geborgtes Ufer

Serie Echo ohne Mund 04/2026

dass niemand sie finde
irrte sie zwischen den Buchen

von Lichtung zu Lichtung

und ließ hinter sich
nichts als die Wege derer

die ihr zu folgen versuchten

die Wanderer der heutigen Zeit
verdanken ihr

Landschaften ohne Ankunft

Erste Verwirrung

Serie Echo ohne Mund 02/2026

Was steht denn zwischen
Begehren und Schmerz?

Du weißt es so gut –
als Fragende
wie als Trauernde

Du kanntest die Antwort
lange bevor gefragt wurde

Doch:
Du schweigst

Denn Aussprechen wäre Spüren
der namenlosen Stimme

am Rand einer schon vor langer Zeit
abgeschlossenen Handlung

selbst wenn sie
erst viel später einsetzen würde

nachdem du der Zukunft
ihren Anfang gestattet hättest

Denn noch bevor
wir jemanden lieben
haben wir bereits begonnen
ihn zu verlieren

Nur ein wenig

wie der Schatten am Nachmittag
der sich unmerklich streckt
unter der jetzt noch hohen Sonne

Alles beginnt
mit einer Verwechslung

Da ist ein Gesicht
eine Stimme
eine Bewegung der Hand

nichts Besonderes

Und doch bleibt etwas
an ihm hängen

ein Blick vielleicht
oder ein Lächeln

vielleicht sogar eine unverwechselbare Art
den eigenen Namen zu hören
ausgesprochen vom Anderen

wenn er der Einzige ist

wenn sich beim Gang die Straße hinunter
sein Gesicht auf das deine legt
wie eine Maske

ja
das trägst du mit dir fort
ohne zu wissen
warum

Später
werden sie behaupten:
dort fing alles an

Aber das stimmt nicht

Es setzte viel früher ein
in einer Unruhe
im kaum merklichen
Verrutschen der Zeit

ja
plötzlich
stand dort ein Mensch
wo vorher nur Raum war

und es erschien etwas
mit ihm
das es vorher nicht gab:

die Möglichkeit eines Fehlens

ja
das
muss das Geheimnis
sein:

Nicht
dass wir lieben

Sondern
dass wir von Anfang an wissen
dass wir nicht bleiben können

weder im Augenblick
noch im Körper

und erst recht nicht:
in dieser Nähe

Darum schauen wir so lange
Darum hören wir noch einmal hin

und erinnern uns später
an Dinge
die niemals wichtig waren:

ein Ärmel
ein Geruch

ein Satz
den niemand
aufgeschrieben hat

Denn nicht mit Gewissheit
beginnt eine Liebe
sondern mit Verwirrung
mit einer kleinen Störung
im geordneten Ablauf der Welt

mit einem Namen
der plötzlich schwerer wird
als alle anderen

Und noch bevor
du ihn aussprichst

beginnt das Echo

die Alten: eingezogen. die Stimmen: ausgewiesen

Serie Echo ohne Mund 01/26

Welt
unsere Ankunft
als sei dort
schon lange niemand mehr gestrandet

die Zimmer
hübsch hergerichtet
die Stimmen:
ausgewiesen

Kindheit
die frühe Kompetenz
mit Wänden zu sprechen
eine Gewohnheit
die man nicht mehr loswird

wie die Alten
die – nachdem verstorben –
endgültig einzogen
bei uns

sie saßen abends
an unseren Tischen
aßen die Vorräte
unserer Ruhe
und des restlichen Lichtes

