kreisgänge. notate ins neue jahr

vielleicht. jeden tag

ich wurde geboren. in einer zeit. als es nichts besseres zu tun gab. es passierte viel. aber wenig von bedeutung. eine unbedeutende zeit schickt unbedeutende menschen in die welt.

speise der seele. spurloser himmel. glückloses schauen. unbewegtes meer. ohr an den segeln. den schienen. dem laub. aber wolken: wie frisiert. oder gott: mit schaum vorm mund. ach! seine sehnsucht nach ruhe. und will ja zugleich: dass die ufer blühen.

was würde ich dir schenken? nach der dritten begegnung. die zeit allein, die wir teilten, mag nicht genug sein. und letztlich versteckt sich in jedem geschenk der wunsch, beschenkt zu werden. aber: wie lange kann es dauern, bis der abschied zu einem augenblick der not wurde?

die liebe kann alles dulden. der mensch kann es nicht. aber vielleicht schreibe ich dir einfach einen brief. dass ich hier bin. dass du vorbeikommst. vielleicht. falls in der nähe. vielleicht. im falz. einer kleinen zeit. die erübrigt sein könnte. weil sie. vielleicht. viel leichter zu betreten wäre als der raum, in dem ich wartete. ich würde fragen: was will denn die liebe? dir fiele vor schreck etwas aus der hand, das du mir hast geben wollen. ich fing es auf, mit blitzschneller hand, wie die zunge eines chamäleons. dann aber wollte ich etwas wichtiges sagen. doch mir fiel ein ganz bestimmtes wort nicht ein. und du könntest mir auf die sprünge helfen. wahrscheinlich dachten wir beide nur in diesem moment der unsagbarkeit: lass uns weiter warten; wir sehen uns sicher wieder; und könnten es dann noch einmal versuchen. und nachdem du dann gegangen wärst, ließe ich die tür unverschlossen. dass du ohne schlüssel zurückkommen magst. oder vielleicht auch nur ein dieb, der hier nicht viel fände und mich erschlüge im schlaf, in seinem zorn.

jeden tag. nehme ich den zug. zur arbeit. es ist viel zu tun. jeden tag. ich habe keine zeit zurückzublicken. fluten rauschen die täler hinab. jeden tag. die nacht fällt ein. fällt ein urteil. der vorhang wird zur decke. die decke zur kruste. die kruste zur haut. jeden tag. das gedächtnis niederzuringen mit diesem jetzt. es stehen immer frische blumen auf dem tisch. es gibt nichts welkendes. denn welkendes wäre ein erinnern daran, dass etwas blühte. der tag hat kein ende. die nacht fällt ein. fällt ein urteil. damit etwas anderes beginnt. das auch kein ende hat. etwas anderes. als trauer.

vielleicht schreibe ich dir einfach einen brief. behaupte, dass es jetzt abend ist, um etwas über sehnsucht zu sagen, ohne das wort zu benutzen. der tag war nicht schlecht. aber er hätte mit dir schöner sein können. das leben wuchs. und machte die räume enger. also: klug zu sprechen von einem wachstum, das weite hervorbrächte. oder: papier zu beschreiben, damit es fiele wie laub. als gebet. auf ein beet.

nicht unfreundlich ist das wetter. gleichmäßig wird gelächelt. wir gelöchert. perforation für sargnägel. ein wenig verzerrt. vintage. wenn man die köpfe dreht. und die augen dann: wie knöpfe eines alten weltempfängers. aber ihre kinne schlugen hart auf. und sie bissen sich ihre zungen ab. die blieben noch eine kurze weile auf dem gehsteig liegen. und endeten als bubblegums an den sohlen der hastigen. rush hour. zertretene zeit. zerkaut. ausgehärtet. unter den achtlosen schritten. unter den linden. zärtlich verklebt. der fall. jedenfalls. die falle. für alle fälle. alles gefälle. das einem nicht gefallen kann. dass einem der aufstieg schwerfällt. und dass man immer noch mehr vom geröll hinuntertritt. auf yorricks grab.

zwei enden. einer geschichte. zwei pfade. die kindheit zu verlassen. gewiss: die stärksten bilder sind die einfachsten. die einfachsten aber am schwersten zu sehen. mit derart von geschehnissen vernagelten augen. also: bleibt nichts weiter zu sagen. oder: selbst, wenn noch nichts gesagt wurde, hinzuzufügen. es gab schon zu viele antworten, ohne dass eine frage gestellt worden ist. und obwohl es enden musste, hatte es keinen anfang. weil das erinnern sich auflöste. wie zuckerwatte auf den zungen der ewig kauenden, der nie sprechenden. erstickt im enger werdenden saum des versäumten. und weil die ufer des wartens so schroff abfielen. ins nichts.

