i.A.

fürvorsorglich. ein kollektivmonolog. für alle, die später von nichts gewusst haben werden

wir haben nur unsere arbeit gemacht. mehr kann man von einem menschen zunächst nicht verlangen. wir waren pünktlich. wir haben die vorgänge geprüft, die eingänge den ausgängen zugeordnet, die ausgänge den eingegangenen, die eingegangenen den listen und die listen dem stand der dinge. der stand der dinge war ordentlich. dafür gab es ordner. wir haben nichts erfunden. das möchten wir ausdrücklich festhalten. erfunden haben andere. wir haben ausgeführt. ausführlich, wo es erforderlich war, kurz, wo die sachlage eindeutig war, und abschließend, wo abgeschlossen werden konnte. auch menschen konnten abgeschlossen werden. dafür gab es vorgänge. wir nannten das nicht menschen. das hätte die bearbeitung unnötig erschwert. man muss unterscheiden können zwischen einer sache und dem, was sie einem persönlich bedeutet. persönlich bedeutete sie uns nichts. darauf waren wir ein wenig stolz. sachlichkeit ist schließlich eine tugend. wir haben die züge nicht gebaut. wir haben auch die schienen nicht verlegt. wir haben lediglich darauf geachtet, dass auf den schienen die züge und in den zügen das vorgesehene zur vorgesehenen zeit am vorgesehenen ort eintraf. wir nannten das sehr bescheiden logistik. heute würde man sagen: prozessoptimierung. wir waren unserer zeit voraus. nur die züge nicht. die waren pünktlich. natürlich gab es verzögerungen. menschen verzögern. sie fehlen. sie erkranken. sie verlieren dokumente. sie bringen kinder mit. sie stellen fragen. fragen sind im verfahren nicht vorgesehen, sofern sie den verfahrensablauf betreffen. für fragen zum verfahren gab es eine zuständige stelle. die zuständige stelle war nicht hier. wir bitten um verständnis. einer sagte einmal: aber dort sind menschen. wir haben das geprüft. es war zutreffend. es ergab sich daraus jedoch keine änderung der zuständigkeit. man kann nicht bei jeder unterschrift die ganze welt mitunterschreiben lassen. wo kämen wir hin. man kann nicht bei jedem stempel an die haut denken, auf die er am ende fällt. man kann nicht bei jeder nummer fragen, welcher name darin aufgehört hat. dafür gibt es arbeitsteilung. einer nimmt den namen. einer gibt die nummer. einer setzt den haken. einer schließt die tür. und weil keiner alles getan hat, hat am ende niemand etwas getan. das ist mathematisch beinahe schön. wir haben uns selbstverständlich an geltendes recht gehalten. geltendes recht hat den vorteil, dass es gilt. ob es recht hat, war nicht gegenstand unserer prüfung. bitte bleiben sie sachlich. wir hatten familien. das wird gern vergessen. wir hatten frauen, männer, kinder, geburtstage, zahnschmerzen, einen hund, der schlecht hörte, eine mutter, die anrief, sonntags, wenn es den kuchen gab. wir waren keine monster. monster hätten uns vermutlich misstrauisch gemacht. wir waren kollegen. herr müller brachte kaffee mit. frau schmidt hatte immer diese bonbons. einer kannte einen guten metzger. und ein anderer wusste, wie man die liste schneller abarbeitet, wenn man die namen nicht mehr laut liest. er wurde später befördert. zu recht. planerfüllung war keine weltanschauung. planerfüllung war planerfüllung. der plan hatte zahlen. die zahlen hatten spalten. die spalten hatten überschriften. die überschriften hatten keine augen. das war hilfreich. augen erschweren die übersicht. manchmal kam etwas zurück. ein schreiben. ein geruch. eine beschwerde. wir leiteten es weiter. weiterleiten ist eine ausgezeichnete tätigkeit. etwas kommt zu einem und geht wieder. dazwischen ist man zuständig gewesen, aber nicht lange genug, um verantwortlich zu werden. nein, wir haben nicht gehasst. das ist vielleicht das wichtigste. hass wäre unprofessionell gewesen. wir hatten auch gar keine zeit dafür. es war sehr viel zu tun. am abend wuschen wir die hände. nicht deswegen. man wäscht sich eben die hände, bevor man