redeten viel
hauptsächlich:
von sich

und vom Menschen
den sie sich vorgestellt hatten
bevor wir störten

breiteten
ihre Betagtheit aus
in allen Jahreszeiten

ihre Mäntel hingen
über den Stühlen
wie erschöpfte Tiere

ihre Würde
kam aus dem Mehr an Zeit
das sie an uns verschwendeten

wir dagegen
waren immer:
ihr Gegenteil

sie mussten uns erklären
wer wir gewesen seien

wir nickten
wie die Wackeldackel

nur die Tiere
durften bleiben
wie sie angekommen waren

ein Hund
musste sich nicht rechtfertigen
für sein treudoofes Gesicht

eine Katze
nicht für ihr trotziges Schweigen

nur wir
wurden dauernd
mit Bedeutung gefüttert

bis wir nachts
ihre Sätze ausatmeten

im Schlaf

und morgens
wieder fremd

standen
im eigenen Namen

alm.ab.trieb

chor: der unbehelligten
zu gast: im durchgangs.stadl

gestern
kamen welche an

irgendwelche
von irgendwoher

das ist
auch nicht mehr
als nirgends

darum
sind sie niemand

denn jemand ist
wer einen ort hat

sie lungern
in unterführungen

sie murmeln
irgendetwas

sie gingen wohl fort
weil ihnen
unwohl war

sie kamen an
die verkommenen

doch sie sollen nicht denken
dass sie
angekommene sind

hier bleibt niemand
der nicht schon
jemand ist

und niemand
der noch
jemand werden möchte

hier
ist schon alles voll

sie wünschten sich
das ende der fremde

aber die
ist hier
noch lange nicht vorbei

hier ist
die zone des durchzugs

zügig weiter bitte

sie werden
etwas anderes finden

etwas
das nicht ihres ist
aber besser passt

sie sehen
halbwegs frisch aus
nicht zu mager

sie haben zeit
weiterzusuchen

sie sollen dorthin gehen
wo andere fremde sind

dort
versteht man sie besser

jeder ist doch
weniger fremd
unter seinesgleichen

da
wo auch immer
ist ein anfang
wahrscheinlicher

für die verendeten

was wollen
die vertriebenen
in den gärten
des zeitvertreibs

wir hören
immer nur geheul

tränen
werden uns
vor die füße geschüttet

augen
haben wir
nicht gesehen

es heißt
sie kommen von weit her

wir rufen zurück
dann macht es ihnen nichts aus
noch weiter zu irren

die irren

die straßen
sind lang

die orte
fern

ins irgendwann gefallen

aber doch bitte
nicht hier

unter die ungestörten
die genügsamen

jene
denen die heimat genügte

wer will schon
ein ziel erreichen

der sich
auf die flucht begab

nein

die augen
sind immer größer
als das erschaubare

sie verließen
die gefilde
wo sie noch
jemand waren

wurden im zug
zu irgendwelchen

gespenster
in der weite

denen der morgen
nicht werden kann

zur schattenwohnung

Arlette/Rusalka

I. die Namen. verenden

von einem Meer
zum anderen

Ufer

starrt sie lang genug 
aufs Wasser 

fern ist
der Brunnen
in den der Stein
ihres Namens fiel

sie trug ihn
von Welt zu Welt
in der Leere ihrer Hände

nicht viel 
gab man der Fortgeschickten 

ein paar Erzählungen 
vom grauen Wasser
in dem die Namen verenden 

stets am anderen Ort
ist das Paradies

zu kurz
die Arme

einzeln
sind die Orte
der Heimat

zahlreich jene
der Fremde

die Sage ging 
von einer Sprache
ertrunken 

die Stumme
eine Verstoßene

steht in Vitrinen 

singt sich die Seele
aus dem lautlosen Leib

die Hiesigen 
fressen den Klang 
ihres Atems 

summen
              was will die denn
             
              ein Brot
              ein Bett
              ein Fenster

sie aber
bleibt zurück 
bestellt und 
nicht abgeholt

in stillgelegter Zeit

II. AKTEN.NOTIZ

es wird berichtet:

im vereisten Gehör
anhaltend
die Weherufe
des Vaters

zur Mutter
liegt vor:

