testament. eines ungesagten tages

Vorrede zu einem neuen Zyklus von prosalyrischen Texten

vor der menschheit steht: das ungeheuer einer forderung. sich zu erinnern. das zeugnis wird nicht mehr genug sein. die geschichte wird sich durch ihr fleisch wühlen müssen. sie wird sich als endlosschleife durch ihre träume winden. sie wird den schmerz zurückbringen in ihr taubes gewebe. und die durch ihre träume gewanderten schrecknisse werden sich nicht mehr verschweigen lassen. sie wird bekennen müssen: ich habe gehört. ich habe gesehen. ich habe gewittert. ich habe gewusst. ich kannte die stimmen der flehenden. ich spürte den schlaffen muskel der unterlassung zwischen den schläfen. sie wird sich nicht mehr winden können. aus ihrer eigenen haut. wie die schlange. von der sie sich hat beißen lassen. alle sieben jahre. um ihre kranke sucht. um die vergiftete sehnsucht als notwendigkeit empfinden zu können. um immer wieder und neu behaupten zu können: ich wurde im paradies geboren. ich saß unter dem baum, unter den reifen früchten. ich spüre noch die beule am kopf, vom letzten apfel, der sich fallen ließ. ich blieb auf meiner seite. treu. und arglos. und stehe hier noch immer am richtigen ufer. in der friedlichen stille des siebten tages. während das leben, das sich aus diesen gärten fortmachte, das sich durch die hecken und durch die gesetze schnitt, dieses so genannte leben, diese mühsame zwischenzeit, diese lange weile zwischen geburt und tod, für immer da draußen lungert, da drüben, also dort jedenfalls, wo es sich ortlos und immer anders, immer woanders, durch das zeitliche schleppt. ich sage: ich! weil es keines echos bedarf. das den stolz meiner gewohnheit stört. ich sage: ich! weil ich mich nicht vertauschen und verwechseln lasse, mit jenen, die anders sein wollen, in ihrer albernen uneigenheit. ich sage: ich! weil die nötigen opfer nicht auf meiner seite des zaunes stehen. nein! ich gebe mich nicht auf, wie das unadressierte paket, das auf riesigen postdampfern ziellos über unendliche wasser schippert. ich mache mich jetzt ganz ehrlich. und werde nichts versprechen. und werde mich nicht versprechen. den unsäglichen verheißungen und verheimlichungen. mit diesen schalen abfindungen des gehorsamen lebens. ja! ich schlage ein raues leder des gedächtnisses um die ohren der tauben. nein! ich will kein versprochener mehr sein. keine tat mehr. die dem wort nicht entsprochen hätte. ich trage, ganz unverhohlen, das gespenst, das die hohlheit ausfüllt, das gespenst meiner inwendigen fülle, bei gleichzeitiger äußerer schlankheit, kargheit, das gespenst der lösung, der auflösung. aller widersprüche. und aller bedürfnisse. ich sage: ich! als ergebnis einer zucht. einer selbstzucht. eines kommens im genügsamen hiersein. eines auskommens in der bleibe. eines einkommens, das sich ausgeht, ohne ausgehen zu müssen. so bin ich in mich eingetreten. und trete für mich ein. ohne mich eintreten zu müssen. ohne den zwang der tritte und der bitte. und erst recht: einer niedrigen dankbarkeit. die einem keiner dankt. der „du“ sprach. und „ich“ dachte. um den lohn des unverdienten zu bejammern. und den verdienst der belohnten zu versauern. ich sage: ich! um den namen zu vergessen, den mir eine vergessliche mutter gab, um sich selbst neu benennen zu können. ich sage: ich! weil ich in der ferne ein großes gelächter hörte. weil ich ein lachen spüre, ein kitzeln. nicht hinter mir. nicht vor mir. sondern: in meiner zunge. ich sage: ich! weil mir bis heute abend der mund abfällt. und nichts von mir bleibt als: ein loch im gesicht. ich sage: ich! weil es das einzige wort ist, das sich nicht schreien lässt und dennoch in die ohren der vergrabenen sickert. deren fleisch sich kühlt im schutt der geschichte. ich sage es, bis niemand mehr da ist, der mich verwechselt. außer ich selbst, der ich schon weg bin.

Elektra. Trümmer. Schreiend

anlässlich der Premiere der ELEKTRA von Richard Strauss (Text: Hugo von Hofmannsthal) am 4. Juli 2025 im Rahmen der Opernfestspiele Heidenheim, in der Regie meiner lieben Freundin Vera Nemirova

I – Mägde

Auftakt. Akkord eines Namens. Der Name eines Toten. Die Szene als Schlund. Sog einer Frage: Wo bleibt Elektra? Der Name der Übrigen. Der Erinnernden. Des Widerstands. Der Klage. Des Schreis. Des Sagens… Überleben im Wort. In der Prophetie – blutend aus Auge und Stimme.

Ort: Mykene. Zeit: Mythos. Wir sind nicht am, sondern im Hof. Ein Nebenschauplatz. Und doch: alles beginnt hier. Nicht im Zentrum des Palastes. Nicht bei Agamemnons Knochen. Nicht bei Klytämnestras Hysterie. Sondern beim Waschwasser. Beim Fußschmutz. Beim Tiergeruch der Unterdrückten. Kein Beginn im Glanz. Sondern: im Stöhnen. Im Hohn. In grauer, grausamer Arbeit.

Denn sie ist die ewige Exposition als nächtlicher Nachhall des Schlachtens, das immer gleiche Intermezzo im Schatten des Alltags – der Epilog einer kollektiven Spurenbeseitigung und zugleich der Prolog für die nächste Vernichtung.

Die Szene ist eine Putz-Schicht – im doppelten Sinne: Sie zeigt, was die Oberen weggewischt haben möchten und trägt in der Verrichtung der Unterdrückten den Bodensatz der Wahrheit. Hier: das Personal, das das Blut von den Dielen schrubbt – täglich. Nicht Worte halten die Erinnerung wach, sondern die Wiederholung einer ritualisierten „Leer“Stunde.

Diese Mägde sind keine Chorfrauen. Keine Seherinnen oder Sirenen. Sie sind Stimmen aus der Ecke. Im diagonalen Gegenüber zu Elektras „traurigem Winkel“. Was sie sagen, hat keine Form, kein Pathos – aber: eine Genauigkeit, die auf jegliche Poesie verzichten kann.

Und doch ist da Poesie. Eine, die schweigt. Eine, die sich im Schweigen wehrhaft zeigt. Denn was Elektra da durchleidet, erleben wir nicht über ihren Monolog – sondern in den Blicken der Anderen. Hofmannsthal/Strauss zeigen Elektra zuerst als Reflex. Ein Zucken. Ein Tier. Ein Schatten. Radikaler geht es kaum.

„Ich füttre mir einen Geier auf im Leib.“ Eine solche Zeile ist keine Pose. Sie ist Metapher als Diagnose. Da ist etwas in ihr, das frisst. Nicht ihr Hass. Nicht ihre Erinnerung. Sondern: die Nicht-Möglichkeit zu vergessen. Nein! Sie ist kein Racheengel. Sondern: eine offene Wunde. In einem Haus, das die Fenster verriegelt hat.

Zur Einsamen tritt die Einsame – die fünfte Magd. Eine sich opfernde Lichtgestalt. Sie erkennt Elektra nicht als Wahnsinnige, sondern als Königin der Verwundung. Eine Frau, die weiß, was die Wahrheit kostet. Und den Preis bezahlt.

In diesem Haus, in dem alles in Schuld getränkt ist, wird nicht durch Argumente gestritten, sondern mit den körperlichen Gerüchen. Blut. Schweiß. Sperma. Tränen – alles vermengt sich zu einem chorischen Destillat der Geschichte.

