die kurzen stunden… die lieben, schönen briefe…
eine winterreise. in 9 zügen

deutsche mythologie: war noch winter. nicht nur der in den landschaften. war noch winter. der: ohne jahreszeit. das gedächtnis hatte sich blind gestochen an den zapfen der kälte. alter schnee. darin: das licht, das auf der strecke blieb. darin: die schritte, die dem aufbruch vorangezählt sein mussten. ein kopf, verheddert im ungeschüttelten kissen der holda. freisatz eines kindischen traums im ofen der schreienden brote. versiegelte brunnen, die tiefe abzusichern. manchmal war auch sang, als täuschung meist im überfütterten gehör: peitsche mythologie.
du. das ist der ort. unauffindbar. kälterand des denkens. eine stelle, an der alles langsamer wird. die liebe fragt: wohin mit dem rest? nüchterner eintritt in die nacht. die wohnung hat einen namen: dazwischen. der tag weiß es. und die atemzüge wissen es auch. und sogar die dunkelheit kommt ohne jede dramatik aus. fragt nicht nach schuld. verzichtet auf namen. legt seinen schatten auf die schweigenden dinge.
es ist noch viel sprache vorhanden. nach dem ausfall der stimme. bäume. gefrorener boden. wortloses lied einer vergessenen gegend. die augenblicke erzeugen jetzt noch keine gelassenheit, aber sie werden umso durchlässiger, je mehr und zufälliger ein schmerz der zeit begegnet und einen damm aus geröll baut in ihrem fluss. cdf hätte das malen wollen. vielleicht auch: kiefer. oder: chagall. es bleibt jedoch nur, wenn es im frost eines bildes verschlossen liegt. im grab des gezeichneten. da eben. unter den ebenen. jenseits der hiesigen ermüdung des üblichen materials. das übrige, weil es zu viel von ihm gab. da unten. über dem rückhall früherer schritte. die käfige auf und ab. in einer anderen form von gehen. nicht mehr vorwärts. nicht zurück. sondern hindurch. dem geburtskanal in verkehrter richtung entgegen. für den verzicht auf erinnerung. für den fall ins lichtlose wasser. alle bilder zu entspiegeln. wenn die nicht-zeit einsetzt. wie das schauen einer stumm gewordenen liebe. von ihren hoffnungen befreit. und haltlos vor einem abgrund. der sich die form eines göttlichen mundes gegeben hatte.
da also wurde schmal der weg. der nicht gesucht wurde. der nicht ausgesucht wurde. der einfach dalag. wie ein verlegtes. nutzlos. aber beachtlich. das restliche. nachdem alle gegangen sind. der schnee aber ging bereits in ein grau über. ein grau, das der asche gleicht. die von der hand des windes gegriffen. aus den vergessenen krügen. in welche einmal die zettel gefallen sein mussten, auf denen die entschlüsse standen, die dereinst hätten getroffen werden sollen. ein rest wärme war noch im ton. ein gestriger aushauch. eine mit kalter nase gefühlte wange. doch fremde füße traten auf das gefrorene licht. und ein ast verfehlte den körper knapp. und natürlich: manchmal lag etwas im weg. ein handschuh. ein stück stoff. etwas, das einmal haut gekannt hatte. es war wie alles, das die zeit und die wandernden vorüberziehen lassen musste. wie alles, das schon der erde gehörte.
am hang. verlor sich der pfad. hing der himmel tief. nicht drohend. nur müde. ein vorhang, der zu oft geöffnet worden war. ein klang. stand in der weite. der lange zug einer naht. zwischen luft und boden. ein stein warf schatten. einen steinwurf entfernt. dem dunkelnden zu entkommen. dort. an der scheide des tages. ein vogel flog auf. erschrocken vom eigenen flattern. etwas fiel zur erde zurück. aus seinem schnabel. oder aus seinen krallen. etwas. von dem die erde gesagt hatte: lass es nicht zerbrechen. auch wenn es verschwinden muss. die dämmerung setzte früh ein. nicht als ereignis. sie schob sich nur zwischen die dinge. machte abstände größer. geräusche näher.
dann. an einer einsamen stelle: öffnete sich der weg ganz kurz. kein platz. nur ein fehlen von enge. der wald stand dicht. nicht schützend. mehr wie etwas, das sich selbst genügt. stämme dunkel. rinde aufgesprungen. vom langsamen arbeiten des frostes. zwischen den wäldern: seen. zugezogen. haut aus grauem glas. unbewegtes wasser, das nichts verspricht. am ufer schilf. abgebrochen. halme geknickt, in einer haltung, die nicht mehr korrigiert werden muss. darin: lesung des windes. absichtslos. in der kargheit der hügel. hier zeigt sich also die erde: wie ein altes, aufgeschlagenes buch. schrift der äcker. furchen, zeile um zeile. krähen: wie tintenflecken. wie aus dem himmel gefallene worte. an ihren rändern zerschellt.
dann. und wann. tauchen dörfer auf. und verschwinden wieder. leuchtfeuer, blasse, im unendlichen wasser. ein paar häuser. geduckt. fenster blind. rauchlos. keine spur von eile. nur zeit, die sich hier abgesetzt hat. wie staub. straßen führen hinein. und kommen nicht zurück. am rand gefrorene pfützen. darin: der himmel in kleinen trümmern. zerrissen. schadlos. und ganz nah bei den zu einer kapelle gestapelten wackersteinen: die einsame linde. oder vielleicht noch: zwei bis drei kastanien. jenseits der stille der höfe: stämme von buchen. eng gestellt. schatten, die sich gegenseitig verschlucken. und in denen sich verliert: der druck der nächte.
diese ruhe. wenn nichts mehr wächst. wenn der boden abgezogen wurde. von der summe dessen, was erde hieß. diese ruhe. wenn nicht mehr gewartet wird. wenn nichts mehr erwartet wird. diese ruhe der straßen. unter den spuren von reifen. abbruchlos. ohne die not, etwas verheißen zu müssen. diese ruhe. göttlich. wenn nichts mehr verlangt wird. von den menschen.
ein reichtum breitete sich. mit allem, was reicht. mit allem, was verbraucht werden konnte. die straßen hielten die richtung. aus gewohnheit. nicht aus überzeugung. kilometersteine, in ihrer anmutung zärtlicher traurigkeit, deuten an, woher die winde wehten. die zahlen sind längst abgeplatzt. wie die jahresangaben auf den grabsteinen der dorffriedhöfe. hier brauchen zeit und entfernung keine maße. manche felder sind noch von gräben gesäumt. in ihnen steht reglos ein schwarzes wasser. einzelne schilder, ausgeblichen und meist nach osten geneigt, warnen vor etwas, das längst geschehen ist. dann plötzlich: zieht ein wind quer. aber: er räumt nichts ab. links: ein acker. rechts: ein wald. dazwischen: keine vermittlung. feldwege: wie syntaxbefreites stammeln der wünsche. dann: etwas knackt. etwas gibt nach. unter dem druck der verklumpten zeit. eine andeutung von aufruhr vielleicht. eine nicht mehr erwartete ankunft. der fall einer anderen temperatur. der fall eines atems. unter wasser. unter uns.