Neigung
zum Träumen

unzureichende Kraft
die verlorenen Kinder
eine weitere Nacht
zu beklagen 

III. fremd. endlos 

hilf mir
zu vergessen
meine Liebe

niemand 
wird ertragen 
den Tag der Rückkehr 

viele Stimmen
zogen schon
an meiner Tür
vorbei

die meine
lieh ich
dem Schrei
der Ertrinkenden 

die Flossen
wurden mir nicht
zur Zunge

die Füße
haben nicht gelernt 
zu tanzen

mein Atem
ist ein Wind
durch das Hohle
der Regenrinnen

ich stieg 
aus Schaum

jetzt
steht er
am Mund
des Toten

ich war
ein junger Baum
im Fenn

ich bin
ein Stein
am Wegrand

im Licht der Pfützen 
steht

fremd
endlos

IV. TRANSIT.PROTOKOLL

lief
der Zeit 
davon

ortlos
heimgesucht

buchte 
Verbleib
im Augenblick
erfasst

war
auf Enthalt

Fernes
im Fleisch

Retour
ausgeschlossen 

V. das Licht. hat sich geirrt

ich sage jetzt nichts mehr 
ich bin jetzt in der Sage

zwischen die Fotos gerutscht 
in die Ritze des Sofas

ich liege unter den Trümmern
der uferlosen Erzählungen 

habe die Augen der Greisinnen
Flechte auf dem Gestein

ich bin: die Gesagte
ich bin nicht: die Angesagte

heiße: zur unrechten Stunde Gekommene
heiße nicht: die Abgeholte

stehe an der Haltestelle 
an der Stelle ohne Halt

das Licht
hat sich geirrt

Wenn ich erwache

Wenn ich erwache
liegt das Meer vor den Straßen

letzte Kühle
vor dem Licht

das Wasser
glatt wie ein See
der den Frost noch kennt

die Welt
noch nicht entlassen
aus dem Schlaf

die Zeit
noch unentschlossen
ob Schwelle
oder Spalt

ich höre schon
den zweiten
den dritten Schritt

des fremden Fußes

wie Landschaft
die durch den Körper geht

bis wieder Abend ist

und sich der Himmel
allem beugt

dunkler
ohne Grund

zahllos
liegen die Kiesel
unter den Sohlen

ich hebe
einen auf

Echo ohne Mund

am Anfang steht:
ein Wort
das sich nach oben irrt
ein Satz
gebaut auf Antwort
ein Ruf
in banger Erwartung

nichts
halten die Hände
lange genug
um es glauben zu können

das Ende aber:
soll kein Ende sein
nur: Verstreuung

darum:
solange
man dazwischen hängt
fällt ein Ding
aus seinem Namen

ein initialer Laut
vom Zweig geschnitten

der klingt
nach allem Abschied
allen Bitten:

wie Atmen:
Biss ins Fleisch
der unverwandten Stille

ein Echo ohne Mund—
vergesse. folge. fülle.

die zeit singt nicht

die zeit singt nicht. sie zieht an etwas übrigem. die uhr schreit: drei. und fünf. und später. wenn das haus verlassen werden muss, als sei es das eigene fleisch. und weil die seele hier nicht bleiben kann.

ab-lauf: struktur als behauptung. von ordnung. residual. stunde. für stunde. ununterscheidbar. stundung. im fluss des gleichgültigen. im ausfluss des verbrauchten

ein gang. hinaus. drei. und fünf. und später. mit allem, das sich teilt, nur durch sich selbst. damit sich legt: atem zu atem, stelle zu stelle, druck zu druck.

gedächtnis: delegierung der kenntnis des ortes. an einen körper. zurückgelassen. das fleisch als zeichen: für ein gelungenes protokoll

die stunden zählten dich. drei. und fünf. und später. bis zur ablage – die kommt nie zu spät. im schrank hängt noch: dein mantel. dein schatten. echo eines körpers, der nicht mehr passte.

rückkehr: nicht ereignis. sondern: nachträgliche lokalisierung

Nachlese: Einführung zum Konzert „Fin de siècle“ im Woelfl-Haus Bonn, 24. Januar 2026

Gustav Klimt, Der Kuss (1908/09)

Einführung zum Teil I

Wenn man ein Konzert unter das Stichwort Fin de siècle stellt, dann ist das zunächst beruhigend. Denn nichts ist angenehmer, als auf ein Ende zurückzublicken, das schon stattgefunden hat. Ein Jahrhundertwechsel, der sicher hinter uns liegt und uns nichts mehr antun kann.

Oder etwa doch? Fin de siècle – das klingt nach Samt, nach schweren Vorhängen, nach Paris bei Nacht, nach Wien im Spiegel, nach großen Gesten und noch größeren Gefühlen. Es klingt nach Abschied, aber stilvoll. Nach Untergang, aber elegant. Nach Krise, aber mit Bügelfalte. Und doch: Das Fin de siècle ist nicht einfach nur eine Epoche. Es ist vielmehr ein Zustand. Ein Zustand, in dem man sehr viel weiß und immer weniger glaubt. Ein Zustand, in dem man reist, hört, liest, sammelt, empfindet – und sich dabei zunehmend fragt, wo eigentlich man selbst geblieben ist. Oder: wo man hingehört.

