Eumaios – hinter den Fenstern

Foto: André Sarin

ich dachte, wir wären längst vermählt gewesen. als ich dich fragte und die Absage bekam… man sollte sich nicht zu sehr mit Geschenken überhäufen lassen, um das verzögerte Gefühl zu vermeiden, all diese Dinge zurückgeben zu müssen. Gewänder, in zwei Teile zerschnitten. volle Becher mit Vertrocknetem. Überwürfe. und ganz so nackt dazustehen. Gesichter, wie alte Krusten Brot. was braucht man um leben zu können? und was um weiterzuleben? heißer Stein glühender Wangen. die Tränen verdunsten im Nu. es muss viel Zeit vergehen, bis man sich ganz versteht. nein, nicht eigentlich ganz. vielleicht nur viel tiefer. und näher. und den Anderen ohnehin immer besser, als sich selbst… Haare waschen am Waschbecken, wenn es schnell gehen muss am frühen Morgen. und unter den Wasserhahn gebeugt, um sich die krausen Gedanken aus dem Kopf zu spülen. man ist kaum wiederzuerkennen nach drei Jahrzehnten. die Unruhe sackt in die Kissen. ins Moos. wie feuchte, kalte Luft am Boden. erschöpfte Wege, von den zahlreichen Schritten. den nie endenden. aber frage mich ruhig, was immer du wissen willst. woher ich komme. wohin ich will. [nicht was] Fragen kostet nichts. und das Wort wird nicht zu rasch abgeschnitten. es spricht sich gut herum, wenn einer lange schweigt. er ist stärker als ich. hat die Wege weggesperrt. lässt die Hecken wuchern. die Umarmung. nicht mehr so wie vorher. die Einsamkeit. wie immer… die vielen Geschenke hatten etwas Erdrückendes. warum dies Heimweh? weite Felder. hinter den Gehöften. Verlorenes. in guten Händen. wenn sie leer sind. klagloses Holz gefällter Buchen. Wälder ohne Schreie. ohne Schritte. schadlos die Flüsse. sehnen sich nach Floßen. Ḫumbabas Zorn unter dem schlafenden Laub. Ameisenstraßen auf dem gefallenen Triptychon. die Vorratskeller voll. für die Feier der Rückkehr. die Leiter hinauf zu den Deckenfresken. fest vernagelt. wer immer hinauf will, muss nur noch hindurch. nicht lange soll das Sterben dauern. wenn man es spüren muss. das Schicksal. das auf der Hand liegt. ins Rad geflochten. aber du bist ja gewandert. und hast dich nicht schicken lassen. auch wenn sie sagen: Einöde. und Einsiedler. und Einsamkeit. du weißt ja dennoch, wer bei dir war und sich nicht wie die Zeit vertreiben ließ. wer kommt jetzt noch? und bleibt eine Weile. und wäre ein wenig traurig bei der Abreise. Wolke auf ruhendem Wasser. Fels über dem Atmen. unstete Seele. weil der Körper immer an einem Ort. er war dort zuerst. er wird dort der letzte sein. sein Schatten gibt keine Antwort. trägt dich zum Abend. zum nächsten Morgen. wenn der Mond abgibt die Obhut. und die Fäden der Träume aufgeräufelt hat… der Himmel hat Platz für alle. da hängen die Antworten herab von den Sternen. und über den Körben und Kelchen offener Hände und Münder der Harrenden. aber lass ihn erzählen, der so lange warten musste auf ein Gehör. du brauchst nur Arme, die zum Höchsten wachsen wollen, auch wenn die schauenden Augen immer auf der Höhe der Wurzeln bleiben, weil die Erinnerungen nach unten fallen wie Früchte und welkes Laub. mächtig bist du weil du, keinen Namen hast. kein Gesicht. und die deinen dich sehen in ihren eigenen Spiegelungen. du lässt sie für dich sprechen. doch kommt die Rede, die von dir sagen soll, nicht immer von den Klügsten. ein ganzes Leben lang können sie davon sprechen, wo die geschmückten Schiffe ankern, jedoch nicht wohin sie fahren werden. die Wasser blau, erst vor den Ufern der Wüste. Streifen aus Smaragd. wie Saum der Sehnsucht. das Land zurückzulassen, um nicht mehr träumen zu müssen. mein Land, auf der Seite der Dämmerung. zwei Schritte entfernt, wenn du den Weg erkennst. die feine Asche, die sich ins Gestein treten ließ. nah der Stille, wo der Wind seinen Anfang hat… mein Traum war voll von deiner Rede. da warst du kein Schweigender mehr. und auf deiner Zunge lag alles, was ich hätte sagen sollen. so wie die Tage ziehen, denen du vorausgegangen. allein auf den Gipfeln, um da endlich in die Knie zu gehen. von Frost und Licht bedeckt. und geschüttelt vom Wunsch nach Geborgenheit. erstarrt, um weich zu werden, unter der aufgehenden Sonne, zwischen den Bergschatten, hinter dem Ziel, wo die Angst nicht mehr sein würde. hörst du ihn nicht auch rufen? zurück will ich. zu den Bäumen und Bächen. und wenn meine Augen aus Sand nichts mehr sähen, würde ich sie noch hören können und hätte den Duft des Nebels vom Licht her aus dem feuchten Gras gezogen. auf der kühlen Haut. und jetzt die Frage: wovor denn Angst? auf die niemand eine Antwort erwarten kann. aber soviel hatte ich doch sagen können: dass dort, wo es eine Angst gibt, auch eine Hoffnung ist. aber wirst du das auch noch denken, wenn du die Feldwege wanderst und vorbeigehst an den grasenden Herden. da scheint die Erde ihre Wunden geschlossen zu haben. nicht mehr zu erkennen werden sein die Furchen, auf denen die goldenen Ähren späterer Jahre wachsen. träumst du dann noch? oder schläfst du dann nur. erschöpft von den Wegen des Tages. aber für die Heimkehr muss es erst noch so werden, dass die Wege dich finden in deinem geheimen Ziel. ein anderes Leben durchdringlicher. selbst wenn die Orte ihre Namen verloren haben. nicht mehr weit der Rand der Wälder. und das Ende der Lähmungen. dass das Herz wieder brennen kann für des Tages Ausklang. wenn die Stille aufgeht als Mondnacht über den Äckern. doch dann soll seine Stimme sich dir noch nähern. etwas das sich an deine Seite schmiegt. ein anderes Leben. durchdrungen von deinem.

