient die Ausnahme einem Schwächeren – oder meiner Bequemlichkeit, Macht oder Sicherheit? Würde ich dieselbe Ausnahme akzeptieren, wenn ich derjenige wäre, gegen den sie angewandt wird? Ist die Ausnahme wirklich vorübergehend – oder wird sie gerade zur neuen Regel?

Das Gefährliche ist m.E. nicht der moralisch flexible Mensch, sondern der Mensch, der seine Flexibilität nicht mehr als solche wahrnimmt. Er sagt dann nicht Ich verletze gerade einen moralischen Grundsatz, weil ich diese Ausnahme für notwendig halte, sondern Dafür bin ich nicht zuständig. Das ist nun einmal die Vorschrift. Das machen alle so. Die Umstände lassen keine andere Möglichkeit zu. Das ist philosophisch viel beunruhigender. Denn dann verschwindet die moralische Entscheidung in einem Verfahren. Und bemerkenswerterweise können sich hier die Extreme berühren: Der vollkommen flexible Mensch sagt Ich passe meine Moral der Situation an. Der vollkommen unflexible Funktionär sagt Ich befolge immer die Regel. Beide können damit Verantwortung vermeiden. Der eine: Meine Grundsätze mussten sich eben anpassen. Der andere: Meine Grundsätze ließen mir keine Wahl.

Vielleicht besteht moralische Verantwortung gerade darin, sich weder hinter der Regel noch hinter der Ausnahme verstecken zu dürfen. Aber das soll nicht heißen, dass Kants Lehre gänzlich suspendiert werden muss. Im Gegenteil. Seine Strenge bleibt ungeheuer wertvoll. Besonders die Forderung, einen Menschen niemals bloß als Mittel zu behandeln, würde die Frage Wie moralflexibel bist du? stärker machen als die populäre Formel vom allgemeinen Gesetz. Denn sie liefert einen Maßstab für die Moralflexibilität selbst: Wenn ich meine Moral „flexibilisiere“ und dabei Menschen zu Material für einen Zweck mache (für Ordnung, Sicherheit, Wohlstand, Ideologie, Karriere, das Gemeinwohl), sollte m.E. höchstes Misstrauen einsetzen. Aber vielleicht kann gerade die Achtung vor dem Menschen verlangen, eine abstrakte Regel zu brechen. Dann wäre die paradoxe Antwort auf die gestellte Frage: Manchmal muss Moral flexibel sein, damit der Mensch es nicht werden muss. Oder noch etwas schärfer: Eine Moral, die niemals nachgibt, kann Menschen brechen. Eine Moral, die immer nachgibt, kann sie preisgeben. Und dazwischen gibt es leider keinen hübschen Mittelweg mit Gebrauchsanweisung.

Vielleicht ist das überhaupt die moralische Zumutung: nicht, für jede Situation den richtigen Grundsatz in der Tasche zu haben, sondern in der konkreten Situation entscheiden zu müssen und anschließend nicht sagen zu dürfen: Ich konnte nicht anders. Sondern: Ich habe so entschieden.

Warum tut der Kollektivmonolog weh? Weil er das Gegenteil dieser Ich-Aussagen zeigt: Das Wir hat für alles Gründe, Verfahren und Zuständigkeiten, aber niemanden mehr, der sagt: Ich.

i.d.R.

