aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Allan Acosta Greño

wie du warst. den letzten Herbst. Laub, das ins Dunkel fiel. stilles Herz. Straße. durch den leeren Tunnel. zwischen den Nachtgewächsen. Stunden des Schweigens. ein erster Sturm. am Anfang der Zeit. sprachen doch zueinander. in unseren Träumen. sangen uns zu. die weißen Segel. ferne Rufe. nacktes Gestein. in die Beete gepflanzt. starr in der Hoffnung. die Schatten nicht mehr verschwunden. lautloses Band. zwischen Abend und Abend.

Werkstatt II [Tropfen | letztes Licht | gebrochenes]

nach dem ersten Herbststurm
Heimweh und Fernweh
verstreut zwischen Laub und Schritten
drei Wolken verteilt über den Tag
drei Gebete in Decken gewickelt
die Blicke hinaus voller Falten
und rankend um die Gesichter ein hilfloses Wünschen

die Fahrt geht weiter
die Fährten von Zeit bedeckt
und Föhren über die Klippen gebeugt
als hätte die Küste ihr Wandern unterbrochen

ach
so lang die Wege zwischen Tag und Bestimmung
und wund die Pfade vom wuchernden Dickicht

wussten die Tränen nicht
was die Hände halten wollten
was mit den Rehen hinter der Lichtung verschwand?

ein Meer
rauschend um die Augenblicke
ein Wehen
ein Weh
um das endlose Schauen

Rostocker LiederGabe | Rostock Song Offering

[Waka-Variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | sie kommen | sie gehen | die Zeit fließt dahin | nimm deine Fragen mit | für später einmal | die Stunde der scharfen Messer | sie schneiden auf | sie schneiden dich auf | in Scheiben | dein singendes Herz | darin ein einziges Lied: fort! fort!]

[Waka variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | they are coming | they are going | time goes by | take your questions with you | for later on | the hour of sharp knives | they cut | you | into slices | your singing heart | in it your only song: away! away!]

dunkel. deine Stimme
in ihr: deiner Klage Schatten
deiner Seele verlassenes Haus
dein Tanz. auf staubigen Stufen –
leicht wie ein Wind in den brennenden Flügeln

dark. your voice
therein: your lament’s shadow
your soul’s abandoned house
your dance. on dusty steps –
light as a wind in burning wings

in viam pacis

Abschluss der Sammlung: Mecklenburgische Elegien [Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

I

du gabst ihnen Herzen
darin die Rede von einem Geheimnis ruht

keine Arbeit vergeblich
keine umsonst verzehrte Kraft

spät kam der Regen
und fiel bis zu ihrem Erwachen

du wirst sehen
ob sie nicht vergessen haben
ihr Glück zu teilen in Dankbarkeit

ach
lass sie doch erzählen
Genügsamer
vom vollen Mond hinter ziehenden Wolken
von den leicht wippenden Zweigen der Birken
unter denen sie friedlicher gehen
mit der zärtlichen Lüge von einer besseren Kindheit

die wenigen Wünsche
leise gesprochen
und als ob von dir selbst
auf die Zungen gelegt

nimm ihnen nicht
die Kraft, schwach zu sein

lass es ihnen so geschehen
als hättest du selbst geflüstert
so geschehe es

aber im Klang vieler Stimmen
so viele
wie es Farben hat
im Reich der Blüten

ach
Schönheit ihres frühen Opfers
um der späten Früchte wegen
den reiferen Duft und dunkleren Glanz
noch haltend einen Regen lang

daran erinnernd
was vor ihnen war
was ihnen folgen wird
wenn tiefer das Licht im Wasser steht

Abschied zu nehmen
von allen Jahreszeiten

mögen sie spüren
des Windes Schmerzen
wenn er durch das Gefallene greift
wenn sie das stillere Wissen erfasst
was sie nicht lassen können
was du ihnen gelassen hast
für Schatten und Schutz
an den heimischen Ufern ihrer Fremdheit
wo sie nicht mehr sagen können
was ihnen entschwand
wartend
erwartend
was ihnen entgegenkommt
wenn es sich umdrehte
ihnen zuwinkend
auf dass sie ihm folgen mögen
die Wolkenwege, die Lichtwege
wo die Luft sich bewegt
als atmeten selbst die Felsen
auf dass sie gemeinsam denken
es braucht nur diese kurzen Aufenthalte in den Augenblicken
um in der Zeit zu sein und sie zugleich lassen zu können

und sie wissen doch sicher
dass sie alle Hände haben
zu schöpfen das kühle Wasser der Bäche
in denen
als sie noch schliefen
das erste Licht des Tages badete

II

du hörst doch die Gebete derer
die ihre letzten Samen auf die Wege streuten
bevor sie sich der Wiegen nicht entsinnen konnten

wen stört der Staub?
der sich auf ihren Hunger legte

Wind und Wellen
gehen über ihren Schlaf hinweg

Uhren und Glocken und Atmen
im wunden Gehör

so lass doch
ein Gras wachsen
ein Laub
einen einsamen Blick
der ihnen sagte von deiner Liebe
von der sie früher einmal sangen

aber allein sitzt jetzt die Amsel auf dem First
stumm und als ob versunken
in der Schwere der sich zum Winter schleppenden Tage

unerträgliche Sonne
über den sandigen Ebenen
vertraute Wälder der Kindheit
brennendes Haar der Nymphen
was auch immer
die Träume der Sterbenden heimsucht

treib sie nicht fort
aus dem Duft der Äpfel
und den Farben der Dämmerungen

leg doch dein Schweigen in ihre Starre
unter die Haut der frostigen Wangen

für kommende Blüte ein Odem
für den Ruf ihrer Namen dort

wo ein duldsames Gestein
um ihre Seelen bittet