buchheimer fragmente

[begründung]

weil das leben sich wagen muss im vergehen. weil ein noch nicht gelöschtes den nächsten tag erleben soll. fern ist der horizont. schwach ist das auge. nicht einem fliehenden zu folgen. setzt sich ein fuß vor den anderen. werden die boote vom ufer gelöst. weil der raum erst entsteht in der bewegung.

aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Miriam Halfmann

wir könnten lieben. die Zeit. wir könnten sie uns schenken. wir könnten sie uns einschenken. wie feinsten, grasduftenden Tee. wie etwas, das uns bleibt, weil es mit uns verging. wir könnten es lieben. mehr als alles andere. wir könnten uns lieben. und wären einander die Einzigen. wir schenkten uns einen Augenblick, der auf uns gewartet hatte. mehr als ein einsames Leben lang. wir führen nicht fort, bevor wir nicht einmal ausgestiegen wären, um für eine Stunde zusammen am Ufer gesessen zu haben. und nichts zu sagen. und alles zu denken. wir könnten lieben. was wir sehen. wir könnten teilen. den einsamen Wunsch. hier schon früher einmal gesessen haben zu wollen. hier noch länger sitzen zu dürfen, als es die Zeit erlaubt. und wenn wir auch zeitig fort müssten, könnten wir lieben. den Ort. den wir nicht mehr verlassen. weil es der Ort war, an dem wir uns nicht mehr verließen.

