[dritter Ort: Manila, Makati City, Jazz Residences, Tower C]
Alles lässt sich denken. Das macht es nicht einfacher. Die Grenzen des Denkens sind fällig (Verordnungen, Entscheidungen, Zwecke) oder zufällig (Ungeduld, Müdigkeit, mangelnde Zeit). Wen das Denken nicht erschöpfen soll, muss es lieben. Und wer es liebt, hat Freude an den Vorstellungen und den Vermutungen, an den verzweigten Pfaden, am Spiel und an den Geheimnissen. Dieser fragt sich, ob es vor dem Leben schon eine Existenz seiner selbst gegeben hat. Er erlaubt es sich, eine solche zu wünschen und ist nicht gram um die unbeantwortete Frage, um den unerfüllten Wunsch. Auch wenn der Anfang des Lebens Geburt heißt und sein Ende Tod, schreckt er nicht davor zurück, das Ende zum Anfang und den Anfang zum Ende zu machen. Selbst der Beginn der Zeit kann ihm ein hilfreicher Gedanke sein und ein nötiger Zweifel zugleich. Er wagt es sogar, seine eigene Vergangenheit für veränderbar zu erklären. Es mag sein, dass er dies tut, weil er eine innere Not spürt. Denn die Geschichte ist eine Wunde und die Erzählung eine lindernde Tinktur.
Sollten wir uns etwa nicht sorgen um Gott? Die Spuren des Traurigen unter uns. Das Erloschene zwischen den Fetzen der Träume. Vielfach hat es uns gegeben, damit wir es einmal begreifen, was uns hielt bei den Straßen und Ufern. Aber doch nichts zu erbitten um der Bitte willen, sondern weil es um das Leben ging, das eigene, vor allem aber das der Anderen. Wir setzten uns selbst ein Ende, setzten wir Ihn nicht ein als den höchsten, einsamsten Wächter, setzten wir uns nicht aus der schmerzvollen Warte, auf die ein jeder Liebende sitzt. Es gibt keinen Urlaub von der Sorge für die tief und wahrhaftig Liebenden. Denn ihre Seelen geben sich unverändert den in ihnen Wohnenden, ganz gleich ob sie empfangen oder verlassen wurden. Und um ihrer Treue willen werden sie verwandelt sein ins dreifach gebrochene Licht des wundgescheuerten Glases, durch das all die Blicke all den Augenblicken hinterherschauen.
wo ist dein grab im sand verlorener schatten aus deinem letzten blick wachsender zweig. ein baum vielleicht in 7 jahren mit flammenden blüten im frühjahr. und bangenden früchten im herbst
wohin drehte sich der wind und schlug das wasser der klage ins gestein und kämmte die samen aus der mürben erde gingst du ihm nicht entgegen? mit einem steten rufen: wehe. hoffnung
ach. das kristall deiner zukunft und der bleibende einschluss des schütteren das gebrochene licht. verwandelt zum schmerz weil die schwelle der zeit überschritten sein muss
Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…
was sagtest du noch was [s]ich nicht vergessen sollte – ? –
dass es geben muss: einen vorschein des noch nicht hervorgekommenen die ordnung der unausgesprochenen wünsche ein unverhofftes erbe vielleicht den traum einer larve das ende einer schuld oder die trennung eines gefühls vom ereignis – / –
etwas, das da ist dem man aber nicht näherkommt das wort das man nicht keimfrei bekommt – ! –
weil beim atem der staub ist wie beim blatt das licht und beim stein die stille – . –
apoplex. brotzeit – dionysos. parkbank – brennender dorn zwischen den blinden augen – teiresias. mit stopfen im ohr – mit dem gestopften horn – mit den gläsernen knochen – dem papyrus-geweih – hoffend. dass die taube hand als viper erwacht – dass er sie nimmer wundschreiben muss – im ewigen beschwerdemanagement – dass die prokura erlischt – dass ihn ein frisch rasierter mit nappa-etui unter dem arm – reißt aus der unfehlbarkeit.
[still leben]
nimm doch platz
der hier ist frei der hier will befreit sein
er schreit: streben er flüstert: sterben
er hält das geheimnis zwischen den lehnen er hat es nicht fallen lassen. fell-an:
er ist der weise der auf der wiese steht wie die unbekümmerte einsame ulme
die der zeit geduld lehrte unter deren schirm die raubtiere schlafen
wie verwunschene helden im burnout ohne kraft oder lust
zur nervosität wenn ein ast knackt über ihren häuptern
dies soll leben. hier. in der schlichtheit des aufgangs. eines von ferne zu uns greifenden lichtes. eines solchen, das sich nicht vergessen kann. aus der blüte der erschöpfung tropfender balsam. wort. das aufbricht die sprachlosigkeit. wie den acker der seele. dass er die liebe auch atmen kann. wenn sie sich ausgießt auf dem land der ankunft.
die ganze landschaft liegt mit allen entlassenen seelen
[krukower psalter | was lernten wir nicht alles über die gerechtigkeit. was lernten wir alles nicht]
die blindheit. das andere. das einsame gesicht. das verzerrte lächeln. das entgeisterte. der stachel. der nicht sticht. die zahllosen gründe. nicht mehr finden zu können den grund. erdrückt von den urteilen. gesprochen. vor der frage. vor der suche. einen rückblick wird es geben. nicht aber einen weg zurück. eine einsicht. möglicherweise. dass das beil zu früh gefallen. lang sind die zeitalter der rechtfertigung. doch ein tag wird sein. an dem das glück sich ausruft. von den erstickten stimmen der engel herab. die lüge wird sich in schönheit verwandelt haben. wenn die ohren überlaufen von der fülle der erzählungen. die ganze landschaft liegt mit allen seelen. verschlungen. vor einem himmelsspiegelnden schlafenden meer. jedem herz erscheint eine gute botschaft. auf ein dunkles wort. fällt regen und licht. einer anderen antwort. nicht als sein widerspruch. doch als ein teil des einen ortes. der zur bleibe wurde. weil es verlassen gab. ein reiches gut. dem geringsten. dem das schicksal zustieß. der verstoßung. der vorhandene. der vorwärts ging. uns voraus. der zuhandene. der die handlung wusste. und nicht scheute. der zureichende zugereiste. in der ewigen wohnung der kurzen verweilung. des langen abschieds. der durch die knospen aller augen schaute. der seine stimme und seinen schatten opferte. für die endlose weite. für die dauernde stille. die angstbefreite.
[krukower psalter | der stein. der ins rollen kam. der sich festbiss. am ufer. wo der bach floss. immer am jetzt entlang. dem dann entgegen. und auf seinem rücken das einst. das immer wachsende]
zumute. wie dem fremden. wenn er nach langer zeit zurückkehrt. in die heimat. die karge landschaft. die sich mit dir verbrüderte.
viel platz in ihr. für die elenden. für das kraut der scham. zwischen den gräbern. der unverwandelten gesichter.
wangen des täglichen brotes. steine am rande versiegender bäche.