i.A.

fürvorsorglich. ein kollektivmonolog. für alle, die später von nichts gewusst haben werden

wir haben nur unsere arbeit gemacht. mehr kann man von einem menschen zunächst nicht verlangen. wir waren pünktlich. wir haben die vorgänge geprüft, die eingänge den ausgängen zugeordnet, die ausgänge den eingegangenen, die eingegangenen den listen und die listen dem stand der dinge. der stand der dinge war ordentlich. dafür gab es ordner. wir haben nichts erfunden. das möchten wir ausdrücklich festhalten. erfunden haben andere. wir haben ausgeführt. ausführlich, wo es erforderlich war, kurz, wo die sachlage eindeutig war, und abschließend, wo abgeschlossen werden konnte. auch menschen konnten abgeschlossen werden. dafür gab es vorgänge. wir nannten das nicht menschen. das hätte die bearbeitung unnötig erschwert. man muss unterscheiden können zwischen einer sache und dem, was sie einem persönlich bedeutet. persönlich bedeutete sie uns nichts. darauf waren wir ein wenig stolz. sachlichkeit ist schließlich eine tugend. wir haben die züge nicht gebaut. wir haben auch die schienen nicht verlegt. wir haben lediglich darauf geachtet, dass auf den schienen die züge und in den zügen das vorgesehene zur vorgesehenen zeit am vorgesehenen ort eintraf. wir nannten das sehr bescheiden logistik. heute würde man sagen: prozessoptimierung. wir waren unserer zeit voraus. nur die züge nicht. die waren pünktlich. natürlich gab es verzögerungen. menschen verzögern. sie fehlen. sie erkranken. sie verlieren dokumente. sie bringen kinder mit. sie stellen fragen. fragen sind im verfahren nicht vorgesehen, sofern sie den verfahrensablauf betreffen. für fragen zum verfahren gab es eine zuständige stelle. die zuständige stelle war nicht hier. wir bitten um verständnis. einer sagte einmal: aber dort sind menschen. wir haben das geprüft. es war zutreffend. es ergab sich daraus jedoch keine änderung der zuständigkeit. man kann nicht bei jeder unterschrift die ganze welt mitunterschreiben lassen. wo kämen wir hin. man kann nicht bei jedem stempel an die haut denken, auf die er am ende fällt. man kann nicht bei jeder nummer fragen, welcher name darin aufgehört hat. dafür gibt es arbeitsteilung. einer nimmt den namen. einer gibt die nummer. einer setzt den haken. einer schließt die tür. und weil keiner alles getan hat, hat am ende niemand etwas getan. das ist mathematisch beinahe schön. wir haben uns selbstverständlich an geltendes recht gehalten. geltendes recht hat den vorteil, dass es gilt. ob es recht hat, war nicht gegenstand unserer prüfung. bitte bleiben sie sachlich. wir hatten familien. das wird gern vergessen. wir hatten frauen, männer, kinder, geburtstage, zahnschmerzen, einen hund, der schlecht hörte, eine mutter, die anrief, sonntags, wenn es den kuchen gab. wir waren keine monster. monster hätten uns vermutlich misstrauisch gemacht. wir waren kollegen. herr müller brachte kaffee mit. frau schmidt hatte immer diese bonbons. einer kannte einen guten metzger. und ein anderer wusste, wie man die liste schneller abarbeitet, wenn man die namen nicht mehr laut liest. er wurde später befördert. zu recht. planerfüllung war keine weltanschauung. planerfüllung war planerfüllung. der plan hatte zahlen. die zahlen hatten spalten. die spalten hatten überschriften. die überschriften hatten keine augen. das war hilfreich. augen erschweren die übersicht. manchmal kam etwas zurück. ein schreiben. ein geruch. eine beschwerde. wir leiteten es weiter. weiterleiten ist eine ausgezeichnete tätigkeit. etwas kommt zu einem und geht wieder. dazwischen ist man zuständig gewesen, aber nicht lange genug, um verantwortlich zu werden. nein, wir haben nicht gehasst. das ist vielleicht das wichtigste. hass wäre unprofessionell gewesen. wir hatten auch gar keine zeit dafür. es war sehr viel zu tun. am abend wuschen wir die hände. nicht deswegen. man wäscht sich eben die hände, bevor man isst. später fragte man: haben sie denn nichts gedacht? doch. wir dachten an die frist. wir dachten an die fehlenden unterschriften. wir dachten daran, dass oben wieder jemand angerufen hatte. wir dachten an die kinder. wir dachten an die rente. wir dachten an morgen. wir dachten sehr viel. nur nicht dazwischen. heute würde man das vielleicht anders machen. digitaler. eine maske öffnet sich. pflichtfelder sind mit einem sternchen gekennzeichnet. name. geburtsdatum. grund. maßnahme. weiter. sind sie sicher? ja. vorgang erfolgreich abgeschlossen. bitte verstehen sie uns nicht falsch. wir bedauern jeden einzelfall. wirklich. aber bei der anzahl kann man unmöglich jeden einzelnen als einzelfall behandeln. die vorgänge wurde geprüft. es ergaben sich keine bedenken. von weiteren maßnahmen wurde abgesehen. denn die äußersten waren bereits getroffen worden. dem innersten tat das keinen abbruch. das innerste geht fristlos. ja. der fall war vollständig. das war zunächst erfreulich. es fehlte nichts außer dem, um den es ging. das kommt vor. die anwesenheit der betroffenen person ist für die abschließende bearbeitung nicht in jedem verfahrensschritt erforderlich. mitunter ist sie sogar hinderlich. menschen neigen dazu, ihre sache durch persönliche umstände zu ergänzen. persönliche umstände waren nicht beantragt. der eingang wurde bestätigt. die bestätigung des eingangs bedeutet nicht, dass etwas eingegangen ist. sie bestätigt lediglich, dass der eingang bestätigt wurde. damit war der erste schritt abgeschlossen. der zweite bestand darin, den ersten nicht noch einmal zu prüfen. hierfür bestand kein anlass. es bestand überhaupt wenig anlass. das verfahren lief. die betroffene person hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ihr aus der entscheidung erhebliche nachteile entstünden. das wurde zur kenntnis genommen. kenntnisnahme ist wichtig. sie verhindert den eindruck, man habe etwas nicht gewusst. wissen wiederum bedeutet nicht, dass