end.los | brief aus der isolation

Kölner Dom, am 22.03.2020

leere uns doch! blick-haft. über dem gnadenlos blühenden land. frühling der trauer. des durstes. nach vierzig jahren wüste. kehre auf halber treppe. verlust der sprache. im ver-lust-eten leib. alles wirft schatten – dächer, laternen, stufen – wandernd mit dem bogen der sonne. uns aber konnte nichts genug sein. nie. bis jetzt. bis diese gegenwart eintrat. bis sie uns eintrat. ja. diese neue gegenwart ist uns schon nach kurzer zeit genug, denn wir wissen, dass sie sich lang gemacht hat. wie gott. der sich endlich ausstrecken konnte. um sich auszuschlafen. nach dem biss ins feigenauge. nach dem riss der marmorwange. in dem ja wieder ein gras wachsen sollte, ein schütteres wie auf den dünen. zerbrechlich. wie das licht. das die gewölbe der kathedralen hochsteigt. ein flüstern. zwischen rückung und ausklang. man wurde also ins fest vertaute boot gelegt. bis zum großen re-boot. wenn wieder alle gleichzeitig aufs wasser hinaus wollen und das meer nicht groß und unheimlich genug sein kann. bis dahin aber wird man der nachrichten überdrüssig geworden sein. selbst, wenn es heißt: überlebenskünstler gestorben, nähe untersagt, optimist vermisst, zukunft verschoben. jawohl! ja. wohl dem volk, das jauchzen kann (psalm 89, 16). tanz auf den gräbern der unbekannten. das leben war zuletzt aber auch einfach zu seicht. jetzt siecht man einsam. zwar mit erreger, aber ohne die erregten. die pupillen mögen nach oben gerutscht sein, hinter halb geöffneten lidern. eingeschränkte sicht auf die bühne. hörplatz vielleicht, bevor einem das gehör platzt, wenn man noch so ein letztes etwas wie aus allen tagen vernimmt, etwas wie: maultaschenversorgung gesichert. trockengebinde kurzzeitig günstiger. oder: neunzig millionen jahre alter regenwald auf der antarktis entdeckt. lachkrampf der erdgeschichte. als der mensch seine frage an die zeit gerichtet hatte. auf dem weg in die neue welt, mit dem floß gegen den eisberg. verwundet: alle, verwandelt: niemand. anonymer kreis der neu erschöpften. die ihre eingeweckten seelen nicht mehr ziehen aus dem vakuum. die ihre einweg-seelen nicht in zahlung geben können. ihr metaphysisches zittern aber auch! ihre hocke im keller der gedanken, die wie asseln die wände hochklettern, solange niemand das licht einschaltet. aber ihr fraternisieren ist umso leichter im geworfenen unsinn, im gemütlichen uns-inn, dessen hausordnung ist ein stillhaltegebot. doch die liebe war den meisten schon lästig. wie lächerlich musste dann erst ein opfer erscheinen. und jetzt sieht es beim schaukeln der boote fast so aus, als massiere gott eine überarbeitete und vernachlässigte schöpfung, als schäme er sich seiner höhe, obwohl die noch nicht einmal seine eigene erfindung war. wo steht er, wird er nun täglich gefragt. und soll antworten geben im multiple-choice-verfahren. die schöpfung pfeift ja schon lange darauf, nur jetzt eben aus letztem loch. einer muss schuld sein, am abschied und an der rückkehr. wanderte durch die nächte. wurde vom stein zum staub. bekam eins mit dem benediktionale über den schädel, hatte himmlisches kopfweh, verging zeitig von der infektion mit den weihwassertröpfchen, zeigte uns seine wunden wie gefüllte tulpen und hatte am ende und weit darüber hinaus nicht so eine abgestandene seele wie wir, die sich gegen die hoffnung haben absichern lassen und dennoch auf jedes versprechen hereinfallen. virus = virtus } mit rausgerutschtem t = tod { des zweifels. anordnung: schlüpfer auf links drehen, dem volk rasch einen mundschutz schaffend, aus liebe zum nächsten und übernächsten und allerletzten. an die katastrophen hat man sich schnell gewöhnt. nur seine wunder hält man nicht lange aus. wo ist die welt, die in der welt war, in der man den atem anhielt und zugleich die lungen füllte vor dem heimgang in die luftleere enge? an den grenzen entstand sinn; dahinter konnte er sich halten. der mensch müsste eigentlich jetzt erst recht den menschen suchen, unter dem letzten schnee des vergangenen winters begraben, kauernd in einer reisighütte, eingeschlossen von zeit, während die märzschauer über das land ziehen. wovor hat er noch angst? vielleicht vor den nadelstichen durchs auge, die löcher zu stopfen zwischen traum und gedächtnis.

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