Echo. ohne Mund | Mein erster Lyrikband, ab heute im Buchhandel erhältlich

Nach Jahren des Schreibens, Zweifelns und Überarbeitens: Echo. ohne Mund ist jetzt im Buchhandel. Ich freue mich sehr.

Kommentar des Verlags zum Buch

Was bleibt von einer Stimme, wenn niemand mehr antwortet? Was geschieht mit Namen, Erinnerungen und Landschaften, wenn Sprache selbst zu verschwinden beginnt?

In seinem ersten Gedichtband entwirft Stefan Plasa eine Poetik des Hörens. Seine Texte bewegen sich zwischen Mythos und Gegenwart, zwischen Oper und Alltagswelt, zwischen persönlicher Erinnerung und kulturellem Gedächtnis. Sie erzählen von Abschied, Fremdheit, Liebe und Verlust – nicht als abgeschlossene Erfahrungen, sondern als Bewegungen der Sprache selbst.

In einer ebenso reduzierten wie präzisen Bildwelt entstehen Gedichte, die das Unsagbare nicht erklären, sondern hörbar machen. Worte geraten ins Stolpern, Namen öffnen verborgene Bedeutungen, Schweigen wird zum Resonanzraum.

Echo. ohne Mund ist ein Debüt von großer formaler Konsequenz – ein Band über das, was bleibt, wenn die Stimme verstummt, und über das Echo, das dennoch weiterklingt.

Stefan Plasa: Echo. ohne Mund. Gedichte. EMPATHIE-Verlag 2026. Preis: € 21,70

Link zum Buchkauf über Amazon: Stefan Plasa – Echo. ohne Mund.

Link zum Verlag: EMPATHIE-Verlag.

wo sind die ufer

wo ist das ufer

verlorenes
folgend
einem
der es riefe

hörend
verschwiegenes

gehörend
dem schattigen sehen

dem schatten
von der sonne verbrannt

die sicht nehmend
einem
der es ahnte

was da ruhte
unter der landschaft
die durch sein fleisch

gewandert war


auf bahnhöfen
unter den vielen
fühlte er sich sicherer

bei ihm
blieb
was er
ließ

hier

in den erzählungen
der anderen

schweigend


lebend
weiter
ferner

im abrieb
einer er-
innerung

wenn
ein flüchtiger blick
ihn streifte

da
wo er stand

als sei
er
das boot

vom ufer
erwartet


auf
zur arbeit

der auf-
erstehung

nach-
dem man
nutzlos
verging

auf
zum zug
der jahres-
zeiten

die kriege
fern

fort
die brücken

von denen
die helden
stürzten

in den mythos


wo sind die ufer
an denen die seelen
ausgewildert wurden

wo das schicksal
auf- und
ab-
geht

zu-
weisend

den grenzen
die riegel

den stimmen
die siegel

nicht
störend

die orte

dort
wo sie sind


schmaler
werden die
grate

je länger
er
läuft

bis an
den tag

wo
das wandern
verladen wird


das leben
hat sich
verspätet

darum
schlafe keiner
allein

oder
glaube
den seltsamen
blicken
des meeres

und wir | im fall | des glückes || im wunder | der fälle

kopf
nuss
knacker

es sind
ja
immer
die toten
die uns wecken

schlinge
der ulmenzweige

zu umarmen
die frostige luft

am rande
einer verlassenen landschaft
die sich nicht zu beklagen scheint

im gedanken
einst
reich
gewesen zu sein

feld
der ge-
schichte

archiv
alter mären

wo sich die mähren
in die schatten der helden stürzten

in die wange
der eule

vor dem krampf
eines über-
falls

der ver-
gebenen
hoffnung

hinter-
her

kopf-
über

tau-
t

Erste Verwirrung

Serie Echo ohne Mund 02/2026

Was steht denn zwischen
Begehren und Schmerz?