daraus etwas folgt. dafür müsste eine folge vorgesehen sein. eine solche war nicht vorgesehen. zwischenzeitlich verschlechterte sich der zustand. welcher zustand, war für die entscheidung unerheblich. zustände ändern sich. entscheidungen nicht ohne grund. ein grund lag nicht vor. die betroffene person lag. auch das war kein grund. es wurde um dringende bearbeitung gebeten. dringlichkeit ist kein beschleunigungsgrund, sofern die dringlichkeit durch die dauer des verfahrens entstanden ist. anderenfalls würden lange verfahren bevorzugt behandelt. dies wäre gegenüber den übrigen langen verfahren nicht zu vertreten. es gilt der grundsatz der gleichbehandlung. alle warten gleich. einige länger. die familie rief an. hierfür war keine telefonische auskunft vorgesehen. die familie schrieb. hierfür war das funktionspostfach vorgesehen. das funktionspostfach antwortete automatisch. vielen dank für ihre nachricht. ihre nachricht ist uns wichtig. bitte sehen sie von weiteren nachfragen ab. es wurde mitgeteilt, dass die sache keinen aufschub dulde. die sache wurde daraufhin auf wiedervorlage gelegt. bei der nächsten wiedervorlage war eine beteiligte person nicht mehr erreichbar. die post kam zurück. empfänger unbekannt. das war nicht korrekt. der empfänger war bekannt. nur nicht mehr vorhanden. für die korrektur der anschrift bestand damit kein bedarf. es stellte sich die frage, ob das verfahren einzustellen sei. davon wurde zunächst abgesehen. der wegfall einer person führt nicht automatisch zum wegfall eines vorgangs. ein vorgang besitzt eine eigene laufzeit. das ist organisatorisch notwendig. menschen haben die unangenehme eigenschaft, ihre laufzeit nicht mit der bearbeitungszeit abzustimmen. die akte enthielt inzwischen siebenundachtzig seiten. auf seite dreiundvierzig befand sich ein foto. es war nicht entscheidungserheblich. auf seite vierundvierzig befand sich die rückseite. sie war leer. auch sie wurde paginiert. ordnung muss vollständig sein. eine mitarbeiterin fragte, ob man nicht ausnahmsweise… die frage wurde nicht zu ende geführt. ausnahmen bedürfen einer grundlage. mitgefühl ist keine. es wurde geprüft, ob besondere umstände vorlagen. besondere umstände lagen vor. sie waren jedoch nicht besonders genug. die entscheidung wurde vorbereitet. hierzu war der sachverhalt auf das entscheidungserhebliche zu reduzieren. entfernt wurden: die angst. die dauer. die schmerzen. die mutter. zwei kinder. der satz: bitte helfen sie mir. ein foto. mehrere erfolglose anrufe. die nacht vom dritten auf den vierten. der geruch im zimmer. eine hand, die zuletzt nicht mehr zurückdrückte. nach entfernung der nicht entscheidungserheblichen bestandteile war der sachverhalt übersichtlich. übersichtlichkeit dient der rechtssicherheit. die entscheidung umfasste vier seiten. auf seite eins stand der name. auf seite vier die rechtsbehelfsbelehrung. dazwischen war alles in ordnung. es wurde darauf hingewiesen, dass gegen die entscheidung innerhalb eines monats widerspruch eingelegt werden könne. die frist begann mit bekanntgabe. eine bekanntgabe war nicht mehr möglich. dies berührte die rechtmäßigkeit der entscheidung nicht. später fragte jemand, ob das hätte verhindert werden können. die frage war zu unbestimmt. was genau mit „das“ gemeint war, ließ sich den unterlagen nicht entnehmen. eine interne prüfung ergab keine hinweise auf ein individuelles fehlverhalten. sämtliche beteiligten hatten innerhalb ihrer jeweiligen zuständigkeit gehandelt. die kommunikationswege waren eingehalten worden. die dokumentation war vollständig. die fristen waren im wesentlichen beachtet worden. der vorgang hatte das system ordnungsgemäß durchlaufen. dass die person das nicht tat, war bedauerlich. aus dem fall wurden konsequenzen gezogen. das formular wurde überarbeitet. seitdem befindet sich unten rechts ein zusätzliches feld: verstorben. eine schuld wurde nicht festgestellt. das lag nicht daran, dass sie nicht gesucht worden wäre. es lag daran, dass schuld keine zuständigkeit bezeichnet. schuld ist überhaupt ein bemerkenswert ungenauer begriff. sie hat keinen anfang, kein ende, kein aktenzeichen. sie lässt sich nicht weiterleiten. sie ist nicht zeichnungsfähig. man kann sie niemandem zur kenntnis geben, ohne dass sie anschließend immer noch da ist. für einen verwaltungsvorgang ist das ein erheblicher mangel. verantwortung ist ähnlich schwierig. alle reden von verantwortung, sobald nicht mehr festzustellen ist, wer zuständig war. dabei sind dies grundverschiedene dinge. verantwortung fragt, wer es gewesen ist. zuständigkeit fragt, wer es zu bearbeiten hatte. die zweite frage lässt sich beantworten. deshalb arbeiten wir mit ihr. verantwortlich waren möglicherweise viele. zuständig war jeweils einer. das ist der fortschritt. wer verantwortlich war, hat die körper brennen lassen. wer zuständig war, sorgte den vorschriften gemäß dafür, dass das papier kein feuer fing. das papier war wichtig. das bitten wir bei aller nachträglichen erregung nicht zu vergessen. papier ist die haut der geschichte. zuständigkeit ihr gerippe. ohne beides bliebe von einem menschen am ende nur, was von einem menschen eben bleibt. das wäre dokumentarisch unzureichend. deshalb wurden die namen erfasst. zunächst die namen. dann die geburtsdaten. dann die wohnorte. dann die vermögensverhältnisse. dann die verwandten. dann die nummern. dann die änderungen. später wurden die namen wieder benötigt. zur erinnerung. auch erinnerung braucht verlässliche daten. wir haben also, wenn man es genau nimmt, für die erinnerung gearbeitet. man sollte uns das nicht nachtragen. wir haben bereits genug getragen. akten zum beispiel. immer wieder wird gefragt: wer trägt die verantwortung? wir verstehen die frage nicht. verantwortung wird nicht getragen. verantwortung wird zugeordnet. sofern sie zugeordnet werden kann. kann sie nicht zugeordnet