TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.24 | 773-SARS-CoV-2

[Tag 421 der Isolation]

wir dürfen die Toten nicht sehen. damit wir sie nicht vergessen. als Lebende. ihr Land ist nicht hier. ist kein Land. hat keine Hügel. hat keine Ufer. hat keine Fugen. hat keine Stege. die Schritte zu halten. über den Untiefen. ein Teil ihres Schlafs spaltete sich ab vom letzten Traum, den sie hatten. und fiel zurück ins Fruchtwasser, aus dem sich jeder von uns drei Wünsche hat angeln dürfen.

[du wolltest so gerne noch bleiben. und sei es nur für eine glückliche Nacht. und einen traurigen Morgen. aber beides wäre alles. was sich noch wünschen ließe]

sie nahmen aber nicht mit sich das schwere Stück Geschichte. das sie geschichtet hatten. das sie zurückgelassen hatten. hier. in den stillen Schichten der Gegenwart. verwittertes Strandgut. vergessen. weil davon nicht erzählt wurde. weil danach nicht gefragt wurde.

[aber warum hast du dich entfernen lassen. aus deinem eigenen Atem. und hast freiwillig verlassen dein Haus. dunkel waren die Zimmer. still war dein Garten. dass du fort warst, hat dennoch fast ein Jahr lang niemand bemerkt. manche behaupteten, sie hätten Schritte und Stimmen gehört oder konnten frisch gebackenes Brot riechen]

ihre Bleibe ist uns nicht bekannt. und was von ihnen geblieben ist, hat sich gelöst von ihren Namen. also wurden sie, die Verschwundenen, abgelöst von den Erschienenen, die nicht wissen, was sie von ihnen erzählen sollen. darum wurden die Erzähler ersetzt durch Chronisten. sie sitzen auf den Tragen der Geschichte. sie sehen über das Tragische der Gegenwart gelassen hinweg. denn die Geschichte löst die Zeit ab. von unserer Furcht. von unseren Falten. die Geschichte wird befreit von Gegenwart. und ihrer Entschichtung in Erzählungen wird nun ein Ende gesetzt. dass die Gegenwart beschichtet sei mit dem wunderlichen Firnis unglaublicher Einmaligkeiten. über die es unendlich viele Meinungen gibt. schrecklich ist ihr Gebell und Gekreisch‘. und ohne jeglichen Widerhall. Meinungen, sozusagen, ohne Deinungen. Ereignisse als Enteignisse. unserer Erinnerungen. unserer Träume. ein von der Zukunft abgelöstes Leben. in dem ein jeder Tag ein zwanghaftes Hecheln hervorbringt. als läge einfach jeder Mensch unablässig in Wehen und presse nichts weiter heraus als leere Vergessenheit. des Gestern. des Vorgestern. und des Vorvorgestern. oder wann immer sein Denken hätte einsetzen sollen.

[du wanderst still. du wandelst vielleicht schon in der Klanglosigkeit. wo sich keiner mehr hört. wo jeder umherirrt. im Gestein seiner Frage. wieso er sich nicht beizeiten Gehör verschafft hatte | … | du stehst in verschneiten Landschaften. aber du siehst jetzt nichts mehr. also duftet der Schnee nach frisch gemähtem Gras | … | ich stünde gerne ganze Nächte an verwaisten Bahnsteigen. wüsste ich nur, dein Zug führe bald ein, mit reichlich Verspätung zwar, aber so, dass du mich noch lebend anträfest. du wärst vielleicht nur auf der Durchreise. aber ich stiege ein und führe eine kurze Strecke mit. so weit wenigstens, wie ich sie zu Fuß zurück an einem Tag bewältigte | … | aber als du gingst, hattest du mir nicht gesagt, wen ich von dir hätte grüßen sollen. aber wem kann ich erzählen, dass du bei deiner Ankunft noch gelebt hast. dass du traurig warst, als dir niemand entgegenfuhr. dass sonst niemand gewartet hat. nach so langer Zeit. nicht mehr erwartet zu sein]

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