Du weißt es so gut –
als Fragende
wie als Trauernde

Du kanntest die Antwort
lange bevor gefragt wurde

Doch:
Du schweigst

Denn Aussprechen wäre Spüren
der namenlosen Stimme

am Rand einer schon vor langer Zeit
abgeschlossenen Handlung

selbst wenn sie
erst viel später einsetzen würde

nachdem du der Zukunft
ihren Anfang gestattet hättest

Denn noch bevor
wir jemanden lieben
haben wir bereits begonnen
ihn zu verlieren

Nur ein wenig

wie der Schatten am Nachmittag
der sich unmerklich streckt
unter der jetzt noch hohen Sonne

Alles beginnt
mit einer Verwechslung

Da ist ein Gesicht
eine Stimme
eine Bewegung der Hand

nichts Besonderes

Und doch bleibt etwas
an ihm hängen

ein Blick vielleicht
oder ein Lächeln

vielleicht sogar eine unverwechselbare Art
den eigenen Namen zu hören
ausgesprochen vom Anderen

wenn er der Einzige ist

wenn sich beim Gang die Straße hinunter
sein Gesicht auf das deine legt
wie eine Maske

ja
das trägst du mit dir fort
ohne zu wissen
warum

Später
werden sie behaupten:
dort fing alles an

Aber das stimmt nicht

Es setzte viel früher ein
in einer Unruhe
im kaum merklichen
Verrutschen der Zeit

ja
plötzlich
stand dort ein Mensch
wo vorher nur Raum war

und es erschien etwas
mit ihm
das es vorher nicht gab:

die Möglichkeit eines Fehlens

ja
das
muss das Geheimnis
sein:

Nicht
dass wir lieben

Sondern
dass wir von Anfang an wissen
dass wir nicht bleiben können

weder im Augenblick
noch im Körper

und erst recht nicht:
in dieser Nähe

Darum schauen wir so lange
Darum hören wir noch einmal hin

und erinnern uns später
an Dinge
die niemals wichtig waren:

ein Ärmel
ein Geruch

ein Satz
den niemand
aufgeschrieben hat

Denn nicht mit Gewissheit
beginnt eine Liebe
sondern mit Verwirrung
mit einer kleinen Störung
im geordneten Ablauf der Welt

mit einem Namen
der plötzlich schwerer wird
als alle anderen

Und noch bevor
du ihn aussprichst

beginnt das Echo

ELEKTRA – Werkstattgespräch mit Vera Nemirova

Einladung zur Veranstaltung am Freitag, 29. Mai 2026, 19.00 Uhr, Woelfl-Haus Bonn

Titelblatt des Librettos. Zeichnung von Lovis Corinth (1909)

Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt?

Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde. Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns. Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.

Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?

Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (UniversitätBonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.

Die Veranstaltung findet im Woelfl-Haus Bonn statt (Meßdorfer Straße 177, Bonn-Lessenich).
Das Woelfl-Haus Bonn ist mit den Buslinien 610 und 611 (Richtung Lessenich, Duisdorf) bequem vom Hauptbahnhof Bonn aus zu erreichen (Fahrtzeit: etwa 20 Minuten).

Anmeldung unter: haider-dechant@woelflhaus.de oder Tel.: 0151-655 18155.

Der Eintritt ist frei.


Vera Nemirova

Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“.
Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“.
Vera Nemirova ist Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre
Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.

end.los | brief aus der isolation

die jahre des wartens zählen nicht. gleich den terminals des transfers. die füße froren fest in leerer wintererde. aber man wird sich kaum übersommert haben, mit schlichterem herzen. vielleicht noch: den ort der ewigkeit wählen. vielleicht dort, wo schon andere sind, die das angsthaus verließen. dort, wo die jungen buchen wachsen. ganz behutsam zu gehen durch eine gasse. und jetzt bereits zu ahnen: manche werden fehlen, wenige bleiben im gedächtnis. vielfach gesagtes, das niemand hörte, für alle anderen, die nichts sagen, trotz überfüllter welt. doch auch die orte des wartens zählen nicht. man ist zum kranich geworden, der überwinterte, ohne schwarm. ohne erinnerung an das letzte jahr einer gemeinsamen rückkehr. man wird sehr bald ein kranich sein, der nicht mehr weiß, dass er kranich war und was nach dem winter folgte. denn nur die zeit geht weiter. unablässig. jedoch: durch unverwandelte räume stiller duldung und reglosen aufenthalts.

