Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist

Rezension: Regina Schrott, Ich bin Echo

Lies diesen Roman nur, wenn du dir sicher bist.
Oder vielleicht gerade dann, wenn du es nicht bist…

Denn Regina Schrott erzählt in ihrem Debütroman Ich bin Echo keine beruhigende Geschichte, sondern eine, die sich leise unter die Haut schiebt. Eine Geschichte über Stimmen und Gegenstimmen, über das Sprechen und Überhörtwerden – und über Beziehungen, in denen man sich selbst allzu leicht verliert, ohne es sofort zu merken.

Der Mythos von Echo und Narziss gehört zu den stilleren, zugleich grausam präzisen Erzählungen der Antike. Echo, zur Strafe ihrer eigenen Stimme beraubt, kann fortan nur noch wiederholen, was andere sagen; Narziss hingegen, unfähig zur wirklichen Beziehung, verfällt seinem eigenen Spiegelbild. Was hier als göttliche Metamorphose erscheint, ist im Kern eine Konstellation radikaler Asymmetrie: Hier das Begehren nach Resonanz, dort die Selbstgenügsamkeit der eigenen Oberfläche. Zwischen beiden entsteht kein Dialog, sondern ein Kreislauf aus Annäherung, Verfehlung und Wiederholung.

Genau diese Konstellation nimmt Regina Schrott in ihrem Roman auf – und überführt sie mit bemerkenswerter Konsequenz in eine gegenwärtige Erfahrungswelt. Bereits die Kindheitskapitel legen die Grundstruktur frei: ein Vater, der als Richter nicht nur über andere urteilt, sondern ein Klima permanenter Bewertung schafft, und eine Mutter, die weniger sich selbst liebt als den eigenen Widerhall im Blick der anderen. Zwischen diesen Polen wächst ein Ich heran, das früh lernt, sich anzupassen, zu spiegeln, zu reagieren – und sich dabei zunehmend selbst entzieht.

Was diesen Roman besonders macht, ist die Art, wie er diese Erfahrungen erzählt. Märchenhafte, mythische und hochkonkrete gegenwärtige Elemente stehen unvermittelt nebeneinander: Elfenmütter und Trollväter begegnen Smartphones und sozialen Medien, antike Götter moderner Beziehungssprache. Diese Überlagerung wirkt nie beliebig, sondern folgt einer klaren poetischen Logik. Der Mythos erscheint hier nicht als fernes Deutungsmuster, sondern als Struktur, die sich im heutigen Leben fortschreibt.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Echo und Narziss, die der Roman mit großer Genauigkeit als asymmetrisches Gefüge entfaltet. Was zunächst als Begegnung, als Möglichkeit von Nähe erscheint, erweist sich zunehmend als einseitige Dynamik, in der Anerkennung verweigert, Kommunikation unterlaufen und Selbstwert systematisch untergraben wird. Dabei gelingt es dem Text, diese Beziehung nicht plakativ zu verurteilen, sondern in ihrer inneren Logik sichtbar zu machen – einschließlich der Ambivalenzen, die das Verharren verständlich werden lassen: Scham, Sehnsucht, Selbstzweifel und die paradoxe Hoffnung, durch Anpassung doch noch gesehen zu werden.

Gerade hier entfaltet der Roman eine beunruhigende Gegenwärtigkeit. Begriffe wie „Lovebombing“ oder die feine Beschreibung sozialer Masken – Ausreden, Gesten, das sorgfältige Polieren eines nach außen funktionierenden Bildes – erscheinen nicht als theoretische Kategorien, sondern als gelebte, mitunter grausame Realität. Gleichzeitig bleibt die mythische Tiefendimension erhalten, sodass sich individuelle Erfahrung und archetypisches Muster unauflöslich verschränken.

Dabei bewegt sich der Text auf einem schmalen Grat, den er erstaunlich sicher hält: Er erlaubt sich große Gefühle, dramatische Zuspitzungen, ja, mitunter fast pathetische Bilder – und bricht sie im nächsten Moment mit Ironie, Witz oder einer unerwarteten Alltagsbeobachtung. Gerade diese Reibung erzeugt einen Sog, der die Lektüre trotz der Härte des Erzählten überraschend leicht und beweglich macht. Das Tragische kippt immer wieder ins Schicksalhaft-Amüsante, das Groteske ins Komische, ohne je ins Beliebige abzugleiten.

