Patrick Ridlmaier: Hotel der Träume – eine literarische Begegnung
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen nichts mehr an seinem Platz zu sein scheint. Die vertrauten Dinge sind noch da, die Straßen, die Häuser, die Geräusche eines gewöhnlichen Morgens. Und doch ist etwas unwiederbringlich verloren gegangen: die Gewissheit, im eigenen Leben zu Hause zu sein.
Von einem solchen Augenblick erzählt Patrick Ridlmaier in seinem Roman Hotel der Träume, erschienen im Empathie Verlag. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dem nach und nach alles abhandenkommt, worauf er seine Vorstellung eines gelungenen Lebens gegründet hatte. Und es ist zugleich eine Geschichte über die eigentümliche Möglichkeit, gerade im Verlust einen neuen Anfang zu entdecken.
Kilian hatte einmal allen Grund, glücklich zu sein. Er war aus der Enge seines Heimatortes aufgebrochen, hatte studiert, eine Anstellung als Werbetexter gefunden und sich verliebt. Ein Leben, das sich fügte. Ein Traum, der Wirklichkeit geworden war.
Doch irgendwann beginnt diese Wirklichkeit zu zerfallen. Eine innere Dunkelheit breitet sich aus, Freundschaften verstummen, der berufliche Alltag gerät aus den Fugen. Schließlich verliert Kilian auch Mara, die Frau, die ihm bis zuletzt Halt gegeben hatte.
Ridlmaier erzählt diesen Zusammenbruch nicht als einzelnes dramatisches Ereignis, sondern als schleichende Entfremdung. Besonders eindringlich wird dies dort, wo sich die innere Verfassung seiner Hauptfigur in alltäglichen Beobachtungen spiegelt: in einer vernachlässigten Wohnung, im morgendlichen Ritual der Kaffeezubereitung, im leeren Ohrensessel der fortgegangenen Geliebten.
Selbst der Frühling, gewöhnlich ein Versprechen des Neubeginns, wird für Kilian zur Zumutung. Während die Menschen wieder ins Freie drängen, lachen und einander begegnen, empfindet er die erwachende Lebensfreude als schmerzliche Erinnerung an seine eigene Einsamkeit.
Dann erhält er von einem Freund eine merkwürdige Adresse. Ein Hotel, irgendwo abseits der Stadt. Ein etwas in die Jahre gekommenes Haus, umgeben von Bäumen, geführt von einem eigentümlichen alten Direktor. Ein Ort, an dem angeblich Wunder geschehen.
Was aber ist ein Wunder? Vielleicht nichts Übernatürliches. Vielleicht nur eine Begegnung im richtigen Augenblick. Ein Gespräch, das eine längst verschlossene Tür öffnet. Oder jener unerwartete Wechsel der Perspektive, durch den etwas Vertrautes plötzlich in einem anderen Licht erscheint.
Ridlmaier lässt seinen Protagonisten für zwei Nächte in diesem Hotel einkehren. Was dort geschieht, entfaltet sich in einer Folge von Begegnungen und Gesprächen, die den äußeren Handlungsraum zunehmend zu einer Landschaft innerer Erfahrung werden lassen.
Dabei ist das Hotel mehr als ein Schauplatz. Es ist ein Zwischenraum: weder das alte Zuhause noch ein neuer, endgültiger Ort. Eine vorübergehende Unterkunft für einen Menschen, der erst wieder lernen muss, bei sich selbst anzukommen.
Überhaupt sind Räume in diesem Roman von besonderer Bedeutung. Schon zu Beginn steht Kilian auf einem traumhaften Marktplatz, auf dem alles im Überfluss vorhanden ist und dennoch niemand etwas an sich nehmen kann. Später werden Wohnung, Arbeitsplatz und Stadt zu Orten der Entfremdung. Erst das Hotel eröffnet einen Raum, in dem das Leben nicht länger nach den Maßstäben des bisher Erreichten beurteilt werden muss.
Damit berührt der Roman eine Frage, die über Kilians persönliche Geschichte hinausweist: Was geschieht mit uns, wenn die Träume, die unserem Leben einmal Richtung gaben, nicht mehr tragen? Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit nicht darin, Träume zu verwirklichen, sondern darin zu erkennen, wann wir an ihnen festhalten, obwohl das Leben längst weitergegangen ist.
Ridlmaier nähert sich diesen Fragen mit großer Ernsthaftigkeit und einer bewusst zugänglichen, bisweilen gleichnishaften Erzählweise. Er scheut weder die großen Begriffe noch die unmittelbare Auseinandersetzung mit Schmerz, Einsamkeit, Liebe und Hoffnung. Sein Roman will nicht durch ironische Distanz beeindrucken. Er sucht das Gespräch mit seinen Leserinnen und Lesern, möchte Erfahrungen teilen, Zuversicht ermöglichen und Fragen stellen, auf die es keine endgültigen Antworten gibt.
Dass hinter diesem Erzählen auch persönliche Erfahrungen stehen, erfahren wir im Nachwort. Der Autor berichtet von einer eigenen tiefen Lebenskrise und von der Entstehung des Buches während einer Reise durch Portugal und Spanien. Das verleiht dem Roman eine zusätzliche Dimension, ohne dass man ihn deshalb als autobiografischen Bericht lesen müsste. Literatur entsteht schließlich nicht allein aus dem Erlebten, sondern aus der Form, die ein Autor dafür findet.
Am Ende verlässt Kilian das Hotel. Nur zwei Nächte hat er dort verbracht. Die Vergangenheit ist nicht ungeschehen, die Zukunft bleibt offen. Doch etwas hat sich verändert: Er muss nicht mehr wissen, wie sein Leben weitergehen wird, um ihm wieder vertrauen zu können.
Kurz vor der Abfahrt überreicht ihm der alte Hoteldirektor einen verschlossenen Umschlag. Kilian soll ihn erst öffnen, wenn er irgendwann eine Erinnerung brauchen wird. Es ist eine schöne, beinahe zärtliche Schlussgeste. Denn sie verzichtet auf die endgültige Antwort. Was in dem Brief steht, bleibt unbekannt. Vielleicht ist gerade das seine Bedeutung: Nicht alles muss jetzt verstanden, nicht jede Frage sofort beantwortet werden.
Und vielleicht liegt darin auch die stille Hoffnung dieses Romans. Dass wir nicht jeden Traum festhalten müssen. Dass ein Abschied nicht nur das Ende einer Geschichte bedeutet. Und dass es manchmal genügt, wieder auf die Hauptstraße zurückzufinden – ohne schon zu wissen, wohin sie führt.
Patrick Ridlmaiers Hotel der Träume ist ein zugewandter, hoffnungsvoller Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Lebensentwürfe und den Mut, dem Ungewissen erneut zu begegnen. Ein Buch, das nicht behauptet, Schmerz ließe sich einfach überwinden, sondern dazu einlädt, ihn als Teil einer größeren, noch nicht abgeschlossenen Lebensgeschichte zu begreifen.
Patrick Ridlmaier: Hotel der Träume. Roman. EMPATHIE Verlag 2026.
Der Autor liest heute, am Samstag, 10.10.2026, 11.30 Uhr, auf der Frankfurter Buchmesse. Halle 3.0, E133 (Podium Rheinland-Pfalz).
Vorrede und Kollektivmonolog zum Thema des Literatursalons Schrott am 26.09.2026
Vorrede
Die Frage Bist du moralflexibel? mag beim ersten Hören wie eine Aufforderung zum Bekenntnis klingen. Ihr könnte sehr rasch eine charakterliche Einordnung folgen. Vor der bösen Kollektivstimme lohnt es sich m.E., die Frage einmal von ihrer Pointe zu befreien, der ja gemeinhin folgende Nachfrage zugrunde liegt: Hast du Grundsätze oder biegst du sie dir je nach Lebenslage zurecht? Philosophisch wird sie für mich interessanter, sobald ich frage: Kann gerade das starre Festhalten an einem moralischen Grundsatz unmoralisch werden?
Immanuel Kants Kategorischer Imperativ ist dafür ein wunderbar unbequemer Ausgangspunkt (zur Erinnerung: Handle nur nach einer Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde). Das bedeutet: Moral darf nicht davon abhängen, ob mir die Folgen gerade passen oder nicht. Sonst hätte ich keine Moral, sondern handelte auf der Basis einer situationsabhängigen Interessenkalkulation. Noch schärfer wird es in Kants sogenannter Zweck-an-sich-Formel: Der Mensch darf niemals bloß als Mittel zum Zweck, sondern muss immer zugleich als Zweck angesehen werden. Damit besitzt Kants ethischer Grundsatz etwas enorm Attraktives: Er errichtet eine Grenze gegen die beliebte Formel Diesmal müssen wir leider eine Ausnahme machen. Denn mit genau solchen „Ausnahmen“ beginnt vieles, was den Kollektivmonolog so böse macht. Man darf diesen Menschen übergehen, weil die Lage schwierig ist. Man darf jene Gruppe opfern, weil das Ganze wichtiger sei. Man darf hier ein bisschen lügen, dort ein bisschen entrechten, weiter weg ein bisschen Gewalt zulassen – selbstverständlich nur „ausnahmsweise“.