isst. später fragte man: haben sie denn nichts gedacht? doch. wir dachten an die frist. wir dachten an die fehlenden unterschriften. wir dachten daran, dass oben wieder jemand angerufen hatte. wir dachten an die kinder. wir dachten an die rente. wir dachten an morgen. wir dachten sehr viel. nur nicht dazwischen. heute würde man das vielleicht anders machen. digitaler. eine maske öffnet sich. pflichtfelder sind mit einem sternchen gekennzeichnet. name. geburtsdatum. grund. maßnahme. weiter. sind sie sicher? ja. vorgang erfolgreich abgeschlossen. bitte verstehen sie uns nicht falsch. wir bedauern jeden einzelfall. wirklich. aber bei der anzahl kann man unmöglich jeden einzelnen als einzelfall behandeln. die vorgänge wurde geprüft. es ergaben sich keine bedenken. von weiteren maßnahmen wurde abgesehen. denn die äußersten waren bereits getroffen worden. dem innersten tat das keinen abbruch. das innerste geht fristlos. ja. der fall war vollständig. das war zunächst erfreulich. es fehlte nichts außer dem, um den es ging. das kommt vor. die anwesenheit der betroffenen person ist für die abschließende bearbeitung nicht in jedem verfahrensschritt erforderlich. mitunter ist sie sogar hinderlich. menschen neigen dazu, ihre sache durch persönliche umstände zu ergänzen. persönliche umstände waren nicht beantragt. der eingang wurde bestätigt. die bestätigung des eingangs bedeutet nicht, dass etwas eingegangen ist. sie bestätigt lediglich, dass der eingang bestätigt wurde. damit war der erste schritt abgeschlossen. der zweite bestand darin, den ersten nicht noch einmal zu prüfen. hierfür bestand kein anlass. es bestand überhaupt wenig anlass. das verfahren lief. die betroffene person hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ihr aus der entscheidung erhebliche nachteile entstünden. das wurde zur kenntnis genommen. kenntnisnahme ist wichtig. sie verhindert den eindruck, man habe etwas nicht gewusst. wissen wiederum bedeutet nicht, dass daraus etwas folgt. dafür müsste eine folge vorgesehen sein. eine solche war nicht vorgesehen. zwischenzeitlich verschlechterte sich der zustand. welcher zustand, war für die entscheidung unerheblich. zustände ändern sich. entscheidungen nicht ohne grund. ein grund lag nicht vor. die betroffene person lag. auch das war kein grund. es wurde um dringende bearbeitung gebeten. dringlichkeit ist kein beschleunigungsgrund, sofern die dringlichkeit durch die dauer des verfahrens entstanden ist. anderenfalls würden lange verfahren bevorzugt behandelt. dies wäre gegenüber den übrigen langen verfahren nicht zu vertreten. es gilt der grundsatz der gleichbehandlung. alle warten gleich. einige länger. die familie rief an. hierfür war keine telefonische auskunft vorgesehen. die familie schrieb. hierfür war das funktionspostfach vorgesehen. das funktionspostfach antwortete automatisch. vielen dank für ihre nachricht. ihre nachricht ist uns wichtig. bitte sehen sie von weiteren nachfragen ab. es wurde mitgeteilt, dass die sache keinen aufschub dulde. die sache wurde daraufhin auf wiedervorlage gelegt. bei der nächsten wiedervorlage war eine beteiligte person nicht mehr erreichbar. die post kam zurück. empfänger unbekannt. das war nicht korrekt. der empfänger war bekannt. nur nicht mehr vorhanden. für die korrektur der anschrift bestand damit kein bedarf. es stellte sich die frage, ob das verfahren einzustellen sei. davon wurde zunächst abgesehen. der wegfall einer person führt nicht automatisch zum wegfall eines vorgangs. ein vorgang besitzt eine eigene laufzeit. das ist organisatorisch notwendig. menschen haben die unangenehme eigenschaft, ihre laufzeit nicht mit der bearbeitungszeit abzustimmen. die akte enthielt inzwischen siebenundachtzig seiten. auf seite dreiundvierzig befand sich ein foto. es war nicht entscheidungserheblich. auf seite vierundvierzig befand sich die rückseite. sie war leer. auch sie wurde paginiert. ordnung