refugium meum | ἀντίφωνος [Doxologie | Kadenz | Acht Waka-Variationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und die Gespräche endeten.
als der Regen begann.
den Sang zu erinnern.
der dich vergessen ließ.
die Leere. als du heimgekehrt.

wie glücklich waren
die verwandelten Steine.
fremder Blüte Auge.
geh‘ nicht hinaus. schaue nur.
wer den Garten noch nicht verlassen.

um andrer Liebe willen.
Schatten der Flügel.
über den unruhigen Wassern.
Wohnung des Lichtes.
im Tau. was keiner Worte bedarf.

was wird erwartet?
Landschaften. ohne Grenzen…
Kind. das die Frage kennt.
wozu? die gefalteten Boote.
wie? erster Liebe Antlitz.

jeder Tag. ein letzter.
jede Stunde. die erste.
fremde Blüte. die dir zuruft:
sage doch. wer du bist.
wachtest an meiner Knospe Schlaf.

kahl. nun die Felder.
Fülle der Haine.
Früchte. prall von Gezeiten.
verlangend. den Fall.
wo die Wolken ziehen über das Hohe hinweg.

fern. deiner Heimat.
Hütte. nah bei den Ufern.
Stern. der dich entzündet.
reich in dem Wenigen.
reicht dir ein Blick. eine Gedanke.

Schweigsamer. Laufe nicht fort.
die Tür bleibe offen.
und unverhangen das Fenster.
alle Gaben der Stille.
jegliches. was ihm hinterlassen sei.

recordare [cantus firmus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und wenn der Tag sich neigt
und unsere Schatten lang genug
sich zu berühren
einmal noch

gedenke ich
an deiner Seite wachend
des ersten Frühlings
und seiner zaghaften Blüte

ich wehe fort
und bin im Laub das Rascheln
du drehst dich um
und weißt die ferne Heimat wieder

und hast das dunkle Auge
der vergess’nen Aster
die nach der Zeit sich streckt
so gut sie kann

so greifst du an den Knauf
der off’nen Pforte
die leere Warte vor dir
wo das Ruhlose sein Ende fand

und wenn der Tag sich neigt
siehst du im Staub die Spuren
und hörst ihn sagen:
hier kehrt‘ ich heim für dich

quod sum causa tuae viae [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

wer wollte schon aufhören
wer sich zurücknehmen
mit dem Gesicht von fahlem Morgenlicht
mit der Klage der Schatten unter den Augen
mit von Worten wunden Lippen

und hinter der Starre und dem Schweigen
das nicht Vergessliche

aber leicht wehen die Trauergewänder
in den Winden zwischen Sommer und Herbst
und die kühle Luft auf dem langsam fließenden Wasser
scheint wie der Atem einer Stimme
kurz vor dem Ruf hinaus

es ist noch nicht genug
und wird es nie sein

und ein Echo könnte sagen
du wirst ein neues Haus betreten

da will ich bei dir sein
die erste Nacht
bis die Amsel wieder singt

und bis dahin wache und sage mir
was mit dir verging
und erzähle mir auch von deinem letzten Traum
denn er soll sich nicht vergessen

sieh mich an
bis du dich ganz gehüllt hast in meine Liebe

flüstere die Namen derer
die ich grüßen soll
die dir wie Sterne waren
und deine Seele tranken
und weiterzogen
über das Ufer der stockenden Zeit
wo du gestanden in der Herzensschwere

weil du dich wieder erinnern konntest
an den einsamen Augenblick
in dem du mich erkanntest

bevor das Gras vergeht

am Ende aber wird dir wieder eingefallen sein, was du wolltest. bevor sie eingefallen sein werden. in die leeren, kühlen Wohnungen. die Himmlischen. denen hungert und dürstet nach den verlassenen Seelen. die sich nicht mehr besohlen lassen. und wie Zerknülltes liegen in den Ecken der Zeit

und dein eingefallenes Gesicht anzufassen, strecken sie ihre Arme aus, als stünde ihr letztes Mahl auf den Tischen, als sei ein letztes Mal die Sonne versunken in ihrem Tränenmeer und zöge dann mit sich alles Verschüttete und wüsste die Wiesen nicht mehr, die unter ihr wuchsen und dufteten und ihr jetzt sagen könnten, dass alles Farbige aus der Lust gerät und alles Schattige aus der Idee

was mir verging

hier bin ich
unvollendet
von Anfängen erfüllt

endlos in Spiegeln und Gegenspiegeln
die offenen Pforten
aus denen die Wege stürzen
wie Bäche in die Täler
wo die Erde schon wartet
mit staubigen Händen und trockenen Zungen

hier war ich
und kann kaum mehr sagen
wovon ich Abschied nahm

die kahlen, gespaltenen Enden
der Äste uralter Linden
wie Schnäbel der Störche
als ob sie hier überwintert hätten
verhungert in ihren Wünschen

Schatten der Wanderer
und Schatten der Bäume
am Rand der Wälder
Ränder der Welt
die hinter mir liegende

hier werde ich immer sein
nah an eines Anderen Seite

Wiesen und Seen
in gleichen Augenblicken
und an entgegengesetzten Ufern
das Fließende stehend
dazwischen die Fenster
an denen vorbeigezogen
an denen gestanden
was mir verging

Waka 36 [Variation | Geschichte | n | unergründliche | Worte | x | -te | Versuchung | Strudel | Mangel an Fülle | ein fernes Auge | aufgepfropft | ein fremdes Gehör | Schütte der Seele | UferLos | dennoch | und dann noch | Gehäuse aus Klang | bis ein Licht | s- | mich gebrochen]

bleib‘ doch stehen
in deinen Träumen. dann und wann.
Kreuze. Hoffnungen. aufgestellt –
Setzlinge an den felsigen Kanten der Zeit.
Ab- und Durchbruch –

Wunde. Erwachen

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 46 der Wanderungen

lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 109 der Erstarrung

du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.