ihr habt nun: traurigkeit

vielleicht
dass ich einmal ein mensch war
vielleicht
dass ich noch zu einem ort werde

aber
ich kam aus einer gegend
da sind nicht ewig
schnee
und laub
und fruchtbeschwerte zweige

dafür halten sich dort umso länger
gerüchte
und schweigen
und ein gedächtnis
das keinen besitzer hat

klein sind die städte dort
leicht zu übersehen
schwer zu erreichen
wenn man sich fürchtet vor wäldern
und vor sich selbst

weit war das land
das ich verließ
weil es die seele beengte
weit ist das land
von dem ich träumen muss
weit ausgestreckt
dass ihm der himmel nicht zu nahe komme
weit muss das land sein
dass seine müden straßen verschwinden lässt
im nimmersatten horizont

und wer dort blieb
lernte, den wind zu überhören
wie man lernt zu murmeln
ein gebet

blind will ich sein
und einsam
zwischen dörfern und hügeln
und sollte mich eine heimkehr treffen
gib mir
verlorene schritte
und vergessene namen

lass sie zur zarge sich schließen
der ungesagten erzählungen
die sich ranken
um die steine
die unbewegten
die geschnittenen steine
um die sich alles dreht
was in erstarrung endet.

denn jedes wort
das nicht mehr gebraucht wird
kehrt heim
als moos

und wer sich niederlegt
hört eine sprache
die aus dem mund der erde kommt
ein atmen
das sich nicht mehr unterscheidet
vom windstoß
und vom gesang der verstummten

denn
der tod
ist eine sage
vom versäumten leben
ein garten voller knospen
an einem ufer ohne aufbruch

vielleicht
dass ich noch einmal sprechen werde
aus dem wasser
und aus der kühle der felsen
durch das es sich quälte

ihr habt nun: traurigkeit

herbst. zeit. lose

man hört nicht mehr viel. stumpfes glas. trübe wolken. dahinter. pulsloses rauschen. man schneidet die luft des frühlings in die scheiben der erinnerung. man ist es gewohnt, ohne musik zu sein. man wähnt sich angekommen. an den stätten der langsamkeit.

da. ist uns. das schicksal. sehr rasch. losgeworden. wie ein im schweiß gebadetes kind. befreit vom schlaf. und von den nachtgespenstern.

eng sind die lichtungen des abschieds. schattenriss. der zweige. und särge. verschüttete wege. was will die zeit mit den spurlosen?

wir geben der erde leise nach. wir tragen die namen der fremden. und die anderen farben. jetzt. in der epoche des flüsterns. der im garten flatternden wäsche. während es regnet. den zwölften tag.

die hände haben schwellungen vom heimweh. füße aus stein. im strömenden wasser. das jedes gewebe aus licht und atem zerreißt.

aber. schon jetzt. hat alles ent-täuschen. die klarheit des kommenden winters. und die präzision der spindeln.

man hört jetzt sehr viel. von den verirrten. und den zurückgesandten. die ihre stimmen tauschten. gegen den wind.

ihr habt nun: traurigkeit

gesänge. vom rand der zeit

[adagio. neigung]

wie soll es dem verlassenen schon gehen? die landschaft hat vergessen, wo er wanderte. sie ist nicht mehr da, wenn er die augen aufschlägt. sie hat die spuren seines schauens abgeschüttelt. sie hat nur platz für eine kurze zeit. nicht für einen langen tod. sie spürt die fremdheit nicht, wenn das alte jahr sein laub hat fallen lassen. sie sucht nicht sein ununterbrochenes. denn sie weiß, wann die dämmerung einsetzt.

ihr habt nun: traurigkeit

[kein siebter tag. den ortlosen. kein nächster. nirgends. den dort erstickten]

nach regen. duftet die wüste. alles zeigt sich in umrissen. häuser. bäume. leiber. ohne füllung. ohne fühlung.

auf den stufen hinauf. sitzt ein schatten. der die sonne nicht braucht. und nicht den mond. er ließ seine knochen fahren. und blieb am mythischen ufer. in seiner gänzlichen blöße. in seiner großen entzauberung.

nach regen. duften die mauern. der bahnhöfe und der bäder. duftet der schotter. die asche. der wege. ohne rückkehr.

aber: nein! wir werden nicht duschen. der sand muss das grabtuch unserer seelen bleiben. voller licht sind die tage. licht. das uns die augen schließt.

die stufen hinab. unter den blutigen knien. auf dem nackten stein. fühlte ich meinen gott. wie er zerbrach. sub gratia. unter dem fels einer wolke. unter dem stachel einer frage.

aber: nein! unser zug hat kein ende. er öffnet jegliche himmel. als ein unendliches tunnelgewölbe. als ein nicht endender schrei. klanglos. in der schleppe unserer verbrannten häute.

testament. eines ungesagten tages

[waka. 1. plus 2. dämmernd } { test.a.ment_der. stille]

I

erinnert. die seele.
im schwund. des gedächtnisses.
die sehnsucht. nach licht.
die tieferen verdienste.
der unerhörten liebe.