vielleicht. schreibe ich dir. einfach einen brief. jeden tag.

kreisgänge. notate ins neue jahr

am dunklen rand des augenblicks

I

ich entsinne mich keines windes unter den flügeln. ich sah zur erde herab. dem fallenden aufmerksamkeit zu schenken.

das ende als fall. der fall eines endes. kurz bevor etwas zuklappt. auf einem lesepult. zwischen zwei händen. die eigentlich applaudieren sollten. oder sich zum gebet aneinanderlegten. wie zwei liebende ihre nackten körper.

doch plötzlich hing ich ganz windschief über dem steilufer. wie kiefern, die ihre letzte sturmflut durchzittern. und völlig erschöpft von ihren hoffnungen über der brandung baumeln. und ihre wurzelfüße nicht mehr spüren. flehend um eine umarmung. in dieser namenlosen schwebe.

II

dir gefiel natürlich nicht, was ich zu sagen gehabt hätte. darum behielt ich es für mich.

der bruch im weg ist noch nicht sein ende. aber für uns war er der anfang von ferne und stille. und darunter lag so ein gefühl von trauer. fast feierlich. als hätte man den halbdunklen raum einer erhabenen not betreten.

man achtete nun anders auf die untergehende sonne. und den aufgehenden mond. und träfe man sich wieder, blickte man sich tiefer und zugleich entgeisterter in die augen. als sei eine verlorene mutter ins haus der kindheit zurückgekehrt, um einen daraus abzuholen für alle ewigkeit.

und so begännen nun von neuem die gedanken an ein zuvor im grunde unvorstellbares leben. als ein gemeinsames, furchtloses sterben. und man wüsste wieder von der klarheit der verstrichenen zeit.

III

eine weile schweigend. am dunklen rand des augenblicks. um zu warten, was wohl geschieht. wenn man selbst nichts tut fürs geschehen. aber dazusein. für alle fälle. um das wiederholte abzuzählen. und zu überlegen, ob es sich besser und gerechter verteilen ließe. in der zukunft. und zugleich den versuch zu wagen – ob des gewohnten – nicht blind zu werden für die wirklichkeit. und das auge immer noch weiter zu schärfen für das scheinbar unbedeutende, das niemals weltgeschichte werden wird. aber wie früher daran zu glauben, dass die welt sich füllen will mit geschichten. und also die ohren zu spitzen für das unbefragte leben.

kreisgänge. notate ins neue jahr

ohne weh. ohne wehen 

man sieht sich selbst zu wenig. wenn man den anderen nicht begegnet. und auch der herbst, der winter nahen umso rascher. im kreisen um sich selbst. ohne weh. ohne begehren. im ständigen kreißen. ohne wehen. ohne etwas zu gebären. ohne den schmerz des erloschenen. weil man sich selbst nicht betrauern kann. und weil man nicht um seiner selbst willen nach den fernen ufern ausschau hält.

man sieht sich selbst zu wenig. wenn niemand an einem vorbeigeht. nicht einmal im flur. nicht einmal im blick. der kurz hängen bleibt. wie ein nasser mantel. man wird glatt. ohne reibung. und nennt es: frieden. eintracht. stille.

früher. kommt dann die spätzeit. der innere abend. das datum auf der stirnseite. inwändig. die ununterbrochene, unachtsame drehung. im zug der jahreszeiten. der semester. der fristen. ohne wendung. zwischen den wandungen. ohne verwandlung. in der verwendung. auf den korridoren der abgenutzten luft.

es herrscht ein permanenter druck. ohne ziel. für ein angekündigtes leben. das nie eintritt. in den lichtschattigen raum. einer unnennbaren, kaum gefühlten drangsal. in der großen leeren halle einer geräuschlosen arbeit. als wolle man, ohne zu atmen, eine leibesfrucht, eine seelenfurcht, gegen die richtung der zeit, in den tag pressen.

ohne wehen. ohne weh.

ihr habt nun: traurigkeit

letztes licht. nach dem weg (worte eines gegangenen. vermutlich weise)

ich sah den stern. als er im sinken war. sein zeichen war schon seit langem eine erzählung der mütter, die ihre kinder mit wunderlichem gesäusel in den schlaf schicken.

ich alter mann aber hatte noch eine restwärme im auge, ein nachglühen der einstigen richtung.