werden, ist von einer gemeinschaftlichen verantwortung auszugehen. gemeinschaftliche verantwortung hat den verwaltungstechnischen vorteil, dass sie sich durch die zahl der beteiligten teilt. je mehr verantwortlich sind, desto weniger bleibt für den einzelnen. bei hinreichend großer beteiligung nähert sich die persönliche verantwortung null. das ist keine entschuldigung. das ist division. gegen mathematik haben wir nichts. schuld hingegen lässt sich nicht teilen. schon deshalb ist sie für größere organisationseinheiten ungeeignet. stellen sie sich vor, jeder müsste morgens mit seiner schuld zur arbeit kommen. wo sollte die abgelegt werden? auf dem schreibtisch? im flur? bei der garderobe? für persönliche gegenstände wird keine haftung übernommen. nein, wir leugnen nichts. leugnen würde voraussetzen, dass eine behauptung vorliegt, zu der wir uns verhalten müssten. wir stellen lediglich fest. festgestellt wurde, dass geschehen ist, was geschehen ist. der umfang ist unstreitig. die folgen ebenfalls. wir bestreiten auch die toten nicht. tote sind ausgezeichnet feststellbar. sie widersprechen nicht. sie reichen nichts nach. sie versäumen keine fristen mehr. in dieser hinsicht sind abgeschlossene sachverhalte ausgesprochen angenehm. problematisch sind die lebenden. sie erinnern sich unterschiedlich. sie ergänzen. sie widersprechen. sie zeigen auf jemanden. sie sagen: du. aber du ist keine zuständigkeit. man sagt, jemand müsse dafür geradestehen. wir standen. täglich. morgens um acht. teilweise früher. das kann anhand der zeiterfassung nachgewiesen werden. mehr geradestehen war tariflich nicht vorgesehen. man sagt, wir hätten wegsehen müssen, um so etwas tun zu können. auch das ist falsch. wir sahen sehr genau hin. auf die listen. auf die zahlen. auf die geleisteten unterschriften. auf die fehlenden unterschriften. auf die vorgaben. auf die abweichungen von den vorgaben. wir sahen sogar zweimal hin, wenn etwas nicht stimmte. nur der mensch befand sich nicht dort, wohin wir sahen. dafür können wir das sehen nicht verantwortlich machen. es heißt, wir hätten nein sagen können. selbstverständlich. nein war sprachlich jederzeit verfügbar. im verfahren war dafür kein feld vorgesehen. man hätte kündigen können. man hätte widersprechen können. man hätte sich weigern können. man hätte eine tür öffnen können. man hätte einen namen wieder als namen aussprechen können. man hätte eine hand nehmen können. man hätte einen menschen ansehen können. alles richtig. nur wäre dann zu klären gewesen, wer dafür zuständig ist. nachträglich ist vieles einfach. nachträglich kennt jeder die richtige entscheidung. deshalb ist nachträglichkeit eine so beliebte moralische position. sie verfügt über vollständige aktenlage und keinerlei handlungsdruck. wir hatten damals nur die gegenwart. sie war ausgesprochen unübersichtlich. deshalb haben wir sie abgeheftet. besonders verletzend finden wir den vorwurf der unmenschlichkeit. unmenschlich waren wir nicht. unmenschlichkeit hätte bedeutet, den menschen nicht zu berücksichtigen. der mensch wurde berücksichtigt. er wurde erfasst. vermessen. geprüft. zugeordnet. überstellt. abgemeldet. vollständiger kann man einen menschen kaum berücksichtigen. dass er dabei starb, ist eine betrachtung vom ende her. wir arbeiteten jedoch grundsätzlich vom anfang. auch von vernichtung wird gesprochen. wir bitten um sprachliche genauigkeit. vernichtet wurde keineswegs alles. die unterlagen sind in erstaunlichem umfang erhalten. manche sogar in sehr gutem zustand. säurefreies papier war damals allerdings noch nicht überall üblich. hier bestehen konservatorische probleme. um die entsprechenden bestände kümmert man sich heute mit großer sorgfalt. klimatisierte räume. konstante luftfeuchtigkeit. kontrollierte temperatur. brandschutz. brandschutz ist wichtig. was einmal erhalten ist, soll nicht noch einmal verloren gehen. wir begrüßen das. auch wir waren immer für sorgfältige aufbewahrung. nur die körper ließen sich schlecht archivieren. sie nahmen zu viel platz ein. die geschichte hat daraus gelernt. heute ist alles digital. die verantwortung ebenfalls. sie befindet sich in einem system, auf das mehrere berechtigte zugriff haben. welcher berechtigte welche änderung vorgenommen hat, kann grundsätzlich nachvollzogen werden. grundsätzlich. sofern die protokolldaten noch vorliegen. sofern die aufbewahrungsfrist nicht abgelaufen ist. sofern kein systemwechsel stattgefunden hat. sofern. so fern. bitte haben sie verständnis. ältere vorgänge können nicht in jedem fall rekonstruiert werden. schuld ist kein pflichtfeld. verantwortung kann leer bleiben. zuständigkeit bitte auswählen. vorgang speichern? ja. mensch nicht gespeichert… nun aber noch ein paar offene worte zur erinnerung. auch hier bitten wir um verhältnismäßigkeit. wir haben erinnert. ausführlich. öffentlich. wiederholt. es wurden reden gehalten. namen verlesen. kränze niedergelegt. tafeln angebracht. steine gesetzt. steine geputzt. steine ersetzt, wenn die schrift nicht mehr lesbar war. wir haben geschwiegen. minutenlang. teilweise gemeinsam. niemand kann ernsthaft behaupten, es sei nicht geschwiegen worden. irgendwann muss auch ein schweigen als erbracht gelten. was soll also das denk-mal. wir haben doch gedacht. mehrfach. denken ist keine dauerleistung. der mensch muss zwischendurch arbeiten. überhaupt diese bindestriche. denk-mal. mahn-mal. noch-mal. immer noch einmal. als ließe sich geschichte durch wiederholung verbessern. als müsse das vergangene regelmäßig zur wiedervorlage erscheinen, nur weil es vergangen ist. wir halten das für eine unangemessene belastung der gegenwart. die gegenwart hat eigene vorgänge. selbstverständlich soll nichts vergessen werden, was erinnerungswürdig ist. dafür gibt es archive. archive haben den großen vorteil, dass sich das erinnerte dort befindet, wo es hingehört. im archiv. während draußen