Im letzten Drittel öffnen sich mit den Pariser Episoden und später mit der Schwangerschaft scheinbare Gegenräume, in denen andere Formen von Beziehung und Selbstwahrnehmung möglich werden. Für kurze Zeit gelingt es der Erzählerin, sich aus der vertrauten Konstellation zu lösen und „ich selbst“ zu sein. Doch auch hier unterläuft der Roman jede einfache Vorstellung von Befreiung. Die Strukturen verschieben sich, variieren sich, kehren in neuen Formen wieder. Selbst im Versprechen von Zukunft zeigt sich die alte Dynamik der Projektion – das ungeborene Kind wird zum Träger von Erwartungen, zum Heilsversprechen, das alles richten soll.

Die drastischen Ereignisse gegen Ende führen schließlich nicht in eine kathartische Auflösung, sondern in eine Form von schonungsloser Selbstwahrnehmung. Besonders eindrücklich ist dabei die Art, wie Schuld verhandelt wird – nicht nur als Belastung, sondern als paradoxer Versuch, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dass diese Einsicht zunächst in Erstarrung und Sprachverlust mündet, verleiht dem Roman eine große existenzielle Konsequenz.

Und doch bleibt es nicht dabei. In den letzten Kapiteln verschiebt sich der Ton noch einmal: Aus der Erstarrung entsteht Bewegung, aus der Sprachlosigkeit eine neue Form von Stimme. Wenn Echo beginnt, zurückzurufen, zurückzubrüllen, sich spielerisch und körperlich in ihrem eigenen Echo zu behaupten, dann ist das keine Aufhebung der Bedingungen, wohl aber eine Aneignung. Die Figur bleibt, was sie ist – und gewinnt gerade darin Handlungsspielraum.

Der Roman endet entsprechend leise, fast unspektakulär, in einer Szene von überraschender Leichtigkeit. In der erneuten Begegnung mit einer alten Liebe tritt an die Stelle von Scham und Verstrickung eine Gelassenheit, die nicht mehr alles erklären oder rechtfertigen muss. „Ich liebe dich“, heißt es – und schließlich: „und ich liebe endlich mich.“ Das ist kein pathetisches Finale, sondern eine ruhig gesetzte Öffnung, die dennoch, wie in allen guten literarischen Texten, eine gewisse Unsicherheit erzeugt: Ist das finale Glück echt? Oder ist das ‚neue Paris‘ (wahlweise: der neue Paris) nur eine Täuschung? Bleiben nicht doch Wunden nach der Selbsterkenntnis und der Selbstermächtigung?…

Umso wirkungsvoller ist die anschließende Schlussgeste: In Form einer nüchternen Todesanzeige (augenzwinkernd angekündigt mit der Warnung Lies den Epilog nur, wenn Du Dir sicher bist, dass Du es wissen möchtest) wird Echo zur öffentlichen Figur, zur „Stimme der Zerrissenheit“, deren Geschichte nun als Fall, als Nachricht erscheint. Diese Distanzierung erinnert an ästhetische Verfahren des souveränen Erzählens, nach denen die tragikomische Protagonistin dem unmittelbaren Zugriff entzogen und zugleich in eine neue, gesellschaftliche Lesbarkeit überführt wird. Was zuvor als innere Erfahrung erzählt wurde, erscheint nun als Teil eines größeren Zusammenhangs – und wirft Fragen auf, die weit über die einzelne Figur hinausweisen.

Ich bin Echo ist ein Roman, der viel wagt: thematisch, formal, sprachlich. Nicht alles ist gleichmäßig geglückt, manches geht bewusst an die Grenze der Überfrachtung. Doch gerade in dieser Radikalität liegt seine Stärke. Der Text nimmt seine Figur und ihre Erfahrungen ernst, ohne sie zu glätten, und findet dafür eine eigene, unverwechselbare Sprache.