dennoch: ich ging. denn gehen war das einzige, das mir nicht genommen werden konnte.

ich ging durch die bittere kälte. durch die verwaltete nacht. durch die orte des fremden gedächtnisses. obwohl ich wusste: hier wurde alles schon erklärt und nichts mehr geglaubt.

die mitgebrachten gaben waren nicht nötig. aber sie trugen den sinn des abgebens in sich. der kostbaren entlastung. denn jegliche herrschaft endet. und alles, was aufsteigt, sackt in sich zusammen. und vor allem: liebe kostet den körper.

ich erinnerte mich: das kleine lag durchaus nicht im licht. es lag am zugigen rand der welt. wo es niemanden hält, der bleiben könnte. man hätte dort noch ewig auf chorische gesänge hoffen wollen. doch es gab da nur dieses leise atmen des verletzlichen lebens. nur dieses eine, unverfügbare jetzt.

es war gleichwohl ein trügerisches bild: geburt als anfang? nein! geburt ist ein schnitt. ein verlust alter ordnungen. ein tod. der in mir begann, lange bevor ich anfing zu sterben.

die heimat hatte sich mir entfremdet. die sprache passte nicht mehr. das frühere himmlische stand nur noch als dekoware auf den anrichten.

ich aber war dem wirklichen begegnet. und lebte fortan im zwischen. unerlöst. unverloren. wach. in meinem drinnen.

und die welt draußen? wollte wieder herde sein. wollte geführt werden. gezählt. gesichert. nannte es frieden. norm und system. unter dem flackern der heiligen nächte.

in meiner stille wusste ich:  das heilige kommt nicht, um uns zu beruhigen. es kommt, um uns unbrauchbar zu machen für das falsche ganze. es kommt leise. es bleibt kurz. es hinterlässt keine anweisungen. nur eine wunde, die nicht heilt, damit wir fühlen. (in vertretbarer dosierung, versteht sich)

wenn du mich fragtest, wo es heute und vielleicht immer liegt, dieses licht, das versprochene, sagte ich dir: nicht im himmel. nicht im staat. nicht im geschmückten raum.

es liegt dort, wo du bleibst, wenn alles gehen will. wo du sprichst, wenn schweigen einfacher wäre. wo du trägst, was sich nicht rechtfertigen lässt.

das ist die nacht, nachdem sie vergangen ist. das ist der stern, nachdem er erloschen ist.

nenne es weihnachten. nenne es fest- oder auszeit. was immer du willst. sei es dir auch nur diese kurze zeit dazwischen, in der du etwas schlaf nachholst und dir ein paar träume liefern lässt, bei zu viel essen und zu wenig bewegung. was immer du willst. nur frage dich selbst: was anschließend weitergeht. die welt oder du?

ich, der einmal gegangene, will ganz offen zu dir sein: ich ging, weil mich jeder schritt veränderte. ich kehrte zurück, weil ich es gerade noch konnte. doch nicht um anzukommen. sondern um zu erinnern.

ihr habt nun: traurigkeit

nicht aufhebbar

aqua.rell: schmerz
in kaltfassung

haiku
mit vorrede

ich gehe jetzt immer
mit regenschirm
abzuhalten das unheilvolle
das vom himmel herabfallen kann.

oder: auf ihn gestützt
das gewicht der erde zu prüfen
an der achse der schwerkraft
an der aufhängung der welt.

wenn ich nur wüsste
wo ich stand
den abend zuvor
als das wort abschied nahm

aus küste
wurde ebene
aus sehnsucht
fläche ohne rand.

wenn ich sagen könnte
was ich mir aus den augen rieb—

wäre es nicht mehr da


zweig einer esche. zur erde
zum wasser gezogen

und wie das schicksal: nicht aufhebbar

ihr habt nun: traurigkeit

trag.werk
schwebe.balken

tag der abreise
die leeren schiffe versenkt

aber so schön: der sonnenaufgang
über den trümmern

fast wie: ein erstes erwachen
küstenblick
klippe
von den oberen rängen
aufs große orchester

heute: im tiefer gefahrenen graben
unterzugehen in klängen aus vorhalt und verweigerung

f-h-dis1-a1
h-dis-fis-a
gis-h-d1-f1

mir persönlich
hätte ein steg gereicht

denn das wasser ist tückisch
und sieht nur von oben flach aus

die wahrheit ist aber: die liebenden
stehen in der mitte zwischen insel und insel