gearbeitet werden kann. wir bewahren die archive sorgfältig. wir bewachen sie sogar. nicht damit etwas herauskommt. damit nichts verloren geht. das ist ein unterschied. die gespenster bleiben selbstverständlich zugänglich. während der öffnungszeiten. die dichter sagen, die toten seien in der luft. das mag sein. luft lässt sich schlecht archivieren. auch umgraben lässt sie sich nicht. aber wegschaufeln. dazu reißen wir regelmäßig die fenster weit auf. stoßlüften. zehn minuten genügen. anschließend kann weitergearbeitet werden. sollte sich danach noch etwas im raum befinden, ist davon auszugehen, dass es zum inventar gehört. wir haben nichts gegen die toten. wirklich nicht. sie haben nur die unangenehme angewohnheit, keinen abschluss zu akzeptieren. immer wieder kommen sie vor. in büchern. in familien. in träumen. in straßennamen. in fragen von kindern. besonders kinder fragen gern, was wir damit zu tun haben. nichts, sagen wir. ihr auch nicht. das ist schließlich der sinn von generationen. dass eine nach der anderen kommt. nicht eine für die andere auf. schuld kennt kein erbe. jedenfalls keines, das wir antreten würden. was sollen unsere kinder damit anfangen. sie haben bereits genug von uns: augen, schultern, ein haus vielleicht, blutgruppe, schlechte zähne. muss es ausgerechnet schuld sein. wir halten das für pädagogisch bedenklich. kinder brauchen zukunft. tote hatten ihre. natürlich sollen die jungen menschen wissen, was geschehen ist. wissen schadet nicht. solange daraus keine persönliche betroffenheit konstruiert wird. betroffen waren andere. dafür gibt es das wort andere. wir bitten, seine entlastende funktion nicht leichtfertig aufzugeben. geschichte muss kein friedhof sein. sie darf auch schön sein. blühende gärten. weitläufige parks. wasserflächen. sitzbänke. barrierefreie wege. gelegentlich eine stele. nicht zu hoch. sie soll die sichtachsen nicht beeinträchtigen. auf einer tafel kann erläutert werden, was hier einmal war. die tafel sollte wetterfest sein. die geschichte war es nicht. dafür können wir heute nichts mehr. wir begrüßen ausdrücklich, wenn menschen solche orte in ihrer freizeit aufsuchen. erinnerung ist wichtig. freizeit ebenfalls. beides lässt sich verbinden. anschließend gibt es kaffee. bei gutem wetter kann man draußen sitzen. so bleibt geschichte lebendig. aber bitte nicht zu lebendig. dafür war sie schließlich tödlich genug. es muss erlaubt sein, weiterzuleben. dieser satz wird gern unterschätzt. weiterleben heißt: weiterarbeiten. weiter befolgen. weiter essen. weiterschlafen. weiter erledigen. innerhalb angemessener fristen. niemand kann verlangen, dass eine gesellschaft morgens aufsteht und bis zum abend bereut. wann sollte sie ihre post erledigen. nachsicht ist hier angebracht. schon das wort zeigt die richtige richtung. nach-sicht. man sieht nach. man sieht noch einmal hin. dann sieht man wieder weg. sonst wäre es keine nachsicht, sondern dauerbeobachtung. dafür fehlen die personellen ressourcen. vergessen wird zu unrecht unterschätzt. vergessen ist zuverlässig. erinnerung dagegen arbeitet ausgesprochen unsauber. sie verschiebt. ergänzt. erfindet. tropft. das gedächtnis ist im grunde inkontinent. kaum glaubt man einen sachverhalt trockengelegt, tritt er an anderer stelle wieder aus. ein name. ein bild. ein schuh. ein koffer. eine stimme. schon steht wieder alles unter wasser. niemand will feuchte archive. feuchtigkeit schadet dem bestand. besonders papier reagiert empfindlich. papier ist deshalb die bessere erinnerung. es bleibt liegen. es träumt nicht. es wacht nachts nicht auf. es fragt nicht, ob jemand geschrien hat. es verändert seine aussage nicht, nur weil ein kind davorsteht. es kennt keine scham. vor allem kennt es keine nachkommen. papier vererbt nichts. es wird übergeben. ordnungsgemäß. und ja: das papier in den akten ist die sichere windel im schoß des gedächtnisses. dort nimmt es zuverlässig auf, was die erinnerung nicht bei sich behalten kann. man wechselt die säurehaltigen bestände rechtzeitig aus. man trocknet. restauriert. katalogisiert. niemand muss deshalb nass werden. wir haben aus der geschichte gelernt. das wird ebenfalls gern bezweifelt. aber sehen sie sich um. überall erinnerung. museen. gedenkstätten. archive. dokumentationszentren. jahrestage. sonderausstellungen. schulmaterialien. mehr lernen lässt sich organisatorisch kaum darstellen. irgendwann muss gelernt auch gelernt heißen dürfen. irgendwann muss erinnert erinnert gewesen sein. irgendwann muss vergangenheit den anstand besitzen, vergangen zu sein. sonst handelt es sich um gegenwart. und für die gegenwart sind wir bereits zuständig. wir bitten deshalb, die toten nicht unnötig zu wecken. nicht aus angst. aus rücksicht. auch tote haben anspruch auf ruhe. wir nehmen diesen anspruch sehr ernst. wo nötig, setzen wir ihn gegen die erinnernden durch. selbstverständlich bleibt der zugang zur geschichte gewährleistet. montag bis donnerstag, 9.00 bis 16.00 uhr. freitag, 9.00 bis 13.00 uhr. an wochenenden und feiertagen geschlossen. wir machen nur unsere arbeit. zu den vorgesehenen zeiten verlassen wir unsere schreibtische nicht. darauf ist verlass. wir waren immer da. jene, die uns verließen, wurden abgelegt. vollständig, trocken und nach jahrgängen geordnet. sie stören unsere gegenwart nicht mehr. dafür tragen wir sorge. wir bewahren, was von ihnen übrig ist, und behalten, was von uns übrigbleiben soll. gelegentlich fällt staub an. wir entfernen ihn. gelegentlich fällt ein name. wir heben ihn auf und legen ihn zurück. nichts soll verlorengehen. nichts wiederkommen. das ist unsere arbeit. dafür sind wir da. wir schließen die schränke. wir löschen das licht. wir prüfen die tür. wir gehen nach hause. am nächsten morgen sind wir wieder pünktlich. die toten auch. sie liegen noch dort, wo wir sie verlassen haben. das ist beruhigend. auf uns ist verlass.

