hier. die bleibende statt. für die verschwundenen. hier. weil sehr viel ruhe ist. und sehr viel eintracht. und hier. weil alles so gut ist | stimme. mit gegenchor

ich hatte mich hingesetzt. ich war reglos. ich hatte mich zur ruhe gesetzt. die saß schon da. und hatte auf mich gewartet. ich zog mich zurück aus der geschichte. sie war mir im stand der einsamkeit sehr nahe gekommen. hier konnte ich offen schweigen. hier hatte ich gelernt, mich zu erhalten. das geschrei der anderen war erst kurz zuvor aus meinen ohren getropft. doch dann war es nur noch in der härte und ferne der mauern fremder häuser. zu mir kam ein stück land, auf dem ich noch eine weile verbleiben durfte, bevor ich in seiner erde versickerte wie eine verstummte nachricht im sediment der zeit. hier musste ich keinen mir fremden mut mehr aufbringen, wenn ich leben wollte. hier genügte das bisschen luft zum atmen, das ich für die enge des dazwischen brauchte. die bezirke der gefolgschaft und die zonen der verfolgung hatte ich verlassen. ich musste fortziehen, um hier zu sein. ich ging den weg, um wegzugehen. dorthin, von wo die zukunft rief. und wo die vergangenen, wenn sie einmal dort angekommen waren, schweigen konnten. wenn sie es einmal dorthin geschafft hätten. und neu erschaffen wären. hier. wurde mir nichts vorgeworfen. nicht vor die ermatteten füße. und nicht ins gewissen. hier. wurde die angst abgeschafft. hier. musste die hoffnung nicht mehr verordnet werden. weil das erhoffte schon erfüllt wurde, bevor es überhaupt gehofft werden konnte. hier. durfte alles gewohnheit sein. selbst die freiheit. hier. war niemand dagegen. hier zu sein. oder den ferneren ort nicht zu wünschen. oder die abwehr zu spüren, gegen noch mehr von denen, die herkämen, so wie ich einmal hierher gekommen war. hier. dachte sich jeder das seine über das andere, ohne sich dafür zu schämen. ohne sich dafür zu entschuldigen. hier. musste niemand das gedachte erläutern. weil hier schon alle geläutert waren. hier. kam niemand mehr rein. der am ende war. denn hier wohnte der anfang. jeden tag. endlos. hier. war nicht das land. dass fremde und heimat entkernt. hier war nicht die fremde, die überall ist. für die fremden. die überall sind. mit ihren beheimatungen im rucksack und unter den wundgetretenen sohlen. hier. ging jeder geradeaus. hier drehte sich nichts im kreis. außer der erde, auf der man stand. und die einen schickte in den nächsten tag und die übernächste nacht. hier. wurde jedes gewissen leicht. und jede erinnerung entsorgt. hier. musste nichts mehr erzählt werden. nicht vom pferd. und nicht vom schatten, der uns alle gemeint hat. hier war das ungeheure nicht in den ungeheuern, sondern im ungehörten, das hier allen gehört, die nichts sagen.