sie merken kaum
wie nah sie dem tode sind

nicht
dass der tod sie nicht kümmern würde
aber er sorgt sie nicht mehr
und ist nun zugleich alles für sie

ein ewiger sturz
ins endlich endlos verwaltete dunkel

da ist kein fragen mehr und kein warten

gewiss: sie haben für diesen dauernden moment
sehr lange einatmen müssen
vielleicht sechs-achtel eines lebens

damit ihre stimmen von küste zu küste tragen

doch alles kam
auf diesen einen gewaltigen atem an
der die seelen von den knochen riss
wie ein heftiger windstoß die segel von den masten

dass es sie wieder – ein letztes mal – landwärts zog
in die gärten des anfangs
wo die beete zu betten werden
und die gebete zu gesängen

zwischen buchsbaum und apfel und
halb zertrampelten kräuterrabatten
die alten lieder wie christbaumschmuck
an die nackten zweige zu hängen

fiebriges träumen
und angst
sich beim küssen auf die zungen zu beißen

oder überreife brombeeren zu pflücken
und sie sich auf die lippen zu legen

während sich wundern die der welt verhafteten
die von der welt verhafteten: über
so viel herzkrankheit
und kopfweh und
krampfhafte verwilderung.

welcher narr
der ein gott sein wollte
hatte ihnen nur diesen floh ins ohr gesetzt
der sodann zum wurm wuchs
und durch ihre venen rutschte
hinunter den ganzen langen weg
bis zur sackgasse des großen zehs?

ein uralter oheim
mit schütterem haar
aber
stand die ganze zerdehnte
zerdrückte zeit
über den ewigen mauern
wartend auf
ein paar reife freuden
die sie ihm gönnen mögen
sie oder er
ganz gleich

er hätte
den unterschied
nicht bemerkt

ihr habt nun: traurigkeit

gleich | wege. von ende zu ende | dritte nacht

wege.

von ende zu ende. gleiche ufer. gleich entfernt. auf der warte der gleichen. da heißt immer die zeit: gleich. oder dann. aber gleich ist früher als dann. es ist ein versprechen der zeitigeren ankunft. es ist der versuch, einen namen zu sagen, bevor ein mythos erzählt wird. es ist der wunsch, geboren zu werden, bevor die geschichte sich in endlosen wiederholungen selbst eingeholt hat, wie eine gelichtete ankerkette, um den ort des wartens in bewegung zu bringen.

doch ein wort suchte seine wohnung in mir. und ich unbewegter wusste nicht mehr, in welche richtung ich mein schauen gehen lassen sollte. und als ich einmal erwacht war, hatte der tag mich verschlungen. ich hatte mich sehr verändert, war ganz plötzlich um jahrzehnte gealtert, war innerlich schon nahezu aufgelöst, in so unmittelbarer nähe zum tod. ich sah mein herz noch schlagen, aber es war nicht mehr teil meines körpers. es gehörte schon nicht mehr zur wirklichkeit des sterbens, sondern zum gedanken, der ihm folgt. also zündete ich kein feuer mehr an, so angekommen in der mitte des winters. und ließ die jungen zweige ungebrochen. in der erinnerung an einen hagelschauer im april auf meiner kinderhaut. ein auge des vaters fiel in meines und nahm mit sich das wissen um meine zeugung. ein zweites, von der mutter losgelassen, trug in sich den augenblick der geburt. den ersten schrei, in der stille eines steins, der von wind und wasser gekitzelt wird. im metallischen duft einer entkörperten seele.

doch dann sah ich wieder auf und stand vor den schnurgeraden straßen, die vom horizont verschluckt werden, wie vor dem unendlich gestreckten schatten meiner selbst. ein finger, ins ende zeigend und bohrend durch seine geschichtete haut.

da rief es mir zu, aus dem mund der schöpfung, dass der moment gekommen sei, sich zu entscheiden zwischen schlaf und aufbruch. doch ich hörte mich nur lautlos fragen: wie wird es dir gehen nach der dritten nacht?

in einsamkeit.