wieder.gabe

was wäre schon. eine passende stimme | klein. vielleicht. wie der mensch | am fuße eines gebirges || der vortrag. des blickes | der nachtrag. eines verzögerten gedächtnisses. einer zaghaften kunde || etwas wurde gesehen. weil man noch einmal hinsah | und wieder. und wieder || anfangs. wusste man nichts | man sah. und hatte das starren der mauern | das auge. war pappe. unter dem regen. aus staub und bildern | einer sagte: flugzeug. ein anderer: unfall. man fragte sich still. warum der himmel blau blieb. während unter den bildern. die zeit weiterzählte | doch. was weiß eine zahl. vom puls. des stockenden blutes | man weiß ja. was danach kam. weil man zurückblieb. in verdauerter retrospektive | sie aber. dort. wissen noch nicht | sie stehen an fenstern. sie telefonieren. sie hören nachrichten. sie stellen kaffeebecher ab | einer. wartet auf den aufzug. einer sagt: bis später || bis später || die sprache ist voller kleiner versprechen. für die sie keine haftung übernimmt. voller kleiner versprecher. an denen niemand schuld trägt || man kehrt zurück. in diese wenigen minuten. als ließe sich zwischen zwei bildern. eine andere welt finden | davor steht dieses: später. dahinter ruht jenes: davor || man schiebt den balken zurück. noch einmal | himmel. stimme. unfall | noch einmal | hin und her. pendelt ein finger. auf dem steg der zeit | auf und ab. zwischen geschehen. und geschichte | erzählen ist nimmer | man schweigt. aus erfahrung | der text liegt. im verbrannten papier | im vorsprung eines betrachters. der weiß. was kommt. ohne es sagen zu können | er hat die gabe. der wiedergabe. im weißraum. der stille || die anderen aber. sprechen noch | zur leitstelle. zur mutter. zum mann. zur frau. zu einer stimme. die den namen nicht kennt | zu uns || jedoch. man sagt nichts. während man hört | man weiß keine antwort. weil keine frage gestellt wurde | die stimmen. sind menschen. die man nicht kannte | die menschen aber. verbessern sich in den zahlen. gegenüber dem staub | man spricht ihre namen. man ruft sie nach vorne. ins blendende licht. ihrer unsichtbarkeit || die luft ist knapp. doch immer ist platz | ein winziger rest. für die namen | die wie wir waren. zuerst | und dann nur noch: sie || und ich | ? | ich misstraue den zahlen. sie können nicht davon sprechen. wer wen vermisst | ich schweige. ich habe damit erfahrung | meine augen nicht | sieh | noch einmal | ich ziehe die zeit zurück. mit einem finger | davor. und noch davor || der himmel ist wieder heil | ich weiß. wie lange noch | play | ich sehe es wieder. nicht. weil ich es sehen will | weil ich wissen will. ob es diesmal. in mir bleibt | ob ein bild. das oft genug gesehen wurde. endlich aufhört. zurückzukehren | denn sehen ist. die wachere form. des traums | bis das auge müde wird. oder der bildschirm schwarz || ich schweige | meine augen. haben damit. keine erfahrung

zeit.male

[aus dem notizbuch]