Zum Text (Stand: 21.12.2023)

hier keine bleibende Statt

Bildersturm

tiefergelegt. der Himmel. schwer, wieder hochzukommen. wenn man sich einmal gesetzt hat. damit sich einmal alles setzen konnte. Seen wie Krater. ein Mond, von der Erde zu sich gezogen. Wohnung der leeren Zisternen. gleich ist unsere Liebe vorbei. gleich will sie neu beginnen. wenn unsere Leiber lieber zerstückelt grasen in der verlassenen Landschaft. einsam ist unser Beten. ein Murmeln im reglosen Holderbusch. ein Kauen der Pergamente, in die wir das Heilige brannten. Zergangenes auf unseren durstigen Zungen. Überliefertes. dem wir ausgeliefert waren. das wir nicht mehr ausliefern werden. den Kommenden, die wir geliefert haben. den Gelieferten. wir wandern um die Hügel und suchen unsere Schatten. wir wundern uns nicht ob der verlorenen Gräber der geopfterten Ahnen, die ja nicht ahnen konnten, zu welchen Hoffnungen wir einmal fähig sein würden.

dein Schlaf im Gestein des Leibes. erloschene Träume. Saum der Stege. hinüber in den Dunst der Vergessenheit. dort. wo sich ein rötlicher Nebel legt auf ein graues Wasser. deine Stimme. zergangen auf Gottes Zunge. hausend im Rätsel. hinter der harten Rinde der Buchen. die ihr Wachsen wagten am Rande der steilen Ufer. deine Sehnsucht. vergangene. Tau und Tränen. der endlosen Schritte Ende. endlich. Neige der Wege. der Umwege. Wiege des schrumpfenden Mondes. der Sterne Verwandlung. und die Knospen erkaltender Trauer. Engelsaugen. perlend ihr Staub. auf den Eibennadeln. und ihr ewiges Bangen wandernd die Scherbenpfade. aus Nacht und Unzeit.

aber. mein Wandern. mein Warten

子供

Stimmen. die sich entfernen. Wort. das den Sprechenden sucht. letzte Geburt. vor Anbruch des Tages. ein unruhiger Gott. im Haus seiner tausendheiligen Stille. rufe. wenn du noch bleiben willst. im Tiefen. die hohe Zeit. die drängende Bleibe. zu beschließen das Leben. liebend.

unerschöpflich. das Vergehende. Schmerz des Lassens. wer etwas hervorgebracht. wer zurückbleiben muss. einsam. erschöpft. Atem. der Seele Freude und Klage. Klang ihres wehenden Wehs. zwischen Bewohntem und Unbewohntem. ein Riss. wie ein Steg. über die Moore. die Meere.

ihre Hände. gelöst vom müden Gesicht. ihre Augen. in der gefüllten Schale. Schlag ihres Herzens. nach dem ersten Schrei. und wenn sie es trug. zum Ufer. zum Abgrund.

Zum Text (Stand: 12.11.2023)

aber. mein Wandern. mein Warten

Beginn eines neuen Text-Zyklus

ich bin fort. ich bin steckengeblieben. unterwegs. hängengeblieben in mir. die Augenblicke. die mich nicht verlassen wollen. als ich noch hier war. also: dort. wo ich wieder hin will. das ist lange vorbei. doch ich bin es noch lange nicht. ich bin der Gleiche. unter allem Veränderten. an den fremden Ufern. doch die Fragen lassen sich nicht auswaschen. und die Augen haben wechselnde Farben. aber ich muss das Fürchten nicht mehr lernen. darum gibt es keinen Grund auszuziehen. ich habe mich gut eingerichtet in den Wünschen. die sich nicht erfüllen werden. lieben und furchtlos sein. lieben und ein Pfund verlorene Seele zurückbekommen. von einem, der auszog, um sie zu finden. der mich so anschaut, als hätte er immer nach mir gesucht.

zum Text-Zyklus (Stand: 22.10.2023)

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 46 der Wanderungen

lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 109 der Erstarrung

du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 41 der Erstarrung

du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.

an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.

du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.

tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.