siehe. ein mensch. auch

[buchheimer fragmente]

ich bin der mensch. der fragt: worüber schreiben? wenn man nicht schreien kann. die siegel des schicksals kleben auf allen augen. die nächsten tage sind die entscheidenden. die scheidenden werden es summen. mit gebrochenen kehlen. ich bin der mensch. der die sterbenden sah. die verlorenen. deren stimmen den himmel zerrissen. ein brunnen jeglicher klage ist mein gehör. und die stunde, da selbst die heiligen stritten mit gott, ist die zeit, die den zorn nicht verschleiert. dass unter den stummen keiner dem höchsten gleicht. ich bin der mensch. der auf die suche ging. hier. wie dort. nach den schlägen und wunden seiner gerechtigkeit. nach dem opfer seines auges. den ratschluss zu erkennen. den rat. den schluss. ich bin der mensch. der durch die brennenden häuser lief. über die felder der geschlachteten. zitternd und sorgend um alles kärgliche. wachend am heck aller irrenden schiffe. ich bin der mensch. der in den schwarzen nächten haust. und die zukunft träumt. der fernen. der ihnen nachschaut. in einsamer trauer. und aus ihren müden schritten die sehnsucht reißt. höher schlägt mir das schwache herz. tiefer denkt sich das zweifelnde. am rande von allem. hinter dem vorhang der traufe. ist mein rücken die graue wand. in deren gewebe die toten verschwanden. ich bin der mensch. mit dem kahlen nacken. auf dem eine kalte klinge ruht. ich weiß, dass sie lebten. und welche wege sie gingen. ich weiß nicht, warum ich kein toter bin. wie sie. ich weiß nicht, wohin ich noch gehen kann. zurück. ich sehe die sage. von allem, was heimat war. ich sehe die täler und wüsten in ihren blicken. ich sehe den bitteren see. in dem die gabeln kahler birken stehen. ich bin der mensch. der ruft: bin nicht auch ich aus dem göttlichen schlaf gefallen? anders mag ich sein. als die gleichen. anderes fühlen und wollen. doch auch ich wurde entfernt. mit allen. die man vertrieben und vernichtet hat. das restliche jahr liegt auf meinem atmen. mir wurde gewiesen, es nicht zu vergessen. zu sein eine schwache stimme. die flüstert: siehe. ein mensch. auch.

buchheimer fragmente

[fragment | a small part broken off or separated from something | stückwerk. zu sammeln. lieferbares. über die großen wasser hinweg. wie fliegendes laub. gedanken. im andrang alles herbstlichen. mitten im frühling. im abfall. anfall. der kostbarkeiten | deliberately constructed | orte der ankunft. der abfahrt. der immer möglichen | this is a quiet room | flüstern. bis jemand brüllt. gegen die ruinen. angeschwemmt. die nicht ausgesuchte zone. wohin auch immer geworfen | ang isla kun pulo usa ka bahin sa yuta nga gilibotan sa tubig sa duha ka demensyon, taas inig taob ug ubang dagkong bahin uga yuta]


das übrige des jahres. nicht mehr das übliche. diskrete spuren. zaghafte biegungen. auf. und ab. und an. immer noch schön. sind die füße. nach so langem gehen. wie die einsamkeit der orte. wo sie jetzt nicht mehr sind. unvergesslich. wo sie noch sein wollten. zweieinhalb tage. wo niemand sie sieht. aber ein schweres atmen zu hören. in der knappen luft. in der alle träume gleich klingen. alle worte. nach denen nicht mehr zu schnappen. mit tauben fingern. wenn zum steilufer geworden. der rand des bettes. aber noch fern genug die wellen. vom schlaf. in dem kommen soll. der tod. ganz zärtlich. sich selbst gleich. wie die zeit.

aber. mein Wandern. mein Warten

für Bakiş Demir

雨

niemand fragt nach Träumen. das Entsinnen hat die gedeckten Farben von Trockenblumen. grausüchtige Welt. das Nämliche vertrieben aus den Namen. das Ähnliche aus dem Fremden.

wer mehr wandert, wundert weniger. leichter zu gehen. durch Wälder. durch die alten Zeiten. leichter zu vergehen. in den Schattenwänden. auf der anderen Seite.

die Triebe der Verzückung. immerfort rauschende Sprache. immer. fort. heller zu sehen. in der Schönheit der tanzenden Finsternisse. weil Wüste. und wohin sie auch immer treiben mag.

und das Übrige nicht dem aasfressenden Getier. das Letzte nicht dem Hassenden. weil einem Jeden ein Abend wird. aber nicht allen ein nächster Morgen.