beginn eines neuen langgedichts

ja. auch. die körper. sind geschichte[t] / der AB.stand. vergrößert | zwischen den bildern. übernommen. überhoben. tanz und kreuzBRUCH | auf. schnitt | zeit.scheiben | fraß. des verschobenen

ja. unter der haut. dieselbe alte verkehrslage | es zog etwas. ein. das sich auszog. um sich mit einer stelle zu bekleiden. einer starre. nach dem abzug. der reste | blut. auf dem weg. zu blut | herz. auf dem weg. zurück | nichts. kommt an | ohne. wieder. fortzumüssen | in den adern. stocken noch. die vielen kleinen kriege | an den fersen. ziehen noch. die vielen fluchten | auf den versen. liegen wieder | kaum hörbar | die gedanklichen. ablagerungen | die den raum der worte. nicht fanden. oder. den sinn der suche. sahen in der. uferlosigkeit

ja. damals. waren sie noch. ganz nah bei ihm | aber. er hatte für sie. keine namen | wo. also war. der platz. jener enge | zwischen hals und hand | jener schalter. abzustellen. den schmerz | bei den vasen. und den schalen. die das übrige. von sich stießen | nach ablauf. der duldung. allen staubs. und aller versprechungen 

ja. seitdem. läuft er. ganz leise | aber. nicht im kreis | wider. die wiederkehr | für alles. was fehlt | für jedes. mal. das etwas anderes. auflöste im gleichen | und nicht. zurückbrachte. den flehenden. die fehlenden 

ja. draußen. stand dieser baum | in seiner langsamen aufruhr | aber. jedes blatt. hielt einen fetzen luft | hielt das licht. für eine frühere verletzung | denn. darunter. die erde | nass. und voller. fortsetzungen | fraß. was fiel | ohne. es zu beenden | ohne. es zu beerben 

ja. man könnte. fast glauben | alles. habe seinen lauf | aber. der lauf. habe niemanden | und wenn er. auch läuft und läuft | steht doch. in seiner mitte. etwas. das nicht mitgeht | keine ruhe. weil. es zu wach ist | kein halt. weil. es nichts hält | eben. sehr schlicht | nur. die stelle | an der. das vorher aufhörte | nachher. zu werden | eben dort | wo. für weniger. als einen augenblick | die zeit. fällt | aus dem gehäuse. ihrer verwendung | weil. niemand sie brauchte | und die hand. nichts halten musste | und der mund. nichts erwiderte | und das auge. keinen menschen. bei sich hielt 

ja. selbst der schmerz. verlor | für einen schlag. seine zuständigkeit | so dass man | nein | auch. dieses MAN | nicht. nur diese. ungeheure. un. benötigte. gegenwart | bis der körper. sich erinnert | dass er. einer war | knochen. gewicht. hunger | eine narbe. zieht | wetter auf | und alles. was gewesen | legt wieder. seine hand | auf alles. was noch | nicht | so wird. man | vor dem. ewigen | bewahrt | durch. verschleiß | durch das. lächerliche | weiter. schlagen | eines herzens | das von. erlösung | nichts | weiß

Echo. ohne Mund | Mein erster Lyrikband, ab heute im Buchhandel erhältlich

Nach Jahren des Schreibens, Zweifelns und Überarbeitens: Echo. ohne Mund ist jetzt im Buchhandel. Ich freue mich sehr.

Kommentar des Verlags zum Buch

Was bleibt von einer Stimme, wenn niemand mehr antwortet? Was geschieht mit Namen, Erinnerungen und Landschaften, wenn Sprache selbst zu verschwinden beginnt?

In seinem ersten Gedichtband entwirft Stefan Plasa eine Poetik des Hörens. Seine Texte bewegen sich zwischen Mythos und Gegenwart, zwischen Oper und Alltagswelt, zwischen persönlicher Erinnerung und kulturellem Gedächtnis. Sie erzählen von Abschied, Fremdheit, Liebe und Verlust – nicht als abgeschlossene Erfahrungen, sondern als Bewegungen der Sprache selbst.

In einer ebenso reduzierten wie präzisen Bildwelt entstehen Gedichte, die das Unsagbare nicht erklären, sondern hörbar machen. Worte geraten ins Stolpern, Namen öffnen verborgene Bedeutungen, Schweigen wird zum Resonanzraum.

Echo. ohne Mund ist ein Debüt von großer formaler Konsequenz – ein Band über das, was bleibt, wenn die Stimme verstummt, und über das Echo, das dennoch weiterklingt.

Stefan Plasa: Echo. ohne Mund. Gedichte. EMPATHIE-Verlag 2026. Preis: € 21,70

Link zum Buchkauf über Amazon: Stefan Plasa – Echo. ohne Mund.

Link zum Verlag: EMPATHIE-Verlag.