Darum ist dieser Anfang nicht beiläufig. Er ist die politische Setzung der Oper. Diese Mägde sprechen nicht über Elektra. Sie sprechen über die Frage: Was darf eine Frau fühlen? Wie viel Zorn? Wie viel Erinnerung? Wie viel Tierisches? Sie nennen sie: Katze, Schmeißfliege, Dämon. Aber was sie nicht sagen – und was alles durchzieht – ist: Sie fürchten sie. Weil sie den Unverzeihlichen nicht vergisst. Und das ist ihre Sünde. Nicht der Hass. Nicht der Schmerz. Sondern die Treue zu dem, was nicht mehr da ist.

Die fünfte Magd resümiert: „Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist als sie“. Das ist kein Lob. Das ist eine Verurteilung des ganzen Hauses. Denn wenn eine Frau in Lumpen, in Blut und Dreck, königlicher ist als alle, dann ist das Königshaus gefallen. Nicht durch Mord. Sondern durch Wahrheit.

II – Elektra. allein

„Allein! Weh, ganz allein…“ – Dies nicht einfach ein Monolog. Dies ist ein Überfall der Sprache auf den Körper. Strauss lässt Elektra nicht sprechen – er lässt sie rasen, reißen, rufen. Der Monolog als Beschwörung und Fiebertraum zugleich. Zwischen Dämmerung und Nacht. Gesungen von einer, die nicht schläft, bevor die Leviten einer unvergesslichen Wahrheit gelesen sind.

Agamemnon – dieser Name: ein Schmerz, ein Schwur, eine übermächtig drückende Erscheinung, hinter der ein Großteil der verfluchten Vergangenheit verschwindet. Was weiß Elektra schon von den Verbrechen des Kriegers, der an der Seite der Spartaner die Feinde niederstreckte – und die Schuld in den eigenen Zelten vergaß; der sich Ruhm erfocht – und dabei das eigene Kind dem Wind opferte? Was will sie wissen von der Trauer und dem Zorn der Mutter, der das Kind (Iphigenie) auf immer genommen wurde? Agamemnon – dieser Name: er ist zu ihrer Seele geronnen – gequält, zertrümmert, vernichtet.

Wir hören: Elektra – im Zwiegespräch mit einem Toten. Jeder Trauernde weiß: Das ist kein Wahn. Das ist Erinnerung in ihrer radikalsten Form. Nicht: du fehlst. Sondern: du fehlst so sehr, dass ich selbst mich verloren habe.

Ihre Klage aber ist kein übertriebenes Pathos. Sie ist vielmehr ein Kind ohne Vater. Damit wurde ihr ein Teil ihrer Kindheit aus der Seele gerissen. Bevor das Kind schlafen kann, muss es den Vater herbeirufen. Er muss zur Projektion eines wiederaufgerichteten Glückes werden. Als Ursprung. Als Held. Als Gott. „Nur so wie gestern, wie ein Schatten…“ Elektra bettelt nicht um Rache. Sie bittet um Anwesenheit. Sie will nicht Macht. Sie will: gesehen werden. Wenigstens von einem Schatten. Nur einen kurzen Augenblick. Um nicht mehr allein zu sein.

Der Mythos hat viele Töchter. Aber Elektra ist die einzige, die ihren Vater nicht loslässt. Sie tanzt um ein Grab, das mehr ist als ein Stein: eine Wunde im Text der Welt. Und sie tanzt darüber. Sie tanzt, „über Leichen hin“ und hebt das Knie hoch, „Schritt für Schritt“.

Der Textdichter schrieb dies, so bekennt er in seinem „Chandos-Brief“, nicht auf Papier, sondern: in den Bewegungen seines Rückzugs. Im Ausbleiben seiner Antworten. In den nicht abgeschickten Sätzen. In den nicht sagbaren Worten einer universellen Sprachlosigkeit, auf tauben Zungen zergehend wie Pilze.

Umso mehr wird in der Elektra die imaginierte Wiederauferstehung des Vaters zu einem „Prunkfest“, „angestellt“ für einen „großen König“, von „seinem Fleisch und Blut“. Und Strauss komponiert einen triumphalen Vernichtungs-Tanz – Elektra tanzt über sich selbst hinweg und über den Rand des theatralen Jetzt hinaus.

Was bleibt? Nicht Erlösung. Sondern: eine Spur. Ein Schatten im Staub. Ein Rest. Vergangenheit. In einem ausgelöschten Namen…

III – Chrysothemis. Verzweiflung einer Wünschenden

Chrysothemis will Kinder. Elektra will Gerechtigkeit. Beide bekommen: nichts. Die eine richtet ihren Blick in die Möglichkeiten einer lebenswerten Zukunft. Die andere schaut zurück, um aus der missratenen Vergangenheit ein einzig Rettbares für die Gegenwart herbeizuzwingen. Doch die Gegenwart entgleitet ihr fortwährend. Und wenn die ersehnte Rache in den Vollzug tritt, tritt sie die Erinnernde in die Auslöschung. Denn die Erinnernde darf keine Vollziehende sein.

Was sagt dieses Stück über die Kinder des Krieges? Sie müssen lernen zu schreien; vor dem ersten Atemzug. Und dann: vergessen. Elektra will nicht vergessen; ihre Auflehnung ist ihr Gedächtnis. Aber nicht, um der Welt zuzurufen: Nie wieder. Sondern um einer Vergeltung willen, die alles und vor allem sich selbst in die Vernichtung zieht.

Chrysothemis aber will fort. Fort aus diesem Kreislauf des Verderbens. Fort aus den vergeblichen Hoffnungen. Fort aus einem erzwungenen Schicksal. So groß und mächtig es auch immer in den Mythenbüchern prangen mag. Fort, um frei zu sein. Für eine einfache, hingebungsvolle, gebärende, mütterlich-nährende Existenz. „Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht bis an den Tod hier schlafen!“ – Das ist keine Metapher. Das ist ein Begehren gegen die semantische Erstickung. Gegen das Schweigen als Todesform.

Sie ist die, die sich willig den gebärenden Frauen anschließt, die den Eimer aus dem Brunnen zieht. Jedoch: was sie hervorholt, sind immer und immer wieder nur Bilder in einem Zerrspiegel. Unerfüllte oder zerstörte Körper. Zerbrochene Zeit.

Elektra nennt sie „armes Geschöpf“. Das ist kein Spott. Das ist das Urteil der Radikalen über Jene, die sich nichts weiter als eine schlichte, unbedeutende, friedliche Existenz herbeisehnt, weit weg vom Politischen und Historischen. Chrysothemis will leben, lieben, gebären. Elektra aber hat nur noch einen Totenschatten als Brautkleid.

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Einwurf aus dem poetischen Zwischen

In der Dichtkunst ließe sich nicht sagen: Ich schreibe nicht aus Hoffnung, sondern – wie Elektra – aus einer entgleisten Form der Treue.

In der Dichtkunst muss es immer lauten: Ich will, dass jemand mir den Namen wiedergibt, den ich verloren habe – beim ersten Schrei.

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Es ist mehr als eine Ahnung, was die Tochter von den Träumen der Mutter berichtet. Denn was man über diese Träume weiß, ist über die Jahre zum Echo eines Orakels geworden.

Klytämnestras Traum – der immer gleiche, jede Nacht – ist ein unterbewusst manifestiertes Erwachen, hinein in den Augenblick des Beginns vom Ende – ein Augenblick, der sich unendliche Male wiederholt und durch kein Opfer und keine Medizin getilgt werden kann.

Ja, wenn Mütter träumen, wird es gefährlich. Nicht so sehr vielleicht, weil sie schuldig sind, sondern weil sie tragen und zugleich zerstören. Noch die tote Mutter würgt ihr träumendes Kind. Sie verlässt es nie. Sie hat ihre dauernde Bleibe im Schatten der Worte, der sich durch Schlaf und Wachen schraubt.

