späte zeit

die späte zeit.
in geliehenen händen. ausgestreckt.

die eine zeit. bei dem einen.
die andere. nirgends.

zweig der buche. und zweig der frage.
einen. für jeden von uns. zwei.

wanderschaft. oder heimkehr. entlang
am tau. auf der wange des steins.

kühle braucht der schlaf.
unter lichtmüdem laub.

wo?
bei dem einen.
der einsame.

wann?
sich erinnernd.
der bleibe.

hörweite

verbindungen. entfernungen
über die sich die missverständnisse schicken

nein
keine vorwürfe
sorge nur

wo?
mag die falsche frage gewesen sein

lebenszeichen
atem holen
sich einen atem abholen

weil die tage fliegen
und die stunde
auf der die füße stehen
wegrutscht unter den sohlen

nicht antworten
nur schreiben
über das wetter
oder etwas gekochtes

das vergangene nicht aufzuscheuchen
die ins dunkel versickerten dinge
die wenigen worte
den schlafsand

und die freude
etwas zu hören
wie das meer
wie die schritte
von den stegen
zurück ans ufer

unbeschrieben

die seele
spürte einmal
die sonne und den wind
eines anderen lebens
die dunkelheit
unter der sich die sehnsuchtsblüten öffneten

sie hörte noch
die vielen sätze
die sich nicht zu ende schrieben
von den leeren seiten angezogen

sie wanderte
durch die jahreszeiten
aus denen jemand verschwand
der ihr einmal begegnet war
in einem irrtum oder einer verheißung

manchmal
wenn die worte schwiegen
lag auf den unbeschriebenen blättern
ein herbstlicher schimmer
der nichts zurückverlangte

und jenseits
ihrer letzten erinnerung
war ein ufer
das noch nicht wusste
wen es erwartete

ohne weitere aussicht

du. lieber. ich fuhr aufs land.
tote sonntage. ein anderer tag
kam bislang nicht vorbei.

trotzdem. das leben. das einzige.
pausenlos. fraglos. übersichtlich
in seiner bedarfsarmut.

lieber. du. nur meine arme
um dich. einmal. bevor.
wortloses atmen.

lange stand ich im schweigen.
rändlich. tastend. die zitternden wände
einer unbewohnten zeit entlang.

nicht das aufdringliche neue
nährt den zweifel. sondern
das verzehrte gesicht des alten.

wärst du noch hier.
würde ich sprechen. von allem
was ich an gutem denken kann.

allein. die sprache davon.
müsste doch…

müsste ein jegliches besser machen.
und gut sein lassen. alles.
was einmal gesagt war.

niemand. weiß es.
niemand. soll es wissen.
besser als du. lieber.

rest.bestand

Foto: Allan Acosta Greño

einzig. was dir gehört.
wundes. zwischen zwei saiten.
im verklingen ihrer spannung.

halbes geschehen. hälfte
eines entleerten atems.
im abrieb gefallener worte.

vermutlich. vergeblich.
versuchte erkundung.
gang eines schattens

durch das licht. das ihn verließ.

vorläufig. ohne beschwerde

verzeih. wenn ich das. noch nicht. so ganz. und was mich so kühl anweht. gewiss. die unruhe auf den wegen.

es wäre wesentlich besser. sich treiben zu lassen. hingabe an eine zeit. die überwunden ist.

ohne je wundlos sein zu können. weil das verlorene an den fersen klebt. weil es nichts klareres gibt. als das versäumte.

ich bin nicht traurig. die tage sind schön genug. die zeit hinterlässt keine spuren.

ein taubes gewölle. die früheren wünsche. ein kaum gehauchter saum des schlafes. die restliche empfindlichkeit.

ein gedanke nur. der geliebte mensch. zu dem ich spreche.

heute verstehe ich besser. bin in der stille daheim. die am anfang und am ende eines jeden tages steht.

auch die herzen. aus denen ich fortgestoßen wurde. können nicht leer sein. bei all dem erinnern.

wenn die einsamkeit kein geschwätz mehr ist. wenn sie schön geworden ist. wie eine ruhende schneelandschaft.

so ist es doch wesentlich besser. als hörte man die beschwerden der zeitverweser. weil die kastanien ein zweites mal blühen. in diesem jahr.

aber wie viel mehr als eine gebärde ist das wort. und was soll schöner sein als der schlaf. sicher nicht das erwachen.

mühelos muss die liebe sein. wie das graue warten der häuser entlang zertretener straßen.

sie lassen alles durch. doch bedeutung hat nur das angekommene. was in den heimischen zimmern sitzt.

und sich nichts vornimmt. sich nichts vormacht.

bleiben ist so gut wie gehen. ohne die mühsal der hoffnung.

und arbeiten. natürlich. ist sehr gesund. gegen die schnellen flüchtigen tage.

eben: beiläufige geschehnisse. die dem allerletzten nicht im wege sind.

sieben schritte | bei.nahe

ich versuchte mir vorzustellen, dass antworten kämen, wie auf besuch, in den schlimmsten stunden und ohne vorherige frage.

ich würde vielleicht hinausgehen, ohne besonderen grund, einfach nur, um mich umzusehen, aber nicht vor dem herbst, sondern erst, wenn die straßen sich leerten.

alle pläne müssten jedoch vage bleiben, damit es auch immer anders kommen könnte. und zugleich rechnete ich mit längeren aufenthalten in den zurückgelassenen fragen.

