Elegie am Beginn des Frühlings

wo sind die ufer? die stege. zwischen mitte und rand. jemand muss da sein. zur rechten stunde. muss hier sein. zur linken. zur taubgelegenen seite. im gartenzimmer. im flur der abschiede. vom staub zu reinigen. und von den schichten der trauer. die hartlaubgewächse der starren augen. sowie: das brüchige leder der geschichte. vom wittrigen, widrigen gedächtnis.
wo sind die ufer? an denen die seelen ausgewildert wurden. ins zeitliche. in die ungleiche verteilung des schicksals. wo es geht. auf und ab. an den grenzen entlang. den verriegelten. den versiegelten stimmen nicht entkommen zu können. und wo sie saßen: die unbekannten vermissten. am mürben saum. des späten lichtes. die leibeigenen hoffnungen beisammen zu halten. und stumm zu beobachten: die auswanderungen. aus den gebärenden körpern.
auferstehen. ist arbeit. wenn man so nutzlos verging. im zuge der jahreszeiten. und die kriege so fern sind. und die brücken fort. von denen sich die helden stürzten. weil zu mühsam. ihr mythos. und bei all der vergesslichkeit. trotz besseren wollens. nicht wiederzubeleben. als wollte man einen ertrunkenen durch die vom gestein verstopfte nase beatmen. nein. die erzählung. ist eine verzehrung. der knappen luft. ist eine zerrung. am muskelgewebe der zeit. denn ihr kaltes gewerbe duldet weder kalkulation noch spekulation. z.b.: ob es sinnvoll sein kann. fröhliche schlittenfahrten. mitten im august. auf die wunschliste setzen zu lassen.
wo sind die ufer? draußen vor den fenstern. starren die winter. 111 jahre lang. und die unermüdliche eule ruft: jetzt wird es aber mal zeit. abermals. das sich die welt so richtig kennenlernt. bei tod und tee.
keiner schlafe. und schon gar nicht allein. bis nicht das dritte rätsel gelöst. und das letzte herz. aus seinen kindlichen bitten. mit klumpenen füßen. geht uns die alte welt voran. und ihre schreie. gehalten im großen schlundschnürer. der verzweiflung. die grate werden schmaler. je länger man läuft. bis das wandern verladen wird. auf die endlosen züge der einmaligen entzeitigung. der ewig und immer. wiederholten entzweiung. unlösbar verzweigter gefüge. sekundären kreisens. und tertiären fallens.
wo sind die ufer? denkt an den anfang. ihr träumenden. denkt an das ende. ihr wachen. keiner sonst. hält euch das licht. als jener. der in den fugen ist. und in jedem dazwischen. damit die zahllosen augenblicke. nicht aus der krümmung der saiten rutschen. lichträume. und klangräume. wände. als schöne gewänder. der landschaften. die das geöffnete auge nicht sieht. gefilde des wartens. auf die jungen vögel. für die ein winter genug war. die kindheit zu verlassen. denn nicht mit dem frühling. beginnt das jahr. und es endet nicht. mit der vollendung. der über die allermeiste zeit entfalteten dreieinigkeit. sondern mit der geburt. des geopferten gottes.
hast du? mächtiger. auch zugang zu den tränen. bist du? einziger. weil die heimat der zeit zerriss. sitzt du? hoch. nur wenn wir niedrig schreiten. und wenn die erde uns ruft. gehst du? mit uns.
wo sind die ufer? an denen sich nie verlieren. die erschütterungen. des erwachens. und des wachstums. wo sie zahlreich wuchern. und warten: die zumutungen des lebens. des liebens. steine. muscheln. strandgut. aufgebrochenes. mahnend. was noch alles hätte blühen können. kündend. all das wissen. gegen das das kindliche bockt. solange es vom mütterlichen gesagt wird.
sitzen. zwei blinde. am wegrand. sagt der eine: dunkel scheint mir der tag. lass nur: den schatten. erzählen vom licht. lass doch: das echo. warten auf den ruf. lass uns: verschlankt sein. für die enge pforte.
wo sind die ufer? und: wann? der fröhliche tanz. entlang ihrer brüche. streiche drei mal. zärtlich. das von jeglichem schmerz durchwirkte gesicht. frag es: ob der zug die wolken einholt. die am himmel ankern.
ja. ihre hände: wie blätter des frühlings. statt nutzloser lider. ja. sie sehen: tief in die neige der hoffnung. nein. sie gehen nicht weiter. ja. die gespaltenen fersen. ja. wir halten sie aus. weil wir‘s nicht aushalten. die kernlosen trauben. die wir halbiert. in ihre augenhöhlen gelegt. um da zu pfropfen: ein kahles dornengezweig.
wo sind die ufer? die uns versprochenen. an denen wir uns versprachen. nachdem es uns die sprache verschlug. worte. wie tau auf den zungen. auf dem reglosen blattwerk. und der salzige rand. der zurückbleibt. wenn das wasser verzehrt ist. vom atem. bevor er geendet. wenn es ausgetrunken hat: das licht. das doch einfach nur künden wollte: den anfang.