end.los | brief aus der isolation

man hat sich lange nicht gesehen. irgendwann kommt der tag, an dem man nicht mehr weiß, wie lange. dann unterscheidet sich die vergangenheit nicht mehr von der zukunft und heißt ebenfalls nur noch irgendwann. dennoch ist der morgen gerade so, als ob hinter dem erwachen und jenseits der mauern, in denen es stattfindet, hügel aufsteigen, durch die sich uralte sandige straßen schlengeln, gesäumt von pappeln und ahorn. man hat sich lange nicht gesehen. sich selbst. irgendwo in der welt, deren orte alle gleich sind. ein hier unterscheidet sich nicht mehr von einem dort und heißt auch nur noch nirgendwo. man sieht den regen nicht mehr. es reicht aus, ihn zu hören. er ist wie ein müdes zeichen des wirkens eines traurigen gottes. endlos haben sich die wälder gemacht, für sein verschwinden und verschweigen. er hatte zuletzt eine dünne haut, während der mensch mehr und mehr ein dickes fell bekam. seine wimpern sind ein dörrgras – sie halten den letzten sehnsuchtsduft einer mitten im frühling erkalteten erde. die zeit ist gekommen, da so viel von ihr bereits verrann, dass die tage so wenig gezählt werden können wie die silben, die auf der tauben zunge lagen. tropfen und steine bilden eine masse, wenn alles spurlos geworden ist. boote schaukeln an den leeren stegen; ihre taue bleiben uneingeholt. das meer ist wie ein abgelegtes gewand eines geistlichen; es hat sich zerschneiden lassen von den verwegenen küsten, die ein weitgehend schattenloses land rahmen wie den rand einer wachsenden wunde. nichts gehört ihm. das wenige, das sich ereignet haben mag, hat sich nur allzu bereitwillig von der zeit fortziehen lassen. und es spielt ja nun auch wirklich keine rolle mehr, wann die suche begann oder wo. ja, vor allem das wo hat sich sehr rasch im ungefähren verflüchtigt, auf dass es immer suche gäbe, doch nimmer finden. eine zarte welle der luft (hyperion) mag sich durch das gekippte fenster in die kissen und ins haar schleichen, aber das ändert jetzt nichts mehr daran, dass das atmen sich nicht mehr spürt. stimmen mögen vielleicht noch durch die träume irren, aber sie bleiben ohne echo, ohne halt im zeitlichen. die geschichte kann es besser: sie sammelt das ihre als einen gleitenden bestand des vergangenen; nicht beständigkeit ist ihre sache, sondern ablage des kurzfristig freigesetzten, sobald es sich verfing in der zone der vergessenheit all dessen, was unter schicksal läuft, sobald sich das fleisch von den knochen löste, nach der spätzeit des zitternden laubes, der frühzeit stumpfen sinnens all des übrigen in der natur, das seine eigene überwindung voraussichtlich nicht mehr erleben wird. judica. das recht kommt ohne leidenschaft aus. tautropfen im netz der spinne (saigyō). törichte anrufung eines gebrochenen lichts. das einem nun aufgeht, wenn man nicht mehr einer ist, sondern irgendeiner. als sei ein fremder in die wohnung eingezogen, seit die zeit von hier auszog. sie hat die irregegangenen zurückgelassen und weiß jetzt schon, wie irre die bald wieder gehen werden. aber vorher wird der raum auf links gedreht; außen wird innen und umgekehrt. der raum als dia-negativ. der ausweg im weg-aus. man sieht das wesen der dinge, ohne sie berühren zu können. man hatte eine heimat, aus der die landschaften vertrieben wurden. das ende des zitterns in der vereisung. das ende des hungers in der verspeisung. die stille einer wildnis in den versteiften gelenken angewinkelter knie. der tiefe brunnen eines milchkaffees, der wohl auch nicht weiß, wann das zeitalter der gepackten koffer endete. sicher: die krise hat einen überrumpelt. doch man könnte sich jetzt entrümpeln lassen. das schuldige tilgen. und abschütteln das schattige. das warten beenden mit gegenwart. nicht der eigenen. dafür ist es zu spät. denn das ist ja das land, in dem alle liebe endet (TSE/AW). erbschaft. die friedlich entfernten. die traumenteigneten. trunken von den leeren vasen. badende. im sumpfigen schwemmland der irdischen gutheiten. im fast schon himmlischen glanz einer temporären unerreichbarkeit. in der schonung des behaupteten hin-und-weg. in der schönung des wohligen und des wolligen. das man nicht gewollt haben muss. als hin-und-weg-gefährte. als blinde mitte im äffchen-triumvirat. als wahl-versandter. unentsonnen. und geknüpft in die zwischennetze. mit dem seelen-aufschnitt hinter den mattscheiben. als protagonist der sesseldionysien. während der dummy-opferung. zum augen-konfekt. jedenfalls: zwischenräumlich. in der verwaisten kammer eines mürbeteigigen herzens. eingeschlossen: zwei, die mit aufgerissenem blick in den wald der disteln rannten. man ahnt es, dann und wann, was draußen zu blühen beginnt. eine ahnung, die entsteht, weil es erinnerung gab. aber es bleibt der verdacht, dass man von der möglichen welt nur geträumt wurde. man war auf der falschen seite (schäl sick), in einem buch-heim, scheinbar aufgerichtet an einem buch-stab, an der grenzlinie von losung und lesung, während in der zelle der zeitfraß, hängend an der zellwand (folivorum), der zählwand, um die tage der welt-flucht, von der erst noch zu klären sein wird, wer vor wem – wir vor der welt oder die welt vor uns…