Ich empfehle diesen Roman allen Menschen, die Mut haben oder sich Mut wünschen: zur Selbsterkenntnis, zum Wagnis neuer Beziehungen, zur eigenen Stimme und zur Zumutung, sich selbst wirklich und tief zu begegnen – und ausdrücklich auch allen Menschen, die sich auf der Suche befinden: nach der Überwindung von Scham, von neurotischen Ängsten vor Scheitern, vor Zurückweisung und schließlich vor sich selbst.

Regina Schrott: Ich bin Echo. EMPATHIE-Verlag. Ahrweiler 2025.

end.los | brief aus der isolation

Fragment eines Mosaiks der Kuppelgalerie, Petersdom, Rom

den umständen entsprechend. fenster zur freudlosen seite. dort blieb die erde noch ungeweiht. die nächste zahl kommt rein. der nächste schritt muss warten. schönheit der leeren seiten. stille der gelöschten träume. betrachtung des äußeren lebens wie waldbrand auf der vorgelagerten insel. frei stehende buche am rand des steilufers, das wissen um ein siegreiches meer in den tapferen wurzeln. die angst ist eine sonderbare sache früherer epochen. wartezone der leeren scheune, von ungeernteten maisfeldern umschlossen. dritte stufe: einer kroch aus dem schoß der sorge. weil auch das unendliche schon seit menschengedenken seinen reiz verloren hatte. vor dem auge steigt das vom licht nach oben gezogene auf, wird schatten, wird wesen, das bald gewesen sein wird. noch ist es zu früh für erwartungen. noch ist die schale nicht durchstoßen worden von einem herabstürzenden etwas. aber eines ist jetzt schon gewiss: von der liebe wird erst nach ihrer verabschiedung erzählt, nach ihrem ruhestand. vorher regt sich vielleicht noch eine klostersehnsucht, die an die wunder rührt, mit denen uns die scham verwandelt. eines tages will ja die seele befragt sein, um sich endlich selbst zu kennen. jetzt aber vorerst: parkhaus des lebens, und keine ausfahrt an sonn- und feiertagen. vor dem auge: weiße segel, zum offenen wasser hinaus sich entfernend. letzte ungebrochene flügel. letzte angebrochene speisen. geist auf den wassern, flüsternd: ruh, ach… – kreuzung der atemzüge, ein und aus, aus und ein. hiersein wäre herrlich, wäre ehrlich. furcht, nah an der heiligung. furche, nah bei der heilung. demarkationen des schwankenden lebens, trotz seiner reglosigkeit. dabei drehte sich die erde bis gestern noch ins schleudertrauma. jetzt hängt jeder schwung in halbverminderten septakkorden herum. sprung in der platte. schweb-licht. vorhalt: stiftung einer fundamentalen unruhe. torsal unstet. schlaf: gedrehtes fleisch am spieß der zeit. beschluss zur einsamkeit: einstimmig, vom einzelnen gefasst. vollverminderter gedächtnis-umsatz. liturgie des verbleibs, des aufschubs, des restes. antwort – rückrede – gegenlaut – widersatz – kontrafaktur – sprachkreisel. ungebrochen. ungesprochen.