muss vollständig sein. eine mitarbeiterin fragte, ob man nicht ausnahmsweise… die frage wurde nicht zu ende geführt. ausnahmen bedürfen einer grundlage. mitgefühl ist keine. es wurde geprüft, ob besondere umstände vorlagen. besondere umstände lagen vor. sie waren jedoch nicht besonders genug. die entscheidung wurde vorbereitet. hierzu war der sachverhalt auf das entscheidungserhebliche zu reduzieren. entfernt wurden: die angst. die dauer. die schmerzen. die mutter. zwei kinder. der satz: bitte helfen sie mir. ein foto. mehrere erfolglose anrufe. die nacht vom dritten auf den vierten. der geruch im zimmer. eine hand, die zuletzt nicht mehr zurückdrückte. nach entfernung der nicht entscheidungserheblichen bestandteile war der sachverhalt übersichtlich. übersichtlichkeit dient der rechtssicherheit. die entscheidung umfasste vier seiten. auf seite eins stand der name. auf seite vier die rechtsbehelfsbelehrung. dazwischen war alles in ordnung. es wurde darauf hingewiesen, dass gegen die entscheidung innerhalb eines monats widerspruch eingelegt werden könne. die frist begann mit bekanntgabe. eine bekanntgabe war nicht mehr möglich. dies berührte die rechtmäßigkeit der entscheidung nicht. später fragte jemand, ob das hätte verhindert werden können. die frage war zu unbestimmt. was genau mit „das“ gemeint war, ließ sich den unterlagen nicht entnehmen. eine interne prüfung ergab keine hinweise auf ein individuelles fehlverhalten. sämtliche beteiligten hatten innerhalb ihrer jeweiligen zuständigkeit gehandelt. die kommunikationswege waren eingehalten worden. die dokumentation war vollständig. die fristen waren im wesentlichen beachtet worden. der vorgang hatte das system ordnungsgemäß durchlaufen. dass die person das nicht tat, war bedauerlich. aus dem fall wurden konsequenzen gezogen. das formular wurde überarbeitet. seitdem befindet sich unten rechts ein zusätzliches feld: verstorben. eine schuld wurde nicht festgestellt. das lag nicht daran, dass sie nicht gesucht worden wäre. es lag daran, dass schuld keine zuständigkeit bezeichnet. schuld ist überhaupt ein bemerkenswert ungenauer begriff. sie hat keinen anfang, kein ende, kein aktenzeichen. sie lässt sich nicht weiterleiten. sie ist nicht zeichnungsfähig. man kann sie niemandem zur kenntnis geben, ohne dass sie anschließend immer noch da ist. für einen verwaltungsvorgang ist das ein erheblicher mangel. verantwortung ist ähnlich schwierig. alle reden von verantwortung, sobald nicht mehr festzustellen ist, wer zuständig war. dabei sind dies grundverschiedene dinge. verantwortung fragt, wer es gewesen ist. zuständigkeit fragt, wer es zu bearbeiten hatte. die zweite frage lässt sich beantworten. deshalb arbeiten wir mit ihr. verantwortlich waren möglicherweise viele. zuständig war jeweils einer. das ist der fortschritt. wer verantwortlich war, hat die körper brennen lassen. wer zuständig war, sorgte den vorschriften gemäß dafür, dass das papier kein feuer fing. das papier war wichtig. das bitten wir bei aller nachträglichen erregung nicht zu vergessen. papier ist die haut der geschichte. zuständigkeit ihr gerippe. ohne beides bliebe von einem menschen am ende nur, was von einem menschen eben bleibt. das wäre dokumentarisch unzureichend. deshalb wurden die namen erfasst. zunächst die namen. dann die geburtsdaten. dann die wohnorte. dann die vermögensverhältnisse. dann die verwandten. dann die nummern. dann die änderungen. später wurden die namen wieder benötigt. zur erinnerung. auch erinnerung braucht verlässliche daten. wir haben also, wenn man es genau nimmt, für die erinnerung gearbeitet. man sollte uns das nicht nachtragen. wir haben bereits genug getragen. akten zum beispiel. immer wieder wird gefragt: wer trägt die verantwortung? wir verstehen die frage nicht. verantwortung wird nicht getragen. verantwortung wird zugeordnet. sofern sie zugeordnet werden kann. kann sie nicht zugeordnet