Tove ist stumm

[von Wegen, über die Inseln hin]

II

du hast auf Regen gewartet
das Licht wanderte
durch deine Augen
in die Tropfen

lass uns Liebende sein
so lange es niemand sieht

wir gehen die Pfade der Wurzeln
zwischen den Gräbern

mir wurde die Zeit sehr lang
ich hatte mich völlig verheddert
im Geflecht des Ungesagten

du hast gerufen
ich ging…

V

anders
leuchteten die Wolken
an jenem letzten Abend

deine Haut
spiegelte die stille Ferne
einer freien und fremden nächtigen Landschaft

bevor du einschliefst
legtest du deine Hand auf die seine
der schon wanderte durch die Räume der Wiederkehr

Einer wird warten
ein Anderer ankommen
wenn die Falter noch an den Zweigen kleben

vom Sommerregen die letzten Tropfen
auf dem Laub der Hortensiensträucher
mild duftende Zeit vor der Sorge

vor der Träne
die nur noch ein eisiger Wind aus dem Auge zog
weggewischt mit dem Rücken der Hand

das Gedächtnis wird rissig
wie vergilbtes Papier

und unter allen Gedanken
wird mürbe die Sehnsucht

[…]

es kommen keine Briefe mehr
grünlich färbt sich die Dämmerung

grasende Kühe im glücklichen Fraß
und ein badender Mond in ihrer Tränke

VII

um die Schmerzen zu lindern
um den Moment nicht zu versäumen
in dem er an die Tür klopft

aber es wird nicht nötig sein
sich die alten Geschichten zu erzählen

wir werden ganz still vor den Wänden sitzen
und nicht mehr sehen das Vergangene

hier nur
soll die Wahrheit sein
nicht dort

wo man sich verliert im Gehörten
und in den Vermutungen

[niemand wusste mehr
was man hätte wollen können
was man hätte tun sollen
jedem war nur
eine Hand geblieben und ein Fuß
ein Auge und ein Ohr
aber zwei halbe Menschen
ergaben noch keinen ganzen]

wohin also zurückkehren?

die Häuser sind abgebrannt
die Inseln hat das Meer geholt

[ich will nicht mehr sprechen
ich kann nichts mehr sagen
ich will mein Verlangen nicht kennen
ich will nicht noch einmal beginnen
ich will hier bleiben
dass mein Leben ohne Rückkehr ist]

Heimat und Trauer sind verloren

[wer warf sich ans Ufer
getragen über das Ende hinaus
man hat ihn nicht kommen sehen
er sagte uns nichts
er musste still bleiben
wie das Gras
wenn er nicht wieder weg sein wollte
wenn nicht von Schmerzen gesprochen wird
gibt es sie nicht
die Fragen müssten sich erledigt haben
die Betten sollen einsam sein
jedes Elend muss sich selbst genügen…]

er wird den helleren Tag schon noch sehen
und den Rest des Traumes
im Moment des Erwachens

warum hat er sich anschwemmen lassen?

bald wird auch für ihn alles fort sein
und kein Verhängnis wird mehr hängenbleiben
er wird nicht mehr wissen
wie er ausgesehen hat
und wird vergessen haben
an wen er so oft dachte

[du kannst die Liebe nicht erklären
wie alles Unverdiente
leg‘ dich zum Traum dort nieder
wo dein Bett bereitet ist
lass das Wasser von den Felsen stürzen
hinab zu den Wüsten
wo es versickern mag
vergesse die schrecklichen Jahre der Suche]

IX

warten…
die zartesten Dinge
finden ihren Ort

[…]

des Meeres Tiefe
nicht enthüllte Geheimnisse
Mitte der Seele

[…]

sahst Du die Schiffbrüchigen?
sinkende Steine im schwarzen Wasser
Rinde der Leiber rostig
und ihre letzte Sekunde im gefrorenen Auge

[…]

male doch andere Gesichter
und Runen des Lebens
in die Falten um ihre Münder
als blühte etwas
inmitten der väterlichen Kälte
oder als wüchse Moos auf blankem Fels

mache es gut
bis dann
bis wann

verlorene Stimme
wenn deine Sprache sich vollendet hat

Geräusch des Regens auf dem Fenstersims
Staub einer Trauer
unsagbar in den Straßen

[…]

und der Rand der Welt
da
in deiner Wohnung
einsam

diesseits der Mauern
alles
was seinen Anfang sucht

wo jeder Abend
die Fernen einatmet

wo gerufen werden
die Namen der Kinder
ungeboren

[…]

aber wie nebel- und regenverhangen
der Tag auf deinen Gedanken auch lasten mag:
die Stunde kommt
in der du dich in den Frühling hinausgehen siehst
und das durch deine dunklen Augen gebrochene Licht
zeichnet die schattigen Landschaften
in denen du stehest wolltest
am Ausgang zur Zeit

X

alles wird allmählich kleiner
durch die Spalten des Vergessens
ins Ferne wuchernde Triebe
zu Ästen dem Ewigen zugestreckt

du gehst durch die Fremde
und fragst nicht mehr nach dem Weg
und erwartest nicht mehr
dass jemand wartet

noch bist du müde
nach zu langem Schlaf
reibst dir die Träume aus deinen Augen
wirfst sie in den Nebel
der von den Flüssen aufsteigt

[Sie halten bitte noch eine Nacht durch
Sie sagen bitte ihren Namen nicht
[…]
und reservieren Sie uns doch bitte
für morgen einen Tisch beim Chinesen]

die Schlafenden sind nicht mehr hungrig
wenn ihre Seelen verzehrt wurden

die Wachenden haben ihre Köpfe verloren
wenn sie ihr Schweigen nicht brachen

die Müden trugen dunkle Mäntel
schwer vom Regen
und sollten in ihnen über die Schluchten fliegen

[…]

was aber am Morgen danach
wer geht zum Brunnen
und hält der Seele
sofern sie ihren Namen offenbarte
die Schale Wasser in offenen Händen unter die Lippen

diese Schmerzen
sind wie jene
und das Auge geht
in eine bleibende Richtung
woher das Licht kommen soll

wenn aus uns
der Wald herausgeirrt ist
und die Schatten der Buchen
auf unserer neuen Haut verblassen

hörst du sie auch flüstern
er wird wiederkommen
er wird sehr reizend sein
er wird seinen Namen sagen
er wird singen
mit grasduftender Stimme

und was wird er dir sagen
von den Geheimnissen der Heimat
die bei den Müttern sind
die ihre Küsse fallen ließen
von den leeren Fenstern
und in die Gärten
wo sich unsere Kindheiten verloren

du wirst erkennen
dass er zu dir kam
weil bei dir
alles Erinnern blieb
weil bei dir wunderschön sein werden
die Abschiede

und danach
alle Blicke wie Stein

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