Kant würde misstrauisch fragen: Und was geschieht, wenn deine Ausnahme allgemeine Praxis wird? Hier wird Kant berüchtigt radikal. In seinem Aufsatz Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen von 1797 verteidigt er die Wahrhaftigkeit sogar gegenüber demjenigen, der einen von dir versteckten Menschen verfolgt und nach dessen Aufenthaltsort fragt. Kant vertritt aus rechtsphilosophischer Sicht die Auffassung, dass es selbst in lebensbedrohlichen Situationen kein Recht auf Lüge, also Notlüge, gibt.
Genau dort beginnt aber unser Problem. Nehmen wir eine zugespitzte Situation: Ein Mensch wird verfolgt. Ich verstecke ihn. Die Verfolger fragen mich, ob er bei mir ist. Was wäre in dieser Situation moralflexibel? Zu lügen? Oder wäre es gerade moralisch geboten, die Wahrheitspflicht zu verletzen, weil eine höhere Verpflichtung besteht: das bedrohte Leben des anderen zu schützen? Plötzlich wird aus „Moralflexibilität“ etwas ganz anderes. Nicht mehr Bequemlichkeit, sondern möglicherweise moralischer Mut zur Regelverletzung, die Leben retten kann.
Vielleicht gilt es also, zwei Arten von Moralflexibilität zu unterscheiden. Es gibt eine Moralflexibilität nach unten: Ich ändere meine Grundsätze, weil sie mich etwas kosten würden. Und es gibt möglicherweise eine Moralflexibilität nach oben: Ich verletze eine Regel, weil ihre Befolgung in dieser konkreten Situation genau das zerstören würde, was die Regel eigentlich schützen sollte.
Von außen können beide Handlungen gleich aussehen. Jemand lügt. Jemand widersetzt sich einer Vorschrift. Jemand gehorcht nicht. Jemand stiehlt vielleicht sogar. Aber moralisch können Welten dazwischenliegen. Ein hungernder Mensch, der Nahrung stiehlt, um sein Kind am Leben zu erhalten, stellt uns vor eine andere Frage als jemand, der einen anderen betrügt, um seinen eigenen Wohlstand zu vergrößern. Die Handlungskategorie Diebstahl allein beantwortet die moralische Frage nicht.
Wann muss ich also ggf. moralflexibel werden, um zu überleben? Hier wird es unangenehm, weil Moral meistens aus einer einigermaßen sicheren Position diskutiert wird. Wie moralisch muss ein Mensch handeln, dem Hunger, Folter, Krieg oder Tod drohen? Wir bewundern Menschen, die selbst unter äußerstem Druck an ihren Prinzipien festhalten. Aber dürfen wir daraus umgekehrt eine Verpflichtung zum Heldentum machen? Das wäre mir zu einfach. Es gibt einen Unterschied zwischen Ich würde gern glauben, dass ich in dieser Situation standhaft wäre und Ich verlange von einem anderen, lieber zu sterben, als seinen moralischen Grundsatz zu verletzen. Der zweite Satz ist erheblich brutaler. Hier bekommt Moralflexibilität als Überlebensstrategie eine menschliche Dimension. Ein Mensch unter extremer Bedrohung handelt nicht unter denselben Bedingungen wie jemand, der bequem über seine Entscheidungsmöglichkeiten verfügt.
Und dennoch löst Überleben nicht automatisch alle moralischen Grenzen auf. Sonst würde aus Ich darf manches tun, um zu überleben sehr schnell Ich darf alles tun, um zu überleben. Und genau da wird Moralflexibilität lebensgefährlich – nämlich für die anderen.
Wer trägt eigentlich die Kosten meiner moralischen Ausnahme? Wenn ich eine Regel verletze, um einen Verfolgten zu retten, trage zunächst ich das Risiko meiner Regelverletzung. Wenn ich dagegen meine moralischen Prinzipien lockere, damit ein anderer geopfert, entrechtet, ausgeschlossen oder gefährdet werden kann, zahlt er für meine Flexibilität.
Das alles ist noch keine vollständige Ethik, aber als Prüfstein ist es immerhin brauchbar. Folgende Fragen stehen nebeneinander: Wessen Leben oder Würde soll durch die Ausnahme geschützt werden? Wer trägt das Risiko und die Folgen? Dient die Ausnahme einem Schwächeren – oder meiner Bequemlichkeit, Macht oder Sicherheit? Würde ich dieselbe Ausnahme akzeptieren, wenn ich derjenige wäre, gegen den sie angewandt wird? Ist die Ausnahme wirklich vorübergehend – oder wird sie gerade zur neuen Regel?
Das Gefährliche ist m.E. nicht der moralisch flexible Mensch, sondern der Mensch, der seine Flexibilität nicht mehr als solche wahrnimmt. Er sagt dann nicht Ich verletze gerade einen moralischen Grundsatz, weil ich diese Ausnahme für notwendig halte, sondern Dafür bin ich nicht zuständig. Das ist nun einmal die Vorschrift. Das machen alle so. Die Umstände lassen keine andere Möglichkeit zu. Das ist philosophisch viel beunruhigender. Denn dann verschwindet die moralische Entscheidung in einem Verfahren. Und bemerkenswerterweise können sich hier die Extreme berühren: Der vollkommen flexible Mensch sagt Ich passe meine Moral der Situation an. Der vollkommen unflexible Funktionär sagt Ich befolge immer die Regel. Beide können damit Verantwortung vermeiden. Der eine: Meine Grundsätze mussten sich eben anpassen. Der andere: Meine Grundsätze ließen mir keine Wahl.
Vielleicht besteht moralische Verantwortung gerade darin, sich weder hinter der Regel noch hinter der Ausnahme verstecken zu dürfen. Aber das soll nicht heißen, dass Kants Lehre gänzlich suspendiert werden muss. Im Gegenteil. Seine Strenge bleibt ungeheuer wertvoll. Besonders die Forderung, einen Menschen niemals bloß als Mittel zu behandeln, würde die Frage Wie moralflexibel bist du? stärker machen als die populäre Formel vom allgemeinen Gesetz. Denn sie liefert einen Maßstab für die Moralflexibilität selbst: Wenn ich meine Moral „flexibilisiere“ und dabei Menschen zu Material für einen Zweck mache (für Ordnung, Sicherheit, Wohlstand, Ideologie, Karriere, das Gemeinwohl), sollte m.E. höchstes Misstrauen einsetzen. Aber vielleicht kann gerade die Achtung vor dem Menschen verlangen, eine abstrakte Regel zu brechen. Dann wäre die paradoxe Antwort auf die gestellte Frage: Manchmal muss Moral flexibel sein, damit der Mensch es nicht werden muss. Oder noch etwas schärfer: Eine Moral, die niemals nachgibt, kann Menschen brechen. Eine Moral, die immer nachgibt, kann sie preisgeben. Und dazwischen gibt es leider keinen hübschen Mittelweg mit Gebrauchsanweisung.
Vielleicht ist das überhaupt die moralische Zumutung: nicht, für jede Situation den richtigen Grundsatz in der Tasche zu haben, sondern in der konkreten Situation entscheiden zu müssen und anschließend nicht sagen zu dürfen: Ich konnte nicht anders. Sondern: Ich habe so entschieden.
Warum tut der Kollektivmonolog weh? Weil er das Gegenteil dieser Ich-Aussagen zeigt: Das Wir hat für alles Gründe, Verfahren und Zuständigkeiten, aber niemanden mehr, der sagt: Ich.
i.d.R.
