die erde wird. sich bald. geschlossen haben. keine andere antwort. wird sie geben. als auf die fragen der jahreszeiten. sie wird sich schließen. statt sich endlos überwuchern zu lassen. sie ist nicht zuständig für gedächtnis oder verheißung. luftige schatten. oder getippel auf zehenspitzen. das alles ist ihr gleich. weder ist sie wach. noch schläft sie. sie schweigt. nicht zu sprechen von den anderen. die ohne rast sind. vom mond gezogen. in lautlos-bleicher wiederkehr.
aber die schatten altern nicht. bringen eine ferne stille in die wälder. reglos wissend um die liebe. die mögliche. unerfüllte. immer steht an einem ufer. die idee vom ersten tag. und unter den dünen. unter den himmelsspiegelnden wellen. mag eine verborgene speise gelegen haben. so bleibt die frage: um welcher hoffnung willen hörte das atmen nicht auf. zu keinem augenblick? [!]
auf. seele. spanne des himmels. über den kümmernissen. mut eines schrittes. auf geduldigem weg. stunde des nachhalls. des überwundenen. aufgang. und morgen. an dem der schlaf beginnt. klarheit. eines dahin. niedergelegt. am jetzt noch unbekannten ort. nach langem schlummer. weiter noch. unterwegs. unter den wegen. am rand. in einer ecke. wo ein früherer wunsch. einen schatten wirft.
sonne. nicht dieselbe. wie gestern. die träume. ruhig. mit tiefen strömen dahin. lichter wie fähnchen zwischen den wellen. vom abend begrenzt. vom sterbenden sommer überwuchert. an einem augenblick aber bleibt das gedächtnis hängen. morgen für morgen. bevor es versinkt im erwachen. augen. wie aufgeschnittene trauben. hängen über dem stein. und seiner verwitterten schrift.
[sechster Ort, noch einmal: Doha, Transit-Futterhof – Limbus, Tax Free – Mangel an Schatten]
der Weg aus dem Traum in die Landschaft. Traum ist aber nicht gleich Unwirklichkeit und Landschaft nicht gleich Wirklichkeit. beides jedoch holt eine wunderliche Wahrheit ins Haus, in dem die Abstände zwischen den Räumen – und in den Räumen zwischen Tür und Fenster – je nach Tages- und nach Jahreszeit verschieden groß sind. die phasenweise Nervosität und die schönen Geschichten, zur Ruhestunde vorgetragen, sind sich stets sehr nah. die Suche nach dem Leben, das ohne Hindernisse geradeaus geht, ist allerdings ein absurdes Unternehmen. auf einer solchen Straße stünden die Gespenster Spalier oder ließen aus ihren Hufen giftige Sträucher wachsen. sie streuten süßen Samen in die Augen der Verlaufenen, und jene hätten fortan ein bitter-rauhes Schauen wie durch zerkratztes, rissiges Glas. die Klagen und die Wünsche würden nur so wuchern, und um jeden balsamischen Tropfen entbrannte ein aus Neid und Missgunst hervortobender Krieg, und jede Partei ginge auf jede andere Partei los, aus Angst vor der Vernichtung durch die je anderen und fremden; aber natürlich lägen am Ende alle geschlachtet in den selbstgeschaufelten Gräben…
aber noch einmal zurück zum Traum: die törichte Zuflucht ist in den getrimmten Gärten heimischer Dörfer; den Speckgürteldörfern zu eng und zu teuer gewordener Städte. Rasengärten ohne Raserei. Heckengärten ohne Ausgehecktes. Gärten der strengen Beete. der strengen Gebote. Rasenrobotergärten, in denen das Leben erst wieder – ein seltenes Vergnügen – jubelt, wenn die Katze eine Freifahrt unternimmt…
Landschaft aber ist ein gänzlich anderes Terrain: Landschaft ist ein Stückchen Land, das uns erschaffen hat – ohne Deutungs- und Rechtfertigungsdruck – und das uns zuruft: kommt! geht. und dann – bleibt für immer.
weil wir nicht hoffen umzukehren. weil wir nicht hoffen. weil wir nicht wissen, worum die Sage und die Trauer gingen. wenn uns einer fragte. und weil wir dennoch nicht verzichtet haben. auf die Gewitterworte. und jeglicher Zorn seine Stimme fand.
[Wir-kung]
darum stöhnen die Bäume unter zu viel Laub. und ihre nervösen Zweige sind wie ins Luftleere schlagende Flügel. der Wille, der einst die Wurzel der Buche zur Kralle bog, rutschte in den Spalt zwischen Fels und losem Gestein, hoch über der Brandung, lächerlich drohend dem unerschöpflich wogenden Wasser. wie eine bockige Göre, die sich für zwei Kugeln Eis die Stirn blutig schlägt auf dem Asphalt, hämmert der Wind gegen das Steilufer. und fleht bei den Schwalben um Stille.
[andere Zeichen]
ja, ja, die trockenen Wiesen des müdgeschwitzten Sommers. ja, ja, die vollen Beete und üppigen Stauden. und ja: die Trendfarben der Augen(Trauer)Weide. ja, ja, die in Küchenfenstern an den Dörrseelen nuckelnden Keramikhascherl. und viele weitere Gaben der Vergessenheit. und vor allem: ja, die endlose Reise, die ihr Verträumen drückte in die Sofakissen. wie die lichtschweren Gesichter in die Peelingmasken.
[Danksagung]
dem Gebein, das zu Sand zerbröselte. der Kühle des Abends und des Herbstes. der Zeit, weil sie sich uns vom Buckel schüttelt wie nach dem Bad das zottige Tier aus seinem Fell das Wasser.