werden, ist von einer gemeinschaftlichen verantwortung auszugehen. gemeinschaftliche verantwortung hat den verwaltungstechnischen vorteil, dass sie sich durch die zahl der beteiligten teilt. je mehr verantwortlich sind, desto weniger bleibt für den einzelnen. bei hinreichend großer beteiligung nähert sich die persönliche verantwortung null. das ist keine entschuldigung. das ist division. gegen mathematik haben wir nichts. schuld hingegen lässt sich nicht teilen. schon deshalb ist sie für größere organisationseinheiten ungeeignet. stellen sie sich vor, jeder müsste morgens mit seiner schuld zur arbeit kommen. wo sollte die abgelegt werden? auf dem schreibtisch? im flur? bei der garderobe? für persönliche gegenstände wird keine haftung übernommen. nein, wir leugnen nichts. leugnen würde voraussetzen, dass eine behauptung vorliegt, zu der wir uns verhalten müssten. wir stellen lediglich fest. festgestellt wurde, dass geschehen ist, was geschehen ist. der umfang ist unstreitig. die folgen ebenfalls. wir bestreiten auch die toten nicht. tote sind ausgezeichnet feststellbar. sie widersprechen nicht. sie reichen nichts nach. sie versäumen keine fristen mehr. in dieser hinsicht sind abgeschlossene sachverhalte ausgesprochen angenehm. problematisch sind die lebenden. sie erinnern sich unterschiedlich. sie ergänzen. sie widersprechen. sie zeigen auf jemanden. sie sagen: du. aber du ist keine zuständigkeit. man sagt, jemand müsse dafür geradestehen. wir standen. täglich. morgens um acht. teilweise früher. das kann anhand der zeiterfassung nachgewiesen werden. mehr geradestehen war tariflich nicht vorgesehen. man sagt, wir hätten wegsehen müssen, um so etwas tun zu können. auch das ist falsch. wir sahen sehr genau hin. auf die listen. auf die zahlen. auf die geleisteten unterschriften. auf die fehlenden unterschriften. auf die vorgaben. auf die abweichungen von den vorgaben. wir sahen sogar zweimal hin, wenn etwas nicht stimmte. nur der mensch befand sich nicht dort, wohin wir sahen. dafür können wir das sehen nicht verantwortlich machen. es heißt, wir hätten nein sagen können. selbstverständlich. nein war sprachlich jederzeit verfügbar. im verfahren war dafür kein feld vorgesehen. man hätte kündigen können. man hätte widersprechen können. man hätte sich weigern können. man hätte eine tür öffnen können. man hätte einen namen wieder als namen aussprechen können. man hätte eine hand nehmen können. man hätte einen menschen ansehen können. alles richtig. nur wäre dann zu klären gewesen, wer dafür zuständig ist. nachträglich ist vieles einfach. nachträglich kennt jeder die richtige entscheidung. deshalb ist nachträglichkeit eine so beliebte moralische position. sie verfügt über vollständige aktenlage und keinerlei handlungsdruck. wir hatten damals nur die gegenwart. sie war ausgesprochen unübersichtlich. deshalb haben wir sie abgeheftet. besonders verletzend finden wir den vorwurf der unmenschlichkeit. unmenschlich waren wir nicht. unmenschlichkeit hätte bedeutet, den menschen nicht zu berücksichtigen. der mensch wurde berücksichtigt. er wurde erfasst. vermessen. geprüft. zugeordnet. überstellt. abgemeldet. vollständiger kann man einen menschen kaum berücksichtigen. dass er dabei starb, ist eine betrachtung vom ende her. wir arbeiteten jedoch grundsätzlich vom anfang. auch von vernichtung wird gesprochen. wir bitten um sprachliche genauigkeit. vernichtet wurde keineswegs alles. die unterlagen sind in erstaunlichem umfang erhalten. manche sogar in sehr gutem zustand. säurefreies papier war damals allerdings noch nicht überall üblich. hier bestehen konservatorische probleme. um die entsprechenden bestände kümmert man sich heute mit großer sorgfalt. klimatisierte räume. konstante luftfeuchtigkeit. kontrollierte temperatur. brandschutz. brandschutz ist wichtig. was einmal erhalten ist, soll nicht noch einmal verloren gehen. wir begrüßen das. auch wir waren immer