mor.al flex.kübel
eine kollektive trocken.leg.eung
wir sagen nicht hauptsatz oder nebensatz. wir sagen: grundsatz. wir sind die moralisch einwandfreien. weil wir die zuständigen sind. alle. im rechten system. im system der richtigen zu-richtung. unsere zuständigkeit hat uns legitimiert. ganz unabhängig von den zuständen. um die es aber nie ging. daher kann auch niemand verantwortlich gemacht werden. wir haben die fragen entsorgt. weil niemand antworten muss. wir stellen jeden abend aufs neue fest: wir haben richtig gehandelt. dass jemand dabei starb, ändert nichts an der richtigkeit unseres handelns. wir haben moral. weil wir prinzipien haben. sortiert in verfahren. damit sich niemand verfährt. wir stimmen. weil wir mit einer stimme sprechen. wir harmonisieren. damit niemand moniert. wir organisieren die moralische ökonomie. zum wohle aller. und das wohl aller ist: die unschuld. wir sind schön. weil wir korrekt sind. für feuchtigkeit besteht kein sachlicher grund. die tränen, den regen, das grundwasser der erinnerung haben wir überwunden. wir legen trocken. die sümpfe. die gedanken. die zweifel. die zwischenräume. das gewissen. denn wo es noch feucht ist, könnte etwas wachsen. wir müssen den dingen nicht ununterbrochen auf den grund gehen. weil wir grundsätze haben. wir reden nicht dauernd von untergang, sondern von vorgang. denn für vorgänge gibt es zuständigkeiten. und für jede zuständigkeit einen vorgang. das hat sich bewährt. menschen dagegen haben sich nicht immer bewährt. sie halten sich nicht an den vorgang, weil sie sich im übergang befinden. sie weichen ab. sie haben sonderfälle. sie werden krank, geraten in not, verlieren angehörige, wohnungen, haltungen und gelegentlich den verstand. dafür können wir nichts. wir können nicht für alles etwas können. dafür gibt es zuständigkeiten. wir halten uns an die akte. die akte hält sich an uns. das ist aktentreue. treue ist eine moralische kategorie. und wir sind treu. bis zum schluss. auch wenn der schluss für manche früher kommt. das bedauern wir. aber bedauern ist kein verfahren. wir jammern nicht. wir tun einfach. und was wir tun, ist: trockenlegung. sub lege. ja, wir müssen trockenlegen. moralgesetze sind naturgesetze. das ist wichtig. früher legte man sümpfe trocken. heute sind wir weiter. wir legen widersprüche trocken. ermessensspielräume. abweichungen. einzelfälle. vor allem einzelfälle. einzelfälle enthalten sehr viel feuchtigkeit. sie nässen durch. erst in die akten. dann in die zuständigkeiten. schließlich ins gewissen. wenn man nicht aufpasst, fängt dort etwas an zu wachsen. dafür sind wir nicht zuständig. man wirft uns mangelnde flexibilität vor. wir weisen das zurück. wir sind flexibel, wo flexibilität vorgesehen ist. für nicht vorgesehene flexibilität fehlt uns derzeit die rechtsgrundlage. natürlich geht es um menschen. es geht immer um menschen. deshalb müssen wir verhindern, dass der mensch den vorgang stört. stellen sie sich vor, jeder käme mit seinem leben. wo sollten wir da anfangen? wo aufhören? nein. irgendwo muss eine grenze gezogen werden. wir haben sie gezogen. ganz ordnungsgemäß. wir haben uns nichts vorzuwerfen. das ist der große vorteil von grundsätzen. wer keine grundsätze hat, muss nachts nachdenken. wir schlafen. ausgezeichnet. trocken. was bleibt von uns? eine akte. akten sind sehr genügsam. sie schreien nicht. sie frieren nicht. sie haben keine kinder. sie brauchen keine luft. sie verlangen nur, dass man sie schließt. wir sind nicht moralflexibel. wo kämen wir hin? wir haben eine flex. die ist etwas ganz anderes. die flex ist ein sehr moralisches gerät. sie trennt. richtig von falsch. zuständig von nicht zuständig. notwendig von leider nicht vorgesehen. man setzt sie an. und wartet auf den funkenflug. funkenflug ist kein widerspruch. funkenflug ist lediglich eine begleiterscheinung des verfahrens. bitte schutzbrille tragen. manchmal liegt etwas im weg. ein arm. eine biografie. ein widerspruch. ein mensch. dann muss getrennt werden. nicht aus bosheit. aus gründen. wir haben sehr viele gründe. sie befinden sich im anhang. nach dem trennen kommt die flexüle. wir nennen das fürsorge. die flexüle ist ebenfalls ein moralisches gerät. sie hält am leben, was die flex übriggelassen hat. tropfenweise. wir geben: wasser. salz. zucker. zeit. vor allem zeit. zeit ist preiswert und verlängert das verfahren. wir töten niemanden. das möchten wir festhalten. wir halten überhaupt sehr viel fest. akten. fristen. grundsätze. menschen, sofern erforderlich. der mensch selbst wird nicht festgehalten. nur sein vorgang. das ist ein wichtiger unterschied. es kann vorkommen, dass während eines ordnungsgemäßen verfahrens ein leben endet. das leben ist kein bestandteil des verfahrens. wir bitten darum, beides nicht miteinander zu vermischen. überhaupt diese vermischung. blut mit blut. tränen mit augen. schuld mit folgen. entscheidung mit verantwortung. dagegen hilft trockenlegung. trockenlegung ist ein gesamtgesellschaftliches ziel. wo trocken ist, schimmelt nichts. wo trocken ist, quillt nichts auf. wo trocken ist, verwischt keine tinte. akten lieben trockenheit. menschen bestehen leider zu einem erheblichen teil aus wasser. hier besteht optimierungsbedarf. wir arbeiten daran. zunächst die tränen. sie erschweren die sachliche prüfung. dann das blut. es hinterlässt flecken und kann von mitarbeitenden als belastend empfunden werden. anschließend das gehirn. ihm schenken wir besondere aufmerksamkeit. denn das gehirn ist ein weitgehend uneingehegtes feuchtgebiet. jahrhundertelang hat man das hingenommen. heute wissen wir es besser. im gehirn steht wasser. darin schwimmen: meinungen. überzeugungen. erinnerungen. kränkungen. hoffnungen. gelegentlich gott. auch liebe wurde nachgewiesen. in erheblichen mengen. wo wasser steht, beginnt es irgendwann zu gären. eine meinung kommt hinzu. eine zweite. eine dritte. und bald haben wir öffentlichkeit. öffentlichkeit ist hydrologisch betrachtet ein überlaufproblem. alle reden. alle senden. alle wissen. alle haben recht. niemand hat einen abfluss. es wird gerufen. es wird geantwortet. es wird zurückgerufen. es wird gebrüllt. gegen das gebrüll wird angebrüllt. gegen das anbrüllen wird ein zeichen gesetzt. gegen das zeichen ein anderes zeichen. anschließend erklären beide seiten, nun müsse endlich wieder miteinander gesprochen werden. wir empfehlen ganz schlicht: entwässern. ideologien gedeihen besonders gut auf feuchten böden. sie benötigen wenig licht. ein satz genügt. man gießt ihn täglich mit empörung. und nach wenigen wochen hat er wurzeln. auch liebe ist in großen mengen problematisch. wir möchten das ausdrücklich sagen. liebe quillt. liebe läuft über. liebe macht weich. liebe möchte plötzlich ausnahmen machen. jemanden hereinlassen. jemanden behalten. jemanden retten. ausgerechnet diesen. das ist mit dem gleichbehandlungsgrundsatz nur schwer vereinbar. hass ist einfacher. hass trocknet schnell. er bildet krusten. darauf lässt sich bauen. besonders gefährlich ist das gleichzeitige auftreten von liebe und hass. das gehirn beginnt dann, wetter zu machen. blitze. niederschläge. druckgebiete. manche menschen nennen das noch heute: leidenschaft. wir nennen es: eine ungeklärte entwässerungslage. auch erinnerung bindet wasser. darum weinen menschen, wenn sie sich erinnern. ein eindeutiger befund. wer nichts erinnert, muss weniger trocknen. wir wollen niemandem seine erinnerungen nehmen. wir möchten sie lediglich entfeuchten. das bild bleibt. der geruch geht. die stimme geht. die haut geht. der schmerz geht. am ende bleibt: eine sachinformation. damit lässt sich arbeiten. überhaupt: stimmen. zu viele stimmen. innere stimmen. äußere stimmen. gegenstimmen. stimmen aus dem off. stimmen der vernunft. jeder führt inzwischen seinen eigenen chor mit sich. das ist akustisch nicht mehr darstellbar. wir schlagen vor, die stimme der vernunft vorerst auszusetzen. sie hat sich in letzter zeit ohnehin kaum durchsetzen können. stattdessen: luftentfeuchter. flächendeckend. in schulen. parlamenten. universitäten. kirchen. redaktionen. schlafzimmern. vor allem in schlafzimmern. dort entstehen nachweislich unverhältnismäßig viele gefühle, ohne vorherige beteiligung der zuständigen stellen. das muss aufhören. wir brauchen trockene köpfe. köpfe, in denen nichts überschwappt. keine utopie. keine verzweiflung. kein ich liebe dich bis ans ende der welt. die welt hat kein ende, im verwaltungsrechtlichen sinn. auch dieses ewige ich hasse dich. bitte konkretisieren. wen? seit wann? auf welcher grundlage? liegt ein nachweis vor? sie sehen: schon wenige formulare können erheblich zur deeskalation beitragen. wir möchten eine gesellschaft, in der niemand mehr überkocht. niemand überschäumt. niemand zerfließt. niemand außer sich gerät. alle bleiben. bei sich. in sich. für sich. selbstverständlich darf weiter gedacht werden. denken ist ein grundrecht. allerdings bitten wir darum, gedanken nach gebrauch vollständig auszuwringen. keine restfeuchte. keine tropfen. keine spur. ein trockener gedanke verursacht keinen schaden. ein trockener gedanke verliebt sich nicht. ein trockener gedanke hasst nicht. ein trockener gedanke widerspricht nicht. er liegt nur da. endlich. und wenn wir fertig sind, wenn der letzte sumpf vermessen, die letzte pfütze abgepumpt, die letzte träne ordnungsgemäß entsorgt, die letzte stimme auf zimmerlautstärke gebracht, die liebe auf bedarf reduziert und der hass in dafür vorgesehene behälter gefüllt wurde, werden wir feststellen: es ist sehr still geworden. wir nennen das gesellschaftlichen frieden. andere nennen es tod. hierfür sind wir nicht zuständig. und wenn dennoch etwas lebt, schließen wir es an. dafür haben wir schläuche. wir sind schließlich keine unmenschlichen menschen. wir halten das leben hoch. etwa auf höhe des infusionsständers. dort hängt es gut. übersichtlich. portionierbar. ein tropfen. noch ein tropfen. noch einer. sehen sie: wir tun etwas. gleichzeitig wird weiter geflext. das eine schließt das andere nicht aus. das ist flexibilität. man muss unterscheiden können. das lernen wir früh. hier das leben. dort die lebensgrundlage. hier der mensch. dort seine voraussetzungen. hier die würde. dort der vorgang. die würde bleibt selbstverständlich unangetastet. wir haben nur alles entfernt, woran sie hing. gelegentlich fragt jemand: wer hat das entschieden? eine schwierige frage. denn niemand entscheidet. wir wenden an. entscheidung wäre persönlich. anwendung ist sauber. sauberkeit ist uns wichtig. deshalb der kübel. was beim flexen anfällt, kommt hinein. späne. reste. ermessen. einzelfälle. auch gewissen lässt sich bei sachgerechter bearbeitung gut zerkleinern. bitte nicht in den biomüll. am ende reinigen wir den arbeitsplatz. die flex zurück in den schrank. die flexüle heraus. den kübel leeren. akte schließen. hände waschen. wir haben uns nichts vorzuwerfen. unsere hände sind trocken.