end.los | brief aus der isolation

die tür ist immer zu. immerzu. in der eigenen wohnung. ist man noch weniger bei sich als sonst. man hat fremde nötig, um nicht zu sehr zu entfremden. man ist sich selbst kaum mehr als eine vermutung. die herkunft aus armut und chaos mag eine fiktion sein, eine notwendige friktion des sklerosierten geistes, der schmachtet nach ein wenig erhabenheit. vierte etage unter gosse und grab. hut der gurrenden taube. kamelie im dunklen haar. fest der phantome. festung der gesichter. zu-seh-ends. hinzu-schau-end. dass die leere nicht sich selbst überlassen bleibt. dass die lücke gesellschaft bekommt. der spiegel stellt morgens eine frage, die auch am abend noch unbeantwortet bleibt. man kann aber dennoch sehr schnell wieder beliebter werden. man wacht auf mit zwei neuen likes auf der dating-app. einer will sogar ein kind, hofft auf ein hübsches gesicht, ruft: meld dich mal wieder. man zählt sich durch den tag der unerledigten aufgaben: sechshunderteinundfünfzig emails, sechsundzwanzig unbeantwortete anrufe, neunundachtzig tickets. dagegen stehen: zweitausendeinhundertsechsundneunzig schritte, bei dreihundertachtundsechzig eingesparten atemzügen. zwischendurch klingelt die app und öffnet ein neues flüstern im keller: du hast schöne augen. traurig, aber sexy. – danke! wie heißt du? – bis denne. man erinnert sich an die letzte erkältung. man ist vollständig genesen. man hielt ausschau. links die ausfahrt. rechts die mauer. man hat sich weiterqualifiziert: zum wegweiser. man raunt: die wege. man bleibt: im weg. bis man selbst weg ist. dann blitzt ganz kurz eine antwort auf: erzähl mir nichts vom pferd. aber die bittere wahrheit ist: das mangelnde gedächtnis ist für jeden von uns der erste verlust, den es zu ertragen gilt. erinnerungen sind nur notwendige erzählungen des selbst. ihre faktische basis ist mindestens porös, behauptet, versioniert – ein nachträglicher, einträglicher irrtum; einer, der viel einträgt und dem man nichts nachträgt. erinnerungen sind ebenso gut für das sinnvolle leben wie das frühzeitige einüben der abschieds-kaskaden, der in die abgründe gestürzten gesichter und stimmen, die – anders als die echo-sendenden steine, die ins wasser des brunnens fielen – kein noch so langes warten erwidern. gleichzeitig evoziert der bewegungsmangel phantasien von pilgerschaft. dabei ist man selbst für eine gewöhnliche ängstlichkeit viel zu erschöpft. dennoch sieht man sich gehen, sehr sehr langsam, auf sehr sehr langen pfaden. geschwindigkeit und richtung sind egal – die hauptsache ist, dass man flieht, dass man fortkommt, auch wenn einen das nicht weit bringt. erfüllendes zeigt sich nachts, während der tag die wahren straßen unter dem licht begräbt. man kann nicht sicher sein, ob jemand an einen denkt. aber man kann es sich wünschen, als eine fremde sehnsucht, die einen vielleicht – eines unverhofften tages – ins leben zurückbringt. jenen verlorenen stimmen mag man erde und blüten ins finstere hinterherwerfen, doch diesen einen wortlos rufenden blick muss es noch einmal geben – diesen einen blick, dem man sich gibt, als gabe der dämmerung (donum matutinale). ja, dieses eine geschenk muss noch sein, bevor man sich umdreht, nach kürzerer oder längerer flucht, und schließlich zurückkehrt zum ursprünglichen pfad, vielleicht unter dem rauschen von kiefern, vielleicht sogar wie eingehüllt in die umarmung einer unendlichen welt, die vom tod nichts zu wissen scheint.