für sorgfältige aufbewahrung. nur die körper ließen sich schlecht archivieren. sie nahmen zu viel platz ein. die geschichte hat daraus gelernt. heute ist alles digital. die verantwortung ebenfalls. sie befindet sich in einem system, auf das mehrere berechtigte zugriff haben. welcher berechtigte welche änderung vorgenommen hat, kann grundsätzlich nachvollzogen werden. grundsätzlich. sofern die protokolldaten noch vorliegen. sofern die aufbewahrungsfrist nicht abgelaufen ist. sofern kein systemwechsel stattgefunden hat. sofern. so fern. bitte haben sie verständnis. ältere vorgänge können nicht in jedem fall rekonstruiert werden. schuld ist kein pflichtfeld. verantwortung kann leer bleiben. zuständigkeit bitte auswählen. vorgang speichern? ja. mensch nicht gespeichert… nun aber noch ein paar offene worte zur erinnerung. auch hier bitten wir um verhältnismäßigkeit. wir haben erinnert. ausführlich. öffentlich. wiederholt. es wurden reden gehalten. namen verlesen. kränze niedergelegt. tafeln angebracht. steine gesetzt. steine geputzt. steine ersetzt, wenn die schrift nicht mehr lesbar war. wir haben geschwiegen. minutenlang. teilweise gemeinsam. niemand kann ernsthaft behaupten, es sei nicht geschwiegen worden. irgendwann muss auch ein schweigen als erbracht gelten. was soll also das denk-mal. wir haben doch gedacht. mehrfach. denken ist keine dauerleistung. der mensch muss zwischendurch arbeiten. überhaupt diese bindestriche. denk-mal. mahn-mal. noch-mal. immer noch einmal. als ließe sich geschichte durch wiederholung verbessern. als müsse das vergangene regelmäßig zur wiedervorlage erscheinen, nur weil es vergangen ist. wir halten das für eine unangemessene belastung der gegenwart. die gegenwart hat eigene vorgänge. selbstverständlich soll nichts vergessen werden, was erinnerungswürdig ist. dafür gibt es archive. archive haben den großen vorteil, dass sich das erinnerte dort befindet, wo es hingehört. im archiv. während draußen gearbeitet werden kann. wir bewahren die archive sorgfältig. wir bewachen sie sogar. nicht damit etwas herauskommt. damit nichts verloren geht. das ist ein unterschied. die gespenster bleiben selbstverständlich zugänglich. während der öffnungszeiten. die dichter sagen, die toten seien in der luft. das mag sein. luft lässt sich schlecht archivieren. auch umgraben lässt sie sich nicht. aber wegschaufeln. dazu reißen wir regelmäßig die fenster weit auf. stoßlüften. zehn minuten genügen. anschließend kann weitergearbeitet werden. sollte sich danach noch etwas im raum befinden, ist davon auszugehen, dass es zum inventar gehört. wir haben nichts gegen die toten. wirklich nicht. sie haben nur die unangenehme angewohnheit, keinen abschluss zu akzeptieren. immer wieder kommen sie vor. in büchern. in familien. in träumen. in straßennamen. in fragen von kindern. besonders kinder fragen gern, was wir damit zu tun haben. nichts, sagen wir. ihr auch nicht. das ist schließlich der sinn von generationen. dass eine nach der anderen kommt. nicht eine für die andere auf. schuld kennt kein erbe. jedenfalls keines, das wir antreten würden. was sollen unsere kinder damit anfangen. sie haben bereits genug von uns: augen, schultern, ein haus vielleicht, blutgruppe, schlechte zähne. muss es ausgerechnet schuld sein. wir halten das für pädagogisch bedenklich. kinder brauchen zukunft. tote hatten ihre. natürlich sollen die jungen menschen wissen, was geschehen ist. wissen schadet nicht. solange daraus keine persönliche betroffenheit konstruiert wird. betroffen waren andere. dafür gibt es das wort andere. wir bitten, seine entlastende funktion nicht leichtfertig aufzugeben. geschichte muss kein friedhof sein. sie darf auch schön sein. blühende gärten. weitläufige parks. wasserflächen. sitzbänke. barrierefreie wege. gelegentlich eine stele. nicht zu hoch. sie soll die sichtachsen nicht beeinträchtigen. auf einer tafel kann erläutert werden, was