fürvorsorglich. ein kollektivmonolog. für alle, die später von nichts gewusst haben werden
wir haben nur unsere arbeit gemacht. mehr kann man von einem menschen zunächst nicht verlangen. wir waren pünktlich. wir haben die vorgänge geprüft, die eingänge den ausgängen zugeordnet, die ausgänge den eingegangenen, die eingegangenen den listen und die listen dem stand der dinge. der stand der dinge war ordentlich. dafür gab es ordner. wir haben nichts erfunden. das möchten wir ausdrücklich festhalten. erfunden haben andere. wir haben ausgeführt. ausführlich, wo es erforderlich war, kurz, wo die sachlage eindeutig war, und abschließend, wo abgeschlossen werden konnte. auch menschen konnten abgeschlossen werden. dafür gab es vorgänge. wir nannten das nicht menschen. das hätte die bearbeitung unnötig erschwert. man muss unterscheiden können zwischen einer sache und dem, was sie einem persönlich bedeutet. persönlich bedeutete sie uns nichts. darauf waren wir ein wenig stolz. sachlichkeit ist schließlich eine tugend. wir haben die züge nicht gebaut. wir haben auch die schienen nicht verlegt. wir haben lediglich darauf geachtet, dass auf den schienen die züge und in den zügen das vorgesehene zur vorgesehenen zeit am vorgesehenen ort eintraf. wir nannten das sehr bescheiden logistik. heute würde man sagen: prozessoptimierung. wir waren unserer zeit voraus. nur die züge nicht. die waren pünktlich. natürlich gab es verzögerungen. menschen verzögern. sie fehlen. sie erkranken. sie verlieren dokumente. sie bringen kinder mit. sie stellen fragen. fragen sind im verfahren nicht vorgesehen, sofern sie den verfahrensablauf betreffen. für fragen zum verfahren gab es eine zuständige stelle. die zuständige stelle war nicht hier. wir bitten um verständnis. einer sagte einmal: aber dort sind menschen. wir haben das geprüft. es war zutreffend. es ergab sich daraus jedoch keine änderung der zuständigkeit. man kann nicht bei jeder unterschrift die ganze welt mitunterschreiben lassen. wo kämen wir hin. man kann nicht bei jedem stempel an die haut denken, auf die er am ende fällt. man kann nicht bei jeder nummer fragen, welcher name darin aufgehört hat. dafür gibt es arbeitsteilung. einer nimmt den namen. einer gibt die nummer. einer setzt den haken. einer schließt die tür. und weil keiner alles getan hat, hat am ende niemand etwas getan. das ist mathematisch beinahe schön. wir haben uns selbstverständlich an geltendes recht gehalten. geltendes recht hat den vorteil, dass es gilt. ob es recht hat, war nicht gegenstand unserer prüfung. bitte bleiben sie sachlich. wir hatten familien. das wird gern vergessen. wir hatten frauen, männer, kinder, geburtstage, zahnschmerzen, einen hund, der schlecht hörte, eine mutter, die anrief, sonntags, wenn es den kuchen gab. wir waren keine monster. monster hätten uns vermutlich misstrauisch gemacht. wir waren kollegen. herr müller brachte kaffee mit. frau schmidt hatte immer diese bonbons. einer kannte einen guten metzger. und ein anderer wusste, wie man die liste schneller abarbeitet, wenn man die namen nicht mehr laut liest. er wurde später befördert. zu recht. planerfüllung war keine weltanschauung. planerfüllung war planerfüllung. der plan hatte zahlen. die zahlen hatten spalten. die spalten hatten überschriften. die überschriften hatten keine augen. das war hilfreich. augen erschweren die übersicht. manchmal kam etwas zurück. ein schreiben. ein geruch. eine beschwerde. wir leiteten es weiter. weiterleiten ist eine ausgezeichnete tätigkeit. etwas kommt zu einem und geht wieder. dazwischen ist man zuständig gewesen, aber nicht lange genug, um verantwortlich zu werden. nein, wir haben nicht gehasst. das ist vielleicht das wichtigste. hass wäre unprofessionell gewesen. wir hatten auch gar keine zeit dafür. es war sehr viel zu tun. am abend wuschen wir die hände. nicht deswegen. man wäscht sich eben die hände, bevor man isst. später fragte man: haben sie denn nichts gedacht? doch. wir dachten an die frist. wir dachten an die fehlenden unterschriften. wir dachten daran, dass oben wieder jemand angerufen hatte. wir dachten an die kinder. wir dachten an die rente. wir dachten an morgen. wir dachten sehr viel. nur nicht dazwischen. heute würde man das vielleicht anders machen. digitaler. eine maske öffnet sich. pflichtfelder sind mit einem sternchen gekennzeichnet. name. geburtsdatum. grund. maßnahme. weiter. sind sie sicher? ja. vorgang erfolgreich abgeschlossen. bitte verstehen sie uns nicht falsch. wir bedauern jeden einzelfall. wirklich. aber bei der anzahl kann man unmöglich jeden einzelnen als einzelfall behandeln. die vorgänge wurde geprüft. es ergaben sich keine bedenken. von weiteren maßnahmen wurde abgesehen. denn die äußersten waren bereits getroffen worden. dem innersten tat das keinen abbruch. das innerste geht fristlos. ja. der fall war vollständig. das war zunächst erfreulich. es fehlte nichts außer dem, um den es ging. das kommt vor. die anwesenheit der betroffenen person ist für die abschließende bearbeitung nicht in jedem verfahrensschritt erforderlich. mitunter ist sie sogar hinderlich. menschen neigen dazu, ihre sache durch persönliche umstände zu ergänzen. persönliche umstände waren nicht beantragt. der eingang wurde bestätigt. die bestätigung des eingangs bedeutet nicht, dass etwas eingegangen ist. sie bestätigt lediglich, dass der eingang bestätigt wurde. damit war der erste schritt abgeschlossen. der zweite bestand darin, den ersten nicht noch einmal zu prüfen. hierfür bestand kein anlass. es bestand überhaupt wenig anlass. das verfahren lief. die betroffene person hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ihr aus der entscheidung erhebliche nachteile entstünden. das wurde zur kenntnis genommen. kenntnisnahme ist wichtig. sie verhindert den eindruck, man habe etwas nicht gewusst. wissen wiederum bedeutet nicht, dass daraus etwas folgt. dafür müsste eine folge vorgesehen sein. eine solche war nicht vorgesehen. zwischenzeitlich verschlechterte sich der zustand. welcher zustand, war für die entscheidung unerheblich. zustände ändern sich. entscheidungen nicht ohne grund. ein grund lag nicht vor. die betroffene person lag. auch das war kein grund. es wurde um dringende bearbeitung gebeten. dringlichkeit ist kein beschleunigungsgrund, sofern die dringlichkeit durch die dauer des verfahrens entstanden ist. anderenfalls würden lange verfahren bevorzugt behandelt. dies wäre gegenüber den übrigen langen verfahren nicht zu vertreten. es gilt der grundsatz der gleichbehandlung. alle warten gleich. einige länger. die familie rief an. hierfür war keine telefonische auskunft vorgesehen. die familie schrieb. hierfür war das funktionspostfach vorgesehen. das funktionspostfach antwortete automatisch. vielen dank für ihre nachricht. ihre nachricht ist uns wichtig. bitte sehen sie von weiteren nachfragen ab. es wurde mitgeteilt, dass die sache keinen aufschub dulde. die sache wurde daraufhin auf wiedervorlage gelegt. bei der nächsten wiedervorlage war eine beteiligte person nicht mehr erreichbar. die post kam zurück. empfänger unbekannt. das war nicht korrekt. der empfänger war bekannt. nur nicht mehr vorhanden. für die korrektur der anschrift bestand damit kein bedarf. es stellte sich die frage, ob das verfahren einzustellen sei. davon wurde zunächst abgesehen. der wegfall einer person führt nicht automatisch zum wegfall eines vorgangs. ein vorgang besitzt eine eigene laufzeit. das ist organisatorisch notwendig. menschen haben die unangenehme eigenschaft, ihre laufzeit nicht mit der bearbeitungszeit abzustimmen. die akte enthielt inzwischen siebenundachtzig seiten. auf seite dreiundvierzig befand sich ein foto. es war nicht entscheidungserheblich. auf seite vierundvierzig befand sich die rückseite. sie war leer. auch sie wurde paginiert. ordnung muss