ihr habt nun: traurigkeit

letztes licht. nach dem weg (worte eines gegangenen. vermutlich weise)

ich sah den stern. als er im sinken war. sein zeichen war schon seit langem eine erzählung der mütter, die ihre kinder mit wunderlichem gesäusel in den schlaf schicken.

ich alter mann aber hatte noch eine restwärme im auge, ein nachglühen der einstigen richtung.

dennoch: ich ging. denn gehen war das einzige, das mir nicht genommen werden konnte.

ich ging durch die bittere kälte. durch die verwaltete nacht. durch die orte des fremden gedächtnisses. obwohl ich wusste: hier wurde alles schon erklärt und nichts mehr geglaubt.

die mitgebrachten gaben waren nicht nötig. aber sie trugen den sinn des abgebens in sich. der kostbaren entlastung. denn jegliche herrschaft endet. und alles, was aufsteigt, sackt in sich zusammen. und vor allem: liebe kostet den körper.

ich erinnerte mich: das kleine lag durchaus nicht im licht. es lag am zugigen rand der welt. wo es niemanden hält, der bleiben könnte. man hätte dort noch ewig auf chorische gesänge hoffen wollen. doch es gab da nur dieses leise atmen des verletzlichen lebens. nur dieses eine, unverfügbare jetzt.

es war gleichwohl ein trügerisches bild: geburt als anfang? nein! geburt ist ein schnitt. ein verlust alter ordnungen. ein tod. der in mir begann, lange bevor ich anfing zu sterben.

die heimat hatte sich mir entfremdet. die sprache passte nicht mehr. das frühere himmlische stand nur noch als dekoware auf den anrichten.

ich aber war dem wirklichen begegnet. und lebte fortan im zwischen. unerlöst. unverloren. wach. in meinem drinnen.

und die welt draußen? wollte wieder herde sein. wollte geführt werden. gezählt. gesichert. nannte es frieden. norm und system. unter dem flackern der heiligen nächte.

in meiner stille wusste ich:  das heilige kommt nicht, um uns zu beruhigen. es kommt, um uns unbrauchbar zu machen für das falsche ganze. es kommt leise. es bleibt kurz. es hinterlässt keine anweisungen. nur eine wunde, die nicht heilt, damit wir fühlen. (in vertretbarer dosierung, versteht sich)

wenn du mich fragtest, wo es heute und vielleicht immer liegt, dieses licht, das versprochene, sagte ich dir: nicht im himmel. nicht im staat. nicht im geschmückten raum.

