hier keine bleibende Statt [Wanderers Traum]

ich stand
in der Mitte des Schweigens
an der Scheide der Tage
als zurückkehrte ein erstes Wort

da schlief noch die Welt
da war ich ihr einsamer Wächter

und hatte vor Anbruch des Lichtes
die ganze Klarheit des stillen Sehens

mein Opfer
stieg aus dem Schatten
den das Mondlicht warf

darin
konnte ich spüren
wieviel Kraft es kosten würde
hinauszutreten
und über die Wunden zu steigen
um überwunden zu sein
in Liebe

und hinter den Mauern
in ihren Gärten
wüchse die Freiheit
läge in Erde und Wurzelgeflecht
der Schoß meiner Werke

Chor der Verlorenen, VII [hier keine bleibende Statt]

wir gehören den Straßen. wir gehören den Wäldern. wir kehren zurück aus der verronnenen Zeit. so schön das Gras auf unseren Gräbern. so still die Seen des letzten Schattenwurfs. und wie verglühender Stein das keusche Mondlicht. wie aus Milchkannen gegossen. das Weiße unserer Augen. in jenem Moment, als wir nicht mehr blind waren und sich die Erde fest an unsere Sohlen heftete, spiegelte sich da unten auf den kalten, feuchten Steinen der Himmel. und endlich konnten wir sehen die Wolken, in denen sich unserer Kinder Flügel verfangen hatten. als hätten die Heerscharen Netze ausgeworfen für ihre Seelen. aber wir sangen: sie gehören den Furchen, wo wir das Reis unserer Jahre ernten; sie gehören dem Wegesrand, wo das restliche Wilde wuchern soll. so schön die Klage am Ufer der Zeit. so still das Land der Felsen, und ihre Schultern von Wellen massiert. Wind im Laub. wo wir uns wiegen. wo unsere Seelen gewogen sind.

hier keine bleibende Statt

was der Marschierende sagt

strecke die Hand aus. rühre dich nicht. bis sie brüllen. dass du dich rühren kannst. ungerührt.

die Waffe wird leicht. wenn es Nacht wird. hinter den letzten Blicken. wenn sie sich entfernt haben. die deinen Namen kannten.

[vor Mittag die Wüste verlassen. vor Abend hinter den Horizont gelangen. gleichmäßig atmen. vor Anbruch des Tages. wenn deinem Herzschlag lauscht. die erschöpfte Zeit]

Echo seiner Mutter

er kam nicht heim. kalt war mir. wenn ich einschlafen wollte. nur wenn ich träumte, konnte ich ihm weisen die Pfade. nach wärmenden Worten suchte ich. doch müde wurden die Feuer. mit allem, was verbrannte.

alle Dinge sage ich mir. die ich ihm nicht mehr sagen konnte.

hier keine bleibende Statt

Wanderers Klage

ich war anderswo
nicht dort
wo ich hin wollte
nicht dort
wo ich mich schweigend hätte verbergen können
still zu sein
um etwas sagen zu können
und ein Gehör zu finden
in anderen Stimmen
weil nicht ich es sein kann
der weitermachen muss
der sich entsinnen wird
des Künftigen
um die Geschichte nicht zu wiederholen
die unvergessliche
deren Namen unbrauchbar wurden
wie mein Gedächtnis
das sich nun andere Orte sucht
wo es sich aufhalten kann
wo es sich aufhalten lassen kann