hier einmal war. die tafel sollte wetterfest sein. die geschichte war es nicht. dafür können wir heute nichts mehr. wir begrüßen ausdrücklich, wenn menschen solche orte in ihrer freizeit aufsuchen. erinnerung ist wichtig. freizeit ebenfalls. beides lässt sich verbinden. anschließend gibt es kaffee. bei gutem wetter kann man draußen sitzen. so bleibt geschichte lebendig. aber bitte nicht zu lebendig. dafür war sie schließlich tödlich genug. es muss erlaubt sein, weiterzuleben. dieser satz wird gern unterschätzt. weiterleben heißt: weiterarbeiten. weiter befolgen. weiter essen. weiterschlafen. weiter erledigen. innerhalb angemessener fristen. niemand kann verlangen, dass eine gesellschaft morgens aufsteht und bis zum abend bereut. wann sollte sie ihre post erledigen. nachsicht ist hier angebracht. schon das wort zeigt die richtige richtung. nach-sicht. man sieht nach. man sieht noch einmal hin. dann sieht man wieder weg. sonst wäre es keine nachsicht, sondern dauerbeobachtung. dafür fehlen die personellen ressourcen. vergessen wird zu unrecht unterschätzt. vergessen ist zuverlässig. erinnerung dagegen arbeitet ausgesprochen unsauber. sie verschiebt. ergänzt. erfindet. tropft. das gedächtnis ist im grunde inkontinent. kaum glaubt man einen sachverhalt trockengelegt, tritt er an anderer stelle wieder aus. ein name. ein bild. ein schuh. ein koffer. eine stimme. schon steht wieder alles unter wasser. niemand will feuchte archive. feuchtigkeit schadet dem bestand. besonders papier reagiert empfindlich. papier ist deshalb die bessere erinnerung. es bleibt liegen. es träumt nicht. es wacht nachts nicht auf. es fragt nicht, ob jemand geschrien hat. es verändert seine aussage nicht, nur weil ein kind davorsteht. es kennt keine scham. vor allem kennt es keine nachkommen. papier vererbt nichts. es wird übergeben. ordnungsgemäß. und ja: das papier in den akten ist die sichere windel im schoß des gedächtnisses. dort nimmt es zuverlässig auf, was die erinnerung nicht bei sich behalten kann. man wechselt die säurehaltigen bestände rechtzeitig aus. man trocknet. restauriert. katalogisiert. niemand muss deshalb nass werden. wir haben aus der geschichte gelernt. das wird ebenfalls gern bezweifelt. aber sehen sie sich um. überall erinnerung. museen. gedenkstätten. archive. dokumentationszentren. jahrestage. sonderausstellungen. schulmaterialien. mehr lernen lässt sich organisatorisch kaum darstellen. irgendwann muss gelernt auch gelernt heißen dürfen. irgendwann muss erinnert erinnert gewesen sein. irgendwann muss vergangenheit den anstand besitzen, vergangen zu sein. sonst handelt es sich um gegenwart. und für die gegenwart sind wir bereits zuständig. wir bitten deshalb, die toten nicht unnötig zu wecken. nicht aus angst. aus rücksicht. auch tote haben anspruch auf ruhe. wir nehmen diesen anspruch sehr ernst. wo nötig, setzen wir ihn gegen die erinnernden durch. selbstverständlich bleibt der zugang zur geschichte gewährleistet. montag bis donnerstag, 9.00 bis 16.00 uhr. freitag, 9.00 bis 13.00 uhr. an wochenenden und feiertagen geschlossen. wir machen nur unsere arbeit. zu den vorgesehenen zeiten verlassen wir unsere schreibtische nicht. darauf ist verlass. wir waren immer da. jene, die uns verließen, wurden abgelegt. vollständig, trocken und nach jahrgängen geordnet. sie stören unsere gegenwart nicht mehr. dafür tragen wir sorge. wir bewahren, was von ihnen übrig ist, und behalten, was von uns übrigbleiben soll. gelegentlich fällt staub an. wir entfernen ihn. gelegentlich fällt ein name. wir heben ihn auf und legen ihn zurück. nichts soll verlorengehen. nichts wiederkommen. das ist unsere arbeit. dafür sind wir da. wir schließen die schränke. wir löschen das licht. wir prüfen die tür. wir gehen nach hause. am nächsten morgen sind wir wieder pünktlich. die toten auch. sie liegen noch dort, wo wir sie verlassen haben. das ist beruhigend. auf uns ist verlass.