end.los | brief aus der isolation

fern voneinander. im unterholz. wenn die dämmerung in den weiden. variation der wunder, die noch erwartet. beiläufiges gehen. zuflucht des verschwiegenen wunsches im augenwinkel. zärtliche reibung einer stimme mit der stille. wundverschluss der geräumten zimmer. winzige nester. darin die mächtigen ruinen, die dereinst von den immer gesunden bestaunt, wenn sie die von vulkanischer asche bedeckten städte wieder aus dem vergessen ans licht einer beliebigen jetztzeit heben und die erde von den versteinerten leibern schälen. oder die glocke, die gerade zwölf geschlagen hatte, als die pyroklastische walze durch die straßen rollte. der erkaltete staub in unseren lungen wird uns dann wieder schlagartig interessanter machen. man wird uns nicht mehr beim wort, aber beim anblick nehmen können. wir werden nicht mehr erwachen. doch man wird uns die träume einer weitgehend unbekannten vergangenheit in die geschlossenen augen reiben. man wird nicht mehr sagen: oh, das jahr hatte sich schnell erschöpft. allenfalls: es gab eine kleine unterbrechung, eine unauffällige zwischenzeit, eine störung des getriebes, eine zäsur des zeitlaufs, eine lücke in der erzählung des selbst, eine aussetzung des telos, einen einschnitt in den leib, eine fraktur des wirklichkeitsgefüges, eine faktur der gestockten atmung. man lässt uns so liegen, sitzen oder stehen, wie wir gerade waren, im moment des großen blitzes, als unsere schatten verbrannten, zwischen solchen oder anderen unter- oder überschriften, im museum der pause, der blau-pause, der aus-zeit zur un-zeit, der disruption aller eruptionen. man kratzt noch den letzten rest schlamm von unseren pappmaschee-körpern und schmiert ihn sich auf die ungeschorene haut. die seuche, die zur sache wird, zur sichel, zum stachel, zum zeichen einer verimpften gleichgültigkeit. sache zwischen sachen. hauptsache nicht: suche. die steht ja schon klanglich zu nah bei der seuche. sage – ja. aber auf keinen fall: sog. sic! und endlich: der sieg jeder jetzigen lage, jeder hiesigen liege über die unendliche geschichte, die ihren wuchtigen lagen-look gerne auf den ewigen kartoffeläckern oder den ungewöhnlichen laufbändern des vergehens, des gehens in die ver-gangen-heit präsentieren mag, aber bitte nicht in den schau-fenstern und ein-lauf-straßen unserer wohnlichkeit im gewöhnlichen. und auch nicht die waldung, die schwankt heran, und nicht die felsen, die lasten dran, und erst recht nicht die wurzeln, die klammern an (jwg, faust ii, bergschluchten…). alles erdrückende. die langen alleen. die schattenstraßen. man will doch lieber erwacht sein und stehen in einem raum, in dem man träumt, ohne zu schlafen, wo zeit ist im überfluss, sich die wirklichkeit vorzustellen. vorerst auf zweiter stufe, vorbehaltlich höherer ebenen, falls es fahrstühle gibt oder rolltreppen, eilend jedenfalls, das dickicht zu verlassen, sprintend, mit der menschheit im rücken und dem offenen voraus, und dem einzigen ziel, eines tages von einem hügel aus auf ein meer zu schauen, vor sonnenuntergang. doch von welchen gütern reißt man das hungrige herz, dass es zur warte wird eines unsichtbaren? mit dem kopf als wurzelwerk und der seele als blattwerk, weil doch die kehre so nottut. man weiß zu viel und hat darum große furcht, betrachtet die dinge, von denen man nichts versteht, wie licht, das durch halbtransparente fasern drang; laub und seide und bemaltes glas. zwischendurch sieht man sich selbst nachtwandeln, alternd in den langen wüstenjahren, wünschend die rückkehr zur regenzeit. man ist bereit, das sehen noch einmal neu zu erlernen, erst nur eine stimme zu hören, viel später vielleicht ein gesicht zu erkennen, das man einmal gekannt hat – die zweite seele, die in das erste haus einzog und deren unausgesprochene worte so viel bedeuten wie: du sagst mir, wofür ich bitten soll und wann ich den dunklen mantel abwerfe, der meine nacktheit verhüllte.

