
ferne Gewitter | der Schöpfende schont sich nicht | im Klang seiner Einsamkeit
still. ruft sein Gehör | wuchs mir ein Zweig aus der Hand | Furcht. sinkendes Licht
ein Halm. gebrochen | Felsen: legt euer Schauen | auf des Windes Spur
Lyrik|Essays|Kritik

ferne Gewitter | der Schöpfende schont sich nicht | im Klang seiner Einsamkeit
still. ruft sein Gehör | wuchs mir ein Zweig aus der Hand | Furcht. sinkendes Licht
ein Halm. gebrochen | Felsen: legt euer Schauen | auf des Windes Spur

I
du gabst ihnen Herzen
darin die Rede von einem Geheimnis ruht
keine Arbeit vergeblich
keine umsonst verzehrte Kraft
spät kam der Regen
und fiel bis zu ihrem Erwachen
du wirst sehen
ob sie nicht vergessen haben
ihr Glück zu teilen in Dankbarkeit
ach
lass sie doch erzählen
Genügsamer
vom vollen Mond hinter ziehenden Wolken
von den leicht wippenden Zweigen der Birken
unter denen sie friedlicher gehen
mit der zärtlichen Lüge von einer besseren Kindheit
die wenigen Wünsche
leise gesprochen
und als ob von dir selbst
auf die Zungen gelegt
nimm ihnen nicht
die Kraft, schwach zu sein
lass es ihnen so geschehen
als hättest du selbst geflüstert
so geschehe es
aber im Klang vieler Stimmen
so viele
wie es Farben hat
im Reich der Blüten
ach
Schönheit ihres frühen Opfers
um der späten Früchte wegen
den reiferen Duft und dunkleren Glanz
noch haltend einen Regen lang
daran erinnernd
was vor ihnen war
was ihnen folgen wird
wenn tiefer das Licht im Wasser steht
Abschied zu nehmen
von allen Jahreszeiten
mögen sie spüren
des Windes Schmerzen
wenn er durch das Gefallene greift
wenn sie das stillere Wissen erfasst
was sie nicht lassen können
was du ihnen gelassen hast
für Schatten und Schutz
an den heimischen Ufern ihrer Fremdheit
wo sie nicht mehr sagen können
was ihnen entschwand
wartend
erwartend
was ihnen entgegenkommt
wenn es sich umdrehte
ihnen zuwinkend
auf dass sie ihm folgen mögen
die Wolkenwege, die Lichtwege
wo die Luft sich bewegt
als atmeten selbst die Felsen
auf dass sie gemeinsam denken
es braucht nur diese kurzen Aufenthalte in den Augenblicken
um in der Zeit zu sein und sie zugleich lassen zu können
und sie wissen doch sicher
dass sie alle Hände haben
zu schöpfen das kühle Wasser der Bäche
in denen
als sie noch schliefen
das erste Licht des Tages badete
II
du hörst doch die Gebete derer
die ihre letzten Samen auf die Wege streuten
bevor sie sich der Wiegen nicht entsinnen konnten
wen stört der Staub?
der sich auf ihren Hunger legte
Wind und Wellen
gehen über ihren Schlaf hinweg
Uhren und Glocken und Atmen
im wunden Gehör
so lass doch
ein Gras wachsen
ein Laub
einen einsamen Blick
der ihnen sagte von deiner Liebe
von der sie früher einmal sangen
aber allein sitzt jetzt die Amsel auf dem First
stumm und als ob versunken
in der Schwere der sich zum Winter schleppenden Tage
unerträgliche Sonne
über den sandigen Ebenen
vertraute Wälder der Kindheit
brennendes Haar der Nymphen
was auch immer
die Träume der Sterbenden heimsucht
treib sie nicht fort
aus dem Duft der Äpfel
und den Farben der Dämmerungen
leg doch dein Schweigen in ihre Starre
unter die Haut der frostigen Wangen
für kommende Blüte ein Odem
für den Ruf ihrer Namen dort
wo ein duldsames Gestein
um ihre Seelen bittet

