gebet in der dunkelheit

[triptychon einer restlichen gegenwart]

I

sei mir ein atem. wenn ich keinen mehr habe. sei mir ein blick. wenn ich nichts mehr sehe. sei mir ein schatten. an der wand meines herzens. ein restliches licht in jener nähe, wo ich verlorenging.

lass mich dessen entsonnen sein, was ich nicht halten konnte. lass es noch ein wenig an meiner wachen seite ruhen – nicht als bild. sondern als wärme unter der haut.

wenn der schmerz kommt. nimm mich in seine mitte. lass ihn nicht um mich kreisen. wie ein tier um seine beute. lass ihn mit mir weinen. lass ihn müde werden. lass ihn schlafen.

und mich mit ihm.

II

und wenn ich nicht mehr gehen kann. dann trage mich. nicht weit. nur bis an den rand des erinnerns. dorthin. wo die luft noch nach ihm duftet.

wenn ich zu tief sinke. dann leg mich nieder. zwischen die falten des alten tages. in das tal. wo die schatten schlafen.

ich habe keine worte mehr. nur geräusche. die in mir klirren. wie glas in einem verlassenen haus.

die liebe – sie ist kein versprechen. sie ist ein abdruck. in der feuchten erde meines inneren. ich trete hinein. und weiß nicht, ob ich je wieder hinausfinde.

mein körper: ein archiv des berührten. meine haut: ein echo seiner hand. mein mund: ein verschlossener vers. der sich weigert, ihn loszulassen.

und wenn ich sterbe in dieser stunde? dann sei es keine flucht. sondern ein eintreten in den raum. wo er noch einmal meinen namen sagt.

III

dort. wo mein sprechen versagt. bleibe das wort. aus dem ich mich löse. und sei mir ein klang. kaum mehr als ein hauch. zitternd am rand einer zeile.

sagen will ich. was nicht gesagt werden kann. lass es in mir zerspringen. zu silben aus licht.

nicht mehr mit meiner hand. setze ich das zeichen. sondern mit dem herbst meines atems.

ich schreibe auf. was mich verlässt. ich schreibe fort. was mich erhält. hier. in der stimme. die zum raum wird. hier. in dem raum. der zu bildern wird. unterhalb meines vergessens. landschaften. ferne. die nie mich verließen. solange ich sie durchwanderte.

sie sollen mich schreiben. als einen, der liebte. einen, der fragte. der blieb – im anhauch des wortes. das niemand spricht. das dennoch alles trägt.

wie ich ihn. in mir.

psalm. unwiederbringlich | triptychon für zwei getrennte namen

I

brannte nicht dein herz? als du im schweigen warst. schuf er dir nicht den hunger? als die körbe füllte: eine bittere ernte. gepflückt mit den zähnen alter, lichtloser jahre.

sie hatten gedeihen lassen: die wüsten träume. in spiegelgängen der vergessenheit. wie flure aus staub. in denen die namen an den wänden vergehen.

täglich. war dir ein fernes versprechen. wuchs zu einem leben. bis an sein stilles, unsichtbares ende.

II

zwei gedanken zogen. wie getrennte zwillinge. durch die begrenzte zeit. die immer kürzere. tag für tag. auf der suche nach: einander.

wasser hieß der eine. ufer der andere.

auf endlosem sandbett kniete der ruf: wenn wasser wäre, bliebe ich ihm ein ufer. als scheide einer späten ankunft. wenn ufer wäre, wüsste ich endlich vom ort meines versiegens. meines verschenkens. auszuatmen: welle um welle. angstlos. den regen betrachtend. der da spannt. seine grauen laken. über dem ewigen meer.

III

brannte dir nicht das wort? in der lange verstummten kehle. lag es nicht gestern noch? vor dem gerechten schlaf. in der reglosen schale? leergetrunken vom sturm.

doch als dich warf. der traum. in die sprachlose welt. hörtest du etwas. wie eine bitte. tonlos. nicht mehr gemessen. und dein gesicht lag. in der fremden bergung. zweier älterer hände. und in ihnen: die linien derer, die nicht zurückkehren werden.

aber das ungesagte. zwischen all dem unsagbaren. barg einen letzten wunsch: die bleibe einer erinnerung. vor jener stunde. da das licht – das einst deinen namen schrieb – sich löschte aus der welt.

gegen die ufer. angeschwemmt

[heim.wärts | fern.weh | 25.4.2.]

weißt du? etwas. von der anderen seite. weil doch früher morgen ist. weil noch ein rest vom traum im feuchten augenwinkel hängt. unten. auf dem rauen waldboden. tanzen die schwarzen ungeheuer. oben sind es nur äste und zweige. vom wind geschüttelt.