vollständig sein. eine mitarbeiterin fragte, ob man nicht ausnahmsweise… die frage wurde nicht zu ende geführt. ausnahmen bedürfen einer grundlage. mitgefühl ist keine. es wurde geprüft, ob besondere umstände vorlagen. besondere umstände lagen vor. sie waren jedoch nicht besonders genug. die entscheidung wurde vorbereitet. hierzu war der sachverhalt auf das entscheidungserhebliche zu reduzieren. entfernt wurden: die angst. die dauer. die schmerzen. die mutter. zwei kinder. der satz: bitte helfen sie mir. ein foto. mehrere erfolglose anrufe. die nacht vom dritten auf den vierten. der geruch im zimmer. eine hand, die zuletzt nicht mehr zurückdrückte. nach entfernung der nicht entscheidungserheblichen bestandteile war der sachverhalt übersichtlich. übersichtlichkeit dient der rechtssicherheit. die entscheidung umfasste vier seiten. auf seite eins stand der name. auf seite vier die rechtsbehelfsbelehrung. dazwischen war alles in ordnung. es wurde darauf hingewiesen, dass gegen die entscheidung innerhalb eines monats widerspruch eingelegt werden könne. die frist begann mit bekanntgabe. eine bekanntgabe war nicht mehr möglich. dies berührte die rechtmäßigkeit der entscheidung nicht. später fragte jemand, ob das hätte verhindert werden können. die frage war zu unbestimmt. was genau mit „das“ gemeint war, ließ sich den unterlagen nicht entnehmen. eine interne prüfung ergab keine hinweise auf ein individuelles fehlverhalten. sämtliche beteiligten hatten innerhalb ihrer jeweiligen zuständigkeit gehandelt. die kommunikationswege waren eingehalten worden. die dokumentation war vollständig. die fristen waren im wesentlichen beachtet worden. der vorgang hatte das system ordnungsgemäß durchlaufen. dass die person das nicht tat, war bedauerlich. aus dem fall wurden konsequenzen gezogen. das formular wurde überarbeitet. seitdem befindet sich unten rechts ein zusätzliches feld: verstorben. eine schuld wurde nicht festgestellt. das lag nicht daran, dass sie nicht gesucht worden wäre. es lag daran, dass schuld keine zuständigkeit bezeichnet. schuld ist überhaupt ein bemerkenswert ungenauer begriff. sie hat keinen anfang, kein ende, kein aktenzeichen. sie lässt sich nicht weiterleiten. sie ist nicht zeichnungsfähig. man kann sie niemandem zur kenntnis geben, ohne dass sie anschließend immer noch da ist. für einen verwaltungsvorgang ist das ein erheblicher mangel. verantwortung ist ähnlich schwierig. alle reden von verantwortung, sobald nicht mehr festzustellen ist, wer zuständig war. dabei sind dies grundverschiedene dinge. verantwortung fragt, wer es gewesen ist. zuständigkeit fragt, wer es zu bearbeiten hatte. die zweite frage lässt sich beantworten. deshalb arbeiten wir mit ihr. verantwortlich waren möglicherweise viele. zuständig war jeweils einer. das ist der fortschritt. wer verantwortlich war, hat die körper brennen lassen. wer zuständig war, sorgte den vorschriften gemäß dafür, dass das papier kein feuer fing. das papier war wichtig. das bitten wir bei aller nachträglichen erregung nicht zu vergessen. papier ist die haut der geschichte. zuständigkeit ihr gerippe. ohne beides bliebe von einem menschen am ende nur, was von einem menschen eben bleibt. das wäre dokumentarisch unzureichend. deshalb wurden die namen erfasst. zunächst die namen. dann die geburtsdaten. dann die wohnorte. dann die vermögensverhältnisse. dann die verwandten. dann die nummern. dann die änderungen. später wurden die namen wieder benötigt. zur erinnerung. auch erinnerung braucht verlässliche daten. wir haben also, wenn man es genau nimmt, für die erinnerung gearbeitet. man sollte uns das nicht nachtragen. wir haben bereits genug getragen. akten zum beispiel. immer wieder wird gefragt: wer trägt die verantwortung? wir verstehen die frage nicht. verantwortung wird nicht getragen. verantwortung wird zugeordnet. sofern sie zugeordnet werden kann. kann sie nicht zugeordnet werden, ist von einer gemeinschaftlichen verantwortung auszugehen. gemeinschaftliche verantwortung hat den verwaltungstechnischen vorteil, dass sie sich durch die zahl der beteiligten teilt. je mehr verantwortlich sind, desto weniger bleibt für den einzelnen. bei hinreichend großer beteiligung nähert sich die persönliche verantwortung null. das ist keine entschuldigung. das ist division. gegen mathematik haben wir nichts. schuld hingegen lässt sich nicht teilen. schon deshalb ist sie für größere organisationseinheiten ungeeignet. stellen sie sich vor, jeder müsste morgens mit seiner schuld zur arbeit kommen. wo sollte die abgelegt werden? auf dem schreibtisch? im flur? bei der garderobe? für persönliche gegenstände wird keine haftung übernommen. nein, wir leugnen nichts. leugnen würde voraussetzen, dass eine behauptung vorliegt, zu der wir uns verhalten müssten. wir stellen lediglich fest. festgestellt wurde, dass geschehen ist, was geschehen ist. der umfang ist unstreitig. die folgen ebenfalls. wir bestreiten auch die toten nicht. tote sind ausgezeichnet feststellbar. sie widersprechen nicht. sie reichen nichts nach. sie versäumen keine fristen mehr. in dieser hinsicht sind abgeschlossene sachverhalte ausgesprochen angenehm. problematisch sind die lebenden. sie erinnern sich unterschiedlich. sie ergänzen. sie widersprechen. sie zeigen auf jemanden. sie sagen: du. aber du ist keine zuständigkeit. man sagt, jemand müsse dafür geradestehen. wir standen. täglich. morgens um acht. teilweise früher. das kann anhand der zeiterfassung nachgewiesen werden. mehr geradestehen war tariflich nicht vorgesehen. man sagt, wir hätten wegsehen müssen, um so etwas tun zu können. auch das ist falsch. wir sahen sehr genau hin. auf die listen. auf die zahlen. auf die geleisteten unterschriften. auf die fehlenden unterschriften. auf die vorgaben. auf die abweichungen von den vorgaben. wir sahen sogar zweimal hin, wenn etwas nicht stimmte. nur der mensch befand sich nicht dort, wohin wir sahen. dafür können wir das sehen nicht verantwortlich machen. es heißt, wir hätten nein sagen können. selbstverständlich. nein war sprachlich jederzeit verfügbar. im verfahren war dafür kein feld vorgesehen. man hätte kündigen können. man hätte widersprechen können. man hätte sich weigern können. man hätte eine tür öffnen können. man hätte einen namen wieder als namen aussprechen können. man hätte eine hand nehmen können. man hätte einen menschen ansehen können. alles richtig. nur wäre dann zu klären gewesen, wer dafür zuständig ist. nachträglich ist vieles einfach. nachträglich kennt jeder die richtige entscheidung. deshalb ist nachträglichkeit eine so beliebte moralische position. sie verfügt über vollständige aktenlage und keinerlei handlungsdruck. wir hatten damals nur die gegenwart. sie war ausgesprochen unübersichtlich. deshalb haben wir sie abgeheftet. besonders verletzend finden wir den vorwurf der unmenschlichkeit. unmenschlich waren wir nicht. unmenschlichkeit hätte bedeutet, den menschen nicht zu berücksichtigen. der mensch wurde berücksichtigt. er wurde erfasst. vermessen. geprüft. zugeordnet. überstellt. abgemeldet. vollständiger kann man einen menschen kaum berücksichtigen. dass er dabei starb, ist eine betrachtung vom ende her. wir arbeiteten jedoch grundsätzlich vom anfang. auch von vernichtung wird gesprochen. wir bitten um sprachliche genauigkeit. vernichtet wurde keineswegs alles. die unterlagen sind in erstaunlichem umfang erhalten. manche sogar in sehr gutem zustand. säurefreies papier war damals allerdings noch nicht überall üblich. hier bestehen konservatorische probleme. um die entsprechenden bestände kümmert man sich heute mit großer sorgfalt. klimatisierte räume. konstante luftfeuchtigkeit. kontrollierte temperatur. brandschutz. brandschutz ist wichtig. was einmal erhalten ist, soll nicht noch einmal verloren gehen. wir begrüßen das. auch wir waren immer für