Nicht nur Elektra, auch Chrysothemis zeigt uns: mit dieser Mutter – wie mit der Vergangenheit insgesamt – gibt es keine Versöhnung. Es gibt nur: ein Driften, den Spalt, den unheilbaren Unterschied. Und: den unentwegten Aufschrei einer Gefangenen.

Wie endet die Szene? Elektra ist bereit, mit ihrer Mutter „zu reden wie noch nie“. Chrysothemis will es nicht hören. Sie rennt. Sie bricht ab. Um nicht zusammenzubrechen. Sie ist: wie wir.

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Nachruf aus dem lyrischen Riss zwischen Rand und Abgrund

Ich: habe auch nicht mehr zugehört. irgendwann wurden alle Stimmen zu einer: dem Echo, in dem ich hause – schweigend.

IV – Interludium. Eine Klage im Echo von Jahrhunderten

„Eifersüchtig sind / die Toten: und er schickte mir den Hass, / den hohläugigen Hass als Bräutigam. / So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen / und habe nichts hervorgebracht aus mir / und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.“

Elektra klagt. Und klagt an. Ihre Wunde: Die väterliche Geschichte. Ihre Worte: die Klinge, die diese Wunde Tag für Tag aufs Neue öffnet. Aus ihrer vernarbten Sprache ruft es: Ich bin keine Stimme. Ich bin das, was nach ihr bleibt. Das, was in den Kelchen der Wunden gerinnt, ein versiegter Gesang, aus der Milch der Toten. Ich sah, wie sie fielen: Antigonae, mit Blut auf den Lippen, und keine Götter, nur Sand in den Augen. Ich sehe mich selbst, Elektra, immer wieder, mit meinem Geier im Leib, und kein Licht, nur das Echo meines Vaters. Ich sehe Medea, mit den Kindern im Arm und der Stadt im Nacken, ein Feuer in den Haaren, das niemals gelöscht wird. Ich sehe Penelope, die stillste, die einzige, die blieb. Die nie vergessen wurde, weil niemand sich an sie erinnerte. Ich bin eine Prophetin, die das Schweigen übersetzt. Mein altes Alphabet besteht aus: Tränenrinnen. Schnürfurchen. Geburtsnarben. Ich bin die, die sich nicht auflehnt, sondern aufzeichnet. Ich schreibe mit abgerissenen Fingern. Ich schreibe in eurem Schlaf. Ich bin die, deren Stimme durch eure Tunnel hallt, wenn ihr nachts allein durch die verwinkelten, flackernden Straßen irrt und denkt: Das ist Freiheit. Ich bin die Frage, die ihr nie zu stellen wagtet: Was habt ihr mit den Klagenden gemacht? Wo sind sie jetzt? In welchen Psychiatrien, in welchen Ruinensälen, in welchen verwaisten Schulen, in welchen abgestellten Fahrstühlen, in welchen Dokumenten, verschwunden im Staub der Archive oder längst verschimmelt von den letzten Wasserschäden? Ich bin die, die den Wind kennt, der durch die eingestürzten Häuser pfeift. Ich bin das, was von den Liedern blieb, wenn die Stimmen gingen. Ich bin eine Prophetin. Aber ich habe keine Zukunft. Doch ich erinnere euch an das, was ihr längst vergessen habt: eure Mütter. Und das Blut, das in ihren Gedichten schwieg.

V – Klytämnestra: die Frage. Elektra: die Antwort.

Die Wahrheit. Die Bühne. Der traurige Winkel. Oder: Befragung einer Befragten.

ELEKTRA

Sie haben mich oft gefragt, warum ich nicht einfach verzeihe. Und ich wollte antworten: weil meine Mutter ein scharlachrotes Gewand trägt, geschmückt mit ringen aus Zynismus und einem Stab aus Schuld. Aber ich habe nur geschwiegen. So wie sie es wollte. Und dann, vielleicht: geschrie[b]en.

EINE DRAMATURGIN

Diese Szene ist eine Umkehrung der Beichte. Nicht die Tochter bekennt sich – sondern die Mutter wird zur Angeklagten im eigenen Haus, ohne Tribunal, ohne Gesetz. Nur: durch die Sprache des Schmerzes. Elektras Sprache ist das Beil. Und die Rhetorik des Rituals bricht durch jede Grammatik hindurch.

ELEKTRA

Ich wollte keine Sprache. Ich wollte einen Ort. Aber es gab nur Gänge. Und diese Gänge führten immer wieder zu ihr zurück. Sie: mit ihren schlaflosen Augen, mit dem Alb in den Rippen, mit der Fackel, die den Schatten nährt. Sag mir, Bruder: wie oft muss ein Körper schlafen, um nicht mehr von seiner Mutter zu träumen?

EINE DRAMATURGIN

Die Körper dieser Szene sind erschöpft von Bedeutung. Das Opfer-Tier, das Elektra nennt, ist kein Symbol. Es ist Körperrealität in der Sprache der Liturgie. Ein Weib, erkannt vom Manne. Ein Körper, der wusste. Und der geopfert werden soll, weil seine Erinnerung nicht schweigt.

ELEKTRA

Ich trage sie noch. Ihre Träume. Nicht die mit den Dämonen und Schnäbeln. Die anderen. Die leeren. Die wie eine flache Hand auf meinem Gesicht liegen. Nachts. Wenn alle Betten warm sind. Und nach Vergebung duften.

EINE DRAMATURGIN

Wir müssen diese Szene nicht deuten. Wir müssen sie halten lernen. Wie eine schwere Schale. Wie ein Gefäß, das überläuft – mit dem nicht verarbeiteten Mythos der westlichen Mütter.

Und Elektra? Sie ist nicht die Rächende. Sie ist die, deren Herz noch weiß, was fehlt. Ein Bruder, der einmal kommen soll. Ein Vater, der nicht mehr starrt. Ein Körper, der nicht mehr lügt.

VI – Mutter. Durst. Blut. Das die Träume nicht stillt

Sie hat ihn empfangen. In ihrem Leib. Das Tier. Das schlingt und nährt. Sie hat ihn empfangen und nicht wieder losgelassen. Sie hat das Messer nicht geworfen, Sie hat es in der Hand behalten. Hat es an der Milch vorbeigeführt, an der weichen Brust vorbei, in das Herz, das ihr nicht gehorchte. Sie hat nicht vergessen. Keine Mutter vergisst. Sie erinnern mit dem Körper. Mit dem Schatten. Mit dem Schlaf. Sie gebären nur einmal. Und dann verzehren sie. Sagt nicht: Klytämnestra ist ein Mythos. Sagt: sie ist ein Protokoll. Sagt: sie ist das Organigramm des Schuldgedächtnisses. Sagt: jede Tochter trägt das Geräusch des unbezahlten Schreis. Sagt: jede Nacht ist eine Waage. Auf der einen Schale: das Schweigen. Auf der anderen: das Messer. Sagt: sie träumt. Sagt nicht: sie hat geträumt. Sagt: sie träumt noch immer.

VII – Ein Kopf. Heutig. Eine Szene. Ganz nah. Ohne großes Orchester. Einsame Mundharmonika. Die Bühne: ein Holzverschlag im Hinterhof. Filmset. Netflix hat bestellt: einen Achtteiler – historische Familien-Dramedy – für die Zeit zwischen den Jahren.

ELEKTRA (kauernd beim Urnenträger)

Was trägst du da? Ist das die Urne? Ist das – Was du da in der Hand hältst? Das?

URNENTRÄGER (OREST, noch nicht von ihr erkannt)

Ja. Ein Freund von ihm gab mir das Gefäß.