到着

wohin geht es hinab? weniger wird das Licht. weniger der Klang. eng sind die Gassen. hoch die Mauern. das Uferlose breitet sich aus. vor den Schauenden. das kalte Bett. das einsame Boot. durch den Nebel treibend. in mondloser Nacht. fern ist die Heimat. ohne Ankunft die Fremde. erloschen die Erinnerungen. an die Kindheiten. an die Toten. die durch die Träume liefen. wer wüsste noch, was er hier wollte? was er dort verlor? das Alte versunken. das Neue ungeboren. wer lehrt uns den Jammer? wer sagt uns von den freudigen Zonen? der plötzlich Heimgekehrten…

die Leere lässt sich nicht auf links drehen.

was wird aus der Sehnsucht? wenn sich die Liebe wirklich zeigte. vergebliche Sattheit. und der Träume Ödnis…

迂回

wanderndes All. Schlingen der Umwege. Unterbrechungen. Pforten der Anfänge. und dann weiter. von dort. wo die Abschiede wohnen. wo wir lernen. das Alphabet der Schmerzen. im verzerrten Licht. im verzehrten Schatten. wortlos. der Frühling. unbemerkt. auf noch staubigen Augen. aber durch die Winde finden wir einen Eingang. vielleicht. und dann Auslieferung. und die Päckchen liefern sich den Wünschenden. Sprache der Liebe. lange Rede des Meeres. Gott. der in die Leere fällt. der ewige Einspringer. in der Werkstatt des Flügelschlags. der abgezählten Herzen. der ungezählten Ausgezahlten. aus den Kerkern der Hoffnung entlassen. und besohlt für den Marsch durch die bodenlosen Erwartungen.

plan. die Weiden des Glaubens. Steppen. Ebenen. planlos.

warte noch. gleich ist Zeit. jetzt ist Schlaf. und morgen ist auch Schlaf. Gleichung der Träume. Tag und Nacht. Ankunft der Engel. die den Belag schöner Landschaften über die Schlachtfelder ziehen.

wer zu früh kommt, den erdrückt die Zeit. wer nicht warten kann, den bestraft der Tod.

unter der Erde. ein Gesang. der sich auf den Staub legt. auf der Welt das Hämmern der Schritte. das ihn tanzen lässt. auf Stock und Stein. aber. wenn erst einmal die Zweifel geklopft sind. aus den flaumigen Kissen der Holda. die uns den Berg herüberschob. und immer noch glaubt, ihre Ablösung sei gleich da. sie schont ihre Stimme nicht. schreit durch die Wolken. und greift mit brennenden Händen in den Schnee. sie würde so gerne sein. verrückt. irrend durch die Wälder. wie alle. die vergessen haben. zu fragen. wenn sie eine Wunde sahen. nur: ihr macht noch Angst die Gefahr einer Pilzvergiftung. und sie will nicht begegnen der Urgroßmutter des Leibhaftigen. die im Gehölz nach ihren Zähnen sucht.