mor.al
flex.kübel

eine kollektive
trocken.leg.eung

wir sagen nicht hauptsatz oder nebensatz. wir sagen: grundsatz. wir sind die moralisch einwandfreien. weil wir die zuständigen sind. alle. im rechten system. im system der richtigen zu-richtung. unsere zuständigkeit hat uns legitimiert. ganz unabhängig von den zuständen. um die es aber nie ging. daher kann auch niemand verantwortlich gemacht werden. wir haben die fragen entsorgt. weil niemand antworten muss. wir stellen jeden abend aufs neue fest: wir haben richtig gehandelt. dass jemand dabei starb, ändert nichts an der richtigkeit unseres handelns. wir haben moral. weil wir prinzipien haben. sortiert in verfahren. damit sich niemand verfährt. wir stimmen. weil wir mit einer stimme sprechen. wir harmonisieren. damit niemand moniert. wir organisieren die moralische ökonomie. zum wohle aller. und das wohl aller ist: die unschuld. wir sind schön. weil wir korrekt sind. für feuchtigkeit besteht kein sachlicher grund. die tränen, den regen, das grundwasser der erinnerung haben wir überwunden. wir legen trocken. die sümpfe. die gedanken. die zweifel. die zwischenräume. das gewissen. denn wo es noch feucht ist, könnte etwas wachsen. wir müssen den dingen nicht ununterbrochen auf den grund gehen. weil wir grundsätze haben. wir reden nicht dauernd von untergang, sondern von vorgang. denn für vorgänge gibt es zuständigkeiten. und für jede zuständigkeit einen vorgang. das hat sich bewährt. menschen dagegen haben sich nicht immer bewährt. sie halten sich nicht an den vorgang, weil sie sich im übergang befinden. sie weichen ab. sie haben sonderfälle. sie werden krank, geraten in not, verlieren angehörige, wohnungen, haltungen und gelegentlich den verstand. dafür können wir nichts. wir können nicht für alles etwas können. dafür gibt es zuständigkeiten. wir halten uns an die akte. die akte hält sich an uns. das ist aktentreue. treue ist eine moralische kategorie. und wir sind treu. bis zum schluss. auch wenn der schluss für manche früher kommt. das bedauern wir. aber bedauern ist kein verfahren. wir jammern nicht. wir tun einfach. und was wir tun, ist: trockenlegung. sub lege. ja, wir müssen trockenlegen. moralgesetze sind naturgesetze. das ist wichtig. früher legte man sümpfe trocken. heute sind wir weiter. wir legen widersprüche trocken. ermessensspielräume. abweichungen. einzelfälle. vor allem einzelfälle. einzelfälle enthalten sehr viel feuchtigkeit. sie nässen durch. erst in die akten. dann in die zuständigkeiten. schließlich ins gewissen. wenn man nicht aufpasst, fängt dort etwas an zu wachsen. dafür sind wir nicht zuständig. man wirft uns mangelnde flexibilität vor. wir weisen das zurück. wir sind flexibel, wo flexibilität vorgesehen ist. für nicht vorgesehene flexibilität fehlt uns derzeit die rechtsgrundlage. natürlich geht es um menschen. es geht immer um menschen. deshalb müssen wir verhindern, dass der mensch den vorgang stört. stellen sie sich vor, jeder käme mit seinem leben. wo sollten wir da anfangen? wo aufhören? nein. irgendwo muss eine grenze gezogen werden. wir haben sie gezogen. ganz ordnungsgemäß. wir haben uns nichts vorzuwerfen. das ist der große vorteil von grundsätzen. wer keine grundsätze hat, muss nachts nachdenken. wir schlafen. ausgezeichnet. trocken. was bleibt von uns? eine akte. akten sind sehr genügsam. sie schreien nicht. sie frieren nicht. sie haben keine kinder. sie brauchen keine luft. sie verlangen nur, dass man sie schließt. wir sind nicht moralflexibel. wo kämen wir hin? wir haben eine flex. die ist etwas ganz anderes. die flex ist ein sehr moralisches gerät. sie trennt. richtig von falsch. zuständig von