hier keine bleibende Statt

Chor der Verlorenen

unsere Menschen sind sehr zahlreich. groß ist die Stille in unserem Land [sie wollen nicht fort. sie kennen die fernen Wege nicht. die alle hätten gehen müssen. dorthin zu gelangen. wo alle gerne wären. sie schreiben ihre Zukunft auf. um das Vergangene zu vergessen. sie haben die Zeit vertrieben. die Vertriebenen] festlich sind unsere Tafeln. wenn sich einer verabschiedet. bei uns ist immer Altjahrsabend. Altkleiderverbrennung. jeden Tag. wir haben immer Besuch. wir sind die Übrigen. die sich versammeln. das Restliche zu vertilgen. wir singen. bis die Herzen weich geworden sind. bis sie gewichen sind. wir weichen die Kruste ein. in saurer Milch. schweigend werden die Suppen gelöffelt. unserer Hoffnung. und die letzte Schüssel kippen wir auf die Beete von Rosmarin und Lavendel. wir sitzen noch spät zusammen. bis schön wird jeder Abend. irgendwann. und jedes Gefühl wie früher. als wir noch Kinder waren. und uns erzählten. vom kopflosen Reiter. vom hungrigen Clown.

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.3.11 | Tag 52 der Erstarrung

du warst immer der Ältere.

worüber ihr nicht sprechen könnt. was wird euch wieder zusammenbringen? Schmerz oder Glück? oder Glück des Schmerzes?

er hört dich reden. wenn du die Küste auf- und abschreitest. die Wunden müssen offen liegen. dass die Wunder Platz haben darin. wenn die Stimmen ersterben. hinter den Schwellen der Zeit.

was tut man, wenn man wartet? man hat Gärten, mit ein wenig Glück. man könnte schreiben. über alles, was man denkt. und was nicht gesagt werden kann. man kann sich um die Kranken kümmern. oder den Vergesslichen ein paar Geheimnisse verraten. man kann die Wellen zählen, die in einer Stunde gegen die Dünen klatschen. man kann Plätzchen backen und sie verteilen in der Nachbarschaft. man kann voller Träume sein und lange schlafen, um sie zu vergessen. man kann alle unbeantworteten Fragen aufschreiben und in späteren Jahren schauen, ob sie sich erledigt haben. man stellt die Bepflanzung der Beete um, von Gemüse auf Blumen, damit das spazierende Volk statt Hunger ein paar Träumereien verspürt. aber man arbeitet nur nachts, denn der Gärtner will nicht gesichtet sein.

ob er noch weiß, dass du ihm immer gesagt hast, die Stille danach ist das eigentlich bedeutende Geräusch? und im Konzertsaal müsse man dem kadenzhungrigen Publikum das Klatschen verbieten, hast du ihm immer gesagt. und dass es hilfreicher wäre, man würde nach dem Orgasmus keine Fragen stellen, vor allem nicht, ob es schön war; gleich so, als fragte man einen Toten, ob ihn die Ewigkeit nicht langweile.

haltbarer sind die Verwundungen, hast du ihm immer gesagt, als die Verwunderungen. wie leicht machen die Menschen aus ein paar albern im Wind pfeifenden Küstenfelsen seelenfressende Sirenen. während ein ganz anderer Schmerz sie quält. unterhalb des Hörbaren.

du hast dich nie gefragt, wie angenehm dein Leben sein könne. auf einer hinter den Hecken versteckten Bank. sondern immer, wie anders es wäre mit ihm darin. jemand, der abends heimkommt, wenn du den letzten Tee aufgegossen hast. jemand, der auf dich wartet, wenn du selbst noch lange beschäftigt warst. jemand, mit dem sich keine Weile zu lang anfühlte und das Zeitliche nur insofern Bedeutung hätte, als es ein einmal Vergangenes sein wird, ein Unwiederbringliches, das nur den wahrhaft Liebenden mit einem Schmerz erfüllt, der jenem eines Schöpfers gleichen muss, wenn er sein Liebstes entlässt in die wilden Landschaften eines noch ungewissen Lebens.