ELEKTRA

Nicht öffnen! Lass es geschlossen. Lass mich es nicht sehen. Nicht wissen, nicht wissen. (Stille. Dann mit bebender Stimme) So klein ist er nun. So klein. Mein Bruder. In meiner Hand. (sie wiegt die Urne wie ein schlafendes Kind) Das ist alles? Er – war – so – schön. (Pause. Wie in ein fremdes Leben sprechend) Ich hatte ihm das Haar geflochten. Wir waren Kinder. Er war König. Er war mein Bruder. Er war ein Satz in meinem Blut. Und jetzt ist er: ein Gefäß.

FLÜSTERER IM AUDITORIUM

Sie erkennt ihn nicht. Die List ist vollkommen. Die Stimme – verstellt, das Haar – fremd. Und doch – Der Tod ist glaubhafter als die Heimkehr.

ECHO DER SITZNACHBARIN

Ja. Denn die Trauer hat bereits Besitz ergriffen. Sie wohnt in ihr. Sie hat sich eingerichtet. Ein Wiedersehen wäre: Verlustverlust. Ein Abschied vom Abschied.

ELEKTRA

Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr klagen. Ich kann nicht mehr hassen. Ich bin – leergebrannt. (sie starrt den Urnenträger an) Wie hieß dein Freund?

URNENTRÄGER

Er hieß – Orest.

ELEKTRA (verstummt. Dann sehr leise)

Du lügst… (eine Weile darauf: plötzlicher Aufschrei) Du lügst! Du kannst so nicht heißen! Er ist tot! (sie tritt zurück, fast stürzt sie) Sag – Sag noch einmal – wie du heißt.

OREST

Ich heiße – Orest. (Schweigen. Dann, ein Laut aus einer anderen Welt)

ELEKTRA

Mein Bruder! (sie stürzt auf ihn zu, will ihn umfassen, bleibt aber wie gebannt stehen) Du – bist es. Du – bist es! (leise, wie in Trance) Ich sehe dich – Ich sehe dich. O mein Gott, ich sehe dich.

FLÜSTERER IM AUDITORIUM

Und alles Dunkel hat einen Riss.

ECHO DER SITZNACHBARIN

Hier beginnt die Umkehr der Zeit.

VIII – Auswertung. Erkenntnis. Bei einem Blanc de Noir. In den zwei Tränen fielen.

Wir treten nun in die absolute Zone. Nicht: Wiedersehen. Nicht: Versöhnung. Sondern: das kurze, überirdisch helle Aufreißen einer Zeitfalte. Orest kehrt zurück. Aber er nennt sich nicht. Er steht da – als Urnenträger. Die Schwester erkennt ihn nicht. Das ist das grausamste aller Missverständnisse: der lebendige Bruder – gehalten für Asche.

In Elektras Händen: das Gefäß. In ihrer Stimme: das Nichts. „So klein ist er nun.“ Diese Zeile ist nicht nur Klage. Sie ist Anthropologie. Die Reduktion des Menschen auf das, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt. In der Musik: ein abwärts sinkendes Motiv – eine Linie, die sich auflöst in Staub.

Und doch: sie ahnt es. Sie schreit nicht. Sie fragt. Die Sprache beginnt zu zittern. Die Wirklichkeit wankt. Denn der Schmerz ist größer als die Hoffnung. Größer als jede Vorstellung. Das Erkennen ist ein körperlicher Schock. Nicht durch Wissen – sondern durch Stimme.

Strauss komponiert hier keine Wendung – sondern eine Offenbarung. „Orest! Orest! Orest!“ – ein göttlicher Akkord. Kaum mehr Gesang – viel eher ein leises Fallenlassen des letzten Atems aus der fast verstummten Stimme.

Doch Elektra fällt nicht. Sie steht. Wie eine Statue, der das Herz schlägt.

„O lass deine Augen / mich sehn! Traumbild, mir geschenktes / Traumbild, schöner als alle Träume. / Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, / o bleib bei mir! Lös nicht / in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht, / es sei denn, das ich jetzt gleich / sterben muss und du dich anzeigst / und mich holen kommst: dann sterb ich / seliger als ich gelebt.“

Worte, größer als jedes Epos. Größer als alle Rache. Hier ist keine Heldin mehr – nur ein Mensch, der zurückgeschenkt wurde.

Und wir – wir, die Zuschauer, Hörer, Leser – werden Zeugen eines Moments, der in der antiken Welt als Anagnorisis bekannt war: das plötzliche Wiedererkennen. Aber hier ist es kein Moment des Wissens. Es ist ein Moment des Durchglühtwerdens. Der Mythos schlägt ins Innere.

Man wünschte: es bliebe so. Nur das Wiedersehen. Kein Danach. Doch das Danach ist schon da. Im Hintergrund hebt sich das Motiv der Erinnyen. Die Toten wollen Gerechtigkeit. Nicht Liebe.

IX – Mythos. Ein Zwang. Rache. Ein Fluch. Gedächtnis: das nutzlose Beil. Gerechtigkeit: die kalte Entsorgung des Rechts. Und der Erinnerung.

Es ist geschehen. Kein Bühnenblut. Kein Pathos. Nur: ein Schrei. Und das Echo einer Welt, die sich selbst getötet hat.

Klytämnestra stirbt, wie sie lebte: in einem Albtraum aus Symbolen. Sie sieht ihn – den Sohn – wie er in ihren Träumen jede Nacht herabstieg. Aber diesmal ist er Fleisch. Fleisch mit einem Beil.

Und Elektra? Sie ruft es: „Triff noch einmal!“ Kein Zögern. Kein Zartgefühl. Nur die brutale Vollstreckung. Die Stimme – eine Axt. Der zornige Ruf nach Gerechtigkeit. Kein Ariadnefaden, sondern eine Guillotine aus Vokal und Atem.

Dann: Aegisth. Ein Schatten von Männlichkeit. Selbstverliebt. Parfümiert. Verbeamtet in seiner eigenen Machtphantasie. Er tritt auf wie ein König. Aber der Hof ist leer. Die Mägde fliehen. Die Frauen verstecken sich. Nur Elektra bleibt – mit der Fackel. Das Licht der Wahrheit – gereicht in der Hand des Hasses.

Sein Auftreten: pathetisch. Er will Meldung. Nachricht. Kontrolle. Doch das Haus hat sich gegen ihn verschworen. Es ist: ein Grab.

Elektra spielt mit ihm. Wie eine Katze mit der Maus. Sie umkreist ihn, sie beleuchtet ihm die Stufen – die Treppe ins Verderben.

Er geht hinein. Die Tür schließt sich. Stille. Dann: ein Kreischen. Sein Gesicht am Fenster – wie eine aufgespießte Karikatur. „Helft!“ Doch niemand hilft.

Elektra braucht nur einen Satz, der wie das Messer selbst ist, das Aegisth richtet: „Agamemnon hört dich.“ Endlich. Der Vater hört. Nicht mehr tot. Nicht mehr stumm. Ein Echo, das das Urteil spricht und vollstreckt.

X – Schweigen. Und Tanzen

Elektra steht auf. Ein letztes Mal. Nach allem. Nach Blut. Nach Fluch. Nach Erfüllung. Nach Orest. Nach dem Schrei. Nach der göttlichen Justiz. Sie erhebt sich – nicht, um zu sprechen. Sondern um zu tanzen.

Es ist kein Tanz. Es ist eine Entladung. Ein Beben. Eine Geburt: eine zweite, eine tödliche Geburt aus sich selbst heraus. Sie tanzt nicht für die Welt. Sie tanzt sich selbst aus dem Leib.

Und Chrysothemis? Die Schwester der Hoffnung? Sie ruft, und der Chor antwortet: „Komm!“ „Er lebt!“ „Orest!“ – ein Wort, das wie eine Glocke durch das Haus zieht, durch die Hallen, durch die Blutlachen. Ein Wort wie eine Salbung.