sorgfältige aufbewahrung. nur die körper ließen sich schlecht archivieren. sie nahmen zu viel platz ein. die geschichte hat daraus gelernt. heute ist alles digital. die verantwortung ebenfalls. sie befindet sich in einem system, auf das mehrere berechtigte zugriff haben. welcher berechtigte welche änderung vorgenommen hat, kann grundsätzlich nachvollzogen werden. grundsätzlich. sofern die protokolldaten noch vorliegen. sofern die aufbewahrungsfrist nicht abgelaufen ist. sofern kein systemwechsel stattgefunden hat. sofern. so fern. bitte haben sie verständnis. ältere vorgänge können nicht in jedem fall rekonstruiert werden. schuld ist kein pflichtfeld. verantwortung kann leer bleiben. zuständigkeit bitte auswählen. vorgang speichern? ja. mensch nicht gespeichert… nun aber noch ein paar offene worte zur erinnerung. auch hier bitten wir um verhältnismäßigkeit. wir haben erinnert. ausführlich. öffentlich. wiederholt. es wurden reden gehalten. namen verlesen. kränze niedergelegt. tafeln angebracht. steine gesetzt. steine geputzt. steine ersetzt, wenn die schrift nicht mehr lesbar war. wir haben geschwiegen. minutenlang. teilweise gemeinsam. niemand kann ernsthaft behaupten, es sei nicht geschwiegen worden. irgendwann muss auch ein schweigen als erbracht gelten. was soll also das denk-mal. wir haben doch gedacht. mehrfach. denken ist keine dauerleistung. der mensch muss zwischendurch arbeiten. überhaupt diese bindestriche. denk-mal. mahn-mal. noch-mal. immer noch einmal. als ließe sich geschichte durch wiederholung verbessern. als müsse das vergangene regelmäßig zur wiedervorlage erscheinen, nur weil es vergangen ist. wir halten das für eine unangemessene belastung der gegenwart. die gegenwart hat eigene vorgänge. selbstverständlich soll nichts vergessen werden, was erinnerungswürdig ist. dafür gibt es archive. archive haben den großen vorteil, dass sich das erinnerte dort befindet, wo es hingehört. im archiv. während draußen gearbeitet werden kann. wir bewahren die archive sorgfältig. wir bewachen sie sogar. nicht damit etwas herauskommt. damit nichts verloren geht. das ist ein unterschied. die gespenster bleiben selbstverständlich zugänglich. während der öffnungszeiten. die dichter sagen, die toten seien in der luft. das mag sein. luft lässt sich schlecht archivieren. auch umgraben lässt sie sich nicht. aber wegschaufeln. dazu reißen wir regelmäßig die fenster weit auf. stoßlüften. zehn minuten genügen. anschließend kann weitergearbeitet werden. sollte sich danach noch etwas im raum befinden, ist davon auszugehen, dass es zum inventar gehört. wir haben nichts gegen die toten. wirklich nicht. sie haben nur die unangenehme angewohnheit, keinen abschluss zu akzeptieren. immer wieder kommen sie vor. in büchern. in familien. in träumen. in straßennamen. in fragen von kindern. besonders kinder fragen gern, was wir damit zu tun haben. nichts, sagen wir. ihr auch nicht. das ist schließlich der sinn von generationen. dass eine nach der anderen kommt. nicht eine für die andere auf. schuld kennt kein erbe. jedenfalls keines, das wir antreten würden. was sollen unsere kinder damit anfangen. sie haben bereits genug von uns: augen, schultern, ein haus vielleicht, blutgruppe, schlechte zähne. muss es ausgerechnet schuld sein. wir halten das für pädagogisch bedenklich. kinder brauchen zukunft. tote hatten ihre. natürlich sollen die jungen menschen wissen, was geschehen ist. wissen schadet nicht. solange daraus keine persönliche betroffenheit konstruiert wird. betroffen waren andere. dafür gibt es das wort andere. wir bitten, seine entlastende funktion nicht leichtfertig aufzugeben. geschichte muss kein friedhof sein. sie darf auch schön sein. blühende gärten. weitläufige parks. wasserflächen. sitzbänke. barrierefreie wege. gelegentlich eine stele. nicht zu hoch. sie soll die sichtachsen nicht beeinträchtigen. auf einer tafel kann erläutert werden, was hier einmal war. die tafel sollte wetterfest sein. die geschichte war es nicht. dafür können wir heute nichts mehr. wir begrüßen ausdrücklich, wenn menschen solche orte in ihrer freizeit aufsuchen. erinnerung ist wichtig. freizeit ebenfalls. beides lässt sich verbinden. anschließend gibt es kaffee. bei gutem wetter kann man draußen sitzen. so bleibt geschichte lebendig. aber bitte nicht zu lebendig. dafür war sie schließlich tödlich genug. es muss erlaubt sein, weiterzuleben. dieser satz wird gern unterschätzt. weiterleben heißt: weiterarbeiten. weiter befolgen. weiter essen. weiterschlafen. weiter erledigen. innerhalb angemessener fristen. niemand kann verlangen, dass eine gesellschaft morgens aufsteht und bis zum abend bereut. wann sollte sie ihre post erledigen. nachsicht ist hier angebracht. schon das wort zeigt die richtige richtung. nach-sicht. man sieht nach. man sieht noch einmal hin. dann sieht man wieder weg. sonst wäre es keine nachsicht, sondern dauerbeobachtung. dafür fehlen die personellen ressourcen. vergessen wird zu unrecht unterschätzt. vergessen ist zuverlässig. erinnerung dagegen arbeitet ausgesprochen unsauber. sie verschiebt. ergänzt. erfindet. tropft. das gedächtnis ist im grunde inkontinent. kaum glaubt man einen sachverhalt trockengelegt, tritt er an anderer stelle wieder aus. ein name. ein bild. ein schuh. ein koffer. eine stimme. schon steht wieder alles unter wasser. niemand will feuchte archive. feuchtigkeit schadet dem bestand. besonders papier reagiert empfindlich. papier ist deshalb die bessere erinnerung. es bleibt liegen. es träumt nicht. es wacht nachts nicht auf. es fragt nicht, ob jemand geschrien hat. es verändert seine aussage nicht, nur weil ein kind davorsteht. es kennt keine scham. vor allem kennt es keine nachkommen. papier vererbt nichts. es wird übergeben. ordnungsgemäß. und ja: das papier in den akten ist die sichere windel im schoß des gedächtnisses. dort nimmt es zuverlässig auf, was die erinnerung nicht bei sich behalten kann. man wechselt die säurehaltigen bestände rechtzeitig aus. man trocknet. restauriert. katalogisiert. niemand muss deshalb nass werden. wir haben aus der geschichte gelernt. das wird ebenfalls gern bezweifelt. aber sehen sie sich um. überall erinnerung. museen. gedenkstätten. archive. dokumentationszentren. jahrestage. sonderausstellungen. schulmaterialien. mehr lernen lässt sich organisatorisch kaum darstellen. irgendwann muss gelernt auch gelernt heißen dürfen. irgendwann muss erinnert erinnert gewesen sein. irgendwann muss vergangenheit den anstand besitzen, vergangen zu sein. sonst handelt es sich um gegenwart. und für die gegenwart sind wir bereits zuständig. wir bitten deshalb, die toten nicht unnötig zu wecken. nicht aus angst. aus rücksicht. auch tote haben anspruch auf ruhe. wir nehmen diesen anspruch sehr ernst. wo nötig, setzen wir ihn gegen die erinnernden durch. selbstverständlich bleibt der zugang zur geschichte gewährleistet. montag bis donnerstag, 9.00 bis 16.00 uhr. freitag, 9.00 bis 13.00 uhr. an wochenenden und feiertagen geschlossen. wir machen nur unsere arbeit. zu den vorgesehenen zeiten verlassen wir unsere schreibtische nicht. darauf ist verlass. wir waren immer da. jene, die uns verließen, wurden abgelegt. vollständig, trocken und nach jahrgängen geordnet. sie stören unsere gegenwart nicht mehr. dafür tragen wir sorge. wir bewahren, was von ihnen übrig ist, und behalten, was von uns übrigbleiben soll. gelegentlich fällt staub an. wir entfernen ihn. gelegentlich fällt ein name. wir heben ihn auf und legen ihn zurück. nichts soll verlorengehen. nichts wiederkommen. das ist unsere arbeit. dafür sind wir da. wir schließen die schränke. wir löschen das licht. wir prüfen die tür. wir gehen nach hause. am nächsten morgen sind wir wieder pünktlich. die toten auch. sie liegen noch dort, wo wir sie verlassen haben. das ist beruhigend. auf uns ist verlass.
