Rostocker LiederGaben

Fünf Waka-Variationen

Schicksal. Fall der Schöpfung.
Tag. an seinem Ende.
freie Wege. lichtlos.
Krüge voll Asche. in den Brunnen gegossen.
schöpfend ein Wasser. dem Unstillbaren.

verstecke dich. Blüte.
im Schatten der Kiefern.
warte noch ab das sattere Licht
nach dem Tag der verblutenden Möwe,
wenn das Meer ihren letzten Wunsch an die Küste gespült.

am Anfang. ein Blick.
Schweigen. am Ende.
Augen wie welkende Astern
im Gewölle der Zeiten,
wehend zwischen dem morschen Holz ihrer Lippen.

aber der Tod. das ganze Leben.
aber die Liebe. das halbe Sterben.
da rieselt der Staub meiner Träume…
Leben: weil Liebe.
Lieben: weil Tod.

sagt nichts. das Meer ist tief.
in dem das Boot versank.
schweigt. dass es euch sage
von den Ertrunkenen.
und was sie hofften.

Zu den Texten der Sammlung Rostocker Liederbuch

Rostocker LiederGabe II | Rostock Song Offering [II]

[Waka-Variation | Lied von der Akazienblüte | dans la montagne | das Summen des wilden Kindes | versteckt | in dornigen Zweigen | wanderndes Leben | Schlingen der schwarzen Haare | unter offenem Himmel | Geheimnis | hinter den dunklen Augen | eisblauer Steine Verwandlung | in zitrusfarbenen Dolden | Sehnsucht | der Winde | in Richtung Là-bas]

[Waka variation | song of the acacia blossom | dans la montagne | the wild child’s humming | hidden | in thorny branches | wandering life | creepers of black hair | under the open sky | secret | behind dark eyes | metamorphosis of ice-blue stones | in citrus-coloured umbels | yearning | of winds | towards Là-bas]

hart liegt ihr Schatten
auf deiner wunden Seele
in des Sterbenden Hoffnung
Duft des verlängerten Frühlings
in ihrem Lächeln.
einsame Frage: wann kehrst du zurück

hard lies her shadow
on your sore soul
in the hope of the dying
scent of a prolonged spring
in her smile.
lonely question: when will you return

Rostocker LiederGabe | Rostock Song Offering

[Waka-Variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | sie kommen | sie gehen | die Zeit fließt dahin | nimm deine Fragen mit | für später einmal | die Stunde der scharfen Messer | sie schneiden auf | sie schneiden dich auf | in Scheiben | dein singendes Herz | darin ein einziges Lied: fort! fort!]

[Waka variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | they are coming | they are going | time goes by | take your questions with you | for later on | the hour of sharp knives | they cut | you | into slices | your singing heart | in it your only song: away! away!]

dunkel. deine Stimme
in ihr: deiner Klage Schatten
deiner Seele verlassenes Haus
dein Tanz. auf staubigen Stufen –
leicht wie ein Wind in den brennenden Flügeln

dark. your voice
therein: your lament’s shadow
your soul’s abandoned house
your dance. on dusty steps –
light as a wind in burning wings

in viam pacis

Abschluss der Sammlung: Mecklenburgische Elegien [Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

I

du gabst ihnen Herzen
darin die Rede von einem Geheimnis ruht

keine Arbeit vergeblich
keine umsonst verzehrte Kraft

spät kam der Regen
und fiel bis zu ihrem Erwachen

du wirst sehen
ob sie nicht vergessen haben
ihr Glück zu teilen in Dankbarkeit

ach
lass sie doch erzählen
Genügsamer
vom vollen Mond hinter ziehenden Wolken
von den leicht wippenden Zweigen der Birken
unter denen sie friedlicher gehen
mit der zärtlichen Lüge von einer besseren Kindheit

die wenigen Wünsche
leise gesprochen
und als ob von dir selbst
auf die Zungen gelegt

nimm ihnen nicht
die Kraft, schwach zu sein

lass es ihnen so geschehen
als hättest du selbst geflüstert
so geschehe es

aber im Klang vieler Stimmen
so viele
wie es Farben hat
im Reich der Blüten

ach
Schönheit ihres frühen Opfers
um der späten Früchte wegen
den reiferen Duft und dunkleren Glanz
noch haltend einen Regen lang

daran erinnernd
was vor ihnen war
was ihnen folgen wird
wenn tiefer das Licht im Wasser steht