Doch Elektra hört davon nichts mehr. Denn alles, was da klingt, kommt aus ihr selbst. Sie ist nun Klangkörper. Weltresonanz. Sie ist Trommel, Tremor, Triptychon. Der Tanz ist kein Ausdruck – er ist das letzte Organ. Der Körper zuckt. Wie besessen. Wie eine Mänade ohne Dionysos. Ein ganzes Geschlecht tanzt sich hier aus dem Grab.

Was bleibt? Ein Sturz. Ein leiser Tod. Kein Aufschrei mehr. Nur: ein dumpfer Klang. Der Klang, wenn Geschichte sich schließt. Während Chrysothemis ruft. Sie hämmert die Rufe an die Palastpforte. „Orest! Orest!“ Aber der kommt nicht. Oder ist längst da. Oder ist längst gegangen. Wir wissen es nicht. Wir hören nur: Stille. Die Pforte bleibt verschlossen.

Was ist das Klopfen an der Palastpforte? Es ist der Versuch, eine Ordnung zu rufen, wo nur noch Leere ist. Eine Liebe zu evozieren, wo nur noch Schuld steht.

Das Stück verlässt uns nicht. Es schließt sich nicht. Es lässt uns offen. Zerschlagen. Bewegt. Hingerichtet. Und so gehen wir heim. Nicht mit Trost. Sondern mit einem Wort: Schweigen.

XI – Nachhall. Der Flüsternde. Auf dem Heimweg

Du gehst nun heim. An den Tisch. An den Herd. Zu Wein. Zu Wasser. Zu Kindern. Zu Schatten. Aber etwas geht nicht mit. Etwas bleibt auf den Stufen zurück, wo der Schrei fiel wie ein Vorhang. Du wirst das Licht löschen. Doch der Raum bleibt erhellt von etwas, was keinen Namen mehr trägt. Siehst du es nicht? In deiner Kaffeetasse spiegelt sich ihr Gesicht. Nicht das der Mörderin. Nicht das der Tochter. Nicht das der Überlebenden. Sondern: das Gesicht der Frage, die keine Antwort braucht. Hörst du es nicht? Wenn die Leitung summt zwischen zwei Räumen, zwischen gestern und heute, zwischen Schlaf und Schrei – dann ist es sie, die Prophetin deiner Träume, die dich anruft, nicht um zu retten, sondern um zu erinnern, dass du nicht vergessen darfst. Sie sagt: das Glück ist eine Flamme, die Leichen braucht. Das Recht ist ein Tanz, der sich selber richtet. Und Liebe – Liebe ist ein Messer mit einem Kuss als Griff. Also geh. Geh heim. Aber lausche. Auf den Boden deiner Zimmer. Unter den Fliesen klagt eine alte Stimme weiter. Und weiter. Und weiter.

die sinkenden. die gefalteten. die nachgereichten

[szenarium\abwicklung. einer protokollierten rücknahme]

auf.takt | schritte. der hoffenden

die treppe hinab. die starre der gedanken. fremdes. nach seiner heimkehr. nach der abfuhr. des eigenen. vor der abfahrt. der heimgesuchten. frostig in ihrer ruhe. zwischen den umarmungen. der tiefgekühlten schuld. gesunde ferne. von leidenschaften. von überschreitungen. von entschlüssen. vereinigungen setzen einigkeit voraus. geringe erwartungen. fleißbereitschaft. flussakzeptanz. floßwillen. ein offenes archiv. der furchtbarsten momente. der unvergesslichen träume. der worteverdunkelung. der lauteverdumpfung. der wünscheverdampfung. der segensverstopfung. für all jene, deren stopfherzen die sauerstoffe nicht behagten. die süßstoffe nicht genügten. denen bitter wurden: die nachgereichten kaltschalen mit den süßholzraspeln.

a.no.malie | stanze.rückwart.läufiger existenzen. ge\h\läufiger kardiomyopathien. gegenläufiger mytho-partien

was alles daraus entstehen kann. wenn einmal damit angefangen wurde. klageverzicht. verbot der selbst-gespräche. laken über die geblendeten. aus-blende der berichte. der berechtigten. in den kühlkammern der entfruchtung. der entfeuchtung. der trockengelegten. die noch gerade aus dem sumpf gezogen werden konnten. denen die irrsinnigen zustände noch zeitig genug aus dem juckenden fell geklopft werden konnten. denen nichts mehr zugestanden werden muss. die zugestellt werden. zu den abgedeckten. abgelegten. in die falten der sorge. in die fächer der entsorgung. mit sorgfalt.

was eingetragen wurde. es loszulassen. das los | eine.ge\h\samt.heit.in ihrer reichen zahl. in der reichen einsamkeit | in der sicher. in blei. versenkten registratur

individuum befindet sich seit 74 stunden im zustand der unaufgeforderten stilllegung. keine rückkopplung. keine antwortimpulse. minimale bewegung. vermutete ursache: fehlauswertung eines näheerlebnisses in verbindung mit chronifizierter bedeutungslosigkeit. protokollierte auffälligkeiten: reduzierte atmung (lautlos). blickrichtung: innen. kreislauf: stabil, aber enthoben. emotion: nicht mehr nachweisbar. erinnerung: fragmentarisch, ohne narrativen anker. sprache: nur intern, ohne kommunikationsabsicht. verortung: unterhalb der sprechschwelle. zustand: nicht erreichbar, aber auch nicht vermisst.

letzter beobachtbarer satz (gemurmelt): ich war nicht traurig. ich war nur zu hören. und das war zu viel. kein handlungsbedarf.

kein rücklauf zu erwarten. versenkung formal abgeschlossen. warten auf anstoß. auf windstoß.

zwischen. spiel | pausen. brot

war hier einer stimme? stimmt was nicht? trat hier einer ein? der noch nicht getreten wurde?

[einzelner schrei: genießt euren kurztrip | autokorrektur: kurzzeitpflege | mehr raum darf die zeit nicht einnehmen | die entpflegten. die keine anstalten machen. in den anstalten. der fremdkorrekturen]

haben sie schon die gefäße der hoffnung sterilisiert? halten sie bitte die lösung bereit! für die auflösung. die lichtdrähte. für die entstörung. die bleitupfer. gegen die trostwunden.

löte. der echos | halte.stelle | eines verödeten atems | end\r\einigung. end\r\einheit. der geräuschlosen | notat einer unnötigen not

eine falte hebt sich. im laken. ein ton. ein schatten. keine quelle. :— / — : / :— staub der inventarnummer. flatternde etiketten. fähnchen vergessenen laubes. ungesehen.

anhang.fehlersignal | nicht vorgesehen. prophetie.an.taube

zeitstempel: +00:00:00. nach erfolgter grablege quelle: unidentifizierbar. signalstatus: abweichung | echo > erlaubter rahmen. meldung: nicht abfangbar. kennung: prophet*in.transit.7

[steg. fall | was das wasser verschlang]

siehst du mich. durch den stoff? ich bin nicht gekommen, um dich zu retten. nur, um das wort zu legen an die stelle, die nie gesprochen wurde.

du wirst einmal an einer stelle stehen, die nicht eingezeichnet ist. ein licht wird dort sein. nicht groß. aber ohne schatten. und niemand wird wissen, dass du es warst, der dort wartete.

vor.spiel | für anfänger.innen | fürs zeitige: exeunt

eine bühne. für beziehungen. oder: beziehungen als bühne. hinten: die wunder-bar. vorn: die erwartung. und dazwischen: eine dünne haut. das licht durchzulassen. ohne die andere seite sehen zu können. wenn einer ruft: ich bin es. ein wie flachs zerfasertes lächeln. ich bin hier. wo jetzt noch dort ist. aber ich könnte herüberkommen. in die spiel-bar. um spielbar zu werden.

