aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 16 letzte strophen]

liebe
aus deinem traum entlassen
gehoben. aus den angeln der türen
nachdem durch die augen floss ein rohes licht
zurück. aus der wildnis. ruft uns der tod. ruft uns zu:
jetzt

ein blick nur
und ein ganzes leben wird auf neue wege geschickt
nicht trübe ihn der staub der zeit
noch sei er steinern in der gewöhnung oder boshaft
in falschen wünschen

sag mir nicht ende und ziel
sage mir anbruch
des tages. und schritte
auf vielleicht verschlungenen wegen
reiße die starre. aus meiner seele

es kann die hütte nicht verborgen sein
die auf den dünen stand
die erste welt wohnte in ihr
und noch die letzte wird nach ihr suchen
in den lichtlosen schluchten ohne widerhall

ohne widerhall. das heißt: ohne widerworte
und alles sprechen: ein fernes absurdes denken
und jede zunge: ein gefallenes blatt
unter dem feuchten sand. nahe der glücklichen ufer
an denen die zeit zur ruhe kommt

frei vom verlangen
vom dulden gelöst. legt sich die gläserne seele des lichtes
in die stille der traumlosigkeit. auf die wunden
der eine bleibende augenblick
der überwundene

aus allem nachhall erreichst du dann
die lautlose weite der winterlichen erde
bei dir ist das wort. der zitternden luft
wenn die landschaft deine seele noch einmal durchquert hat
und der wanderer trägt durch deine träume das ziel

die deinen mögen denken: das zeitliche will noch klammern
und zerren noch das mögliche. und ein jegliches unter ihnen
zu widerstrebenden seiten hin
doch auch sie stehen auf der schwelle vor einem letzten weg
versöhnt mit dem vergangenen. vom künftigen gelöst

einmal wurde es abend
ohne dass die nacht sich näherte
einmal blieb unbewohnt das haus
das einen tagbreit vor der brandung stand
das seine wände blähte wie der boote flanken

die stimme. die sich entfernte
die sich zurückließ. in der stummen gegend
unseres erinnerns. mitten im winter. die flammenden zweige
die fallenden früchte. zur dunkelsten zeit
auf die erschöpfte erde der sehnsucht

derselbe himmel. frei vom durst der erde
derselbe schatten
wenn tief stand die sonne
und weil kein anderer sich spannen ließ
über alles verlorene

was nennst du umkehr?
drehte sich nicht nur die zeit. um deinen schlaf?
dann ist jetzt. und jetzt ist gleich
sofern du erwachst. und auf den wänden sehen kannst
woran du dich hättest erinnern können

hier kam er vorbei
hier stand er und winkte nach. und
weil er hier stand
wird er hier immer stehen
stein. unter den zweigen

wer warst du? wanderer
dass die straßen trauern. und die wälder
leerten ihre augen? was soll die winde ranken
am mürben hauch der ausatmenden zeit. haltend den schatten
des gegangenen. auf den verwitterten stufen seiner sehnsucht

[wo]

still. zwischen zwei wogen. zwei halben zügen
eines geteilten atems
noch unentdeckt. im dichten gezweig
deiner klänge. den anfang erinnernd. der wartende
auf die erste frage. vor dem letzten aufbruch

[wann]

an einem morgen. eines noch langen tages
wissend. dass noch genug zeit wäre. und
schauend. auf den weg
der durch den garten ins haus führte
wie auf alle wege. die du einmal gekommen warst