Abschied zu nehmen
von allen Jahreszeiten

mögen sie spüren
des Windes Schmerzen
wenn er durch das Gefallene greift
wenn sie das stillere Wissen erfasst
was sie nicht lassen können
was du ihnen gelassen hast
für Schatten und Schutz
an den heimischen Ufern ihrer Fremdheit
wo sie nicht mehr sagen können
was ihnen entschwand
wartend
erwartend
was ihnen entgegenkommt
wenn es sich umdrehte
ihnen zuwinkend
auf dass sie ihm folgen mögen
die Wolkenwege, die Lichtwege
wo die Luft sich bewegt
als atmeten selbst die Felsen
auf dass sie gemeinsam denken
es braucht nur diese kurzen Aufenthalte in den Augenblicken
um in der Zeit zu sein und sie zugleich lassen zu können

und sie wissen doch sicher
dass sie alle Hände haben
zu schöpfen das kühle Wasser der Bäche
in denen
als sie noch schliefen
das erste Licht des Tages badete

II

du hörst doch die Gebete derer
die ihre letzten Samen auf die Wege streuten
bevor sie sich der Wiegen nicht entsinnen konnten

wen stört der Staub?
der sich auf ihren Hunger legte

Wind und Wellen
gehen über ihren Schlaf hinweg

Uhren und Glocken und Atmen
im wunden Gehör

so lass doch
ein Gras wachsen
ein Laub
einen einsamen Blick
der ihnen sagte von deiner Liebe
von der sie früher einmal sangen

aber allein sitzt jetzt die Amsel auf dem First
stumm und als ob versunken
in der Schwere der sich zum Winter schleppenden Tage

unerträgliche Sonne
über den sandigen Ebenen
vertraute Wälder der Kindheit
brennendes Haar der Nymphen
was auch immer
die Träume der Sterbenden heimsucht

treib sie nicht fort
aus dem Duft der Äpfel
und den Farben der Dämmerungen

leg doch dein Schweigen in ihre Starre
unter die Haut der frostigen Wangen

für kommende Blüte ein Odem
für den Ruf ihrer Namen dort

wo ein duldsames Gestein
um ihre Seelen bittet

in dubio

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenspalter | Tagzeitenbuch]

I

der Töne Grund
die ihrer Lieder ledig
von Hoffnung wund geriebene Hände
das Glück. vergessenes. weiß dich noch
in den entferntesten Winkeln. hört es dich atmen
reißt sich die Ängste aus dem Schauen der Nächte

II

[Klage des Christophorus]

was habe ich hier verloren?
deine Stimme im Schatten, den ich werfe, flüstert: Tod
träumend muss ich gegangen sein an ein Ufer ohne Wiederkehr
anders zu schlafen. ohne Sehnsucht
keiner soll mir folgen. in die dunkle Behausung
wo ich nichts erinnere. als die Idee von Gott. die es einmal gab
ich nahm dorthin nichts mit
und wo ich zuletzt gewesen sein muss, schleifen die Wellen die Spuren
fern ist dort die Rede von einem Morgengrauen
wo, wenn es regnet, keiner an Tränen denkt
ich liege in der Ermattung der Zeit
schmerzlos unter den morschen Armen der Mütter
das Laub meiner Lieder fiel in die eisigen Hände ferner Monde
und meine Finger sind wie zerstoßenes Gestein
darin noch ein Gehör in stumpfer Wachheit
für den Wind, der kommen mag
doch ist ein Trost in der Stille
und die Seele noch sehr jung
als sie zum Geschenk wurde
zur Gabe
inmitten einer umfassenden Verwitterung
Trümmer der Webstühle
Trümmer der Altäre
Trümmer der Wangen
der Hände der Füße der Wege der Gedanken
nicht mehr wachsen wird das Gras
und die Knospen haben verkohlte Augen
ein Scheitern der Zeit
zurücklassend weder Zorn noch Fragen
unvorstellbar werden sein
Landschaften und hilfreiche Opfer und wartende Boote
fallende Sterne und steigende Nebel
nicht einmal das Unvorstellbare
das Kinder sich erzählen, nachts, in Zelten, wenn die Schatten der Gespenster
zwischen den Ästen der Eichen schaukeln
aber immer wird eine Brandung durch das erstarrte Schauen gehen
und Felsen stehen darin, wie Säulen, die sich zuwerfen möchten das Echo ihrer Klagen
dass ohne Trauer ist die Zeit. ohne Hauch. ohne Klang