I
der Töne Grund
die ihrer Lieder ledig
von Hoffnung wund geriebene Hände
das Glück. vergessenes. weiß dich noch
in den entferntesten Winkeln. hört es dich atmen
reißt sich die Ängste aus dem Schauen der Nächte
II
[Klage des Christophorus]
was habe ich hier verloren?
deine Stimme im Schatten, den ich werfe, flüstert: Tod
träumend muss ich gegangen sein an ein Ufer ohne Wiederkehr
anders zu schlafen. ohne Sehnsucht
keiner soll mir folgen. in die dunkle Behausung
wo ich nichts erinnere. als die Idee von Gott. die es einmal gab
ich nahm dorthin nichts mit
und wo ich zuletzt gewesen sein muss, schleifen die Wellen die Spuren
fern ist dort die Rede von einem Morgengrauen
wo, wenn es regnet, keiner an Tränen denkt
ich liege in der Ermattung der Zeit
schmerzlos unter den morschen Armen der Mütter
das Laub meiner Lieder fiel in die eisigen Hände ferner Monde
und meine Finger sind wie zerstoßenes Gestein
darin noch ein Gehör in stumpfer Wachheit
für den Wind, der kommen mag
doch ist ein Trost in der Stille
und die Seele noch sehr jung
als sie zum Geschenk wurde
zur Gabe
inmitten einer umfassenden Verwitterung
Trümmer der Webstühle
Trümmer der Altäre
Trümmer der Wangen
der Hände der Füße der Wege der Gedanken
nicht mehr wachsen wird das Gras
und die Knospen haben verkohlte Augen
ein Scheitern der Zeit
zurücklassend weder Zorn noch Fragen
unvorstellbar werden sein
Landschaften und hilfreiche Opfer und wartende Boote
fallende Sterne und steigende Nebel
nicht einmal das Unvorstellbare
das Kinder sich erzählen, nachts, in Zelten, wenn die Schatten der Gespenster
zwischen den Ästen der Eichen schaukeln
aber immer wird eine Brandung durch das erstarrte Schauen gehen
und Felsen stehen darin, wie Säulen, die sich zuwerfen möchten das Echo ihrer Klagen
dass ohne Trauer ist die Zeit. ohne Hauch. ohne Klang
III
bist du glücklich?
leicht ist der Körper im Traum
etwas bewegt sich
klopft ans Fenster
oder zieht die Schatten ab
vom Boden
von den Wänden
wie Klebebilder die du drehen sollst
um sie als Wolken an den Himmel zu heften
oder gefaltete Boote
zwischen die Wellenkämme gelegt
oder aufgezogen auf Fäden
von Licht und Staub
deine Stimme
rieselt in die Spalten
zwischen Müdigkeit und Kuss
die Hand greift in den Abgrund
ein anderes Reifen und Rufen
der Zweige über der Brandung
ein engerer Raum
wo Land und Meer sich streiten
als ob um Licht und Schatten
allein geblieben
mit allen Gedanken
Sterben und Lieben
geopferte Zeit
und die Frage
wofür
aber sind nicht Gebete
wie endlose Flure
von denen die ungezählten Zimmer abgehen
für Schlaf und Wachen
und hinter manchen von ihnen
die Gärten und Küsten
dorthin hinauszutreten
wo Irdisches und Himmlisches sich sehr nahe kommen
ein Sprung nur über den gefallenen Stamm der Esche
ein Schritt nur von der letzten Stunde des alten Jahres zur ersten des neuen
ein Griff nur durch das Glas wie durch Quellwasser
in den Händen zu halten diesen kurzen Moment
bis es die Augen erfrischt und reinigt von den wirren Träumen
dem Heiligen dort am nahesten
wo das gebrochene Licht seine Schmerzen am stärksten empfindet
IV
und nie vergessen
konntest du jene
die dich verließen
die ausstiegen aus ihren Seelen
und ihr Schauen verstauben ließen
oben hast du gesessen
still
in deiner Verzweiflung
und blicktest über das Land
und legtest sein müdes Gesicht in deine wunden Hände
Hirte Du
ohne Flöte und Stab
Sänger Du
ohne Lyra und Echo
fragend
immer und immer wieder
warum du dich in die Welt schicktest
warum sie nicht überlassen
dem Feuer und den Winden
und so einsam bei Nacht
hinter den Altären
und in allen Zeichen der fließenden Zeit
vor allem aber
dem eigenen Geist nicht zu entkommen
V
spät erst
habe ich zu leben begonnen
fern
ist der Garten der Heimat
seine Vögel
höre ich singen und schwatzen
täglich
nach dem Erwachen
mich überflutet
die Welt
ein einsames Boot
habe ich mir gebaut
und auf einen Hügel geschoben
der aus der Brandung ragte
über den Liedern
wuchs Gras
aus dem Hauch
der die Wange der Mutter streifte
mein Finger
fast wie ein Halm
der das erste Licht
das über den Horizont kroch
berühren möchte
die Gewitter sind fern
und die Ufer ohne Rückkehr
einsame Bäume
werfen Schatten
und einzelne Wolken
als hielten sie sich fest am Himmel
ein Ort für mich
mit etwas Platz
für letzte Träume
so gut wie vorbei
ist das Leben
und früh am Morgen
blickt es mich an
aus dem Winkel des Unversuchten
zwischen den Gräsern
der Stein
sieht aus wie Brot
in meinen Händen
zerstoßene Muscheln
es fehlt nicht mehr viel
dann hat sich verzehrt die Zeit
mir fehlt nicht mehr viel
außer die besseren Worte des Geliebten im Ohr

was stach dir ins Aug‘?
Nebel über den Ufern.
Spitze des Segels
das Schweigen. der Verlassenen
Fremde vor ihrem Schatten.
sammelnd die Früchte des Lichts
still. dein Augenblick.
Haut deiner Flügel aus Glas.
weht. draußen. ein Wind?