vor dem zusammenbruch. lege dich hin. bis sich öffnet: der brunnen unter dir. und die wände weichgeklopft. zu bunten teppichen. und das fenster. zerschlagen. und neu geschmolzen. zur glasharfe. einfach: alles sucht. die stimme. und die zärtliche hand des milden windes.

bettkanten. und simse. der felsvorsprung. der selbst dem kleinsten flieger einen vorsprung gibt. und du? hättest ja zur sicherheit. noch ein paar papierne segler in der tasche. gefaltete wünsche. damit sich die spärlichen worte spiegeln. zwischen falz. und falls. und sich vermehren. ins unendliche.

die vielen briefe. die. eines tages

[eine seele. eine jede | antwort auf die frage: warum so traurig?]

die zeit. ist verstrichen. ohne ein wort. eine müde hand. ein schatten. unter den uralten kastanien. gleitend hinab. ans ufer. wo ein großer spricht.

kaum mehr. wird er sagen. als die unsagbaren dinge.

bleibender saum. des lebens. wenn es vergeht.

ach. diese güte. im anschauen aller mängel. doch außen. wird kein echo hallen. das vom unverzichtbaren spräche. von der einen nahrung. jenseits von wasser und brot. ohne die der tag nicht durchzustehen wäre. und der abend nicht lebend zu erreichen.

was zeigt sich? was drängt und drückt? in der geringsten stunde. und legt den kleinen, den zitternden finger. auf die tiefste, dunkelste stelle. auf- und abgang. des täglichen lichtes. zug vorbei. der träume. tropfen. zum staub. wunsch um wunsch. eine unendliche verkettung. eine versandung. und korrosion. in der öde. der gleichgültigkeit.

in den wänden. im gewand. blieben hängen. die geräusche. die ehrlichen erinnerungen. die wendungen. der irrsinnige schmerz. ihrer nie beruhigten sehnsucht. nach umkehr. und aufbruch. nach dem einen kräftigen abstoß. vom gestein. das sich am rand des lebens und atmens bildete. aus allen stimmen. und ihrem pendelnden gesang. hin und her. zwischen. noch nicht. und nicht mehr. einmal. und nimmer.

schließlich jener tag, an dem es heißt: im schatzhaus. gefangen. einer unbezahlbaren einsamkeit. dort: in den gegenden der dämmerung. gegen alles gelehnt. was sich ahnen lässt. und zugleich: die ankunft im wissen. nicht mehr erlebt.

und doch. zu jedem. kommt die quelle des lebens. zurück. mag dies auch erst geschehen. in der allerletzten stunde. minute. sekunde.

die quelle. nicht. die qual.

das immer gesuchte. nach allen versuchen. die welt. für sich. natur. und ihr ruf. sich ihr anzuschließen. ein opfer zu bringen. eine hingabe. eine gabe. immer gereicht. ohne jemals auszureichen.

doch dieses eine soll von ihr gesagt sein: dass sie gegeben wurde.

die vielen briefe. die. eines tages

[beginn einer meditation]

warum ich du sage? um vom echo verschlungen zu sein. erkannt in dem. was allein ist. zu zweit. und in der seele sich selbst gebiert. um endlich ein vergängliches werden zu können. ein trauerndes. ein sich erinnerndes. ein wirkliches. zwischen all den träumen…

lasst uns geworfene. zu gesandten werden. lasst uns schauen. erkennen und lieben. ineinander gewirkte. im stillen gebet. dem größeren zu. das in uns wuchs. und das uns hinausruft. in die gärten. und an die ufer…

die vielen briefe. die. eines tages

[erste sendung | 2025]

der wanderer. kurzbiographie. bekenntnis

heute. sind die worte geheimnislos. darum. gewinnen die offenen landschaften an bedeutung.

bei deiner ankunft. werden sie dunkel. du brauchst noch eine nacht. ruhelosen träumens. und wirst sie erkennen. sobald sie der folgende morgen aufgehellt haben wird.

dir wird sehr schnell klar. dass du hier einen raum der zufälle betreten hast. die einzige linearität ist die der zeit. doch in ihrer gesetzmäßigkeit wirst du befreit einen schritt nach dem anderen machen. richtungslos. freudvoll. still.

wanderer werden heißt, ein einziges ziel zu kennen: das ende des tages. er läuft durch dich hindurch. während du selbst ein mäandernder fluss gewesen sein wirst. und erst nach seinem ablauf trittst du in den beginn all dessen ein, was sich erzählung nennt.

