seh[n]end | mitt.woch | versprochen

[Variation | Sammlung der HoffnungsLose | Buchführung des Versäumten | … | Pünktchen Pünktchen | halb | mein Mondgesicht | halt | mich fest | Mutter. deine müden Weidenzweige]

Foto: Allan Acosta Greño

Freitag. kamst nicht heim.
wollte dich bekochen. sprachst:
wir seh[n]en uns Mittwoch wieder.

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Beschwerde/complaint | Prof. em. Dr. K. O. | Quarterly of the Fellowship of the Blank / VFdL: Vierteljahrsschrift der „Freunde der Leerstelle

Nach eingehender Prüfung kommen wir zu dem Schluss, dass das oben zitierte Haiku formal nicht der Struktur 5–7–5 gerecht wird sowie inhaltlich eine unverhältnismäßige Überfrachtung mit emotionalen Restbedeutungen aufweist. Die Einfügung der Klammer ist verdächtig hermeneutisch. Wir empfehlen eine sprachdiätetische Revision im Sinne des regulierten Bedeutungsverzichts.

The editorial board has decided to distance itself from the sentimental density and temporal symbolism implied in the poem. The Wednesday/Friday tension is considered an unacceptable projection of linear affective sequencing. We apologize for any perceived resonance.

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Ein anonym bleibender Japanologe. Unauffällig gebliebener Leserbrief im Quarterly…

Das Haiku – ursprünglich hokku – verlangt keine Weltbeschreibung, sondern eine Öffnung ins Unsagbare. Das klassische Haiku nennt einen Moment der Wahrnehmung, einen Jahreszeitbezug (kigo), eine Zäsur (kireji). Dieses moderne Haiku (Deutsch, posttraumatisch) erfüllt all das in gebrochener Weise: Freitag als kigo (Frühsommer des Verlusts), die kireji ist das Wort „sprachst:“ – ein offener Mund im Rückzug. Die Variation „seh[n]en“ ist ein Akt der inneren Kireji, die Trennung durch das Einfügen. Der Versuch, die kleinste Form mit der größten Wunde zu laden: poetische Tapferkeit. Ich verbeuge mich.

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Randnoten

Freitag: Ein Tag der Kreuzigung. Des Abschieds. Im Germanischen: Frigg, Göttin der Liebe. Im Christlichen: Tag der Wunde. In der Bürokratie: der Beginn des Wochenendes. In diesem Gedicht: der Moment des endgültigen Nichtankommens.

Mittwoch: Der Tag in der Mitte. Ein Versprechen zwischen zwei Leeren. Auch: Merkurtag. Gott der Botschaften. Der Zwischenhändler. Hier: Ort der Hoffnung. Termin der Sehnsucht. Der Nicht-Tag, der nie mehr erreicht wird.

Bekochen: Ein Akt des Sorgens. Der Hingabe. Wer kocht, glaubt an Rückkehr. In der Küche entsteht: Bindung. Hier: eine Handlung ins Leere. Das Menü der Vergeblichkeit.

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