uns ist alles bekannt […] was irgend geschieht auf der vielnährenden erde
ja. man war jetzt sehr still. aber nicht, um zu schweigen. man war unter jenen, denen alles offenbart worden war, die nichts mehr verkündeten. ja. man war ein floß auf noch unentschlossenen gewässern und rief es den ufern nach. tomoi. die scholle – einsam und zugleich gemütlich. ja. man nahm sich viel vor. und selbst ganz zurück. man wurde sich endlich selbst zur gewohnheit. in der wohneinheit. zum rest eines mythos, der ohne zeugen blieb. zum kern einer wahrheit, die zur absolution nicht mehr taugt, weil man nur ein echo ist, vergeblich wartend auf die fremde stimme. nein. man bringt sich jetzt nicht mehr um. vorläufig. denn der tod wurde verschoben, aufgrund einer plötzlichen termindichte. das leben als zählung der übrigen, als zahlung der verbrauchten tage. endlich befreit von erzählungen. das leben im tod. und weil die zeit nicht wartet und sich nicht multipliziert in der beschwörung einer lau-pause. ja. die vorstellung: von einer beendeten wanderschaft. dass eine stille sich senkt in die weitung des blicks gesammelter trauer. bericht: über den fall. den überfall der seele auf den körper…
Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist. Oder vielleicht gerade dann, wenn du es nicht bist…
Denn Regina Schrott erzählt in ihrem Debütroman Ich bin Echo keine beruhigende Geschichte, sondern eine, die sich leise unter die Haut schiebt. Eine Geschichte über Stimmen und Gegenstimmen, über das Sprechen und Überhörtwerden – und über Beziehungen, in denen man sich selbst allzu leicht verliert, ohne es sofort zu merken.
Der Mythos von Echo und Narziss gehört zu den stilleren, zugleich grausam präzisen Erzählungen der Antike. Echo, zur Strafe ihrer eigenen Stimme beraubt, kann fortan nur noch wiederholen, was andere sagen; Narziss hingegen, unfähig zur wirklichen Beziehung, verfällt seinem eigenen Spiegelbild. Was hier als göttliche Metamorphose erscheint, ist im Kern eine Konstellation radikaler Asymmetrie: Hier das Begehren nach Resonanz, dort die Selbstgenügsamkeit der eigenen Oberfläche. Zwischen beiden entsteht kein Dialog, sondern ein Kreislauf aus Annäherung, Verfehlung und Wiederholung.
Genau diese Konstellation nimmt Regina Schrott in ihrem Roman auf – und überführt sie mit bemerkenswerter Konsequenz in eine gegenwärtige Erfahrungswelt. Bereits die Kindheitskapitel legen die Grundstruktur frei: ein Vater, der als Richter nicht nur über andere urteilt, sondern ein Klima permanenter Bewertung schafft, und eine Mutter, die weniger sich selbst liebt als den eigenen Widerhall im Blick der anderen. Zwischen diesen Polen wächst ein Ich heran, das früh lernt, sich anzupassen, zu spiegeln, zu reagieren – und sich dabei zunehmend selbst entzieht.
Was diesen Roman besonders macht, ist die Art, wie er diese Erfahrungen erzählt. Märchenhafte, mythische und hochkonkrete gegenwärtige Elemente stehen unvermittelt nebeneinander: Elfenmütter und Trollväter begegnen Smartphones und sozialen Medien, antike Götter moderner Beziehungssprache. Diese Überlagerung wirkt nie beliebig, sondern folgt einer klaren poetischen Logik. Der Mythos erscheint hier nicht als fernes Deutungsmuster, sondern als Struktur, die sich im heutigen Leben fortschreibt.
Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Echo und Narziss, die der Roman mit großer Genauigkeit als asymmetrisches Gefüge entfaltet. Was zunächst als Begegnung, als Möglichkeit von Nähe erscheint, erweist sich zunehmend als einseitige Dynamik, in der Anerkennung verweigert, Kommunikation unterlaufen und Selbstwert systematisch untergraben wird. Dabei gelingt es dem Text, diese Beziehung nicht plakativ zu verurteilen, sondern in ihrer inneren Logik sichtbar zu machen – einschließlich der Ambivalenzen, die das Verharren verständlich werden lassen: Scham, Sehnsucht, Selbstzweifel und die paradoxe Hoffnung, durch Anpassung doch noch gesehen zu werden.
Gerade hier entfaltet der Roman eine beunruhigende Gegenwärtigkeit. Begriffe wie „Lovebombing“ oder die feine Beschreibung sozialer Masken – Ausreden, Gesten, das sorgfältige Polieren eines nach außen funktionierenden Bildes – erscheinen nicht als theoretische Kategorien, sondern als gelebte, mitunter grausame Realität. Gleichzeitig bleibt die mythische Tiefendimension erhalten, sodass sich individuelle Erfahrung und archetypisches Muster unauflöslich verschränken.
Dabei bewegt sich der Text auf einem schmalen Grat, den er erstaunlich sicher hält: Er erlaubt sich große Gefühle, dramatische Zuspitzungen, ja, mitunter fast pathetische Bilder – und bricht sie im nächsten Moment mit Ironie, Witz oder einer unerwarteten Alltagsbeobachtung. Gerade diese Reibung erzeugt einen Sog, der die Lektüre trotz der Härte des Erzählten überraschend leicht und beweglich macht. Das Tragische kippt immer wieder ins Schicksalhaft-Amüsante, das Groteske ins Komische, ohne je ins Beliebige abzugleiten.
Im letzten Drittel öffnen sich mit den Pariser Episoden und später mit der Schwangerschaft scheinbare Gegenräume, in denen andere Formen von Beziehung und Selbstwahrnehmung möglich werden. Für kurze Zeit gelingt es der Erzählerin, sich aus der vertrauten Konstellation zu lösen und „ich selbst“ zu sein. Doch auch hier unterläuft der Roman jede einfache Vorstellung von Befreiung. Die Strukturen verschieben sich, variieren sich, kehren in neuen Formen wieder. Selbst im Versprechen von Zukunft zeigt sich die alte Dynamik der Projektion – das ungeborene Kind wird zum Träger von Erwartungen, zum Heilsversprechen, das alles richten soll.
Die drastischen Ereignisse gegen Ende führen schließlich nicht in eine kathartische Auflösung, sondern in eine Form von schonungsloser Selbstwahrnehmung. Besonders eindrücklich ist dabei die Art, wie Schuld verhandelt wird – nicht nur als Belastung, sondern als paradoxer Versuch, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dass diese Einsicht zunächst in Erstarrung und Sprachverlust mündet, verleiht dem Roman eine große existenzielle Konsequenz.
Und doch bleibt es nicht dabei. In den letzten Kapiteln verschiebt sich der Ton noch einmal: Aus der Erstarrung entsteht Bewegung, aus der Sprachlosigkeit eine neue Form von Stimme. Wenn Echo beginnt, zurückzurufen, zurückzubrüllen, sich spielerisch und körperlich in ihrem eigenen Echo zu behaupten, dann ist das keine Aufhebung der Bedingungen, wohl aber eine Aneignung. Die Figur bleibt, was sie ist – und gewinnt gerade darin Handlungsspielraum.
Der Roman endet entsprechend leise, fast unspektakulär, in einer Szene von überraschender Leichtigkeit. In der erneuten Begegnung mit einer alten Liebe tritt an die Stelle von Scham und Verstrickung eine Gelassenheit, die nicht mehr alles erklären oder rechtfertigen muss. „Ich liebe dich“, heißt es – und schließlich: „und ich liebe endlich mich.“ Das ist kein pathetisches Finale, sondern eine ruhig gesetzte Öffnung, die dennoch, wie in allen guten literarischen Texten, eine gewisse Unsicherheit erzeugt: Ist das finale Glück echt? Oder ist das ‚neue Paris‘ (wahlweise: der neue Paris) nur eine Täuschung? Bleiben nicht doch Wunden nach der Selbsterkenntnis und der Selbstermächtigung?…
Umso wirkungsvoller ist die anschließende Schlussgeste: In Form einer nüchternen Todesanzeige (augenzwinkernd angekündigt mit der Warnung Lies den Epilog nur, wenn Du Dir sicher bist, dass Du es wissen möchtest) wird Echo zur öffentlichen Figur, zur „Stimme der Zerrissenheit“, deren Geschichte nun als Fall, als Nachricht erscheint. Diese Distanzierung erinnert an ästhetische Verfahren des souveränen Erzählens, nach denen die tragikomische Protagonistin dem unmittelbaren Zugriff entzogen und zugleich in eine neue, gesellschaftliche Lesbarkeit überführt wird. Was zuvor als innere Erfahrung erzählt wurde, erscheint nun als Teil eines größeren Zusammenhangs – und wirft Fragen auf, die weit über die einzelne Figur hinausweisen.
