Schicksal. Fall der Schöpfung. Tag. an seinem Ende. freie Wege. lichtlos. Krüge voll Asche. in den Brunnen gegossen. schöpfend ein Wasser. dem Unstillbaren.
verstecke dich. Blüte. im Schatten der Kiefern. warte noch ab das sattere Licht nach dem Tag der verblutenden Möwe, wenn das Meer ihren letzten Wunsch an die Küste gespült.
am Anfang. ein Blick. Schweigen. am Ende. Augen wie welkende Astern im Gewölle der Zeiten, wehend zwischen dem morschen Holz ihrer Lippen.
aber der Tod. das ganze Leben. aber die Liebe. das halbe Sterben. da rieselt der Staub meiner Träume… Leben: weil Liebe. Lieben: weil Tod.
sagt nichts. das Meer ist tief. in dem das Boot versank. schweigt. dass es euch sage von den Ertrunkenen. und was sie hofften.
Prolog zum ENGEL DER VERZWEIFLUNG, Heiner Müller | Zwischenakttext zur Rostocker CARMEN, gesprochen von Lillas Pastia | Premiere: 30.09.2023 | Neuinszenierung von Vera Nemirova
ich bin frei. seit ich die Sehnsucht nicht mehr kenne. ich bin frei. ich stehe zur Verfügung. doch heute habe ich Ruhetag. ich bin frei. ich träume nicht mehr. aber ich lasse mir die Träume der Menschen erzählen. seit tausenden Jahren schon. Träume sind besser als das Leben, sagen die Menschen. Träume sind Leben. dann frage ich sie: und, wie war das Leben? sie antworten immer: ach, es war schon ganz gut, aber es hätte noch besser sein können. nun, ich kann das nicht beurteilen. ich habe selbst nicht gelebt. mein Leben floss durch ihre Erzählungen. ich bin so frei! und sie? Dem Einsamen brachte sie ihre Einsamkeit. und ging hinaus. mit ihren Träumen. ach, wie schön sie immer sang! aber ich kenne ihr geheimes Lied…
[Waka-Variation | Lied von der Akazienblüte | dans la montagne | das Summen des wilden Kindes | versteckt | in dornigen Zweigen | wanderndes Leben | Schlingen der schwarzen Haare | unter offenem Himmel | Geheimnis | hinter den dunklen Augen | eisblauer Steine Verwandlung | in zitrusfarbenen Dolden | Sehnsucht | der Winde | in Richtung Là-bas]
[Waka variation | song of the acacia blossom | dans la montagne | the wild child’s humming | hidden | in thorny branches | wandering life | creepers of black hair | under the open sky | secret | behind dark eyes | metamorphosis of ice-blue stones | in citrus-coloured umbels | yearning | of winds | towards Là-bas]
hart liegt ihr Schatten auf deiner wunden Seele in des Sterbenden Hoffnung Duft des verlängerten Frühlings in ihrem Lächeln. einsame Frage: wann kehrst du zurück
hard lies her shadow on your sore soul in the hope of the dying scent of a prolonged spring in her smile. lonely question: when will you return
durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.
Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.
[…]
du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.
[…]
als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.
dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten.
du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.