Das Fin de siècle ist die Phase, in der Europa entdeckt, dass Kultur kein Heilsversprechen ist, sondern ein hochkomplexes Verdrängungssystem. Man tanzt, weil man nicht weiß, wohin mit der Angst. Man schreibt Gedichte, weil die Syntax nicht mehr trägt. Man komponiert, weil das Sprechen zu gefährlich geworden ist. Vielleicht tanzt man aber auch, weil der Körper noch weiß, was der Verstand längst vergessen hat. Vielleicht schreibt man, weil irgendwo ein Rest von Stimme übrig ist. Vielleicht klingt Heimat manchmal nur noch als Melodie.

Die Musik dieses Abends bewegt sich zwischen Salon und Abgrund, zwischen Reise und Rückzug, zwischen dem Wunsch, irgendwo anzukommen, und der leisen Ahnung, dass man bereits unterwegs verloren gegangen ist. Wir hören Musik, die sich tarnt: als Tanz, als Romanze, als Fantasie, als Caprice. Aber unter diesen wohlgeformten Stücken arbeitet etwas anderes: eine Nervosität. Ein Zögern. Ein inneres Zittern… Das Fin de siècle liebt das Schöne – aber es traut ihm nicht mehr. Es liebt die Heimat – aber es weiß nicht mehr, wo sie liegt. Oder schlimmer noch: Es weiß, dass sie nicht mehr dort liegt, wo sie einmal war. Deshalb reist man: nach Paris, nach London, nach Wien, nach Budapest, oder gar weiter weg, wo zuvor nur das Träumen hingelangte: Ägypten, China, Japan und natürlich nach Amerika. Man nennt das Weltläufigkeit. Oder Bildung. Oder Moderne. Aber vielleicht ist es auch nur Heimweh mit Fahrkarte.

Aber damit sind wir schon bei einem zentralen Missverständnis dieser Epoche: Heimat ist im Fin de siècle kein Ort mehr. Sie ist ein Gefühl mit schlechtem Gedächtnis. Ein Klang, der sich nicht festhalten lässt. Ein Rhythmus, der nur noch im Körper wohnt. Ungarische Klänge erscheinen nicht, weil man Ungarn erklären will, sondern weil man etwas sucht, das noch nicht ganz vom Diskurs verdaut ist. Spanische Tänze erscheinen nicht, weil man Spanien kennt, sondern weil man das Eigene nicht mehr erträgt. Exotik ist bekanntlich das, was man benutzt, wenn die eigene Kultur in einer Sinnkrise steckt. Und doch – und das ist wichtig – diese Musik ist nicht zynisch. Sie ist nicht kalt. Sie ist noch nicht gebrochen im späteren Sinn. Sie tastet. Sie hört. Sie hofft – manchmal verzweifelt, manchmal mit Ironie, aber immer mit einem Rest von Glauben daran, dass Klang etwas halten kann, was Sprache längst verloren hat.

Am Ende dieses Abends steht deshalb keine Lösung. Keine These. Kein historisches Fazit. Am Ende steht eine Sehnsucht, die sich nicht mehr national fassen lässt, nicht mehr eindeutig, nicht mehr sicher. Eine Sehnsucht nach einem Ort, der vielleicht nie existiert hat – aber dessen Melodie wir erkennen, wenn sie erklingt. Vielleicht ist das die eigentliche Heimat des Fin de siècle: nicht ein Land, nicht eine Stadt, sondern ein Moment des Hörens, in dem wir für einen Augenblick glauben dürfen, dass wir gemeint sind.