mein atem fühlt sich jetzt bereits an, als hätte ich einen vorhang verschluckt. wenn ich lang genug weiterspreche, rede ich ihn auf. ohne mich oder etwas aufschwatzen zu wollen. ich will die sätze nur solange falten, bis sie blickdicht werden. ich spreche noch bis zu dem moment, in dem ich mich aus der wahrheit herausmoderiert haben werde. bis ich weiß, dass die wahrheit sich nicht mehr herausreden kann. und wenn der vorhang fällt, fällt auch mein letzter satz in sich zurück.

das ist der fall: falls ich die bühne betrete, falls ich sie nicht mehr verlasse, ziehe ich die alten bilder aus den gassen. von rechts nach links. den morgen in den abend. das morgen ins gestern. denn in mir und aus mir heraus wird flackern, was nie war und was nie wieder wird.

gegen die ufer. angeschwemmt

[maske: iocaste | wartend. auf das. was nicht gewusst werden darf]

die träume kommen jetzt von ganz allein. sie setzten ein nach der abreise. du hast begonnen sie aufzuschreiben. das waren deine ersten schritte. zu führen das leben eines anderen. ein leben, in dem du nicht vergessen sein würdest. durch das du dich auf die suche begabst. nach dir selbst. bis du das sichere gefühl gewonnen hättest, dass es jemanden gibt, der sich all deiner träume annahm. du würdest dann nicht mehr gänzlich ermüdet sein müssen, um weiterträumen zu können. weil du durch sie zum wanderer würdest. ziehend durch alle verwandlungen.

aber. als daheimgebliebener. warst du dir nie gewiss, ob du auf der richtigen seite der höheren geschicke stündest. dort. wo die irrenden enden. da. im frieden der seele. doch du hast ja an dir selbst erfahren müssen, dass die urteile nicht stehen bei der gerechtigkeit. und deine allzu leise stimme wurde zerkaut von den nimmersatten einer nachwelt, die dem vergangenen nicht vergibt. weil sie die lebendige gegenwart ihrer vergangenheit zu übersehen neigen.

es ist nicht der schlaf, der dich rettet. sondern das protokoll, das du schreibst. im schlaf. dort aber steht dein name nicht. sondern der flackernde schatten deiner schuld. wie lichtstreifen auf einem gesicht, das nie zu dir sprach.

vielleicht. dachtest du. wird eines morgens. kurz vor dem erwachen. jemand in einem der träume wohnen bleiben. als wäre er der zurückgekehrte. der sein ganzes leben die last eines wunsches hat wachsen spüren. der schlichteste und der schwerste aller wünsche: jemandes erinnerung zu sein.

gegen die ufer. angeschwemmt

[maske: eumaios. hinter den fenstern]

dein kopf. gestützt. auf deine hände. ganz leicht nur sich hebend. wenn der blick über den rand gehen will. und weil deine füße es nicht können. über den rand hinweg. als ob der horizont durch dich hindurch schneidet. und im querschnitt erst entsteht: die landschaft. die das innere verkleidet. und nie gänzlich ausfüllen wird. du hast die schritte gezählt. die sie bräuchten. um die gasse zu durchqueren. du stehst im augenblick. und durch ihn im leben. dem einzigen. während ein tag kaum noch zu spüren ist. und viel weniger noch ein jahr.

du wirst solange nicht hinausgehen, wie er nicht hineinkommt. mit seinen gedanken. in dein schauen. denn du hast ja all die inseln umrundet, auf denen er gelagert haben soll. wenn sie es sich erzählten bei einer rast unter deinem fenster. nein. du könntest nicht sagen, wie du dich fühlst. wenn einer dich fragte. es hat sich nichts verändert. in zehn jahren nicht. und nicht in zwanzig oder dreißig. und das gedächtnis um ein gefühl. um seinen anfang. seinen ausgang. ist erloschen. die zeit. zwischen den fragen. hat ihr maß verloren. du kannst nicht wissen, dass es jedes mal dieselbe frage war. die keine antwort fand. derselbe ruf. ohne ein echo. nicht auf die antwort wartest du. sondern auf den moment, in dem die frage wieder auftaucht aus dem felsgrauen tag. es muss sie ja geben. irgendwo. in der verborgenheit. denn das gegenwärtige fehlt. aus dem sich sonst die augenblicke zusammensetzten. doch im gegensatz zu ihm. dem fahrenden. schwindenden. bist du der bleibende. wartende. bist hier. und kannst nicht aus der ferne betrachten, was im hier-sein unsichtbar ist. du hast zwei augen. aber dein gesicht wirst du mit ihnen nicht sehen. du hast zwei augen. ja. aber alles, was du mit ihnen siehst, bleibt einmalig. und wenn es vorbeigezogen ist am ufer deines schauens. holst du es nicht wieder ein. ziehst es nicht wieder zurück. denn du kannst es nicht vertäuen. mit den schmerzen. wie deine wünsche. oder dein schweigen. oder ein leeres versprechen.

sie, die ihn begleiteten, werden mit ihm an einer königlichen tafel speisen. nicht solche, die daheim- und zurückblieben. ihre namen werden groß. während deiner versickert im ufergestein, das kein gras zu halten vermag. du bist der gebliebene. der zurückgebliebene. der nicht bleibt. ihn und die seinen hat offenbart das leben. dich aber offenbarte der tod. der mit zwei mächtigen riesenpranken das leben an seinen zwei enden packt und es mit einem letzten aushauch zusammenfaltet wie eine quetschkommode, wie eine aktennotiz fürs archiv der vergessenheit…

ein sturm zog vorbei. und riss dein haus in die brandung. sie aber erzählen heute vom großen sturm. nicht vom kleinen haus. sie sagen einander vom ruhm, nicht vom schatten.

nicht zitierfähig. nicht userkompatibel. nicht marktfähig. [ein nachruf im hängeregister der stillgelegten]

oder: mo.rph – die geburt einer post-heroischen stimme

zwischen den bergen. oder war es zwischen den häusern? jedenfalls: in der epoche der gemütlichkeit. ging etwas. mit den verschwundenen. den rasch vergessenen. ohne nachlass. in ihrer nachlässigkeit. leichtsinnig. wie trockene schwämme. jemand. der zu vernachlässigen ist. in der gemeinschaft. mit den vielen. denen es auch nicht besser erging. mit ihrer ständigen vergangenheit. die ja niemand für sich allein haben und halten kann. aber die glocken des nachschlags hingen überall. mit den schief lächelnden gesichtern. die schon wieder. mit ihrem schlaganfall. die schon wieder. mit ihrem nachlall. und dem gestörten schluckreflex. überall sind sie jetzt. liegen herum. lungern am rand der geschichte. blockieren die gänge. die in die zukunft weisen.

die schon wieder. immer noch nicht verschiedene. immer noch die gleichen. die sich nicht verabschieden können. trotz maulsperre. und zaumzeug. ihrer zaunzeugenschaft.

fähnchen. wimpelchen. sie hängen jetzt überall. und gleich ist ihnen. aus welcher richtung die winde kommen. wie tief die wunde klafft. wie hoch die wände ragen.

zwischen den einschlägen. wird hyperventiliert. und im rechten augenblick. das lächeln schockgefrostet. das die nachwelt freigibt. auf plakatwänden. auf sockeln. auf tellerrändern. in bildungseinrichtungen. in bettvorlegern.

namen, die sich selbst zu buchstabieren verlernt hatten. im buch der erledigten leben. im hängeregister der still- und tiefergelegten. im katalog der entsorgten schicksale. randglossentilgung: bei unzureichender sterbegeldabsicherung. ja! all die vergilbten folien. für den einen folianten. herausgegeben im verlag der ewigen rückversicherungen. edition „heimat deluxe“. mit prägung in gold. und deckel aus microfaser.