Delusion of Desire – Zwischen Begehren und Verwandlung

Werkstattabend der Szeneklasse von Vera Nemirova an der UdK Berlin – mit Texten u.a. von Claus Löser und Stefan Plasa – 17. Juli 2026

Es gehört zu den schönsten Momenten künstlerischer Lehre, wenn sie nicht mehr wie Lehre aussieht, sondern bereits wie Kunst. Genau dies verspricht der Werkstattabend Delusion of Desire der Szeneklasse von Vera Nemirova am 17. Juli 2026 im Großen Probensaal der Universität der Künste Berlin.

Vera Nemirova zählt seit vielen Jahren zu den bedeutenden Opernregisseurinnen Europas. Ihre Arbeiten führten sie unter anderem an die Oper Frankfurt, die Deutsche Oper Berlin, die Dresdener Semperoper und zu den Salzburger Festspielen. Erst vor wenigen Wochen wurde ihr diese internationale Ausnahmestellung erneut bestätigt: Im antiken Theater von Plowdiw erhielt sie den erstmals vergebenen Thracian Award of Classical Music als Opera Director of the Year.

Umso bemerkenswerter ist es, dass eine Künstlerin dieser internationalen Ausstrahlung ihre Erfahrungen mit derselben Leidenschaft an die nächste Generation von Opernsängerinnen und -sänger weitergibt. Die Arbeit der Szeneklasse versteht Oper nicht als museales Erbe, sondern als lebendigen Raum des Fragens, Suchens und Erprobens. Werkstatt bedeutet hier nicht Vorstufe, sondern Labor: ein Ort, an dem sich musikalische, szenische und sprachliche Ausdrucksformen gegenseitig befragen.

Das Programm verbindet Arien und Ensembles von Mozart, Händel, Wagner, Tschaikowsky, Richard Strauss und Nico Dostal mit gesprochenen lyrischen Zwischentexten. Neben Gedichten des Berliner Lyrikers Claus Löser werden dabei auch mehrere Texte von Stefan Plasa von den Studierenden selbst zwischen den musikalischen Szenen rezitiert und bilden eigenständige dramaturgische Resonanzräume zwischen den Werken.

Gerade diese Verbindung von Musiktheater und zeitgenössischer Lyrik verweist auf eine der großen Stärken von Vera Nemirovas Arbeit: Oper erscheint hier nicht als abgeschlossenes Kunstwerk vergangener Jahrhunderte, sondern als offenes Denken in Stimmen, Körpern und Sprachen. Die gesprochenen Texte illustrieren die Musik nicht; sie treten mit ihr in einen Dialog, eröffnen Zwischenräume des Hörens und machen sichtbar, dass jede große Oper auch heute noch neue poetische Antworten hervorbringen kann.

Delusion of Desire
Werkstattabend der Szeneklasse von Vera Nemirova
Freitag, 17. Juli 2026, 18.00 Uhr
Großer Probensaal der Universität der Künste Berlin
(Gebäude Bundesallee 1-12)

grand opéra

schnapp.schuss
frucht.ziehung
nieß.brauch
kleb.stoff: im nutz-Los

war als
alcina
ein einziges
schreibmaschinen-
geklimper

wurde beschimpft 
gebührenfrei

woke mischpoke
aufgeräumt
und verklemmt

blitzblank
zwischen den küchenkräutern
nicht ein einziger krümel

trug
bärte kalten milchschaums
lehmzungen
in die winde flüsternd

sprach:
davor ist
immer alles schlechter
und so vieles bleibt
danach
das nie wieder gut werden wird