III

bist du glücklich?

leicht ist der Körper im Traum
etwas bewegt sich
klopft ans Fenster
oder zieht die Schatten ab
vom Boden
von den Wänden
wie Klebebilder die du drehen sollst
um sie als Wolken an den Himmel zu heften

oder gefaltete Boote
zwischen die Wellenkämme gelegt
oder aufgezogen auf Fäden
von Licht und Staub

deine Stimme
rieselt in die Spalten
zwischen Müdigkeit und Kuss

die Hand greift in den Abgrund
ein anderes Reifen und Rufen
der Zweige über der Brandung
ein engerer Raum
wo Land und Meer sich streiten
als ob um Licht und Schatten

allein geblieben
mit allen Gedanken
Sterben und Lieben
geopferte Zeit
und die Frage
wofür

aber sind nicht Gebete
wie endlose Flure
von denen die ungezählten Zimmer abgehen
für Schlaf und Wachen
und hinter manchen von ihnen
die Gärten und Küsten
dorthin hinauszutreten
wo Irdisches und Himmlisches sich sehr nahe kommen
ein Sprung nur über den gefallenen Stamm der Esche
ein Schritt nur von der letzten Stunde des alten Jahres zur ersten des neuen
ein Griff nur durch das Glas wie durch Quellwasser
in den Händen zu halten diesen kurzen Moment
bis es die Augen erfrischt und reinigt von den wirren Träumen

dem Heiligen dort am nahesten
wo das gebrochene Licht seine Schmerzen am stärksten empfindet

IV

und nie vergessen
konntest du jene
die dich verließen
die ausstiegen aus ihren Seelen
und ihr Schauen verstauben ließen

oben hast du gesessen
still
in deiner Verzweiflung
und blicktest über das Land
und legtest sein müdes Gesicht in deine wunden Hände

Hirte Du
ohne Flöte und Stab
Sänger Du
ohne Lyra und Echo

fragend
immer und immer wieder
warum du dich in die Welt schicktest
warum sie nicht überlassen
dem Feuer und den Winden

und so einsam bei Nacht
hinter den Altären
und in allen Zeichen der fließenden Zeit

vor allem aber
dem eigenen Geist nicht zu entkommen

V

spät erst
habe ich zu leben begonnen

fern
ist der Garten der Heimat

seine Vögel
höre ich singen und schwatzen
täglich
nach dem Erwachen

mich überflutet
die Welt

ein einsames Boot
habe ich mir gebaut
und auf einen Hügel geschoben
der aus der Brandung ragte

über den Liedern
wuchs Gras
aus dem Hauch
der die Wange der Mutter streifte

mein Finger
fast wie ein Halm
der das erste Licht
das über den Horizont kroch
berühren möchte

die Gewitter sind fern
und die Ufer ohne Rückkehr

einsame Bäume
werfen Schatten

und einzelne Wolken
als hielten sie sich fest am Himmel

ein Ort für mich
mit etwas Platz
für letzte Träume

so gut wie vorbei
ist das Leben
und früh am Morgen
blickt es mich an
aus dem Winkel des Unversuchten

zwischen den Gräsern
der Stein
sieht aus wie Brot

in meinen Händen
zerstoßene Muscheln

es fehlt nicht mehr viel
dann hat sich verzehrt die Zeit

mir fehlt nicht mehr viel
außer die besseren Worte des Geliebten im Ohr