torso

gott
!?
vielleicht
bist du
nur der raum
in dem die frage
nicht erkaltet
ich
?!
bleibe da
solange
das wort
noch glimmt
Lyrik|Essays|Kritik

gott
!?
vielleicht
bist du
nur der raum
in dem die frage
nicht erkaltet
ich
?!
bleibe da
solange
das wort
noch glimmt

rede doch. weiter. unsere herzen sind still. unsere ohren sind brunnen. die auf regen warten. bereit. den überlauf zu öffnen. zu wässern: die verbrannten ränder der wege. der abgelegten dokumente unserer gesichert erledigten hoffnungen.
rede doch. wieder. einer muss anfangen. das uralte wort der anrufung dem letzten aushauch des himmlischen zu entreißen.
so viele steine. so viele stimmen. an den stränden. die knirschenden zähne der engel. wenn wir wandern: den schmalen grat zwischen land und meer. mit dicken sohlen. hart. wie die rinde unserer dünnen seelen.
uns wurde berichtet: einen würde es geben. der hätte: etwas zu sagen. wir haben uns davon sehr oft erzählt. an entlegenen orten. wo es nichts gab. als erinnerung und erwartung.
wir folgten der spur. seines aufbruchs. und nahmen an. er müsste uns suchen. denn: unsere herzen hatten noch nicht gekannt. die sagenhafte liebe einer tödlich verwundeten zeit. die sich selbst schickt: in die nacht. dass der nächste träumen kann: vom steigenden licht. am anfang des kürzesten tages. den das lange jahr kennt.
wir haben uns davon sehr oft erzählt: der narr. der auf dem unsichtbaren draht. zwischen den steinen gespannt. tanzte und sprang. der die linie zog. zwischen einst und jetzt und dann. wo die leiseren worte. die tieferen echos. von den wellenzungen rollten. wie aus gestürzten kelchen. getrunken vom durstigen sand.
es ist nichts. und das ist schon alles. vom allerschönsten: wenn man eine zeitlang hier gewesen ist. oder woanders. ohne flucht und furcht: vor dem ende solchen glückes.

alles kommt auf die erde an. die scholle. den letzten ort. der dem ersten nicht zu fern sein darf.
hier. breiten sich die stimmen aus. hier. rufen sie sich zu. und hallen wider. in den stummen wohnungen ihrer namen. den alten gemäuern der wartenden. der noch nicht genannten.
denn erst in den echos. entstehen ihre namen. und gehen die zitternden schritte. über den schmalen, wankenden steg. von der ahnung. zur hoffnung.
ein flüstern ist dann im trockenen gras: endlich! sind sie gegangen. die pfade. am steilen abbruch der ufer. endlich! sind sie in der zeit. die endlich ist. und ihnen entgegenkommt. vom immer gleich entfernten horizont.
dort. scheint es immer still zu sein. dort. gibt es sicher viel raum. für ihre fragen. ob dort. das wasser in die spalten fällt. der ewigkeit. oder ob. es steigt. aus den falten. in den felsen. und ob. dort. die wogen enden. die jeden tag an küsten wandern. wie das wallende kleid einer tanzenden mutter. die heißt: das meer. auch wenn es reglos ist. über allem versunkenen. das sich dennoch. dann und wann. in ihren augen spiegelt.
sie werden es. vielleicht. nicht mehr sehen können. aber. sie werden. vielleicht. endlich wissen. was sie sagen sollen. dort. wo ihre wege enden. selbst wenn. niemand. sie noch hört.

vielleicht
dass ich einmal ein mensch war
vielleicht
dass ich noch zu einem ort werde
aber
ich kam aus einer gegend
da sind nicht ewig
schnee
und laub
und fruchtbeschwerte zweige
dafür halten sich dort umso länger
gerüchte
und schweigen
und ein gedächtnis
das keinen besitzer hat
klein sind die städte dort
leicht zu übersehen
schwer zu erreichen
wenn man sich fürchtet vor wäldern
und vor sich selbst
weit war das land
das ich verließ
weil es die seele beengte
weit ist das land
von dem ich träumen muss
weit ausgestreckt
dass ihm der himmel nicht zu nahe komme
weit muss das land sein
dass seine müden straßen verschwinden lässt
im nimmersatten horizont
und wer dort blieb
lernte, den wind zu überhören
wie man lernt zu murmeln
ein gebet
blind will ich sein
und einsam
zwischen dörfern und hügeln
und sollte mich eine heimkehr treffen
gib mir
verlorene schritte
und vergessene namen
lass sie zur zarge sich schließen
der ungesagten erzählungen
die sich ranken
um die steine
die unbewegten
die geschnittenen steine
um die sich alles dreht
was in erstarrung endet.
denn jedes wort
das nicht mehr gebraucht wird
kehrt heim
als moos
und wer sich niederlegt
hört eine sprache
die aus dem mund der erde kommt
ein atmen
das sich nicht mehr unterscheidet
vom windstoß
und vom gesang der verstummten
denn
der tod
ist eine sage
vom versäumten leben
ein garten voller knospen
an einem ufer ohne aufbruch
vielleicht
dass ich noch einmal sprechen werde
aus dem wasser
und aus der kühle der felsen
durch das es sich quälte

man hört nicht mehr viel. stumpfes glas. trübe wolken. dahinter. pulsloses rauschen. man schneidet die luft des frühlings in die scheiben der erinnerung. man ist es gewohnt, ohne musik zu sein. man wähnt sich angekommen. an den stätten der langsamkeit.
da. ist uns. das schicksal. sehr rasch. losgeworden. wie ein im schweiß gebadetes kind. befreit vom schlaf. und von den nachtgespenstern.
eng sind die lichtungen des abschieds. schattenriss. der zweige. und särge. verschüttete wege. was will die zeit mit den spurlosen?
wir geben der erde leise nach. wir tragen die namen der fremden. und die anderen farben. jetzt. in der epoche des flüsterns. der im garten flatternden wäsche. während es regnet. den zwölften tag.
die hände haben schwellungen vom heimweh. füße aus stein. im strömenden wasser. das jedes gewebe aus licht und atem zerreißt.
aber. schon jetzt. hat alles ent-täuschen. die klarheit des kommenden winters. und die präzision der spindeln.
man hört jetzt sehr viel. von den verirrten. und den zurückgesandten. die ihre stimmen tauschten. gegen den wind.

