schnapp.schuss frucht.ziehung nieß.brauch kleb.stoff: im nutz-Los
war als alcina ein einziges schreibmaschinen- geklimper
wurde beschimpft gebührenfrei
woke mischpoke aufgeräumt und verklemmt
blitzblank zwischen den küchenkräutern nicht ein einziger krümel
trug bärte kalten milchschaums lehmzungen in die winde flüsternd
sprach: davor ist immer alles schlechter und so vieles bleibt danach das nie wieder gut werden wird
hatte keine idee was jetzt sein könnte wenn etwas sein dürfte
ggf. (genommenfalls) wie früher oder anders
für den verspäteten dickkopf im sand monostatos im white-facing am bahnsteig allein
oder die drei damen mit qietschenden gelenken zauberinnen zahnlos am lachen beinahe erstickt
wie säuglinge unter beschädigten schatten zahllosen an den erschöpften brüsten der weilich weisesten wala die den letzten zug in richtung ausgang der nacht fast verpasst hätte
wär um ein haar verdunstet wie daphne mit den feldern den seen den verheißungen und dem vergessen
weil niemand wandert und niemand segelt
die tauben nüsse mit stopfgehör
mit körpern aus pappmaschee und knochen aus zuckerwatte
entfernt aus den sauber beschnittenen immergrünhecken
falls ein: herbstverbot
und weil: die welt sehr im außen ihre innereien hat
stieg also: um (statt auf) trat also blindlings: in die kulisse
wusste: als sich der fuß der stummen dryade ins unumgängliche verdrehte –
etwas wichtiges war gesungen worden
und spürte wieder daheim im gähnen auf der brennenden netzhaut ein verlöschendes nachbild
Einladung zur Veranstaltung am Freitag, 29. Mai 2026, 19.00 Uhr, Woelfl-Haus Bonn
Titelblatt des Librettos. Zeichnung von Lovis Corinth (1909)
Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt?
Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde. Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns. Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.
Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?
Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (UniversitätBonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.
Die Veranstaltung findet im Woelfl-Haus Bonn statt (Meßdorfer Straße 177, Bonn-Lessenich). Das Woelfl-Haus Bonn ist mit den Buslinien 610 und 611 (Richtung Lessenich, Duisdorf) bequem vom Hauptbahnhof Bonn aus zu erreichen (Fahrtzeit: etwa 20 Minuten).
Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“. Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“. Vera Nemirova ist Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.
eine bühne. für beziehungen. oder: beziehungen als bühne. hinten: die wunder-bar. vorn: die erwartung. und dazwischen: eine dünne haut. das licht durchzulassen. ohne die andere seite sehen zu können. wenn einer ruft: ich bin es. ein wie flachs zerfasertes lächeln. ich bin hier. wo jetzt noch dort ist. aber ich könnte herüberkommen. in die spiel-bar. um spielbar zu werden.
mein atem fühlt sich jetzt bereits an, als hätte ich einen vorhang verschluckt. wenn ich lang genug weiterspreche, rede ich ihn auf. ohne mich oder etwas aufschwatzen zu wollen. ich will die sätze nur solange falten, bis sie blickdicht werden. ich spreche noch bis zu dem moment, in dem ich mich aus der wahrheit herausmoderiert haben werde. bis ich weiß, dass die wahrheit sich nicht mehr herausreden kann. und wenn der vorhang fällt, fällt auch mein letzter satz in sich zurück.
das ist der fall: falls ich die bühne betrete, falls ich sie nicht mehr verlasse, ziehe ich die alten bilder aus den gassen. von rechts nach links. den morgen in den abend. das morgen ins gestern. denn in mir und aus mir heraus wird flackern, was nie war und was nie wieder wird.
Prolog zum ENGEL DER VERZWEIFLUNG, Heiner Müller | Zwischenakttext zur Rostocker CARMEN, gesprochen von Lillas Pastia | Premiere: 30.09.2023 | Neuinszenierung von Vera Nemirova
ich bin frei. seit ich die Sehnsucht nicht mehr kenne. ich bin frei. ich stehe zur Verfügung. doch heute habe ich Ruhetag. ich bin frei. ich träume nicht mehr. aber ich lasse mir die Träume der Menschen erzählen. seit tausenden Jahren schon. Träume sind besser als das Leben, sagen die Menschen. Träume sind Leben. dann frage ich sie: und, wie war das Leben? sie antworten immer: ach, es war schon ganz gut, aber es hätte noch besser sein können. nun, ich kann das nicht beurteilen. ich habe selbst nicht gelebt. mein Leben floss durch ihre Erzählungen. ich bin so frei! und sie? Dem Einsamen brachte sie ihre Einsamkeit. und ging hinaus. mit ihren Träumen. ach, wie schön sie immer sang! aber ich kenne ihr geheimes Lied…