もっと

entzündete Winde
der einzelnen Worte Einsamkeit
Weg. Wunsch. Wendung. Wacht
wenn das Meer spricht
und keiner kommt

von ferne. mit der Heimat im Auge

掴む

ich habe für den Tod gespart. ich habe mir das abgespart vom Leben. jeden Morgen spaziere ich vorbei an den Parkplätzen. vor den Pflegeheimen. ich lege die Wege. zurück. und etwas Zeit für später. wenn ich nicht schlafen kann.

nur zwei Zeitalter gibt es: das der Verwendung und das der Verwandlung.

nicht erst mit dem Mond begann mein Schlaf. mein Frühlingstraum. nicht erst mit dem Wind begann mein Herbst. geschnittenes Gras der vergangenen Jahre. Pfade und Stufen. erschöpft. von den Schritten.

nur die Weiden, als hielten sie zusammen das letzte Licht und Wasser, und wüssten schon, wer hierher zurückkehrte, allein, legen ihre Schatten auf die stille Erde.

im Glas mag ich dann sein. wenn du hindurchschaust.

7 nocturnal poems & 1 love song

[interim notice | Πένθος]

for Miriam Halfmann & Allan Acosta Greño

in narrow places. among the angels. they find room everywhere. waiting for you to move on. and ascend. once again to higher planes. far away from the lost shores. where the remains of the wall are no longer visible under the grass. remembrance. weary clouds. that will no longer discharge. the footsteps of the escaped. through the sleep of the earth. wasteland. devoid of desire. sacred crystalline toneless infinite field of lilies. the moderation of transience. not to squander eternity. the slender dream. the dew of memory. the deaf tongue of the pilgrim. the blind gardener’s glued eyes. because he is prohibited from speaking about what he has nourished. for a life too long.

to the complete text

aber. mein Wandern. mein Warten

die Sehnsucht schießt ins Kraut in diesen grauen Tagen. wie Frühlingswiesen. die Luft möchte tauen mit den Kinderstimmen. auf einem schlafenden Meer. das nichts von seiner Tiefe weiß. und der Sand seiner Küsten wie die Stirn, hinter der das Vergessene lauert. darüber Felsen, an denen der Himmel zerbrach.

aus allen Schloten steigt der Irrtum. und mischt sich mit dem Atmen der Engel. die ihre Stimmen wund gesungen haben.

frei. in jedem Augenblick. still. aber nicht klanglos. in der Klarheit der Erinnerungslosen. das schlafende Leben in allen Dingen. ungetrennt vom Traum. ununterbrochen in der Idee des Anfangs. im Glauben, dass alles geschehen kann. auch das Gegenteil.

keine Furcht. keine Helden. keine Opfer. und wenn das Licht sich dreht, geht es weiter in aller Ruhe. am schönen Wasser entlang. und es entsteht eine Lust. hinüberzulaufen. und eine Gewissheit, dass dies gelingen kann. ohne nasse Füße zu bekommen.

der Rand ist die Mitte. so hat sie überall Platz. da ist viel von dem, was etwas sein kann. und viele sind da, die jemanden zu sich rufen. der Tod teilt sich mit. und das Leben breitet sich aus. ein erster Klang fällt durch die Leere der frühen Luft. und will sich nicht aufhalten in seiner Einsamkeit. weitere Klänge werden ihm folgen. und das Nichts in die Farbigkeit der Dämmerungen heben. im Moment des Verhallens. wenn der Zeit nicht mehr zu entkommen ist.

Zum Text (Stand: 14.01.2024)

aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Miriam Halfmann

wir könnten lieben. die Zeit. wir könnten sie uns schenken. wir könnten sie uns einschenken. wie feinsten, grasduftenden Tee. wie etwas, das uns bleibt, weil es mit uns verging. wir könnten es lieben. mehr als alles andere. wir könnten uns lieben. und wären einander die Einzigen. wir schenkten uns einen Augenblick, der auf uns gewartet hatte. mehr als ein einsames Leben lang. wir führen nicht fort, bevor wir nicht einmal ausgestiegen wären, um für eine Stunde zusammen am Ufer gesessen zu haben. und nichts zu sagen. und alles zu denken. wir könnten lieben. was wir sehen. wir könnten teilen. den einsamen Wunsch. hier schon früher einmal gesessen haben zu wollen. hier noch länger sitzen zu dürfen, als es die Zeit erlaubt. und wenn wir auch zeitig fort müssten, könnten wir lieben. den Ort. den wir nicht mehr verlassen. weil es der Ort war, an dem wir uns nicht mehr verließen.