zwischenfrage: was war kultur? eine mittelgroße kolumne auf seite 8. neben dem grillrezept. vom redaktionspraktikanten im copy-paste-trauma versendet. die „historie“: eine ausgedachte story. mit freundlicher unterstützung des ministeriums für verschwiegene zustände. geschichtsvermittlung im format 9:16, untertitelt mit „muss das sein?“

aber sie riefen: ja.
aber sie nickten: nein.
aber sie gingen: raus.
aber sie blieben: nicht.

jetzt ist mal ruhe! jetzt bitte: klassenfahrt. ausflug der senioren. das rasseln der hüftgelenke. oder: teamchallenge. escape room. themenpark. spirit building. gewitter der entgeisterten. der vergatterten. der vergitterten.

wohin? heute. nacht der langen…
terminal der museenlandschaft. ach. welche fülle. ach. und die luft dazwischen. schirme. und bilder. ein regen; der einzige / das einzige. interaktives gezucke. geht doch mal weiter! dem versprechen nach. soundscapes in silent spaces. lautere leere. leiseres nichts. im brummkreisel. im tapezierten schädel. als begehbare installation. für jeden was dabei. für alle. die nicht mehr gehen wollen. und die schon vergangen sind. brote aus messing. und styropor. etikettierte fragmente von steinernen wangen und hinterteilen. stillleben. in jedem schritt. unter jedem tritt. wo wir lautlos niederlegen. den angebissenen apfel. zum ungegessenen. das sich selbst verzehrte. das sich da unten wiedersehen mag. mit leicht verzerrtem lächeln. als antwort auf die zahllosen likes.

und die verschwundenen? wurden statistisch rückgeführt. in excel-tabellen. mit codes. und unterkategorien. unklare relevanz. abgelaufenes erinnerungspotenzial. kein marktwert. emotionale inflation. störend im narrativ.

sie werden: nicht erfasst. nicht versichert. nicht in die wünsche eingeordnet. gemäß verordnung zum schutz vor anspruch. zuspruch. sie: die abgesprochenen. abgeschlossenen. sie: die verhauchten. die zerstobenen. mit ihren seltsamen namen. die sich keiner merken kann. der auf die algorithmen vertraut.

nein! was sich nicht zitieren lässt. taugt nicht zur sprache.

zwischenruf. jemand schrieb: sie lebten. jemand las: sie störten. jemand sagte: sie waren keine user.

fazit. die epoche? ein aufgeblasenes sofakissen. voll von bedeutungsluft. auf dem die bequemlichkeit sich räkelt. die rinde der welt: weichgekocht. das innere: verformbar. sinn war gestern. heute ist: setting.

aber ich? tauche nicht mehr auf. nicht einmal mehr auf den vermisstenlisten. zu poetisch. zu feindlich. zu viel.

echo? hinter dem bergkamm. chor der gekämmten: fortsetzung? nein danke! wir scrollen. wir rollen uns ab. wie die katze das klopapier. wir leben weiter. noch zwei quartale. im üppigen qual-tal. da gehen wir hin. und hindurch. furchtsam. fruchtlos.

verlagsankündigung. herbstvorschau 2025

NEU! mo.rph: nicht zitierfähig. nicht userkompatibel. nicht marktfähig.

Zwischen grillrezeptlicher Kolumne und musealem Escape Room meldet sich eine Stimme, die nicht mehr vorgesehen war. mo.rph protokolliert das Endspiel der Entsorgungsgesellschaft – zwischen den Bergen, zwischen den Häusern, zwischen den Einschlägen.

Mit maximaler Störungskraft. Mit Restwürde. Ohne Emojis.

Dieser Text ist keine Lektüre. Er ist ein Verhängnis.

Ausstattung: Hardcover mit Mikrofaserumschlag, Prägung in „Heimatgold“.
ISBN: noch im Entwurf.
Auflage: begrenzt auf die, die es noch aushalten.

Klappentext – Über den Autor mo.rph

mo.rph
lebt nicht. Er dokumentiert.
Er taucht auf in Zwischenräumen, an Rändern, in Zetteln zwischen Kaffeesatz und Bahnsteigkante. Seine Gedichte kursieren wie Viren – unsichtbar, ungefragt, unaufhaltsam.

Ein „lyrischer Undercoveragent“ (SZ).
Ein „Schreihals im Schweigemantel“ (Die ZEIT).
Ein „postheroischer Prophet ohne Gemeinde“ (F.A.Z.).

Weder Mitglied des Autorenverbands noch nominiert für Preise, aber dafür gefährlich.
Für das Vergessen. Für die Bequemlichkeit. Für das Weiterscrollen.
Und gegen alles, was sich noch „Kultur“ nennt, aber längst zum Eventbesuch mit Ausschank wurde.

Rückseitencover: Zitat von Frau Hon.Prof. R. Zinn, Vertretungsprofessorin für „Kultur und Gedöns“ der Transnational Business School Hürth

„Dieses Buch?
Ein skandalöser Fehler im Betriebssystem.
Endlich!“

unter. welten | unter.halb | des ge[h]wollten | halb.heit | in voll.zeit | des ge[h]wohnten | wohnung. des gewellten | des gewählten

[zyklus: o/h/r.fois | off.line | sprechende reste. im gehen]

heute: kein mythos verfügbar

zu-gabe (weil sonntag ist): fusznoten der unrettbarkeit

heute. hoffnung [s] los. soll ich erzählen? warte! ich gehe rasch um die ecke und hole mir ein fremdes gedächtnis. ich. der schreibende. der sagende. der nichts zu sagen hat. der parasit. mit dem saugrüssel am schrumpfenden hirn der dritten norn. ich klemme mir die abgelegten stimmen zwischen die lippen. und warte. auf ein dumpfes gehör. morgen. mag ein klang ertönen. wie aus einem papiernen trichter. eine ko[s]mische weganweisung. verschlüsselt. verquast. verwest.

denn heute. die ketten. denn heute. der schall. der irrsinnige überschall. der jede reglosigkeit durchschlägt. es gibt zahlreiche sprüche. aber nur wenige widersprüche. die große verwegenheit. der kleinen gärten.

heute. raucht ja niemand mehr kette. und wenn. geht er dafür auf den balkon. ich habe es mir abgewöhnt. vor langer zeit schon. nahm mir deutlich jüngere partner. als motivation. mehr zu tun: für meine gesundheit. für eine wahrscheinlichkeit längeren lebens.

es ist heute. er macht jetzt sit-ups. nach dem ersten kaffee. während ich bei den kissen bleibe. und träume auswringe. wir sehen uns zum späten frühstück wieder.

es ist heute. ein freier tag. ein feiertag. ohne einladungen. ohne feste. der zeitwert. der taktwert. erst atmen. dann singen. gleichmäßiges, kontrolliertes schreiten. wege wie ausgerollte yogamatten. in der zeile sind die ziele. und die wanderung selbst ist schon ankunft. das muss man sich drei mal stündlich sagen. aber draußen bleibt die feier ohne feuer. freizeit. die der erholung dient. der suche nach freiheit in den zwecken. es darf aber nicht gefragt werden. denn das führt zu unangenehmen, unangemessenen erwartungen. zugleich ist es aber nicht das fehlen des mythos. nein. sondern das fehlen des erinnerns. weshalb sich nichts ereignet. nicht erzählt wird. auch nicht von mir. ein mangel an gedanken. nicht an worten. augen. goggled up. im außen. yeux glauques. der glupsch. im datenspinat.


fusznoten der unrettbarkeit

Feiertag (lat. dies festus, feriatum): Ein von der Linearität befreiter Zeitabschnitt, der sich durch eine paradoxe Konfiguration von Handlungserwartung und Handlungsverweigerung auszeichnet. Ursprünglich als sakrales Intervall definiert, hat sich der Feiertag im Spätkapitalismus zum ephemeren Wellnesskorridor transformiert – durchzogen von achtsamer Selbstvergessenheit und digitalem Zerstreuungssog.