ich schob den wald der buchen. vom hohen ufer auf das offene wasser. ich stellte das glas aller fenster, an denen ich stand, schauend wie aus einem käfig – ohne die rahmen – an die kante des letzten abbruchs. die landschaft, die aus den hinteren rippen wuchs, duldete keine türen und zäune mehr. kraniche zogen im flug die linien des schicksals. sie nahmen im märz die last der hoffnung mit sich. und schüttelten im september ein staubiges vergessen aus ihrem gefieder. und in der zwischenzeit riss ich aus den mauern der vergangenen häuser die koffer und warf sie geöffnet in die rastlose brandung. sie sollten zu booten werden. für das schwerste gepäck. das aus meinen nächten stürzen würde. oder zu boten: meiner leichtesten träume. nur meine zunge blieb ein dürrer rest vom gebrochenen ast. der zwischen zwei felsen gefallen war. die lässig aneinander zu lehnen schienen. als seien sie die beiden unbekannten enden zwischen träumen und wachheit. oder hätte ich etwa das licht schon gelöscht? nach dem sich die fuge sehnt. die ziegel und atem zusammenhält. es musste doch schließlich nischen geben. für die urnen. in denen ich die bilder begraben konnte. die bilder. die sich nicht wiederholen. und darum erinnert sein wollen.

es ist das gewohnte. das jeden ort ins nirgendwo schickt. ihre landkarte ist ein raster aus zahllosen nadelstichen. weiße, fleckenlose haut. dotted. unbeschrieben. und wartend auf das unbeschreibliche. auf ein vergehen. vor dem gehen. auf eine enthüllung. eine entlüftung. der leichensäcke. es geht darum: erinnerung zu schaffen. rituale. wie: den täglichen gang an einer parkbank vorbei. oder entlang einer ladenzeile. um mehr zu sehen als sich selbst. wenn einer gegangen ist. nicht mit frost zu betäuben den schmerz der zweige nach dem fall des letzten laubes. es geht darum: dass die zeit sich quält durch das fleischliche gewebe, das im atem immer wieder seine risse schließt, wenn ihr zahn seine fäden durchbiss. mag sein, dass ein wunsch existierte: ins wasser zu gehen. und nicht damit rechnen zu können, dass eine heilige schildkröte den gehenden ans andere ufer bringt. dass vielmehr die spiegelung des mondes in die lichtlosen, lustlosen tiefen lockt. das mag alles sein. wenn nur am nächsten morgen ein mund aufsteigt aus der gischt. und nicht mehr aufhören kann zu erzählen.

die worte wurden zur gestalt. eines vor langer zeit vergessenen traumes. brandmarke eines bildes. statt eines namens. die haut des steins löste sich vom schatten, so wie die des lichtes vom körper. zerriss wie verbranntes papier. und wurde befreit aus der rahmung des zeitlichen. gleich dem laub aus den büschen der gärten, die sich nicht ewig bewohnen lassen. denn sterben, liebster, ist abnabelung. vom atem. von der erinnerung. und von den rufen der mütter. den fliehenden kindern hinterher. wie klang dir die zeit? zu ihrem ende hin. welches spiegelnde bild stand vor deinen augen? dass du den wunsch hegen konntest, darin zu vergehen.
[adagio. neigung]

wie soll es dem verlassenen schon gehen? die landschaft hat vergessen, wo er wanderte. sie ist nicht mehr da, wenn er die augen aufschlägt. sie hat die spuren seines schauens abgeschüttelt. sie hat nur platz für eine kurze zeit. nicht für einen langen tod. sie spürt die fremdheit nicht, wenn das alte jahr sein laub hat fallen lassen. sie sucht nicht sein ununterbrochenes. denn sie weiß, wann die dämmerung einsetzt.

nach regen. duftet die wüste. alles zeigt sich in umrissen. häuser. bäume. leiber. ohne füllung. ohne fühlung.
auf den stufen hinauf. sitzt ein schatten. der die sonne nicht braucht. und nicht den mond. er ließ seine knochen fahren. und blieb am mythischen ufer. in seiner gänzlichen blöße. in seiner großen entzauberung.
nach regen. duften die mauern. der bahnhöfe und der bäder. duftet der schotter. die asche. der wege. ohne rückkehr.
aber: nein! wir werden nicht duschen. der sand muss das grabtuch unserer seelen bleiben. voller licht sind die tage. licht. das uns die augen schließt.
die stufen hinab. unter den blutigen knien. auf dem nackten stein. fühlte ich meinen gott. wie er zerbrach. sub gratia. unter dem fels einer wolke. unter dem stachel einer frage.
aber: nein! unser zug hat kein ende. er öffnet jegliche himmel. als ein unendliches tunnelgewölbe. als ein nicht endender schrei. klanglos. in der schleppe unserer verbrannten häute.