da sähe mich vielleicht ein anderes auge. genau dort, wo ich dann stünde und das warten wohnen nannte. weil es fast so schiene, als ließe sich die zeit zum verweilen überreden.

aber dann sprachen wieder, unablässig, die unerhörten worte zum herz. und was sich noch bezweifeln ließ, wurde davon nicht verschont: dass nicht die zeit innegehalten hatte, sondern die seele.

ja. der sterbende, der noch zu sehr am leben haftete. mit der ausgestreckten hand, die durch einen traum gegriffen hatte, um den schweren augenblick zurückzuziehen. wie ankertaue der längst verschwundenen schiffe.

was aber stattdessen geschah, war ein erinnern. und also ein sagen des anderen. unwirtlich nur dann. würde es wirklich.

nach.saison

es gibt. nichts. zu erzählen
die welt will. nichts. wissen von

verlassenheit

zählt die vorhandenen ab
hier. im aufenthalt
hier. in der totenstille
jene. die klug genug waren
sich zu trennen von
endlosen sommern

nicht angekommen
oder zu spät
oder ein anderes mal

aus.fahrt
für ein warmes gefühl
der rückkehr

während am ende des alten jahres
der anfang des neuen lehnt

die andenken liegen in nummerierten kisten
unten. wo die mauern schwarz sind
von früher

wilde gegend
an ufern fast vertrockneter flüsse

blatt eines briefes
zwischen laub

verzeih
auf bald

zug.luft

Foto: Miriam Halfmann

statt der liebe 
anstau der nähe
kopf im geäst 
ranke der ausflucht 

haftwurzeln im glas
der geschlossenen fenster 

krause leere
zwischen den wünschen 

es setzte sich jemand dazu
legte die hand in den spalt
zwischen laub und erde 

das warten der bänke im park 
gestiftet von den verträumten 
zugleich darauf bedacht 
den himmel abzuhalten
dass er ihrer vorläufigen haut
nicht zu sehr auf die pelle rücke 

und unterm kopfkissen 
der brunnenschacht
mit kleingeld zugeschüttet 

bevor das licht die blicke aufreißt 
als ob pfingstrosen explodierten

zeit.male

[aus dem notizbuch]

beginn eines neuen langgedichts

ja. auch. die körper. sind geschichte[t] / der AB.stand. vergrößert | zwischen den bildern. übernommen. überhoben. tanz und kreuzBRUCH | auf. schnitt | zeit.scheiben | fraß. des verschobenen

ja. unter der haut. dieselbe alte verkehrslage | es zog etwas. ein. das sich auszog. um sich mit einer stelle zu bekleiden. einer starre. nach dem abzug. der reste | blut. auf dem weg. zu blut | herz. auf dem weg. zurück | nichts. kommt an | ohne. wieder. fortzumüssen | in den adern. stocken noch. die vielen kleinen kriege | an den fersen. ziehen noch. die vielen fluchten | auf den versen. liegen wieder | kaum hörbar | die gedanklichen. ablagerungen | die den raum der worte. nicht fanden. oder. den sinn der suche. sahen in der. uferlosigkeit

ja. damals. waren sie noch. ganz nah bei ihm | aber. er hatte für sie. keine namen | wo. also war. der platz. jener enge | zwischen hals und hand | jener schalter. abzustellen. den schmerz | bei den vasen. und den schalen. die das übrige. von sich stießen | nach ablauf. der duldung. allen staubs. und aller versprechungen 

ja. seitdem. läuft er. ganz leise | aber. nicht im kreis | wider. die wiederkehr | für alles. was fehlt | für jedes. mal. das etwas anderes. auflöste im gleichen | und nicht. zurückbrachte. den flehenden. die fehlenden 

ja. draußen. stand dieser baum | in seiner langsamen aufruhr | aber. jedes blatt. hielt einen fetzen luft | hielt das licht. für eine frühere verletzung | denn. darunter. die erde | nass. und voller. fortsetzungen | fraß. was fiel | ohne. es zu beenden | ohne. es zu beerben 

ja. man könnte. fast glauben | alles. habe seinen lauf | aber. der lauf. habe niemanden | und wenn er. auch läuft und läuft | steht doch. in seiner mitte. etwas. das nicht mitgeht | keine ruhe. weil. es zu wach ist | kein halt. weil. es nichts hält | eben. sehr schlicht | nur. die stelle | an der. das vorher aufhörte | nachher. zu werden | eben dort | wo. für weniger. als einen augenblick | die zeit. fällt | aus dem gehäuse. ihrer verwendung | weil. niemand sie brauchte | und die hand. nichts halten musste | und der mund. nichts erwiderte | und das auge. keinen menschen. bei sich hielt 

ja. selbst der schmerz. verlor | für einen schlag. seine zuständigkeit | so dass man | nein | auch. dieses MAN | nicht. nur diese. ungeheure. un. benötigte. gegenwart | bis der körper. sich erinnert | dass er. einer war | knochen. gewicht. hunger | eine narbe. zieht | wetter auf | und alles. was gewesen | legt wieder. seine hand | auf alles. was noch | nicht | so wird. man | vor dem. ewigen | bewahrt | durch. verschleiß | durch das. lächerliche | weiter. schlagen | eines herzens | das von. erlösung | nichts | weiß