Kette (altgriech. ἀλύσις): Eine metaphorisch überladene Objektform, die sowohl als Symbol der Bindung (vgl. Prometheus) als auch der Sucht (vgl. Nikotinrituale) fungiert. Ihr temporaler Nachklang in der Redewendung „Kette rauchen“ verweist auf eine vormoderne Rhythmisierung von Konsum und Tod.

Erinnern (Sanskrit स्मृति): semiotisch fragiler Akt der (Re-)Konstruktion. In prä-mnemotechnischen Kulturen oral verfasst, später in Schrift, nunmehr algorithmisch delegiert. Erinnern im poetischen Sinne ist stets ein Verfahren des semiotischen Exzesses: mehr Andeutung als Aussage, mehr Verlust als Besitz. Seine Abwesenheit – wie hier textlich problematisiert – ist nicht tragisch, sondern strukturell.

Hinweis (isländisch vísbending): Die dritte Norn ist in diesem Zusammenhang als symbolische Instanz postlinearer Geschichtslosigkeit zu lesen. Ihr „schrumpfendes Hirn“ – eine kritische Metapher für das temporale Vakuum des 21. Jahrhunderts. Sie denkt nicht mehr. Sie streamt.

wo sind die ufer?

Elegie. Am Beginn des Frühlings

[zweite Abteilung. Entstehung eines Langgedichts]

wo sind die ufer? was verloren war. folgend einem. der ruft. lauschend einem. der schweigt.

noch bin ich nicht fern genug. noch habe ich mich nicht müde gelaufen. die hügel tauchen auf. und ab. wie steine im rollen der wogen.

das leben hat sich verspätet. trockenes gras. im sehnsuchtsduft. sternlose nächte. zitternde hand an der mauer. doch: das erinnern. trotzt allen wettern.

ein neues gezweig. teilt seine gesänge aus. die liebe: hätte sich ereignen können. doch dann kam ihr dazwischen: das leben.

es gibt noch viel zu erledigen. vor dem einbruch der ewigkeit.

im abendlicht. sah ich ein seltsames meer. sein wasser trieb es hinaus. wie ziehende herden. verschlungen vom horizont. kinder. mit welken augen. saßen im gestein. der verwandelten mütter. sie lösten sich auf. in der knappen zeit. als der tag. hauchdünnes laub. gläserne schleier. gebreitet. über das flechtwerk. der geschickten.

…

wo sind die ufer?

Elegie am Beginn des Frühlings

wo sind die ufer? die stege. zwischen mitte und rand. jemand muss da sein. zur rechten stunde. muss hier sein. zur linken. zur taubgelegenen seite. im gartenzimmer. im flur der abschiede. vom staub zu reinigen. und von den schichten der trauer. die hartlaubgewächse der starren augen. sowie: das brüchige leder der geschichte. vom wittrigen, widrigen gedächtnis.

wo sind die ufer? an denen die seelen ausgewildert wurden. ins zeitliche. in die ungleiche verteilung des schicksals. wo es geht. auf und ab. an den grenzen entlang. den verriegelten. den versiegelten stimmen nicht entkommen zu können. und wo sie saßen: die unbekannten vermissten. am mürben saum. des späten lichtes. die leibeigenen hoffnungen beisammen zu halten. und stumm zu beobachten: die auswanderungen. aus den gebärenden körpern.

auferstehen. ist arbeit. wenn man so nutzlos verging. im zuge der jahreszeiten. und die kriege so fern sind. und die brücken fort. von denen sich die helden stürzten. weil zu mühsam. ihr mythos. und bei all der vergesslichkeit. trotz besseren wollens. nicht wiederzubeleben. als wollte man einen ertrunkenen durch die vom gestein verstopfte nase beatmen. nein. die erzählung. ist eine verzehrung. der knappen luft. ist eine zerrung. am muskelgewebe der zeit. denn ihr kaltes gewerbe duldet weder kalkulation noch spekulation. z.b.: ob es sinnvoll sein kann. fröhliche schlittenfahrten. mitten im august. auf die wunschliste setzen zu lassen.

wo sind die ufer? draußen vor den fenstern. starren die winter. 111 jahre lang. und die unermüdliche eule ruft: jetzt wird es aber mal zeit. abermals. das sich die welt so richtig kennenlernt. bei tod und tee.

keiner schlafe. und schon gar nicht allein. bis nicht das dritte rätsel gelöst. und das letzte herz. aus seinen kindlichen bitten. mit klumpenen füßen. geht uns die alte welt voran. und ihre schreie. gehalten im großen schlundschnürer. der verzweiflung. die grate werden schmaler. je länger man läuft. bis das wandern verladen wird. auf die endlosen züge der einmaligen entzeitigung. der ewig und immer. wiederholten entzweiung. unlösbar verzweigter gefüge. sekundären kreisens. und tertiären fallens.

wo sind die ufer? denkt an den anfang. ihr träumenden. denkt an das ende. ihr wachen. keiner sonst. hält euch das licht. als jener. der in den fugen ist. und in jedem dazwischen. damit die zahllosen augenblicke. nicht aus der krümmung der saiten rutschen. lichträume. und klangräume. wände. als schöne gewänder. der landschaften. die das geöffnete auge nicht sieht. gefilde des wartens. auf die jungen vögel. für die ein winter genug war. die kindheit zu verlassen. denn nicht mit dem frühling. beginnt das jahr. und es endet nicht. mit der vollendung. der über die allermeiste zeit entfalteten dreieinigkeit. sondern mit der geburt. des geopferten gottes.

hast du? mächtiger. auch zugang zu den tränen. bist du? einziger. weil die heimat der zeit zerriss. sitzt du? hoch. nur wenn wir niedrig schreiten. und wenn die erde uns ruft. gehst du? mit uns.

wo sind die ufer? an denen sich nie verlieren. die erschütterungen. des erwachens. und des wachstums. wo sie zahlreich wuchern. und warten: die zumutungen des lebens. des liebens. steine. muscheln. strandgut. aufgebrochenes. mahnend. was noch alles hätte blühen können. kündend. all das wissen. gegen das das kindliche bockt. solange es vom mütterlichen gesagt wird.

sitzen. zwei blinde. am wegrand. sagt der eine: dunkel scheint mir der tag. lass nur: den schatten. erzählen vom licht. lass doch: das echo. warten auf den ruf. lass uns: verschlankt sein. für die enge pforte.

wo sind die ufer? und: wann? der fröhliche tanz. entlang ihrer brüche. streiche drei mal. zärtlich. das von jeglichem schmerz durchwirkte gesicht. frag es: ob der zug die wolken einholt. die am himmel ankern.

ja. ihre hände: wie blätter des frühlings. statt nutzloser lider. ja. sie sehen: tief in die neige der hoffnung. nein. sie gehen nicht weiter. ja. die gespaltenen fersen. ja. wir halten sie aus. weil wir‘s nicht aushalten. die kernlosen trauben. die wir halbiert. in ihre augenhöhlen gelegt. um da zu pfropfen: ein kahles dornengezweig.

wo sind die ufer? die uns versprochenen. an denen wir uns versprachen. nachdem es uns die sprache verschlug. worte. wie tau auf den zungen. auf dem reglosen blattwerk. und der salzige rand. der zurückbleibt. wenn das wasser verzehrt ist. vom atem. bevor er geendet. wenn es ausgetrunken hat: das licht. das doch einfach nur künden wollte: den anfang.