wiederum aber. brauchst du eine nacht. um zur stimme zu gelangen. zur stimmung. die alles klangliche erst hörbar werden lässt. nicht wie eine klinge oder schelle. sondern: hörbar und wieder hörbar als ein schon lange verklungenes.

denn die erinnerung kann sich nicht beschränken auf ein protokolliertes. sie selbst muss ein koloriertes sein. will sie sich nicht ausweisen lassen aus dem haus des gedächtnisses. will sie der bleibende ausweis werden: der vergangenheit.

wanderer bleiben aber bedeutet: ein unentrinnbarer zu werden. ein hiesiger. der vom dortigen zu singen vermag. ein im wandern abgetauchter. ein aus den wundern aufgetauchter.

das grenzland ist dein gefilde. das land der ufer. der stundenlangen, wortlosen blicke auf ruhendes oder tosendes wasser. das die krümmung der erde hat endlos werden lassen.

wanderer aber bist du. weil in dir die kraft der rückkehr wuchs. in deiner seele wurden eins: das verlassene. und das verlässliche. du nimmst wahr. gleichsam wertvoll sind dir das wirkliche wie das unwirkliche. in dir ist eine wahrheit: die wachsende hoffnung, dass dir kein weg im wege ist.

dennoch. hast du ein wissen: ganz gleich, ob dich hinaustreibt die traurigkeit oder die neugier, das heimgesuchte bleibt haften wie ein schatten.

jetzt. kamst du nach hause. weil es der immer zu kurze tag so wollte. gleich. legst du dich schlafen. brauchst noch eine nacht. ruhelosen träumens. morgen aber. also: dann. sind die worte geheimnisvoll. als teil der offenen landschaften. durch die du gegangen bist.

nicht dem tode. glauben

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

wenn er erscheint. wenn er scheint. lege ich meinen schatten ab. in den er sich warf. da. auf die stelle des endes. hier. am ausgang des sterbens.

kleine seele. im zarten opfer verborgene. für die ferne liebe. für die einzige und bessere erkenntnis. fiel mir ihr name wieder ein. wie der grund meines wartens.

doch. der boden. dort. so leicht. und ich fast schwebend. vor dem streifen dämmerung.

eine stimme ging durch meinen schlaf. und ein leiser regen über das nächtige land.

sprach er nicht aus dem schilf? nicht aus den einsamen häusern? hoch über den steilen ufern. ein letztes licht. das den grauen dunst des morgens überzog.

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

im Traum nur. warst du nicht mehr müde. da tagte es ein ganzes Jahr. und kühler Wind in den Zweigen deiner Wünsche. in die Mitte des Lichts, wo die Stille jeden Klang umschließt, fiel, was du geflüstert haben musst. wie eine Kugel in den Brunnen. da sitzt ein Kind. und singt allein vor sich hin. und hat die Gespenster hinter sich zu Stein verwandelt. ihre Augen wurden zu Flechten. und ihre Tränen zu Straßen, aus der Zeit geflossen.

[…]

was ihnen blieb: Sterne zwischen den Streifen, als ließe der Himmel die Wege fallen der Kranichzüge und der zwischen den Seelen pilgernden Engel. sie gehen gen Norden die Gleise entlang. als ob zurück zu jenen Tagen, als die eigentliche Wahrheit ruhte in der Not einer Lüge.

[…]

in dir wachsen Ideen, wohin es dich zöge, wärst du ein Pilger. die Zeit fährt immer fort. ganz gleich, wo du weilst. oder ob du dich bewegst. du würdest dorthin wandern, wo die Weile eine andere Länge bekäme. und nach einer gewissen Strecke würdest du denken: sie folgt mir. ich gehe ihr voraus. aber dann kämen die Aufenthalte. und sie würden von Mal zu Mal länger. bis dir die Stille sagte: sie lässt sich betrachten. an allem. was vergeht.

[…]

grau mag sein das schon lange Vergangene. fahl die Zukunft. die uns in diesen müden Tagen erzählt wird. doch dass wir uns erkennen am Warten aufeinander. an der Sehnsucht. nach des Anderen Stimme. und keine andere Sprache zu haben scheinen als die gemeinsame. weit. weit voraus. den üblichen Worten und Tönen. viel tiefer noch. dort. wo Augenblick und Erinnerung in eines zusammenfließen. wo der Spiegel, vor dem man steht, den Anderen zeigt, wie er dich anschaut. und nach dem Schlaf noch eine unbestimmte Zeit Haut an Haut, im einigen Atmen zu liegen.

[…]

zur Sammlung Mecklenburgische Elegien [Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]