end.los | brief aus der isolation

der zu einer unkenntlichkeit geschrumpfte körper. die ganze sich stetig schneller drehende welt. die keinen anderen halt erlaubt, als den dunklen, stillen fleck des eigenen, einen stand-orts. hier ist man vorerst nur, um vorhanden zu sein. hier könnte man eines tages warten, falls etwas zu erwarten ist. das offen zugewandte erreicht einen hier nicht und hat – wie alles unsichtbare – eine erstaunliche grenzenlosigkeit. doch das eigentliche hat jetzt einen fernen platz jenseits der gläsernen wände, die aus den früheren pfaden wuchsen, unbemerkt zur zeit des wachstums einer dünnen, nachträglich gebildeten kruste um ich und welt. die zeit regnet sich ab. ein gebrochenes, altersschwaches licht trifft die haut. man steht als ein unbewegliches in der reibung des flusses. man steht wie ein warnsignal am rand einer start- und landebahn der beflügelten. man steht an der grenze zum undurchstoßbaren. man stand vielleicht schon immer dort – ohne es zu bemerken. dabei weiß man doch in der tiefe der seele, dass es einmal – zu einem jetzt noch unbekannten moment – ein geräusch geben wird, das nicht wie ein laut ist, sondern vielmehr ein nachlassen der stille, als hätte sich irgendwo ein ton gelöst, der nie ganz dazugehört hatte. oder: ein schatten verschiebt sich. nicht viel. nur so weit, dass man nicht mehr sagen kann, ob er noch derselbe ist. oder: etwas zuckt. nicht im körper – eher an ihm vorbei. als hätte ihn etwas kurz gestreift, das keine spur hinterlässt. oder: ein augenblick dauert länger, als er dürfte. oder kürzer. man mag es nicht entscheiden. oder: ein wort stellt sich ein. ohne laut. und bleibt, ohne gesagt zu werden. und plötzlich ist das, was zuvor ich war, ein nichts, das nicht mehr zu verschieben ist. und welt ist jetzt alles, jedoch ohne geräusch, ohne schatten, ohne zucken. ein raum. und eine stelle, die nicht sichtbar ist, die nicht benannt wird. und gerade deshalb bleibt. man könnte sie für einen moment verwechseln mit ruhe. aber sie ist kälter. sie hat keinen rand. keinen zugang. sie entzieht sich jeder bewegung, weil sie selbst keine mehr kennt. dort sammelt sich nichts. nichts wird dort gehalten. nicht einmal der schmerz. und doch ist es genau das, was nicht mehr wehtut, weil es nicht mehr wehtun kann. eine stelle, an der einmal etwas offen war, das sich nun schloss. nicht verheilt, sondern entzogen. und das zurückbleibende ist keine wunde, sondern nur die vorstellung von einer wunde, die keinen zugriff mehr erlaubt. nein: diese kälte friert nicht, sondern sie stellt fest – dass dort nichts mehr erreicht werden kann.

end.los | brief aus der isolation

jetzt müsste doch eigentlich eine große trauer durch die welt ziehen. aber den menschen gelingt es immer sehr gut, den schmerzen aus dem weg zu gehen… und dann immer dieses theater um die besseren kenntnisse, fakten, daten… statt nur ein einziges mal den mut aufzubringen, die siebte pforte der angst zu öffnen. und durch die räume des leids zu gehen, vorbei an unverputzten wänden und grau verhangenen fenstern. und es dort auszuhalten eine gewisse, ungewisse zeit, bis zum unfassbaren schritt von der kenntnis zur erkenntnis – von der kenntnis der verletzlichkeit zur erkenntnis einer zuwendung, die man nicht immer nur empfangen muss, sondern auch einmal spenden kann… oder vielleicht den glauben zu überwinden, dass jede zwanghaft ertragene zumutung eine heldentat ist… oder derer nicht mehr zu gedenken, die sich pathologisch schon so weit selbst erhöht hatten, dass sie keiner fremden menschlichen liebe mehr bedurften und zugleich ihre anbetung erzwangen; die ihre triebhafte sucht nach bedeutung und anerkennung auf der angst und ohnmacht jener gründen, die das haus ihrer not nicht verlassen werden… die veränderung aber bestünde nicht darin, dass etwas neues entstünde, sondern darin, dass nichts mehr umgangen werden könnte, dass jeder blick ein zweiter wäre, dass jede begegnung nicht mehr abgebrochen werden dürfte, ohne dass etwas zurückbliebe, das sich nicht mehr tilgen lässt. eine veränderung, nach der man nicht mehr darauf beharrt, recht zu behalten, nach der man nicht mehr zuerst sich selbst versteht, nach der man nicht mehr spricht, um zwischen allen stimmen zu bestehen, sondern um zu bleiben, wenn sich kein laut mehr rührt. eine veränderung, die bewirkte, dass bedeutung nicht mehr erarbeitet werden müsste, dass sie sich entzöge, dass sie dort entstünde, wo niemand sie beanspruchte, dass zuwendung nicht mehr als antwort erschiene, sondern als voraussetzung, dass man nicht mehr gefragt würde, ob man bereit sei, sondern nur noch, ob man geblieben sei, dass der körper nicht mehr nur getragen würde, sondern trüge, dass man nicht mehr ausweichen könnte vor dem puls des anderen. dass man im bleiben zur bleibe wird. ohne gewähr. ohne grund.

end.los | brief aus der isolation

die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.