II

freude. flüchtige 
im morgenwind: ein gesicht.
auf die pochende stirn gelegt.
vernarbt. zum zeichen hin,
das kein vergessen auslöscht.

III

ruhend: im verstummen.
spur: der erschaffenen.
ein hauch: aufglühend
über den rissen der zeit.
gebrochener flügel. im abendrot.

विरह (viraha)

ab.schied. in: dir | lied. ohne rück.kehr

nach einem nicht gesagten du. im spalt. des zerschnittenen ichs

im schatten der mauer. keine antwort. nicht in der mailbox. nicht im licht. nicht in mir.

dein schweigen ist eine landkarte. abgerieben von zu viel blick. die linien – meiner greisen hände – ohne orte. wie wege, die: nie begannen.

der mond stieg über dächer. wie eine frage. er brannte sich ein in die scheibe der tür, die du nicht mehr durchquert hast.

ich warte. nicht auf dich. ich warte auf das aufhören der bewegung deines namens in meinem mund.

eine silbe, ein schatten darin. eine stimme: verödet im gehör. eine umarmung: nicht vollzogen.

im hof: eine birke, die sich gegen das fehlen wehrt. ich schreibe in die rinde der stunden. ich schreie nicht. ich schreite kaum. ich wandle. ich verwandele nicht. und liege auf getretenem gras, in dem das schweigen deines letzten blickes blinde wurzeln schlug.

ich hätte dich halten sollen. nicht: als körper. sondern als abdruck in meinem entwohnten innern.

die welt schlief ein. als alles blühte. es war frühling. als du gingst. als das leben weiterging. als die stille deinen gang angenommen hatte. als ich aufhörte heimzugehen.

du hältst die laute. die ich nicht mehr höre. die scherben. die ich stieß durch meine wange. wie durch mein ungesagtes. dein letztes ewig… ewig…

trotz: der stille.

singe die gärten, mein herz, die du nicht betratest

für Alexandra von der Weth

nicht mehr.
ganz.
beisammen.
nur reste.
auf den ziegeln: gezweig.
unter dem blattwerk: das wissen
um die letzten leeren seiten.

gestrandet.
hier oben. im entwachsenen.
in der wuchernden 
stimme.

hierhin gekommen.
so weit.
ausgegangen.
abgerechnet.
ganz.
zum schluss.
im endlosen abschied.

gehst du mit mir?
durch das stille haus.
das ganze. umschlossen von gärten.
von jahren.
vom rascheln gelöst. von den geräuschen.
vom glas der verhangenen fenster.
von den kalten mauern. und ihrer haut.
vernäht aus den fetzen der zerrissenen.
der entspiegelten.
der einsam bewohnten.
von wind. von wasser.
der von sich entwöhnten. und ihren wünschen.

vorbei an der offenen tür.
an jenem einen spalt.
dem letzten. vielleicht.
zwischen herz und leib.
laib. und saite. schwingend.
im augenblick unserer teilung.
im durchgang:
zur ganzheit. zur ganzen gewesenheit.

hinauf über die kargen berge.
zur kleinsten, jüngsten blüte.
wenn das jahr schon alt und krumm
dasteht: vor der zeit, die nicht stillsteht.

trotz der stille.
es ist immer: als hätte jemand gerufen.
der trotzt: den lautlosen orten.
der sitzt: an den gestaden der vergessenen träume.
der lässt: den tag ans ende gehen.
der sich findet: im echo.
der sich erfindet: im schlaf.
im anfang: des frühlings.
immer.
im trotz: der stille.

doch auf der anderen seite 
des endes:
trotzt ein klang.
getragen vom hauch,
der keine wunde scheut.
wie dein letztes lied,
das aus den zerschellten lippen floss:
an das ufer der nacht.

gegen die ufer. angeschwemmt

[diese eine nacht]

diese eine nacht. nach der die furcht überwunden sein wird. am rande stehend. eines wassers. das keinen durst mehr stillen muss.