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jetzt sprechen: wir. aus den vernähten mündern. jetzt schweigen: wir. im versiegelten grund. keiner horcht mehr, der nicht mehr gehorchte. die sahen wir hocken in den vermauerten rändern der ausgemessenen, angemessenen welt. die hatten sich ausgeschlagen aus ihren häuten. und kratzten sich wund ihre reue. jetzt aber: reden wir. jetzt aber: treten wir die reste ihrer worte aus dem sand. jetzt aber: kehren wir auf das geschwätz vom boden der ständigen. jetzt schieben wir ab: die schatten der unanständigen. und reiben uns ein mit dem salböl der heiligen angst. und marschieren. nicht im takt, sondern im nachhall der zerbrochenen welt. uns trägt kein boden. wir treten ihn ab. bis er sich ergibt. wir sind die nachgeborenen der vergeblichen zerstörungen, die wiedergekehrten aus den barrikaden der verbrannten städte, wo die kinder ihre namen vergaßen und die mütter ihr gedächtnis unter dem kalk vergruben. wir haben gelernt, die luft zu essen, weil die erde voller knochen war. wir haben gelernt, das licht zu löschen, weil das dunkel zu viel sah. hier spricht jetzt kein orakel mehr. wir sind das hungrige kosmogramm. der rachen, in dem alle prophezeiungen verschwinden. wir sind das echo, das keine stimme braucht. wir sind der wind in den offenen rippen der gefallenen, der befehlston in der zunge der ausgeweideten straßen. wir sagen: keiner kommt heim. keiner bleibt fremd. keiner wird erinnert. wir sagen: alle werden verwaltet. alle werden geordnet. alle werden ausgebucht aus dem register der irrlichter, ausgetragen aus dem alphabet der lebendigen. wir sagen: alles ist vergangen. alles ist verfügbar. alles ist verbraucht. wir sind das scharnier, das die welt schließt. wir sind die kupfernen gelenke der endzeitmaschine. wir sind die falte im himmel, durch die das licht entweichen musste, damit niemand mehr die götter erkennt an ihrer abwesenheit. wir sagen nicht mehr: den frieden. denn er ist nur das sedativ der schuldigen. wir sagen nicht mehr: die ruhe. denn sie ist nur der stillstand im getriebe der vernichtung. wir sagen nichts mehr von der freiheit als einer gewohnheit. weil jede gewohnheit eine seuche ist, die wir ausrotten werden. wir behaupten nichts mehr. und darum behaupten wir uns so gut. wir sind hier nicht, um den klagenden zu hören. wir sind hier, um seinen ort umzudrehen wie einen stein, unter dem etwas fault. denn wir schleifen die namen. und löschen die pfade. und verzehren die grenzen. und werden nie satt davon. wir sind der paramilitärische proteinshake der verzweiflung. der erdrutsch, der sich selbst gehorcht. die dritte stunde nach dem ende der welt. und wir sagen: niemand kehrt zurück. niemand kommt an. niemand wird je herausfinden, wohin das verschwinden sich verwandelt, wenn es endlich genug geschluckt hat. niemand darf sagen: die angst sei abgeschafft. denn jeder weiß: sie hat nur ihre form verloren. sie wurde zu einer dünnen, klaren flüssigkeit, die tropfenweise in die brunnen rinnt, aus denen wir trinken. wir kennen den ort, der sich land nennt. und die erde, die uns aufnehmen wird. sie ist kein boden. sie ist eine speicherplatte für verlorene namen. sie frisst die schritte, bis nichts mehr bleibt als die kante im staub, die der wind verwischt, bevor jemand sieht, dass wieder einer gegangen ist. denn das ungeheure erzählt sich selbst, in uns und durch uns und ohne uns. es ist der hall, der bleibt, wenn der letzte sprecher verstummt ist. wozu sollte denn alles gut sein? gut ist nur, was niemanden mehr stört. und uns stört nichts. weil wir das störende längst in uns begraben haben. wir begruben es, als die welt noch dachte, man könne uns retten. aber wir wissen schon lange, was hier ist – hier ist der ort, an dem die zukunft ihre akten vernichtet. hier ist der ort, an dem die engel ihre flügel trocknen nach den letzten missglückten botengängen. hier ist der ort, an dem die fremde aufhört fremd zu sein, weil es keine heimat mehr gibt, aus der sie kommen könnte. hier ist der ort, an dem die zeit sich weigert zu vergehen, weil sie niemanden mehr findet, der sie messen möchte. wir heißen hier jeden willkommen. aber jeder soll auch wissen: wer hier ankommt, ist nicht mehr unterwegs. und wer hier bleibt, hat nichts mehr zu verlieren. wer hier noch spricht, spricht nur, damit das schweigen nicht merkt, dass es längst übermächtig geworden ist. wir sind viele. wir sind die stimmen unter der erde. wir sind die, die nicht mehr hoffen müssen. nicht mehr fragen müssen. nicht mehr ankommen müssen. weil wir schon lange da sind, wohin alle aufbrechen, die sich setzen, um nicht mehr aufstehen zu müssen. wir sagen: hier ist kein ende. hier ist das nach.
Sehr schön!
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Vielen Dank! 😊
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