Werkstatt VII: das Leben [nicht zu] einfach machen

für Vera Nemirova (Freundin. Muse. Meisterin)

Foto: Vera Nemirova

das Leben [nicht zu] einfach machen
nicht zu
im Klang von Wind und Regen

am Rand des Steges sitzt das Kind
und zählt die Fische
und gibt den Sternen Namen
wenn es sich schlafen legt

es kennt nicht die Furcht vor dem Staube
und sieht sich hissen die Segel einsamer Boote
zuzusteuern dem Ferneren
der mütterlichen Liebe Fesseln zu entkommen
und eines Tages
aus den Augen sich den Sand zu waschen
nach langer Wanderschaft

heilend nun dem Tode zugewandt
wenn mancher Liebe Schmerz durchschritten
wenn eines Lebens Hoffnung die gegangnen Wege säumt
und wenn es endlich von der Stille in den Wunden, in den Wundern träumt

aber. mein Wandern. mein Warten

die Sehnsucht schießt ins Kraut in diesen grauen Tagen. wie Frühlingswiesen. die Luft möchte tauen mit den Kinderstimmen. auf einem schlafenden Meer. das nichts von seiner Tiefe weiß. und der Sand seiner Küsten wie die Stirn, hinter der das Vergessene lauert. darüber Felsen, an denen der Himmel zerbrach.

aus allen Schloten steigt der Irrtum. und mischt sich mit dem Atmen der Engel. die ihre Stimmen wund gesungen haben.

frei. in jedem Augenblick. still. aber nicht klanglos. in der Klarheit der Erinnerungslosen. das schlafende Leben in allen Dingen. ungetrennt vom Traum. ununterbrochen in der Idee des Anfangs. im Glauben, dass alles geschehen kann. auch das Gegenteil.

keine Furcht. keine Helden. keine Opfer. und wenn das Licht sich dreht, geht es weiter in aller Ruhe. am schönen Wasser entlang. und es entsteht eine Lust. hinüberzulaufen. und eine Gewissheit, dass dies gelingen kann. ohne nasse Füße zu bekommen.

der Rand ist die Mitte. so hat sie überall Platz. da ist viel von dem, was etwas sein kann. und viele sind da, die jemanden zu sich rufen. der Tod teilt sich mit. und das Leben breitet sich aus. ein erster Klang fällt durch die Leere der frühen Luft. und will sich nicht aufhalten in seiner Einsamkeit. weitere Klänge werden ihm folgen. und das Nichts in die Farbigkeit der Dämmerungen heben. im Moment des Verhallens. wenn der Zeit nicht mehr zu entkommen ist.

Zum Text (Stand: 14.01.2024)

Werkstatt VI [Waka | Tagtraum. unter den Zweigen]

[durch Mark und Bein. die Kälte. Hütte nahe des Flusses. Orte, an denen das neue Jahr erst im Frühling… Wegesränder. wissen um das Verschwundene. was fort ist. was da war. was nicht bleiben konnte. weil sich das Dunkel breitete. auf den Wassern… Farben der Stimmen. zwischen Weiß und Dämmerung. bronzen. Hügel ohne Namen. im Trost des Morgennebels… erwarte nichts, wenn du ans Ufer trittst]

zeig mir ein Schönes
das Atmen einer Schneenacht
zur Mondzeit. den schlafenden See
sing mir ein And’res
wenn sich der Klang des Windes verliert

Acht Miniaturen

WiederSprüche

I

bringt euch ein
!
setzt euch aus
[…]

II

ich möchte so gerne
zu dir kommen
dich fragen
wohin die Welt
aus der wir kamen
ging

III

die Gräber
wichen den Türmen
wo sie Wache halten
wichen den Gärten
wo wir uns glücklich laufen sollen
wenn wir wieder zu viel träumten

IV

fremd wird uns bleiben
bis zum Tod
die eiserne Sonne
der eisige Mond

V

bin ich
das
nicht mehr
?

VI

die Schönheit
zu schön
diese Dinge
im Gestein
unter wuchernden Zweigen

VII

diese Zweifel
die sie hegen
viel lieber
als die Beete
und die Gewohnheiten

VIII

es ist
nie zu schön
um spät zu sein

Zwei herbstliche Waka-Variationen

Schmerz einer Drehung | letztes Schauen | während das Schicksal gewrungen und geschleudert || Reinigung von seiner Irrsal | durch die endlosen Tunnel | der einsam schlafenden Schlange

der Winter wartet
auf die Verlassenen
die ohne Trauer sind
die in ihren Schatten warfen
den Nachhall eines zerschlagenen Lebens

Frühlingsgedanke | im späten Herbst

ihr kleinen Blätter
fallt doch auf unsere Füße
fällt doch das Licht des Ufers
zwischen die Schritte
dass unsere Augen Knospen seien