siehst du nicht auch: das Laub verdorrte
Ruf des Erbarmens. des Schweigenden…
wie klingt sein Gedächtnis. in den Falten der Ewigkeit
wärst du nicht auch sein Gefährte, der mit ihm verharrte
in seinem Schatten, dem tiefer sich beugenden,
weil ihn der Dienst am Lichte so freut?
bald nun die Eiszapfen. glühend über den Schächten
an jedem Ort der Trauer, wo er nach Leben begehrte
Fugen dazwischen. sinkend in Worten und Tönen:
träumt er davon, was sie ihm Kostbares brächten,
wenn er sie reicher und zärtlicher nährte,
summend sein fernes, einsames Sehnen:
komme. lautlos. windstill. ein Regen wie Firnis auf deiner Haut.
sehen wir, blind, um zu erkennen, wenn unser Auge ergraut.

ich fühle die Möwen über den funkelnden Wellen
dein Boot. am ferneren Ufer
darin ein altes Schilf geduldig wachsen konnte
ich spüre: ein anderes Leben will sich erzählen
die leisere Stimme: sie kündete tiefer
und tropfte ins Erdreich, wohin ich mich wandte
da rufen die Wurzeln wie eingegrabene Laute
darin dein Gedanke: ans Licht zu klettern
dem besseren Kinde reifere Früchte zu bringen
der Garten, versteckt hinterm Haus, das ich dir baute
als Zuflucht vor jeglichen Wettern
blieb einsames Ufer, wo mir die Amseln singen:
komm‘, Frühling. das Echo der ziehenden Jahre
komm‘, Herbst. dass ich mein stilleres Auge erfahre

warum die hohen Feste sich so schnell vergessen
so fern die Zeit, in der man bleiben mochte
steig‘, Gott, herab, gelöst aus deiner Trauer
aus deiner gold’nen Zweige Fesseln
was immer einer, der auch schöpft, sich dachte
gelt‘ deinem stillen, matten Blick die nächste Feier
wenn wir die Gärten deiner Jugend dann verlassen
sind wir einander die Verliebten wieder
die an den Fenstern wie an leeren Ufern stehen
wir werden wissen dann, was wir vermissen, ungelassen
im Sang der späten, zärtlicheren Lieder
weil wir, wie lahm auch immer, leichter gehen
am Rand der viel betret’nen Straßen
wo wir zuletzt allein im Blick des And’ren saßen

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

auf alles
fällt der Regen
Gras und Gestein
ins salzige Wasser
überall
die Schritte des Himmels
zu uns
gibt es nicht Inseln?
um in seiner Nähe zu sein
glücklichere Einsamkeit
unter den Perseiden
doch nicht
um zu vergessen
warum nicht Liebe
wenn Krieg
warum keine Heimkehr
in brennenden Schiffen
ziehend allein
die Schauer
über Dünen und Hügel
uns nicht
verdorren zu lassen
denn Wege sind
auf dem Wasser
und Stimmen
die rufen
zieht unsere Taue
die wir gedreht
aus der Gebete Fäden
gibt es nicht Inseln?
damit das Nahe sie schirme
und schlummere
im tieferen Innern
das Ferne
weiter zu wandern
als es Land hat
und Pfade
darauf zu wandeln
mehr zu erzählen
als die Geschichte
und auszuhalten
die Totenstille
umarmt vom reglosen Meer
und tiefer die Gräben hier
für die Gräber
und dass der Mond
ein anderes Gesicht bekommt
und das Rad des Schicksals
in Kreisen über die Küsten rollt
gibt es nicht Inseln?
den Blick zu heben
nachzuschauen allem Ziehenden
zu gehen
und doch nicht zu gehen
tanzend
bewegungslos
unmerklich
sich zu verwandeln
zu sein
in der Welt
und doch nicht in ihr
wie sie wurde
und wie sie sein wird
weil auch die Einsamen
in ihr einen Ort brauchen
sich zu begegnen
sie zwitschern oder flöten
zwischen trostlosem Gestein
an dem die Dornen zu Perlen geschliffen werden
für leiseres Sterben
in längeren Zeiten

und wenn der Tag sich neigt
und unsere Schatten lang genug
sich zu berühren
einmal noch
gedenke ich
an deiner Seite wachend
des ersten Frühlings
und seiner zaghaften Blüte
ich wehe fort
und bin im Laub das Rascheln
du drehst dich um
und weißt die ferne Heimat wieder
und hast das dunkle Auge
der vergess’nen Aster
die nach der Zeit sich streckt
so gut sie kann
so greifst du an den Knauf
der off’nen Pforte
die leere Warte vor dir
wo das Ruhlose sein Ende fand
und wenn der Tag sich neigt
siehst du im Staub die Spuren
und hörst ihn sagen:
hier kehrt‘ ich heim für dich