es liegt dort, wo du bleibst, wenn alles gehen will. wo du sprichst, wenn schweigen einfacher wäre. wo du trägst, was sich nicht rechtfertigen lässt.

das ist die nacht, nachdem sie vergangen ist. das ist der stern, nachdem er erloschen ist.

nenne es weihnachten. nenne es fest- oder auszeit. was immer du willst. sei es dir auch nur diese kurze zeit dazwischen, in der du etwas schlaf nachholst und dir ein paar träume liefern lässt, bei zu viel essen und zu wenig bewegung. was immer du willst. nur frage dich selbst: was anschließend weitergeht. die welt oder du?

ich, der einmal gegangene, will ganz offen zu dir sein: ich ging, weil mich jeder schritt veränderte. ich kehrte zurück, weil ich es gerade noch konnte. doch nicht um anzukommen. sondern um zu erinnern.

ihr habt nun: traurigkeit

nicht aufhebbar

aqua.rell: schmerz
in kaltfassung

haiku
mit vorrede

ich gehe jetzt immer
mit regenschirm
abzuhalten das unheilvolle
das vom himmel herabfallen kann.

oder: auf ihn gestützt
das gewicht der erde zu prüfen
an der achse der schwerkraft
an der aufhängung der welt.

wenn ich nur wüsste
wo ich stand
den abend zuvor
als das wort abschied nahm

aus küste
wurde ebene
aus sehnsucht
fläche ohne rand.

wenn ich sagen könnte
was ich mir aus den augen rieb—

wäre es nicht mehr da


zweig einer esche. zur erde
zum wasser gezogen

und wie das schicksal: nicht aufhebbar

ihr habt nun: traurigkeit

trag.werk
schwebe.balken

tag der abreise
die leeren schiffe versenkt

aber so schön: der sonnenaufgang
über den trümmern

fast wie: ein erstes erwachen
küstenblick
klippe
von den oberen rängen
aufs große orchester

heute: im tiefer gefahrenen graben
unterzugehen in klängen aus vorhalt und verweigerung

f-h-dis1-a1
h-dis-fis-a
gis-h-d1-f1

mir persönlich
hätte ein steg gereicht

denn das wasser ist tückisch
und sieht nur von oben flach aus

die wahrheit ist aber: die liebenden
stehen in der mitte zwischen insel und insel

sie merken kaum
wie nah sie dem tode sind

nicht
dass der tod sie nicht kümmern würde
aber er sorgt sie nicht mehr
und ist nun zugleich alles für sie

ein ewiger sturz
ins endlich endlos verwaltete dunkel

da ist kein fragen mehr und kein warten

gewiss: sie haben für diesen dauernden moment
sehr lange einatmen müssen
vielleicht sechs-achtel eines lebens

damit ihre stimmen von küste zu küste tragen

doch alles kam
auf diesen einen gewaltigen atem an
der die seelen von den knochen riss
wie ein heftiger windstoß die segel von den masten

dass es sie wieder – ein letztes mal – landwärts zog
in die gärten des anfangs
wo die beete zu betten werden
und die gebete zu gesängen

zwischen buchsbaum und apfel und
halb zertrampelten kräuterrabatten
die alten lieder wie christbaumschmuck
an die nackten zweige zu hängen

fiebriges träumen
und angst
sich beim küssen auf die zungen zu beißen

oder überreife brombeeren zu pflücken
und sie sich auf die lippen zu legen

während sich wundern die der welt verhafteten
die von der welt verhafteten: über
so viel herzkrankheit
und kopfweh und
krampfhafte verwilderung.

welcher narr
der ein gott sein wollte
hatte ihnen nur diesen floh ins ohr gesetzt
der sodann zum wurm wuchs
und durch ihre venen rutschte
hinunter den ganzen langen weg
bis zur sackgasse des großen zehs?

ein uralter oheim
mit schütterem haar
aber
stand die ganze zerdehnte
zerdrückte zeit
über den ewigen mauern
wartend auf
ein paar reife freuden
die sie ihm gönnen mögen
sie oder er
ganz gleich

er hätte
den unterschied
nicht bemerkt