end.los | brief aus der isolation

man hat sich lange nicht gesehen. irgendwann kommt der tag, an dem man nicht mehr weiß, wie lange. dann unterscheidet sich die vergangenheit nicht mehr von der zukunft und heißt ebenfalls nur noch irgendwann. dennoch ist der morgen gerade so, als ob hinter dem erwachen und jenseits der mauern, in denen es stattfindet, hügel aufsteigen, durch die sich uralte sandige straßen schlengeln, gesäumt von pappeln und ahorn. man hat sich lange nicht gesehen. sich selbst. irgendwo in der welt, deren orte alle gleich sind. ein hier unterscheidet sich nicht mehr von einem dort und heißt auch nur noch nirgendwo. man sieht den regen nicht mehr. es reicht aus, ihn zu hören. er ist wie ein müdes zeichen des wirkens eines traurigen gottes. endlos haben sich die wälder gemacht, für sein verschwinden und verschweigen. er hatte zuletzt eine dünne haut, während der mensch mehr und mehr ein dickes fell bekam. seine wimpern sind ein dörrgras – sie halten den letzten sehnsuchtsduft einer mitten im frühling erkalteten erde. die zeit ist gekommen, da so viel von ihr bereits verrann, dass die tage so wenig gezählt werden können wie die silben, die auf der tauben zunge lagen. tropfen und steine bilden eine masse, wenn alles spurlos geworden ist. boote schaukeln an den leeren stegen; ihre taue bleiben uneingeholt. das meer ist wie ein abgelegtes gewand eines geistlichen; es hat sich zerschneiden lassen von den verwegenen küsten, die ein weitgehend schattenloses land rahmen wie den rand einer wachsenden wunde. nichts gehört ihm. das wenige, das sich ereignet haben mag, hat sich nur allzu bereitwillig von der zeit fortziehen lassen. und es spielt ja nun auch wirklich keine rolle mehr, wann die suche begann oder wo. ja, vor allem das wo hat sich sehr rasch im ungefähren verflüchtigt, auf dass es immer suche gäbe, doch nimmer finden. eine zarte welle der luft (hyperion) mag sich durch das gekippte fenster in die kissen und ins haar schleichen, aber das ändert jetzt nichts mehr daran, dass das atmen sich nicht mehr spürt. stimmen mögen vielleicht noch durch die träume irren, aber sie bleiben ohne echo, ohne halt im zeitlichen. die geschichte kann es besser: sie sammelt das ihre als einen gleitenden bestand des vergangenen; nicht beständigkeit ist ihre sache, sondern ablage des kurzfristig freigesetzten, sobald es sich verfing in der zone der vergessenheit all dessen, was unter schicksal läuft, sobald sich das fleisch von den knochen löste, nach der spätzeit des zitternden laubes, der frühzeit stumpfen sinnens all des übrigen in der natur, das seine eigene überwindung voraussichtlich nicht mehr erleben wird. judica. das recht kommt ohne leidenschaft aus. tautropfen im netz der spinne (saigyō). törichte anrufung eines gebrochenen lichts. das einem nun aufgeht, wenn man nicht mehr einer ist, sondern irgendeiner. als sei ein fremder in die wohnung eingezogen, seit die zeit von hier auszog. sie hat die irregegangenen zurückgelassen und weiß jetzt schon, wie irre die bald wieder gehen werden. aber vorher wird der raum auf links gedreht; außen wird innen und umgekehrt. der raum als dia-negativ. der ausweg im weg-aus. man sieht das wesen der dinge, ohne sie berühren zu können. man hatte eine heimat, aus der die landschaften vertrieben wurden. das ende des zitterns in der vereisung. das ende des hungers in der verspeisung. die stille einer wildnis in den versteiften gelenken angewinkelter knie. der tiefe brunnen eines milchkaffees, der wohl auch nicht weiß, wann das zeitalter der gepackten koffer endete. sicher: die krise hat einen überrumpelt. doch man könnte sich jetzt entrümpeln lassen. das schuldige tilgen. und abschütteln das schattige. das warten beenden mit gegenwart. nicht der eigenen. dafür ist es zu spät. denn das ist ja das land, in dem alle liebe endet (TSE/AW). erbschaft. die friedlich entfernten. die traumenteigneten. trunken von den leeren vasen. badende. im sumpfigen schwemmland der irdischen gutheiten. im fast schon himmlischen glanz einer temporären unerreichbarkeit. in der schonung des behaupteten hin-und-weg. in der schönung des wohligen und des wolligen. das man nicht gewollt haben muss. als hin-und-weg-gefährte. als blinde mitte im äffchen-triumvirat. als wahl-versandter. unentsonnen. und geknüpft in die zwischennetze. mit dem seelen-aufschnitt hinter den mattscheiben. als protagonist der sesseldionysien. während der dummy-opferung. zum augen-konfekt. jedenfalls: zwischenräumlich. in der verwaisten kammer eines mürbeteigigen herzens. eingeschlossen: zwei, die mit aufgerissenem blick in den wald der disteln rannten. man ahnt es, dann und wann, was draußen zu blühen beginnt. eine ahnung, die entsteht, weil es erinnerung gab. aber es bleibt der verdacht, dass man von der möglichen welt nur geträumt wurde. man war auf der falschen seite (schäl sick), in einem buch-heim, scheinbar aufgerichtet an einem buch-stab, an der grenzlinie von losung und lesung, während in der zelle der zeitfraß, hängend an der zellwand (folivorum), der zählwand, um die tage der welt-flucht, von der erst noch zu klären sein wird, wer vor wem – wir vor der welt oder die welt vor uns…