der wind hat zärtliche hände. und holt seine luft. aus dem schweigen. der schlafenden welt.

ein tieferes glück. steht bei der einsamkeit. überall ist nun landschaft. und an jeder stelle ist sie nun ufer. für den anbruch des tages. der nicht enden wird. der himmel reißt auf. und die täler öffnen sich. der blick hinab. hat jetzt das wissen um die flügel. von denen abfiel. die steinerne haut.

eine rede geht. vom fallen. von den fallen. die sich füllen. mit den entleerten. doch die leere selbst. wird nun zur fülle. und lässt das volle. das runde. steigen in die entlassung. der völligen gelassenheit.

der wind hat zärtliche hände. am rande eines wassers. winkendes dünengras. diese eine nacht. hindurch.

die vielen briefe. die. eines tages

[Πένθος. große not. gottes begleiter. schweigend]

wie nur? weiter. zu-stand. unbewegliche welt. leerstand der seelen. ein atem steigt aus dem großen wasser. und steht in steinernen wolken über den inseln. der gleiche blick. abends. wie morgens.

die heimchen krochen hinab. in die kehlen der schlafenden.

wohin nur. bei all dem platz. endloses. sandiges land. in den augen der wandernden. vorbei an den bitteren seen. da flackert weit draußen. ein saum des schilfs. von dem schon immer die sage ging.

honig. und träne. duft ihrer heiligen wunden. da tropft hinein. die erste strophe der amsel. bevor es tagt.

hinaus. hinaus. ablandig wies uns der wind die wege. wir pflanzten die bäume. die uns einmal zu booten werden. zu-stand der welt. über der weite unserer träume.

diese stunde. jegliche zeit. den zimmern müssen noch fenster wachsen. wir wartenden weben das x-te jahr. in die vorhänge und die gewänder.

ob er nicht hört?

die heimchen krochen hinab. in die kehlen der schlafenden.

die vielen briefe. die. eines tages

[lied vom guten ende]

dort. wo die rotkehlchen warten. dort. bei den blinden katzen. still. wie eine knospe. ende januar. wie ein motto. ein leitmotiv. leidvotiv.

aber. gärten. weil es grenzen gibt. einhegungen. hecken. mauern gar. für rankendes. und spalierobst. kapellen der wünsche. dahinter. glück der ufer. der bäche. für den klang fließenden wassers. und die alleen. reihung der wegweisenden bäume. wie strophen.

waage. der partikel. und konjunktionen. sortiert. in schächtelchen. morgens. und abends. zyklisch. wie‘s zähneputzen.

hier. im fensterglas. ruht sich der zugvogel aus. der viel lieber geblieben wäre. doch dann: seine federn. die kiele. wuchsen zum blei. das die lichthungrigen stücke zusammenhält. weil sich nur so. gelesen gegen den uhrzeigersinn. eine geschichte ergibt. wie ein echo. jener gedanken. der lauschenden.

dann aber. durch die stadt irrende straßen. menschenleere. in den cafés wartende. ihre blicke hinaus. mit dem glas der panoramascheiben verschmolzen. wie flachware der jahrhunderte. in den museen der welt. bilder eben. aus denen es zuruft den hiesigen. einzutreten. in die grabkammern der geschichte.

wiederum. aber. steht dies nicht. im widerspruch. zu den jetzt bereits milderen tagen. den ein oder zwei stunden. die es mehr an licht hat. und es scheint. als ob. einer vor lauter müdigkeit. die große lustbarkeit eines verlängerten freitagabends verschlafen hätte. und aufschreckt gegen halb zwei. die übrigen gäste die treppen hinunterwanken sieht. in einem einsamen nachsehen. den gründlich aufgebrochenen. hinterher.

pausenlos. ist das denken. ist das schweigen. das ausgegraute. aller gedächtnisse.

schließlich. diese sekunde. in der sich worte gebären. um einen unerträglichen schmerz abzumildern. und abzustellen. in schattigen winkeln. weil sich der jammer nicht geziemt. und die ins fleisch gehauenen nägel. längst einen sicheren halt gewährleisten.

das gute. ist in jedem fall. und immer. ein erledigtes.

dort. ist ein frieden. der die zeit aus seinen wunden kratzte. ein hof. um wie ein kind. in die pfütze zu springen. und durch den brunnen zu fallen. auf frühlingswiesen. die nach frisch gebackenem brot duften. ja. dort. wo der schlussstein aus den fugen rutschte. wo sich die deckel hoben. der felsschweren sarkophage. unter geschüttelten kissen.