[nachtragend]
weiß Gott, wohin es die Verschlagenen verschlägt. oh, die Schädel der Glocken. oh, die Zungen ihrer Klöppel. ja, satt ist das Land der Klänge und der Stimmen. hat sich gefunden im großen, letzten Ersäufnis. hat sich abfinden lassen vom schalen Atem der Leberkranken.
[Wettervorhersage]
unvermeidliche Traurigkeit. dunkler Grund des glücklichen Wachstums unzerstörbarer Träume. die untrennbare Bleibe in den unerreichbaren Tiefen der Kindheit. Furcht und Frucht. unlösbar der Schatten vom Licht, der Schaffende vom Schlaf, die Erzählung vom Gedächtnis, die Erinnerung vom Ereignis, das Denken von der Schuld. des Danach. das ja auch nicht wäre ohne Davor. die Übrigen dann als die Sagenden. als die Hörenden unter den Schweigenden. und all die Schönheit des Lebens. weil unzerstreut seine Schmerzen.
[nicht zu vergessen: wie schön das Blau des Himmels unterm Wolkenzug. und: ganz ohne Zeitdruck zu beschreiben ein leeres Blatt Papier. dorthin zu schauen. ist. wie hier anzukommen. als wir noch Kinder. als wir noch hatten Mütter und Väter. denn: dort oben ist es sehr tief. aber: hier unten und dazwischen ist es jetzt. also: der Bereich einer möglichen Sprachlichkeit für den Augenblick. sofern er uns an etwas erinnert. das noch kommen soll]
wildes Gras. letzte Entfaltung im Träumen. ohne Ansprüche an die Wirklichkeit. auch das Lamm ist spät. und in seinem Fell ist die Müdigkeit des frühen Nachmittags. dennoch: die Zeit der Metaphern läuft ab. das Säkulum der Protokolle bricht an. die unverschlüsselten Gedanken täglich und pünktlich abzuliefern. bevor es dämmert. bevor es einem dämmert. und all die verstrickte und verstümmelte Sprache. abzulassen. ohne Ablass. wie den kondensierten Atem aus der Wasserklappe der ewigen Posaune.
[dritter Ort: Manila, Makati City, Jazz Residences, Tower C]
Alles lässt sich denken. Das macht es nicht einfacher. Die Grenzen des Denkens sind fällig (Verordnungen, Entscheidungen, Zwecke) oder zufällig (Ungeduld, Müdigkeit, mangelnde Zeit). Wen das Denken nicht erschöpfen soll, muss es lieben. Und wer es liebt, hat Freude an den Vorstellungen und den Vermutungen, an den verzweigten Pfaden, am Spiel und an den Geheimnissen. Dieser fragt sich, ob es vor dem Leben schon eine Existenz seiner selbst gegeben hat. Er erlaubt es sich, eine solche zu wünschen und ist nicht gram um die unbeantwortete Frage, um den unerfüllten Wunsch. Auch wenn der Anfang des Lebens Geburt heißt und sein Ende Tod, schreckt er nicht davor zurück, das Ende zum Anfang und den Anfang zum Ende zu machen. Selbst der Beginn der Zeit kann ihm ein hilfreicher Gedanke sein und ein nötiger Zweifel zugleich. Er wagt es sogar, seine eigene Vergangenheit für veränderbar zu erklären. Es mag sein, dass er dies tut, weil er eine innere Not spürt. Denn die Geschichte ist eine Wunde und die Erzählung eine lindernde Tinktur.
siehst die Hungrigen. hörst die Sprachlosen. teilst die Einsamkeit. die sich nicht teilen lässt. ihre Blicke werden sich nicht mehr heben über die steinerne Schwere ihrer Füße hinaus.
du bist der Hirte der Schweine. du hast nie vergessen, was sie über die Schweine sagen. und über die Ställe. wende dich einfach um. da war das Ufer seiner baldigen Rückkehr. zehn Jahre lang. darüber der Himmel, der diesem Land seinen verspannten Rücken zeigt. er lässt sich massieren von den Schiffen, die durchfurchen das schwere Wasser, so alt und grau wie dein Haar. in seinen Spiegelungen quellen hervor deine Gedanken an die golden schimmernden Wege, die vom Ende her gegangen werden. du wirst der Rufende sein und der Gerufene. der Fremde, der die Fackel hält um der verlorenen Schatten willen.
aber wenn er die Dünen aufwärts schreitet, hältst du die Küste mit deinen wurzelnden Füßen, dass die Heimat, die er glücklich wiederfand, den Schritten des viel zu lange Geirrten nicht entgleitet und davonläuft wie die Zeit.
Sollten wir uns etwa nicht sorgen um Gott? Die Spuren des Traurigen unter uns. Das Erloschene zwischen den Fetzen der Träume. Vielfach hat es uns gegeben, damit wir es einmal begreifen, was uns hielt bei den Straßen und Ufern. Aber doch nichts zu erbitten um der Bitte willen, sondern weil es um das Leben ging, das eigene, vor allem aber das der Anderen. Wir setzten uns selbst ein Ende, setzten wir Ihn nicht ein als den höchsten, einsamsten Wächter, setzten wir uns nicht aus der schmerzvollen Warte, auf die ein jeder Liebende sitzt. Es gibt keinen Urlaub von der Sorge für die tief und wahrhaftig Liebenden. Denn ihre Seelen geben sich unverändert den in ihnen Wohnenden, ganz gleich ob sie empfangen oder verlassen wurden. Und um ihrer Treue willen werden sie verwandelt sein ins dreifach gebrochene Licht des wundgescheuerten Glases, durch das all die Blicke all den Augenblicken hinterherschauen.
Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…