Einführung zum Teil II

Ein Programm unter der Überschrift Fin de siècle dieses zwingt zur Auswahl. Und damit: zum Verzicht. Es wird Texte geben, die Sie vermissen. Namen, die fehlen. Gedichte, die heute Abend nicht sprechen dürfen. Nicht, weil sie weniger bedeutend wären, sondern weil jedes Programm – gerade zum Fin de siècle – immer auch eine schmerzhafte Entscheidung gegen sehr viele Möglichkeiten ist. Betrachten wir z.B. Gustav Klimts Gemälde Der Kuss: Gold, Nähe, Umarmung. Ein Bild, das uns verspricht, dass alles gehalten ist. Dass Liebe stillsteht. Dass Schönheit genügt. Und genau darin liegt seine Ambivalenz. Feier des Schönen und zugleich ein tiefes Misstrauen in das vermeintlich Haltende.
Unsere literarischen Texte folgen deshalb nicht der Erwartung, sondern dienen der Spannung innerhalb des klanglichen Schwingungsfeldes. Verlaines Clair de lune klingt wie ein Nachhall – nicht mehr der Mond selbst, sondern die Erinnerung an ihn. Bei Rilkes Spanischer Tänzerin wird Bewegung zur Verwandlung: Der Körper weiß für einen Moment mehr als das Ich, bevor alles wieder in Sprache zurückfällt. Dann Eliots Prufrock – eine Figur, die denkt, zögert, abwägt, bis das Leben leise an ihr vorbeigeht. Keine große Tragödie. Nur eine leichte Nervosität im Gang durch die nächtliche Stadt, vielleicht zur Geliebten – ein Gang vielmehr durch Zweifel und Unsicherheit – das Selbst darf sich nicht zu ernst nehmen, damit es nicht stürzt. Im Rosenkavalier lächelt und tanzt Wien noch einmal – und in allem Abgründigen und Chaotischen steht die Marschallin – wissend, elegant, im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Else Lasker-Schüler denkt Heimat nicht als Ort, sondern als inneres Land, als Farbe, Traum, Verlust. Trakl führt uns schließlich an einen Punkt, an dem keine Geste mehr trägt – wir sind gefangen in der Stille nach dem letzten Ruf. Und dann, fast unverschämt leicht, Rosalindes Czardas aus Die Fledermaus. Tanz, Maske, Überschwang; auch Melancholie, ja – aber frech geschminkt und leicht beschwipst.
Ein paar Worte zur Musik: Auch hier geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Reibung, Übergänge, kleine Verschiebungen der Temperatur. Bei Reynaldo Hahn begann alles beinahe unauffällig. Seine Romance ist ein Stück kultivierter Zurückhaltung, ein Pariser Innenraum, in dem nichts drängt und doch alles schwingt. Mit Camille Saint-Saëns und der Havanaise verschiebt sich der Akzent: Der Körper tritt hervor, der Rhythmus wird deutlicher, das Fremde verführerisch. Exotik als Projektionsfläche. Richard Strauss’ Sonate in Es-Dur führt uns noch einmal an einen Punkt selbstbewusster Setzung. Jugend, Energie, Pathos. Ein ausgelassener, affirmativer Moment vor der großen Skepsis. Mit Alexander Zemlinsky (Serenade in A-Dur für Violine und Klavier) wird der Ton fragiler. Die Schönheit bekommt Risse. Und bei Leoš Janáček (Sonate für Violine und Klavier) schließlich verdichtet sich alles. Die Sonate ist Nerv, Fragment, innere Rede. Musik als existenzielle Unruhe, als Sprache nach dem Verlust der Sprache. Und dann, zum Schluss, Franz Lehárs Ungarische Fantasie op. 45. Ein Stück über Heimatsehnsucht. Ungarn erscheint hier nicht folkloristisch, sondern innerlich: ein existentiell notwendiges Fernwärme-Echo. All das wird empfohlen einem Gehör und Gespür für die inneren Bewegungen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Goldgrund und Abgrund, zwischen Tanz und Zweifel. Und wenn Sie dabei gelegentlich das Gefühl haben, etwas nicht ganz zu verstehen, dann machen Sie sich keine Sorgen. Das Fin de siècle war sich selbst auch nie ganz sicher. Wir sollten also ein wenig Nachsicht üben mit einer Epoche, die uns vielleicht näher ist, als uns lieb sein kann.