Zum Text (Stand: 21.12.2023)

hier keine bleibende Statt

Bildersturm

tiefergelegt. der Himmel. schwer, wieder hochzukommen. wenn man sich einmal gesetzt hat. damit sich einmal alles setzen konnte. Seen wie Krater. ein Mond, von der Erde zu sich gezogen. Wohnung der leeren Zisternen. gleich ist unsere Liebe vorbei. gleich will sie neu beginnen. wenn unsere Leiber lieber zerstückelt grasen in der verlassenen Landschaft. einsam ist unser Beten. ein Murmeln im reglosen Holderbusch. ein Kauen der Pergamente, in die wir das Heilige brannten. Zergangenes auf unseren durstigen Zungen. Überliefertes. dem wir ausgeliefert waren. das wir nicht mehr ausliefern werden. den Kommenden, die wir geliefert haben. den Gelieferten. wir wandern um die Hügel und suchen unsere Schatten. wir wundern uns nicht ob der verlorenen Gräber der geopfterten Ahnen, die ja nicht ahnen konnten, zu welchen Hoffnungen wir einmal fähig sein würden.

dein Schlaf im Gestein des Leibes. erloschene Träume. Saum der Stege. hinüber in den Dunst der Vergessenheit. dort. wo sich ein rötlicher Nebel legt auf ein graues Wasser. deine Stimme. zergangen auf Gottes Zunge. hausend im Rätsel. hinter der harten Rinde der Buchen. die ihr Wachsen wagten am Rande der steilen Ufer. deine Sehnsucht. vergangene. Tau und Tränen. der endlosen Schritte Ende. endlich. Neige der Wege. der Umwege. Wiege des schrumpfenden Mondes. der Sterne Verwandlung. und die Knospen erkaltender Trauer. Engelsaugen. perlend ihr Staub. auf den Eibennadeln. und ihr ewiges Bangen wandernd die Scherbenpfade. aus Nacht und Unzeit.

aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Allan Acosta Greño

wie du warst. den letzten Herbst. Laub, das ins Dunkel fiel. stilles Herz. Straße. durch den leeren Tunnel. zwischen den Nachtgewächsen. Stunden des Schweigens. ein erster Sturm. am Anfang der Zeit. sprachen doch zueinander. in unseren Träumen. sangen uns zu. die weißen Segel. ferne Rufe. nacktes Gestein. in die Beete gepflanzt. starr in der Hoffnung. die Schatten nicht mehr verschwunden. lautloses Band. zwischen Abend und Abend.

aber. mein Wandern. mein Warten

子供

Stimmen. die sich entfernen. Wort. das den Sprechenden sucht. letzte Geburt. vor Anbruch des Tages. ein unruhiger Gott. im Haus seiner tausendheiligen Stille. rufe. wenn du noch bleiben willst. im Tiefen. die hohe Zeit. die drängende Bleibe. zu beschließen das Leben. liebend.

unerschöpflich. das Vergehende. Schmerz des Lassens. wer etwas hervorgebracht. wer zurückbleiben muss. einsam. erschöpft. Atem. der Seele Freude und Klage. Klang ihres wehenden Wehs. zwischen Bewohntem und Unbewohntem. ein Riss. wie ein Steg. über die Moore. die Meere.

ihre Hände. gelöst vom müden Gesicht. ihre Augen. in der gefüllten Schale. Schlag ihres Herzens. nach dem ersten Schrei. und wenn sie es trug. zum Ufer. zum Abgrund.

Zum Text (Stand: 12.11.2023)

aber. mein Wandern. mein Warten

noch ein kleiner Schlaf. vor den Scheidewegen. noch ein vergessener Traum. um die Wunden gewickelt. denn wo die Entwurzelten an den Ufern stehen, tropft die stumme Not der Hoffnung von den Weidenzweigen.

legt eure Kindheit zu den Steinen am Abhang. geht euch nicht von der Seite. dass Schatten an Schatten lehne. vor der Stunde des einsamen Flügelschlags.