Lied der Stufen [veni creator spiritus]

[Mecklenburgische Elegien | LiederGabe]

siehst du nicht auch: das Laub verdorrte
Ruf des Erbarmens. des Schweigenden…
wie klingt sein Gedächtnis. in den Falten der Ewigkeit

wärst du nicht auch sein Gefährte, der mit ihm verharrte
in seinem Schatten, dem tiefer sich beugenden,
weil ihn der Dienst am Lichte so freut?

bald nun die Eiszapfen. glühend über den Schächten
an jedem Ort der Trauer, wo er nach Leben begehrte
Fugen dazwischen. sinkend in Worten und Tönen:

träumt er davon, was sie ihm Kostbares brächten,
wenn er sie reicher und zärtlicher nährte,
summend sein fernes, einsames Sehnen:

komme. lautlos. windstill. ein Regen wie Firnis auf deiner Haut.
sehen wir, blind, um zu erkennen, wenn unser Auge ergraut.

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.

Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.

[…]

du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.

[…]

als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.

dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten. 

du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.

peregrinari [LiederGabe 2]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

ich fühle die Möwen über den funkelnden Wellen
dein Boot. am ferneren Ufer
darin ein altes Schilf geduldig wachsen konnte

ich spüre: ein anderes Leben will sich erzählen
die leisere Stimme: sie kündete tiefer
und tropfte ins Erdreich, wohin ich mich wandte

da rufen die Wurzeln wie eingegrabene Laute
darin dein Gedanke: ans Licht zu klettern
dem besseren Kinde reifere Früchte zu bringen

der Garten, versteckt hinterm Haus, das ich dir baute
als Zuflucht vor jeglichen Wettern
blieb einsames Ufer, wo mir die Amseln singen:

komm‘, Frühling. das Echo der ziehenden Jahre
komm‘, Herbst. dass ich mein stilleres Auge erfahre

proficiscere, anima [versiculus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

meine Zeit | in deinen Händen

[für Wolkenbeobachterin | Danke Dir…]

Seele
das Kind

das Gras wächst
wieder

wes‘ Namen trug es
sein Lied entstand am Ausgang unbewohnter Wälder

darin die Blüte aufging
und über laubbedeckte Böden ging hinweg ein Wind

wegloses Wandern
Gedanken. irrlichternde

auf jeglichem Erwachen
Apfelernte. versäumte

und plötzlich lag Schnee
der Hoffnungen. der ungezählten

Waka 52 [Variation || Buch der Sprüche || Gott | deine Müdigkeit | zu gähnen | als fräße man den ganzen langen Tag auf | … | die Sucht vergessen | die Sehnsucht | nicht zu wissen | was man sucht | und nicht spürt | was einen heimsucht | … | der Anfang | eine Bewegung | wenn alles still ist | Beginn | einer Nähe | zum Liebsten | zum Tod | zugleich | wenn der Klang der Vögel ganz anders | und der Glockenschlag wie ein kühler Wind über den Wellen | … | endlich zu begreifen | welche Schönheit ist | in der grundlosen Verliebtheit | … | man muss nicht viel wissen | aber dass man das einmal gewusst hat]

wer einige Zeit allein ist
ist sich nicht sicher
ob noch jemand kommt
wer lange Zeit allein war
ist frei von Erwartung

γένοιτο [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

da draußen aber
muss noch ein Boot sein

als die Nacht aus dem Wasser stieg

es muss noch das große Leuchten des Tages
an seinem Ausgang bewahrt haben wollen
und fährt den Süden sicher nun ans letzte Ufer

dann wird still sein die See hinter den Nehrungen
die ihre Arme legen um ein schlafendes Land

doch auch wenn Drift und Gezeiten es forttragen sollten
muss es die Heimat sehen
sein Unvergessliches
wo auch immer es gefunden worden sein wird

mag es die Zeit verlassen
nicht jedoch den Kern seines Gedächtnisses
wo das Treibende sich fest vertauen konnte

sein Ende mochte es finden
an der Scheide der Wetter
an der Schwelle zum Nächsten
das bis dahin unbekannt bleiben musste

einzelne Wolken
werden an manchen Nachmittagen daran erinnern
und die Schreie der Möwen
werden sein wie die Fragen der Kinder
wo es denn sei

verstört mag Manchem die Küste erscheinen
versteinertes Rufen
auf Buhnen und Stegen
leer
trotz allen Getümmels

und einsam mag jemand hocken
am Schoße der Düne
und denken
dass die Küste niemandem gehörte

aber allen das Boot
da draußen

Apódeipnon [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

Apódeipnon [Mecklenburg Elegies | Two Week’s Song Book]

Fünf-Waka-Variationen | Five Waka Variations

versäumte Jahre.
Stunden. von Mattheit gesäumte.
auf Wind. warten die Inseln.
die Gärten. auf Regen.
und duftend nach Entgangenem. ein jeder Schatten.

Augenblick. einst.
reglos im Spalt des Lichtes.
und vergessen. fast.
Trübsal. und jedes wunde Wort.
das ins Dunkel tropft. darin die Zeit verschwindet.

warte nur ab.
Ufer der Wiederkehr.
sieh dir ins Auge.
seh‘. deiner Seele anderen Namen.
gestrandet. am Ort des Abschieds.

weit. wie der Tag.
Horizonte. ziehende.
mit allen Farben ins graue Meer.
weil Wolkenhimmel.
weil Schrecken. vergessener Blüte im Gras.

erloschen. dann.
haltlos in den Entfernungen.
doch falls sich öffnet. dein Herz.
leuchte. dem Liebsten.
der jede Nacht nach seinen Träumen sucht.

years. missed.
hours. lined with languor.
for wind. waiting. the islands.
the gardens. for rain.
and scented with what has been lost. every shadow.

moment. once.
motionless in the crack of light.
and forgotten. almost.
gloom. and every sore word.
that drips into the darkness. where time disappears.

just wait.
shore of return.
look yourself in the eye.
see. your soul’s other name.
stranded. on the site of farewell.

far. as the day.
horizons. moving.
with all colours into the grey sea.
for the cloudy skies.
for the horror. of blossom in the grass. forgotten.

extinguished. then.
unstoppable in the distances.
but if. your. heart. opens.
shine. on the beloved.
who searches for his dreams. every night.

Zur Sammlung Mecklenburgische Elegien | To the collection of Mecklenburg Elegies

Non | brevis

ruhend | unter dem Regen | ziehend | in anderen Farben | an Sonnentagen || umgänglich | unumgänglich || an Feldern entlang | kreisend | um die nähere kleinere Welt || hält er den Atem an | hält er die Flügel bereit | falls aufkommt ein Wind | falls er aufkommen muss | für ein gesprochenes Wort || oder auf dem Boden | einer fremden Hoffnung

Evensong

let yourself | fall | unseen || remain behind | your part | the works | wordlessly paid || escaped | the dark | and your hearing | in the heart | of the silence || do not gaze for too long | at your creation | that was allowed to be | only because it had to pass away || lonely hand | toil and exhaustion | because you gave yourself | to the past | that it was not in vain || thus you spoke | so it bear its name | undaunted | in deep and resting fear