end.los | brief aus der isolation

ein gedanke hing noch. zwischen zwei buchseiten. als das geäst knackte im schon zu lange nicht mehr bewegten rücken. als das gehör zu klingeln begann, nach der stille eines frühlings, als ob es einlass begehre, an der unsichtbaren tür des gedächtnisses. dort abgelegt wurde – in einer der unteren schubladen – die seltsame spiegelung, die wohl so viel sagen wollte wie: ein jeder anfang geschieht um einer bewegung willen. doch was kann getan werden, wenn jeder neue tag als sinnbild eines möglichen anfangs direkt nach dem erwachen in den abend rutscht und die nächte wie schleusen sind, die – um sie vor anbruch des nächsten morgens noch rechtzeitig zu passieren – zölle erheben für den kleinsten traum, in dem so etwas wie ein wunsch schon lange keinen platz mehr beanspruchen durfte. jegliche wohnung wird zum verlies des aufgeschobenen lebens. jede bettstatt wird zur truhe der abgehakten versäumnisse. das ende der welt wird befördert von einem reiseziel zu einem zustand, der nach verkürzter probezeit seine verstetigung feiern darf. es hätte das jahr der wanderung sein sollen. nun müssen alle guten vorsätze der verfügung geopfert werden, damit es fügung gibt statt schwebe und vorhalt einer richtungsentbundenen hoffnung, statt irrung und wirrung zwischen denken und lust. dem ferneren nahe zu kommen, ohne sich selbst zu ent-fernen, sich auf die suche zu machen nach einem haus, einsam bewohnt wie das eigene.

end.los | brief aus der isolation

Ich stelle momentan meine neuen Texte in etwas größeren zeitlichen Abständen in den Blog, nicht weil ich weniger schreibe, sondern weil ich seit einigen Wochen ausschließlich an einem prosalyrischen Langtext arbeite, von dem ich – wie heute – dann und wann einen Abschnitt als Kostprobe präsentiere. Ich verarbeite in diesem „Endlos“-Monolog meine täglichen Notizen aus der ersten Corona-Zeit.

ausgestreckte hände. schwarm der gedanken. wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. „una mo sa-kosa wa“ (saigyo) — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[erster Ort: Düsseldorf Flughafen]

Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…

missa lecta [ICE 1155 | das unsichtbare | das schmelzende | unter den wellen | schatten des bergs | ort deines wartens | stille | aufgequollen | fülle des möglichen]

pfingstpsalmodie

farbe dieser landschaft farbe dieses lebens trockenes gras auf endlosen ebenen

und wie schön erst die farben der träume so wie der tag enden soll

zwischenzeitlich

müsste er angekommen sein alle steine alle seelen wurden aufgestellt die menschheit heute als eine gemeinschaft der suchenden und morgen als eine gemeinde der wartenden

gestern

wir erinnern uns der gesten salz und sand aus den augen gerieben atem geschickt von einer dämmerung in die vereinzelte hoffnung hinein

etwas

gesichtet etwas wie ein gesicht etwas wie ein seufzer etwas wie vom anfang zu uns hinübergewunken wankend doch wacker im erwachen entlang der linien der küste des horizonts das band an dem wir gezogen gegenwärtlich erwartend die gegenwart die gegenwarte

beharrlich

ohne zu verharren tatenlos unverhandelbares wenn es verwandelt war beweglich zwischen den streifen lichtes auf den sich kreuzenden wegen wer ihn bezeugte zeugte ihn auch wer sich verbarg dem zeigte er sich und wer ihn sagte wuchs in der sage treppauf ohne furcht vor der luft der höhe treppab ohne angst vor der katabasis kuss auf etwas zu für das flügelgeschenk für die stimmgabe[l] adoratio augenblicklich herzblicklich[t] hand und fußblickdich[t]

die zahlenden mit ihren schritten zurück

die zahlen rückwärts auf dem taxameter rückzahlung ausgeschlossen wenn die schlüssel klappern wenn die gedanken rasseln und die worte prasseln wenn das laub raschelt vom rauschenden blut keine erstattung an dieser statt keine verrechnung des unberechenbaren alles unbezahlbare war schon da ist schon fort näher rückt der ablauf allen die ihren rücken nicht abschütteln konnten die nicht kannten die drehung der zum licht wachsenden zweige der in liebe züchtenden und im schmerz ziehenden mutter

doch wo blieb der vater

die kinder erzählen sich abends von den kriegen von den weiten wilden wassern von den vergifteten inseln