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.27 | Tag 40 der Erstarrung

du wirst aus seinem Gesicht ablesen können. die wahren Geschichten. die nicht erzählten. und du wirst erkennen: du warst der Verlassene. doch er war der Suchende. der dich nach aller Verlorenheit wiedererkennen wollte. du selbst warst es, der es hat dunkler und dunkler werden lassen. und weil du zu lang und tief geschlafen hattest, dachtest du, er hätte sich entfernt, ohne sich zu verabschieden. doch dann waren dir seine fernen Worte wie ein Murmeln von Wind und Gras. all die Jahre des Wartens hindurch. seine Träume näherten sich wieder deinen Gedanken. mit denen du fuhrst von Insel zu Insel. und seit du selbst nicht mehr gesungen hast, war es dir angenehm, die Augen zu schließen und das Laub säuseln zu lassen. halb sitzend, halb liegend auf mächtigen Wurzeln. Niedrigster, Einsamster du. allein mit deinem Gott. von dem sie sagten, er würde nie lächeln. doch du wusstest es besser. und hieltest die leeren Hände ihm hin.

[der Rückweg führte durch die Nächte und die Dämmerungen. jeder Abend ein Anfang. ein erster Schritt. voranzukommen durch die Geschichte. durch alles Geröll. das die Sintflut hinterlassen hatte. zu wandern allein. durch vierzig Winter. und sieht ja alles so aus unter dem Schnee, als stünde es nie wieder auf. doch kräftiger alle Dinge der Natur. und fanden zurück in den Frühling jedes Jahr. und widerstanden der trügerischen Ruhe des Schlafes. denn es konnte ein wirkliches Schweigen ja erst entstehen nach dem Erwachen und dem Beginn der einen, tiefen Schau durch den Schmerz des Lichtes hindurch.]

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.4 | Tag 17 der Erstarrung

es ist immer dieser Augenblick. der günstigste. doch du spürst nur sein Ende. und da steht die Frage: wann hat er begonnen? [das Warten dauert. die Zeit dehnt sich. wenn sie Dauer ist | unablässig kräht der Hahn. klingelt der Wecker | unentrinnbar dem Atmen. dem Fluss. dem Zug der Wolken | bin schon wieder ein Vergangener. noch einen Schritt tiefer. jetzt. in der Vergangenheit | aber man wird nie fertig. und das unendliche Male. wieder und wieder | dunkle Flügel wachsen. mit denen du gleiten willst. über die verlorene Steppe. vom Meer überflutet | Abgründe tun sich auf. über die kein Mensch mehr springen kann | was helfen die Bekenntnisse dem Entfernten. dem Verbannten. der seine Zunge verschluckte. samt aller göttlichen Worte. und in der Furcht versank | doch nur für ihn endete tödlich das Spiel. um die Wahrheit. um an fernen, leeren Ufern den Rest des einsamen Lebens über das Unveränderliche und das Nicht-Vergehende zu brüten. das ihm versprochen war] Fragment um Fragment habe ich gesammelt. und überhaupt. Haupt über Haupt. Masken zu tragen. wenn ich hinter den Fenstern stand. wenn ich hinunterblickte. auf den Friedhof der Großen. wo jetzt statt der Lieder der Amseln das Gekreisch der Papageien ertönt [alles vermehrt sich im Schlaf. bläht sich auf | sag doch. was sich in dir aufhält. was dich aufhält | du brauchst doch nichts mehr als einen letzten Schritt zu machen. in die Weite hinaus: da beginnt die Unendlichkeit. in die sich hineinbrennen die Sonnenwinde | ja. du hast alles erschaffen. auch das Erschöpfte. ja. du hast lange geschlafen. wie die Schlaffen. lasse dir sagen vom frischen, warmen Regen, der im Meer ertrinkt] hier aber sind jetzt alle Ärzte. auf der Suche nach den Kranken. und niemand ist mehr da, der ihnen sagen könnte von den fernen Dingen. und wohin ihre Seelen ausgewandert sind | sie haben sich verabredet. ab morgen rückwärts zu laufen. damit sich die Erde mal andersrum dreht. und die Tage beginnen mit dem Abend. dessen Land die Erde überziehen soll. mit ruhlosem Schlummer. weil das ewige Hoffen so müde macht.