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 8 neue strophen]

ehe die letzten jahre nahen
will ich mich aufmachen
und ihn bitten: lehre mich doch
aus allen wunden ein jegliches zu tun
mit liebe

wundere mich
über die geduld der dürren erde
die zitternde stimme der wolke
die milde sprache deines verschlossenen herzens
ein dunkles erinnern zu tragen zum ufer der dämmerung

in jedem offenen feld
nicht so bald schon
die hände an der haut des himmels
orte des abschieds. von wo der nächste tag
über das wasser des anfangs ruft

dunkel sagt uns. wenn wir stehen vor der nacht
dunkel die stunde. wenn die bitte um licht
ihren anfang sagt. in den leeren räumen
die sich füllen lassen. vom sanften streif
der den tag hob. über die mauern und dächer

was aber sagt die einsame seele zu sich selbst
wenn sich das sternenlose zelt um sie wickelt
wann jemals sollte sie rufen
nach ihrer stimme widerhall
wann opfern dem liebsten ihren schatten

wollte sie nicht
– fallender tropfen ins graue meer –
mit sich nehmen das kurze zwinkern
des wenigen lichtes. das sich tragen ließ
in ihrem gläsernen herzen

und wessen soll dann des dunkels sein
von dem manche sagen werden
es hätte sie ausgelöscht. die unauslöschliche
nur weil sie schweigt
die stille schwester der nacht

sie wusste. welches licht
die pfade hätte aufschließen können
lachend. voraus den einsamen schritten
glücklich. fast. und schließlich dem abschied voran
dem traurigen bruder eines jeden aufbruchs

unsere häuser. falls

[buchheimer fragmente]

unsere häuser
falls wir trauern müssen
falls wir nicht mehr schauen. hinaus

unsere häuser
wenn schnee fällt. und die füße zittern
auf dem kalten boden der zeit

unsere häuser
wenn die welt entsorgt hat
unser erinnern. und falls

sich verlieren die spuren
aller dinge. unterwegs
sand und staub. unserer häuser

eingeschlossen. im wachsenden eis

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 12 neue strophen]

räufelte fäden auf
aus dem fell des grasenden lamms gezogen
bis zum ende der traurigkeit
sitze im summen der wünsche
im wievielten frühling

gott. der wartende
die suchenden zu empfangen
sie irren durch die krause zeit
in den endlosen zügen der gezogenen
im leeren haus ihrer heimkehr. sitzt gott. der wartende

selig zu machen
was verloren. was deiner harrte
und opferte die eine hälfte des lebens
angesammelt und aufgespart
um einmal geteilt zu sein

ich mied die einsamen gärten
die blüten, deren augen die seele durchbohren
nicht sollte mich heimsuchen
was verschenkt
nicht trocknen die haut im duft der hoffnung

dunkel. der harfenakkord
einschlag der wege
im saum der ruhiggestellten herzen
stummes leid
summend. vergessene lieder

stand. ein baum. am steilen ufer
schloss die augen seiner zweige
zu sehen. wohin er gerufen sei
entsinnend. am abend. am morgen. erkennend
das nächste. steigend. über den kamm der düne

pfad. der dämmerung zu
dem ausatmen des tages entgegen
gelöscht. hoffnung und furcht
vom wogen der träume
überschwemmte zeit

siehst du nicht auch
den lichten wald unserer jugend
staub der röschen. zwischen den klammen zehen
der klaglosen zukunft geteilte asche
der palmzweige schatten. auf mondfarbener himmelshaut

was hast du, mutter
sind dir nicht trost die schönen geschöpfe
vater, was siehst du
wenn du so still. am fenster
karg. wie die gegend deiner wünsche

mag nicht mehr lächeln
mag nicht mehr trotzen der sorge
bin aus dem zauber raschelnder blätter geschüttelt
harre im ortlosen schauen. im tonlosen lauschen. verschlungen
mein name. in meer und zeit

mehr raum. braucht jede liebe
als platz hat die enge zeit
mehr mut. muss
aus der wurzel des todes wachsen
zu wissen. des sterbens größtes wagnis

du. rufe ich. du. kehre dich um.
kehre mich heim zu den schatten. über die hinzieht ein mond
ungesehen. hinter den grauen tüchern. die von den gewölben fallen
auf die verödeten wege. du
ziehe weiter. nimm meinen namen mit. in den neuen tag

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | für einen nahen freund. fern]

bald um. ist der tag
ist bald um mein träumen gegangen
wegrand und ufer. wo immer ich sei
steh‘ dort. ein schwacher halm. beim reglosen stein
in der stille des versprechens

Werkstatt XVI | Beginn einer neuen Übersetzung

T. S. Eliot: Four Quartets – Vier Quartette

Burnt Norton, IV

Zeit und die Glocke begruben den Tag.
Fort zog Sonne, mit dem Gewölk, so zag.
Kehrt sich uns zu die Sonnenblume, wird die Waldrebe
straucheln, uns zugeneigt; ranken und reifen, oder mag
sie nur klammern und klingen?

