
I. Totenfeier
April. grausamster aller Monate.
Brut des Flieders auf totem Land,
Kreuzung aus Erinnern und Begehren.
Stört Ödwurzeln auf mit Frühlingsregen.
Warm hielt uns der Winter, deckte
die Erde mit Schnee des Vergessens, nährte
ein mageres Leben mit dürrer Knolle.
Jäh kam der Sommer, zog über den Starnberger See
mit heftigen Schauern; wir stellten uns unter die Kolonnaden
und zogen erst weiter bei Sonnenschein, bis zum Hofgarten,
tranken Kaffee und plauderten ein Stündchen.
Bin gar keine Russin, stamm‘ aus Litauen, echt deutsch.
Und als wir Kinder waren und beim Erzherzog logierten,
meinem Vetter, nahm er mich mit auf einem Schlitten,
und ich hatte solche Angst. Er sagte, Marie,
Marie, jetzt halt‘ dich gut fest. Und runter ging’s.
Ja, in den Bergen, da fühlt man sich frei.
Nachts les‘ ich die meiste Zeit und fahr‘ in den Süden im Winter.
Welch Wurzelwerk krallt sich, welch ein Geäst ragt
aus dem steinigen Schutt? Menschensohn,
du kannst es nicht sagen, noch rätst du es, kennst du doch einzig
eine Halde zerschlagener Bilder, wo die Sonne drischt
und der tote Baum keine Zuflucht bietet, das Heimchen keinen Trost
und der trockne Stein kein Echo des Wassers. Nur
Schatten gibt es unter dem roten Fels
(Komm in den Schatten unter dem roten Fels)
und ich zeig‘ dir ein Ding, das nicht ist
wie dein Schatten am Morgen, der hinter dir her schlürft,
und nicht wie dein Schatten am Abend, der dir entgegenwächst.
Ich zeig‘ dir die Angst in einer Handvoll Staub.
[…]
Fortsetzung folgt in Kürze…
danke, lieber Stefan!
Eines meiner Lieblingsgedichte wunderschön erfasst …
LG Petra
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Danke Dir, liebe Petra! Ich habe gestern mit Roland Techet über passende musikalische Stücke für den Waste-Land-Abend gesprochen – Debussy, Mahler, Ives; Margit und Tonio werden Ravels Tzigane spielen. Das wird sicher sehr schön am 15.12.
Ganz liebe Grüße vom Flughafen Doha (bin auf der Durchreise zu den Philippinen). Stefan
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