end.los | brief aus der isolation

Ich stelle momentan meine neuen Texte in etwas größeren zeitlichen Abständen in den Blog, nicht weil ich weniger schreibe, sondern weil ich seit einigen Wochen ausschließlich an einem prosalyrischen Langtext arbeite, von dem ich – wie heute – dann und wann einen Abschnitt als Kostprobe präsentiere. Ich verarbeite in diesem „Endlos“-Monolog meine täglichen Notizen aus der ersten Corona-Zeit.

ausgestreckte hände. schwarm der gedanken. wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. „una mo sa-kosa wa“ (saigyo) — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben.

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