Sticht
der Eibenfinger, schleichend gekräuselt
auf uns hernieder? Nachdem des Eisvogels Schwingen
erwiderten Feuer mit Feuer, schweigend, still wie das Licht
im reglosen Zentrum der kreisenden Welt.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 14 neue strophen]

wohin sich treiben lassen
wohin vertrieben
immer dem schmerz aus dem weg zu gehen
statt an seinem verbranden ein ufer zu bauen
den abendlich blauen ort eines wundervollen endes

steige noch nicht hinab
zum tiefsten der heiligen worte
furcht ist die zärtliche freundin
dass unberührt bleibe das kostbarste
und verborgen die empfindliche schönheit deines namens

wann begann die lange nacht
die des herzens rede endete
als sich spiegelten die geheimnisse
in den erblindeten augen
die das lichtlose meer geschaut

lass sie doch sein. wie die träumenden
die durch die sage wandern. einer nicht endenden liebe
so wund von ihren hoffnungen
und fast ertaubt. flüstern sie: ANGESICHT
aufgesucht. und daheim. in jeder seele. die sich hingab

ach. so verödete knospen
ach. ein so trübes auge
blickend auf alles. was nicht aufging
was sich gewünscht, vergehen zu können
dass es mische sein mattes summen in ein verwehendes weh

und wenn das licht entwichen
suchen die schatten nach ihren trägern
zu ziehen die schleppe
an der noch haftet
der duft der verheißung

dann. sei ein tag
an dem du stehst. auf der schwelle. ungebeten
auf einem fußbreiten steg
zwischen stern und stern. zwischen ruf und widerhall
im einsamen klang. des letzten schlags. der dunkelsten glocke

was sagte ich anderes. als: du
was hieße es. ausgesprochen zu sein
in der stimme des anderen. enthalten. in der stimmung des harrenden
der seine wünsche kennt
die schätze des unvollendeten. solange er schwieg

einer. von den vielen
ausgesucht. für alle tage
durch die zeit zu laufen. mit verborgenem herzen
immer zu ziehen. wie wege um seine insel
die kreise. um jede stunde

ja. die große liebe. die eine. vielleicht
das uneingestandene licht
im schattenreich der sommerlichen wälder
die bänder des nebels am morgen
aufzutrennen. mit den scheren der sagenden stimme

ich komme vom träumen nicht los
so weit ich auch gehen und fliehen mag
steht bei jedem abend
am einen, lautlosen ufer:
der liebe trauriges auge

die mageren schatten
auf saftigem gras
wartet nicht immer das ziel auf den suchenden?
haucht sein kühles wort:
wer nicht wandelt, wird nicht verwandelt

nicht das einzige leben
das an unbekannter stelle einer langen reise verschwunden
nicht der einzige tote
der die welkende blüte seines namens zu den steinen legte
die das kommen und gehen der gezeiten nicht schrecken muss

trauern darfst du. freund
am bleibenden ufer. das ich verließ
stehen darfst du bei der traurigkeit. mit der ich fortgezogen wurde
doch: gehe heim in der freude der liebe und
mit dem unauslöschlichen licht. meiner schritte. voraus

haiku [allein/stehend]

[lobe die edle küste. weit entfernt. im gebiet der seelen. vor unseren blicken. himmel der ewigen dämmerung. pforte des mondes. tausendfach wechselnd. bei jedem aufschlag. der augen. laufe los. wenn gefallen. das erste wort. wenn aus dem schlaf gelöst. und traumlos verwandelt ins echo]

wachsen die ufer den treibenden booten zu?
frage nicht, freund.
wo du mich finden kannst…

Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.