end.los | brief aus der isolation

was spricht denn noch? rest einer stimme. unter dem zerkauten. bewegung auf einer geraden linie. exakte achse: natur, leere, masse, stimme, tier, mensch, engel, liebe. wenn man nur will. wenn man die vorstellung wagt. dreiklang. passung der unpassenden stimmen. sechs sätze. oder sieben. maximal. wenn der sommer anmarschiert kommt. nachdem der boden sich hob. nicht vor freude, sondern unter dem druck der tiefe, die zu lange schon den atem anhielt. zeitlich gestreckt, räumlich gestaucht lag die erde da. nun aber richtete sie sich auf. gegen den eigenen schmerz. denn niemand ging. und alles wurde gegangen. man mag es eine letzte große täuschung nennen. natur als bewegung. bewegung als sinn. da sonst alles scheppert wie in einem akustischen katasteramt des werdens und des vergehens. in einer gegend, wo selbst das erwachen wie ein administrativer vorgang erscheint. die göttliche instanz als frühindikator, die man sehr leicht verschlafen kann. die man jedoch nicht wegdrückt, in den zigfach wiederholten snooze-modus. die tiefe also hob sich. wollte höhe sein. risiko. eines falls. einer falte. zwischen licht und luft. nicht der sommer. aber die erinnerung. das leuchten, das erwartet wurde und von dem nicht mehr gesagt werden konnte, ob es noch ankam. nun: die blumen der wiesen haben ihre eigene sprache bewahrt. und halten ihre kelche hin. offene wunden im gras. dennoch sind auch sie nur semiotische restbestände einer überforderten symbolökonomie. man liest sie auf, doch man liest sie nicht, weil man sie nicht lässt. oder: jede blüte ist ein mund, der sich nicht mehr öffnet. doch alles steht im wind, als hätte es ein wort gewusst. und auch die tiere des waldes, gleich den unerreichbar fernen sonnen, wissen nichts von uns und tragen darum diese überlegene signatur: das ist unser wissen. statt spiegel, statt der begriffe: einfach nur richtung. gewiss: nur eine funktion als projektionsfläche einer verlorenen unmittelbarkeit. weil der mensch die tiere nicht hört, hört er seine eigene unfähigkeit, kein mensch zu sein. und also geht etwas weiter, im fell der zeit, ohne namen, ohne schuld. und deshalb: ohne erlösung. dann aber spricht noch einmal die zeit. nicht zu uns. wir hören nur das nachlassen des tages im eigenen körper. es bleibt eine klangliche domestizierung der philosophie und gleichzeitig bereits ein versagen des aufmerksamen. denn die achtsamkeit kommt immer zu spät. man hätte so gerne resümieren wollen, dass die stimme nicht von außen kam, sondern dass sie das war, was blieb, als alles andere verstummte. jedoch: der gesang war zu laut, zu hell. als sei nie geschwiegen worden. als erklinge ein chor, dem man nicht glauben darf. ein singendes kollektiv der ästhetisch verkleideten redundanzen. ein vokalensemble der affirmation. eine verwaltungseinheit des heiligen. sie rufen, weil sie nichts mehr hören. und nennen es himmel. schließlich ist die zone erreicht, in der es keiner worte mehr bedarf, nur eines tragens, das nicht fragt, wohin. es mag letzte geben, die darin nur eine strukturberuhigung erkennen, eine systemische glättung durch gefühl. doch falls ein ich dort steht, inmitten der mächtigen schlussakkorde, hört es ganz sicher keinen antwortsatz, sondern nur noch ein offenes bleiben.

end.los | brief aus der isolation

in einem großen saal. mit geschlossenen augen. jeder an seinem tisch. viel abstand. viel anstand. frage nach fristen, statuten, regularien. antworten: gebrüllt ins mikro des laptops. die drückenden stöpsel im ohr zum quellen zu bringen. vielfach verstärkte wahrheit. dazwischen: friedhofsstille. eine andere lautstärke hat das denken. wenn sehr leise und scheinbar langsam die großen wellen heranrollen, die einst das land überschwemmen werden. fallende türme. stürzende mauern. und alles sonstige, das nicht mehr nur gleichnis sein will. wortlose betrachtung. augen-blicke. im wunsch-krampf. dass einer auf die suche gegangen wäre, dass er gefunden hätte und endlich auflöste die verlorenheit. eines einzelnen engels gesang würde genügen. aber selbst das kleinste ist ein unerreichbares. der hauch eines atems, furchtbefreit. das bescheidenste aller geschenke, als ein einziges großes glück. denn: sehr viel schmerz muss von uns gefordert sein, um überhaupt noch empfinden zu können.

end.los | brief aus der isolation

Fragment eines Mosaiks der Kuppelgalerie, Petersdom, Rom

den umständen entsprechend. fenster zur freudlosen seite. dort blieb die erde noch ungeweiht. die nächste zahl kommt rein. der nächste schritt muss warten. schönheit der leeren seiten. stille der gelöschten träume. betrachtung des äußeren lebens wie waldbrand auf der vorgelagerten insel. frei stehende buche am rand des steilufers, das wissen um ein siegreiches meer in den tapferen wurzeln. die angst ist eine sonderbare sache früherer epochen. wartezone der leeren scheune, von ungeernteten maisfeldern umschlossen. dritte stufe: einer kroch aus dem schoß der sorge. weil auch das unendliche schon seit menschengedenken seinen reiz verloren hatte. vor dem auge steigt das vom licht nach oben gezogene auf, wird schatten, wird wesen, das bald gewesen sein wird. noch ist es zu früh für erwartungen. noch ist die schale nicht durchstoßen worden von einem herabstürzenden etwas. aber eines ist jetzt schon gewiss: von der liebe wird erst nach ihrer verabschiedung erzählt, nach ihrem ruhestand. vorher regt sich vielleicht noch eine klostersehnsucht, die an die wunder rührt, mit denen uns die scham verwandelt. eines tages will ja die seele befragt sein, um sich endlich selbst zu kennen. jetzt aber vorerst: parkhaus des lebens, und keine ausfahrt an sonn- und feiertagen. vor dem auge: weiße segel, zum offenen wasser hinaus sich entfernend. letzte ungebrochene flügel. letzte angebrochene speisen. geist auf den wassern, flüsternd: ruh, ach… – kreuzung der atemzüge, ein und aus, aus und ein. hiersein wäre herrlich, wäre ehrlich. furcht, nah an der heiligung. furche, nah bei der heilung. demarkationen des schwankenden lebens, trotz seiner reglosigkeit. dabei drehte sich die erde bis gestern noch ins schleudertrauma. jetzt hängt jeder schwung in halbverminderten septakkorden herum. sprung in der platte. schweb-licht. vorhalt: stiftung einer fundamentalen unruhe. torsal unstet. schlaf: gedrehtes fleisch am spieß der zeit. beschluss zur einsamkeit: einstimmig, vom einzelnen gefasst. vollverminderter gedächtnis-umsatz. liturgie des verbleibs, des aufschubs, des restes. antwort – rückrede – gegenlaut – widersatz – kontrafaktur – sprachkreisel. ungebrochen. ungesprochen.