Das Programm des Konzerts mit Lesung

Teil I

Paul Verlaine: „Clair de lune“ (aus: Les Fêtes Galantes)
Reynaldo Hahn: Romance en la majeur pour violon et piano
Rainer Maria Rilke: Spanische Tänzerin
Camille Saint-Saëns: Havanaise op. 83
T. S. Eliot: Liebeslied des J. Alfred Prurock
Frederick Delius: Romance
William Butler Yeats: Des Himmels Tücher
Edward Elgar: La Capricieuse op. 17
Hugo v. Hofmannsthal: Zeit-Monolog der Marschallin aus Der Rosenkavalier
Richard Strauss: Sonate in Es-Dur op. 18

Teil II

Else Lasker-Schüler: „Es rauscht durch unseren Schlaf“, „Nun schlummert meine Seele“ (aus Meine Wunder)
Alexander Zemlinsky: Serenade in A-Dur für Violine und Klavier
Georg Trakl: De profundis
Leoš Janáček: Sonate für Violine und Klavier
Johann Strauss (Sohn): Rosalindes „Czárdás“ aus Die Fledermaus
Franz Lehár: Ungarische Fantasie op. 45

Mitwirkende

Margit Haider-Dechant, Klavier
Tonio Schibel, Violine
Bernt Hahn, Rezitation
Stefan Plasa, Moderation

kreisgänge. notate ins neue jahr

triptychon. der: suspendierung

Foto: André Sarin

vor.wort 
regie.an.weisung

untauglich
in der erschöpfung
für die nacht
für ihre gebote des träumens

gebete zu ziehen in fäden
durch das feingewebe der scham

die zungen
wenn sie gesprochen haben:
ein durstiges holz in gefrorener erde
ganz nah am saum des schweigens

den lobgesängen
wird alles atmen aufgespart
abgespart vom staubtrockenen munde

aus nasskalten wänden ruft es:
zur eiligen phantomspeisung
das nimmermüde dämmfleisch

außerorts
und innerzeitlich:
feierliche kollationen

in schlange stehend
die schlangen zertretend
vor dem heiligen tauchgang

ein hartes spazieren
durch fingergeflecht kahler linden

dazwischen:
die plattgeschauten schatten von hoffenden

durch.sage
soli.loquium
rausch.freie
wider.gabe

hier endet: das tragende. hier wird die stellvertretung suspendiert. hier beginnt: die fläche. die dauer. der druck. auf den deckeln der akten. die über-leitung wurde abgeklemmt. die bilder wurden bezwungen. ein rückstand an material ist zeitnah von den linsen zu entfernen. atem ist jetzt: funktion. schritt ist: abnutzung. zeit: verbrauch. ein wiedergang wurde genehmigt, ein innehalt strikt untersagt.

chorus mono.liticus

o, ewiger flug
über den hof der abgelegten stimmen
die nächte tragen nummern
die ordnung der müden
kommt ohne namen aus

dass es dem starren genügt

blind atmen die fenster
licht aus den wassersuppen 
ein leerer schrank lädt ein
die ladung zu löschen 
ein stuhl mag sich erinnern 

dass jemand gesessen hat 

die schädel träumen flach
schalen für wind und alles
was vorbeizieht. alles
schale. ausgestellt in reih 
und glied. für den fall

dass nichts folgt

unter den bänken
sammelt sich alles
was übrig blieb vom kauern
die knie sind hartes gefels 
abgeschlagen vom boden

dass niemand aufbricht

es gibt ein gehen
das führt nicht fort
das klebt am restbestand
der stunden. durch den frost
der uns lehrte: wie man ordnet

dass es dabei bleibt 

die höheren zeichen 
fallen. als ob aus allen 
wolken. faktisch aber
vom rand. der uns bewohnte
mit splittern aus licht
die niemand aufliest

dass keine botschaft kommt

die münder schließen sich früh
nicht aus ehrfurcht
aber: aus sparsamkeit
was gesagt wurde
reicht für lange lange zeit

dass es nicht versiege

in den alleen 
verlieren die schatten 
ihre form
sie liegen. wie etwas
das nicht mehr gebraucht wird

dass es sich seiner selbst entledigt 

und irgendwo
nicht nah. nicht fern
hält etwas an. nicht
um zu beginnen. nur
um nicht weiter zu müssen

dass
dass
dass