Ich bin Echo ist ein Roman, der viel wagt: thematisch, formal, sprachlich. Nicht alles ist gleichmäßig geglückt, manches geht bewusst an die Grenze der Überfrachtung. Doch gerade in dieser Radikalität liegt seine Stärke. Der Text nimmt seine Figur und ihre Erfahrungen ernst, ohne sie zu glätten, und findet dafür eine eigene, unverwechselbare Sprache.
Ich empfehle diesen Roman allen Menschen, die Mut haben oder sich Mut wünschen: zur Selbsterkenntnis, zum Wagnis neuer Beziehungen, zur eigenen Stimme und zur Zumutung, sich selbst wirklich und tief zu begegnen – und ausdrücklich auch allen Menschen, die sich auf der Suche befinden: nach der Überwindung von Scham, von neurotischen Ängsten vor Scheitern, vor Zurückweisung und schließlich vor sich selbst.
Regina Schrott: Ich bin Echo. EMPATHIE-Verlag. Ahrweiler 2025.
die zeit singt nicht. sie zieht an etwas übrigem. die uhr schreit: drei. und fünf. und später. wenn das haus verlassen werden muss, als sei es das eigene fleisch. und weil die seele hier nicht bleiben kann.
ab-lauf: struktur als behauptung. von ordnung. residual. stunde. für stunde. ununterscheidbar. stundung. im fluss des gleichgültigen. im ausfluss des verbrauchten
ein gang. hinaus. drei. und fünf. und später. mit allem, das sich teilt, nur durch sich selbst. damit sich legt: atem zu atem, stelle zu stelle, druck zu druck.
gedächtnis: delegierung der kenntnis des ortes. an einen körper. zurückgelassen. das fleisch als zeichen: für ein gelungenes protokoll
die stunden zählten dich. drei. und fünf. und später. bis zur ablage – die kommt nie zu spät. im schrank hängt noch: dein mantel. dein schatten. echo eines körpers, der nicht mehr passte.
rückkehr: nicht ereignis. sondern: nachträgliche lokalisierung
der zu einer unkenntlichkeit geschrumpfte körper. die ganze sich stetig schneller drehende welt. die keinen anderen halt erlaubt, als den dunklen, stillen fleck des eigenen, einen stand-orts. hier ist man vorerst nur, um vorhanden zu sein. hier könnte man eines tages warten, falls etwas zu erwarten ist. das offen zugewandte erreicht einen hier nicht und hat – wie alles unsichtbare – eine erstaunliche grenzenlosigkeit. doch das eigentliche hat jetzt einen fernen platz jenseits der gläsernen wände, die aus den früheren pfaden wuchsen, unbemerkt zur zeit des wachstums einer dünnen, nachträglich gebildeten kruste um ich und welt. die zeit regnet sich ab. ein gebrochenes, altersschwaches licht trifft die haut. man steht als ein unbewegliches in der reibung des flusses. man steht wie ein warnsignal am rand einer start- und landebahn der beflügelten. man steht an der grenze zum undurchstoßbaren. man stand vielleicht schon immer dort – ohne es zu bemerken. dabei weiß man doch in der tiefe der seele, dass es einmal – zu einem jetzt noch unbekannten moment – ein geräusch geben wird, das nicht wie ein laut ist, sondern vielmehr ein nachlassen der stille, als hätte sich irgendwo ein ton gelöst, der nie ganz dazugehört hatte. oder: ein schatten verschiebt sich. nicht viel. nur so weit, dass man nicht mehr sagen kann, ob er noch derselbe ist. oder: etwas zuckt. nicht im körper – eher an ihm vorbei. als hätte ihn etwas kurz gestreift, das keine spur hinterlässt. oder: ein augenblick dauert länger, als er dürfte. oder kürzer. man mag es nicht entscheiden. oder: ein wort stellt sich ein. ohne laut. und bleibt, ohne gesagt zu werden. und plötzlich ist das, was zuvor ich war, ein nichts, das nicht mehr zu verschieben ist. und welt ist jetzt alles, jedoch ohne geräusch, ohne schatten, ohne zucken. ein raum. und eine stelle, die nicht sichtbar ist, die nicht benannt wird. und gerade deshalb bleibt. man könnte sie für einen moment verwechseln mit ruhe. aber sie ist kälter. sie hat keinen rand. keinen zugang. sie entzieht sich jeder bewegung, weil sie selbst keine mehr kennt. dort sammelt sich nichts. nichts wird dort gehalten. nicht einmal der schmerz. und doch ist es genau das, was nicht mehr wehtut, weil es nicht mehr wehtun kann. eine stelle, an der einmal etwas offen war, das sich nun schloss. nicht verheilt, sondern entzogen. und das zurückbleibende ist keine wunde, sondern nur die vorstellung von einer wunde, die keinen zugriff mehr erlaubt. nein: diese kälte friert nicht, sondern sie stellt fest – dass dort nichts mehr erreicht werden kann.
die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.
was spricht denn noch? rest einer stimme. unter dem zerkauten. bewegung auf einer geraden linie. exakte achse: natur, leere, masse, stimme, tier, mensch, engel, liebe. wenn man nur will. wenn man die vorstellung wagt. dreiklang. passung der unpassenden stimmen. sechs sätze. oder sieben. maximal. wenn der sommer anmarschiert kommt. nachdem der boden sich hob. nicht vor freude, sondern unter dem druck der tiefe, die zu lange schon den atem anhielt. zeitlich gestreckt, räumlich gestaucht lag die erde da. nun aber richtete sie sich auf. gegen den eigenen schmerz. denn niemand ging. und alles wurde gegangen. man mag es eine letzte große täuschung nennen. natur als bewegung. bewegung als sinn. da sonst alles scheppert wie in einem akustischen katasteramt des werdens und des vergehens. in einer gegend, wo selbst das erwachen wie ein administrativer vorgang erscheint. die göttliche instanz als frühindikator, die man sehr leicht verschlafen kann. die man jedoch nicht wegdrückt, in den zigfach wiederholten snooze-modus. die tiefe also hob sich. wollte höhe sein. risiko. eines falls. einer falte. zwischen licht und luft. nicht der sommer. aber die erinnerung. das leuchten, das erwartet wurde und von dem nicht mehr gesagt werden konnte, ob es noch ankam. nun: die blumen der wiesen haben ihre eigene sprache bewahrt. und halten ihre kelche hin. offene wunden im gras. dennoch sind auch sie nur semiotische restbestände einer überforderten symbolökonomie. man liest sie auf, doch man liest sie nicht, weil man sie nicht lässt. oder: jede blüte ist ein mund, der sich nicht mehr öffnet. doch alles steht im wind, als hätte es ein wort gewusst. und auch die tiere des waldes, gleich den unerreichbar fernen sonnen, wissen nichts von uns und tragen darum diese überlegene signatur: das ist unser wissen. statt spiegel, statt der begriffe: einfach nur richtung. gewiss: nur eine funktion als projektionsfläche einer verlorenen unmittelbarkeit. weil der mensch die tiere nicht hört, hört er seine eigene unfähigkeit, kein mensch zu sein. und also geht etwas weiter, im fell der zeit, ohne namen, ohne schuld. und deshalb: ohne erlösung. dann aber spricht noch einmal die zeit. nicht zu uns. wir hören nur das nachlassen des tages im eigenen körper. es bleibt eine klangliche domestizierung der philosophie und gleichzeitig bereits ein versagen des aufmerksamen. denn die achtsamkeit kommt immer zu spät. man hätte so gerne resümieren wollen, dass die stimme nicht von außen kam, sondern dass sie das war, was blieb, als alles andere verstummte. jedoch: der gesang war zu laut, zu hell. als sei nie geschwiegen worden. als erklinge ein chor, dem man nicht glauben darf. ein singendes kollektiv der ästhetisch verkleideten redundanzen. ein vokalensemble der affirmation. eine verwaltungseinheit des heiligen. sie rufen, weil sie nichts mehr hören. und nennen es himmel. schließlich ist die zone erreicht, in der es keiner worte mehr bedarf, nur eines tragens, das nicht fragt, wohin. es mag letzte geben, die darin nur eine strukturberuhigung erkennen, eine systemische glättung durch gefühl. doch falls ein ich dort steht, inmitten der mächtigen schlussakkorde, hört es ganz sicher keinen antwortsatz, sondern nur noch ein offenes bleiben.