nicht zuständig. notwendig von leider nicht vorgesehen. man setzt sie an. und wartet auf den funkenflug. funkenflug ist kein widerspruch. funkenflug ist lediglich eine begleiterscheinung des verfahrens. bitte schutzbrille tragen. manchmal liegt etwas im weg. ein arm. eine biografie. ein widerspruch. ein mensch. dann muss getrennt werden. nicht aus bosheit. aus gründen. wir haben sehr viele gründe. sie befinden sich im anhang. nach dem trennen kommt die flexüle. wir nennen das fürsorge. die flexüle ist ebenfalls ein moralisches gerät. sie hält am leben, was die flex übriggelassen hat. tropfenweise. wir geben: wasser. salz. zucker. zeit. vor allem zeit. zeit ist preiswert und verlängert das verfahren. wir töten niemanden. das möchten wir festhalten. wir halten überhaupt sehr viel fest. akten. fristen. grundsätze. menschen, sofern erforderlich. der mensch selbst wird nicht festgehalten. nur sein vorgang. das ist ein wichtiger unterschied. es kann vorkommen, dass während eines ordnungsgemäßen verfahrens ein leben endet. das leben ist kein bestandteil des verfahrens. wir bitten darum, beides nicht miteinander zu vermischen. überhaupt diese vermischung. blut mit blut. tränen mit augen. schuld mit folgen. entscheidung mit verantwortung. dagegen hilft trockenlegung. trockenlegung ist ein gesamtgesellschaftliches ziel. wo trocken ist, schimmelt nichts. wo trocken ist, quillt nichts auf. wo trocken ist, verwischt keine tinte. akten lieben trockenheit. menschen bestehen leider zu einem erheblichen teil aus wasser. hier besteht optimierungsbedarf. wir arbeiten daran. zunächst die tränen. sie erschweren die sachliche prüfung. dann das blut. es hinterlässt flecken und kann von mitarbeitenden als belastend empfunden werden. anschließend das gehirn. ihm schenken wir besondere aufmerksamkeit. denn das gehirn ist ein weitgehend uneingehegtes feuchtgebiet. jahrhundertelang hat man das hingenommen. heute wissen wir es besser. im gehirn steht wasser. darin schwimmen: meinungen. überzeugungen. erinnerungen. kränkungen. hoffnungen. gelegentlich gott. auch liebe wurde nachgewiesen. in erheblichen mengen. wo wasser steht, beginnt es irgendwann zu gären. eine meinung kommt hinzu. eine zweite. eine dritte. und bald haben wir öffentlichkeit. öffentlichkeit ist hydrologisch betrachtet ein überlaufproblem. alle reden. alle senden. alle wissen. alle haben recht. niemand hat einen abfluss. es wird gerufen. es wird geantwortet. es wird zurückgerufen. es wird gebrüllt. gegen das gebrüll wird angebrüllt. gegen das anbrüllen wird ein zeichen gesetzt. gegen das zeichen ein anderes zeichen. anschließend erklären beide seiten, nun müsse endlich wieder miteinander gesprochen werden. wir empfehlen ganz schlicht: entwässern. ideologien gedeihen besonders gut auf feuchten böden. sie benötigen wenig licht. ein satz genügt. man gießt ihn täglich mit empörung. und nach wenigen wochen hat er wurzeln. auch liebe ist in großen mengen problematisch. wir möchten das ausdrücklich sagen. liebe quillt. liebe läuft über. liebe macht weich. liebe möchte plötzlich ausnahmen machen. jemanden hereinlassen. jemanden behalten. jemanden retten. ausgerechnet diesen. das ist mit dem gleichbehandlungsgrundsatz nur schwer vereinbar. hass ist einfacher. hass trocknet schnell. er bildet krusten. darauf lässt sich bauen. besonders gefährlich ist das gleichzeitige auftreten von liebe und hass. das gehirn beginnt dann, wetter zu machen. blitze. niederschläge. druckgebiete. manche menschen nennen das noch heute: leidenschaft. wir nennen es: eine ungeklärte entwässerungslage. auch erinnerung bindet wasser. darum weinen menschen, wenn sie sich erinnern. ein