[das übliche muss gar nicht übel sein | befragung der restlichen | der übrigen zeugnisse]

wenn der tod

begonnen wenn sich die zeit entfernt hat und in der kalten bleibe deiner gedanken daran was noch hätte sein können was sich da alles versammelt in der kühlkammer der schöpfung und wie glücklich wenn eine wiederkehr in einer fernen trauer

der eine atem

dessen du nicht beraubt sein wirst der lange atem des einen geistes und als ob dich streichelt die graue wange des geduldigen gesteins die leeren flure heiliger haine der heimkehr gläserne fäden aus staub

wohin er blickt

hinaus wie hinein stille wurzel seiner verkündung spätere stufen ganz gleich wohin woher die kundschaft der schweigenden und gänge in die zeit zurück verriegelte nacht der grund dann auf dem du liegen magst und warum das ohr nun befreit von den dunklen fernen klängen schmerzende stimme vom brennenden schweif deiner worte wie frisches wasser im satten boden dort die fragen nicht verkümmern zu lassen nach den pfaden und den pforten die hand der treuen seele nicht abzuschlagen die über die schwelle half über den abgrund reichte

farbe der flügel

farbe dieser einen hoffnung das ziehen der wolken über von hügeln umschlossenen seen klein ist der schmerz unter den floßen der schatten die nordöstlich verschwinden wandernde himmelsinseln wundernde heerscharen der nimmermüden nothelfer:innen freiheit ruft es unter der rinde freilich[t] tönt es im licht wenn es die fenster das laub durchschlug getragen von allen erinnerungen in allen ereignissen eigen[tl]ich[t] das flehende unvergessliche unverlässliche nicht zu verlassen wenn es vergessen in einsamen ecken trage mich weiter ruft es aus der umrandung der verlorenen zeit hängt von den türmen von den stirnen von den gestirnen ein sternenhaar durch das kein gott mehr schicken will seinen sohn und selbst wenn er wüste sagt wenn er wüsste was jener schrie vom baum der erkenntnis hernieder ist im echo erstarrt was er wusste vom sterben der eisige winkel der punkt an dem sich alle verworrenen wege kreuzen der nagel auf den kopf getroffen auf die haut des wassers gestellt um der zeiten fluss ans schwarze brett zu heften damit er ewig erinnert sei warum er verlassen wurde

schäme dich

so nackt in der gegend zu stehen insel und ufer des anfangs farbe des schaums des schnees je nach dämmerung je nachdem wer dann folgte und wann die früchte fielen vom goldenen zweig

to be continued…

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.10.29 | Tag 174 der Erstarrung

was könnte sein? mühlos vergegenwärtigt. Vergangenes, das sich bewegt. Bestehendes, das sich kaum zu rühren scheint. Zwischen allem Lebendigen, das sich flackernd verzehrt. du schaust in die Namen hinein. du siehst hinter Mauern blühende Wiesen. du hörst zwei Menschen vertraut miteinander reden. und weißt nicht, wer ist wer. die Stimmen bekommen Gesichter. und aus ihren Schritten wachsen die Körper in deine Träume hinein. du fühlst dich gerufen. hinaus aus deiner Einsamkeit. und hast wieder Hoffnung, an die Schwelle zu gelangen, hinter der sich zeigte aller Sinne Sinn. und endlich steht das Endliche da. in all seiner Fülle. erschüttert und selig. das Kraftvollste aus dem Zartesten. aus Licht und Gelingen ein Schatten des Schicksals. falls du noch Zeit hast. über die Pausen des Daseins hinaus. am Rande sitzend. und über ihn hinweg blickend. dass sich dir zeigten alle Dinge, die Schatten werfen.