hatte
keine idee
was jetzt sein könnte
wenn etwas sein dürfte

ggf.
(genommenfalls)
wie früher
oder anders

für den verspäteten
dickkopf im sand
monostatos
im white-facing
am bahnsteig 
allein

oder
die drei damen
mit qietschenden gelenken
zauberinnen
zahnlos
am lachen 
beinahe erstickt

wie säuglinge
unter beschädigten schatten 
zahllosen
an den erschöpften brüsten
der weilich weisesten wala
die den letzten zug 
in richtung ausgang der nacht
fast verpasst hätte 

wär um ein haar
verdunstet
wie daphne 
mit den feldern
den seen
den verheißungen 
und dem vergessen

weil niemand wandert
und niemand segelt

die tauben nüsse
mit stopfgehör

mit körpern aus pappmaschee
und knochen aus zuckerwatte

entfernt 
aus den sauber beschnittenen
immergrünhecken

falls ein:
herbstverbot

und weil:
die welt sehr im außen
ihre innereien hat

stieg also:
um
(statt auf)
trat also blindlings:
in die kulisse 

wusste:
als sich der fuß 
der stummen dryade 
ins unumgängliche verdrehte –

etwas wichtiges 
war gesungen worden 

und spürte
wieder daheim
im gähnen
auf der brennenden netzhaut 
ein verlöschendes nachbild

stoffloser
seh[n]sucht

Be.deut?ung¿

Ostdeutschland
1981
Ankunft: einer Anderen
von weiter her
als man denken konnte
in jener Zeit

für Vera Nemirova
Serie Echo ohne Mund 03/2026

neun Jahre
neu im Land
neu in den Wörtern
neu im Winter


schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

Frage des Kindes:
was ist Bedeutung?

Antwort der Lehrkraft:
Das sollst du erklären! –
Die Bedeutung des Stroms

Be.deut?ung¿
Was ist Bedeutung?¿

schreib‘
zur Bedeutung des Stroms
für den Menschen
für die Kombinate
für den Plan

aber WAS??
ist Be.deut?ung¿


Es wurde still
im Klassenzimmer
im Museum
der Missverständnisse

Ant-Wort
war Gegenrede
Fragen
war Widerstand

Zeigefinger
der Leerkraft —
Achse des Fortschritts —
vom Arbeitsblatt zum Irrtum
zwischen Lösung und Zukunft


aber
niemand zeigte auf
Be.deut?ung¿


Schweigen
war Widerstand


die Aufgabe saß laut
im Hals

die Aufgabe
aufgegeben

die Aufgabe
abgegeben

wie eine Flaschenpost
entkorkt
vor dem Wurf
ins Wasser der Träume

Das Kind saß still
auf: Gabe

in einsamer Zwischenzeit
vor dem Fenster

drei Amseln
zwei Tauben
ein Spatz

kein Schatten


später
Trabant auf Trabant

drei grüne
zwei blaue
ein weißer

kein Warum


alles
lässt sich zählen
nur Bedeutung
nicht


am Ende
die Fünf
unter dem Blatt

ein amtlicher Stempel
auf der Stirn der Frage


nun —
Jahre später —
steht die Bedeutung
auf der Bühne

sie fragt
was heißt

heißt
?¿

ELEKTRA – Werkstattgespräch mit Vera Nemirova

Einladung zur Veranstaltung am Freitag, 29. Mai 2026, 19.00 Uhr, Woelfl-Haus Bonn

Titelblatt des Librettos. Zeichnung von Lovis Corinth (1909)

Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt?

Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde. Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns. Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.

Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?

Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (UniversitätBonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.

Die Veranstaltung findet im Woelfl-Haus Bonn statt (Meßdorfer Straße 177, Bonn-Lessenich).
Das Woelfl-Haus Bonn ist mit den Buslinien 610 und 611 (Richtung Lessenich, Duisdorf) bequem vom Hauptbahnhof Bonn aus zu erreichen (Fahrtzeit: etwa 20 Minuten).

Anmeldung unter: haider-dechant@woelflhaus.de oder Tel.: 0151-655 18155.

Der Eintritt ist frei.


Vera Nemirova

Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“.
Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“.
Vera Nemirova ist Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre
Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.