eindeutiger befund. wer nichts erinnert, muss weniger trocknen. wir wollen niemandem seine erinnerungen nehmen. wir möchten sie lediglich entfeuchten. das bild bleibt. der geruch geht. die stimme geht. die haut geht. der schmerz geht. am ende bleibt: eine sachinformation. damit lässt sich arbeiten. überhaupt: stimmen. zu viele stimmen. innere stimmen. äußere stimmen. gegenstimmen. stimmen aus dem off. stimmen der vernunft. jeder führt inzwischen seinen eigenen chor mit sich. das ist akustisch nicht mehr darstellbar. wir schlagen vor, die stimme der vernunft vorerst auszusetzen. sie hat sich in letzter zeit ohnehin kaum durchsetzen können. stattdessen: luftentfeuchter. flächendeckend. in schulen. parlamenten. universitäten. kirchen. redaktionen. schlafzimmern. vor allem in schlafzimmern. dort entstehen nachweislich unverhältnismäßig viele gefühle, ohne vorherige beteiligung der zuständigen stellen. das muss aufhören. wir brauchen trockene köpfe. köpfe, in denen nichts überschwappt. keine utopie. keine verzweiflung. kein ich liebe dich bis ans ende der welt. die welt hat kein ende, im verwaltungsrechtlichen sinn. auch dieses ewige ich hasse dich. bitte konkretisieren. wen? seit wann? auf welcher grundlage? liegt ein nachweis vor? sie sehen: schon wenige formulare können erheblich zur deeskalation beitragen. wir möchten eine gesellschaft, in der niemand mehr überkocht. niemand überschäumt. niemand zerfließt. niemand außer sich gerät. alle bleiben. bei sich. in sich. für sich. das nennen wir frieden. selbstverständlich darf weiter gedacht werden. denken ist ein grundrecht. allerdings bitten wir darum, gedanken nach gebrauch vollständig auszuwringen. keine restfeuchte. keine tropfen. keine spur. ein trockener gedanke verursacht keinen schaden. ein trockener gedanke verliebt sich nicht. ein trockener gedanke hasst nicht. ein trockener gedanke widerspricht nicht. er liegt nur da. endlich. und wenn wir fertig sind, wenn der letzte sumpf vermessen, die letzte pfütze abgepumpt, die letzte träne ordnungsgemäß entsorgt, die letzte stimme auf zimmerlautstärke gebracht, die liebe auf bedarf reduziert und der hass in dafür vorgesehene behälter gefüllt wurde, werden wir feststellen: es ist sehr still geworden. wir nennen das gesellschaftlichen frieden. andere nennen es tod. hierfür sind wir nicht zuständig. und wenn dennoch etwas lebt, schließen wir es an. dafür haben wir schläuche. wir sind schließlich keine unmenschlichen menschen. wir halten das leben hoch. etwa auf höhe des infusionsständers. dort hängt es gut. übersichtlich. portionierbar. ein tropfen. noch ein tropfen. noch einer. sehen sie: wir tun etwas. gleichzeitig wird weiter geflext. das eine schließt das andere nicht aus. das ist flexibilität. man muss unterscheiden können. das lernen wir früh. hier das leben. dort die lebensgrundlage. hier der mensch. dort seine voraussetzungen. hier die würde. dort der vorgang. die würde bleibt selbstverständlich unangetastet. wir haben nur alles entfernt, woran sie hing. gelegentlich fragt jemand: wer hat das entschieden? eine schwierige frage. denn niemand entscheidet. wir wenden an. entscheidung wäre persönlich. anwendung ist sauber. sauberkeit ist uns wichtig. deshalb der kübel. was beim flexen anfällt, kommt hinein. späne. reste. ermessen. einzelfälle. auch gewissen lässt sich bei sachgerechter bearbeitung gut zerkleinern. bitte nicht in den biomüll. am ende reinigen wir den arbeitsplatz. die flex zurück in den schrank. die flexüle heraus. den kübel leeren. akte schließen. hände waschen. wir haben uns nichts vorzuwerfen. unsere hände sind trocken.

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