ihr habt nun: traurigkeit

hier. die bleibende statt. für die verschwundenen. hier. weil sehr viel ruhe ist. und sehr viel eintracht. und hier. weil alles so gut ist | stimme. mit gegenchor

ich hatte mich hingesetzt. ich war reglos. ich hatte mich zur ruhe gesetzt. die saß schon da. und hatte auf mich gewartet. ich zog mich zurück aus der geschichte. sie war mir im stand der einsamkeit sehr nahe gekommen. hier konnte ich offen schweigen. hier hatte ich gelernt, mich zu erhalten. das geschrei der anderen war erst kurz zuvor aus meinen ohren getropft. doch dann war es nur noch in der härte und ferne der mauern fremder häuser. zu mir kam ein stück land, auf dem ich noch eine weile verbleiben durfte, bevor ich in seiner erde versickerte wie eine verstummte nachricht im sediment der zeit. hier musste ich keinen mir fremden mut mehr aufbringen, wenn ich leben wollte. hier genügte das bisschen luft zum atmen, das ich für die enge des dazwischen brauchte. die bezirke der gefolgschaft und die zonen der verfolgung hatte ich verlassen. ich musste fortziehen, um hier zu sein. ich ging den weg, um wegzugehen. dorthin, von wo die zukunft rief. und wo die vergangenen, wenn sie einmal dort angekommen waren, schweigen konnten. wenn sie es einmal dorthin geschafft hätten. und neu erschaffen wären. hier. wurde mir nichts vorgeworfen. nicht vor die ermatteten füße. und nicht ins gewissen. hier. wurde die angst abgeschafft. hier. musste die hoffnung nicht mehr verordnet werden. weil das erhoffte schon erfüllt wurde, bevor es überhaupt gehofft werden konnte. hier. durfte alles gewohnheit sein. selbst die freiheit. hier. war niemand dagegen. hier zu sein. oder den ferneren ort nicht zu wünschen. oder die abwehr zu spüren, gegen noch mehr von denen, die herkämen, so wie ich einmal hierher gekommen war. hier. dachte sich jeder das seine über das andere, ohne sich dafür zu schämen. ohne sich dafür zu entschuldigen. hier. musste niemand das gedachte erläutern. weil hier schon alle geläutert waren. hier. kam niemand mehr rein. der am ende war. denn hier wohnte der anfang. jeden tag. endlos. hier. war nicht das land. dass fremde und heimat entkernt. hier war nicht die fremde, die überall ist. für die fremden. die überall sind. mit ihren beheimatungen im rucksack und unter den wundgetretenen sohlen. hier. ging jeder geradeaus. hier drehte sich nichts im kreis. außer der erde, auf der man stand. und die einen schickte in den nächsten tag und die übernächste nacht. hier. wurde jedes gewissen leicht. und jede erinnerung entsorgt. hier. musste nichts mehr erzählt werden. nicht vom pferd. und nicht vom schatten, der uns alle gemeint hat. hier war das ungeheure nicht in den ungeheuern, sondern im ungehörten, das hier allen gehört, die nichts sagen.

___

jetzt sprechen: wir. aus den vernähten mündern. jetzt schweigen: wir. im versiegelten grund. keiner horcht mehr, der nicht mehr gehorchte. die sahen wir hocken in den vermauerten rändern der ausgemessenen, angemessenen welt. die hatten sich ausgeschlagen aus ihren häuten. und kratzten sich wund ihre reue. jetzt aber: reden wir. jetzt aber: treten wir die reste ihrer worte aus dem sand. jetzt aber: kehren wir auf das geschwätz vom boden der ständigen. jetzt schieben wir ab: die schatten der unanständigen. und reiben uns ein mit dem salböl der heiligen angst. und marschieren. nicht im takt, sondern im nachhall der zerbrochenen welt. uns trägt kein boden. wir treten ihn ab. bis er sich ergibt. wir sind die nachgeborenen der vergeblichen zerstörungen, die wiedergekehrten aus den barrikaden der verbrannten städte, wo die kinder ihre namen vergaßen und die mütter ihr gedächtnis unter dem kalk vergruben. wir haben gelernt, die luft zu essen, weil die erde voller knochen war. wir haben gelernt, das licht zu löschen, weil das dunkel zu viel sah. hier spricht jetzt kein orakel mehr. wir sind das hungrige kosmogramm. der rachen, in dem alle prophezeiungen verschwinden. wir sind das echo, das keine stimme braucht. wir sind der wind in den offenen rippen der gefallenen, der befehlston in der zunge der ausgeweideten straßen. wir sagen: keiner kommt heim. keiner bleibt fremd. keiner wird erinnert. wir sagen: alle werden verwaltet. alle werden geordnet. alle werden ausgebucht aus dem register der irrlichter, ausgetragen aus dem alphabet der lebendigen. wir sagen: alles ist vergangen. alles ist verfügbar. alles ist verbraucht. wir sind das scharnier, das die welt schließt. wir sind die kupfernen gelenke der endzeitmaschine. wir sind die falte im himmel, durch die das licht entweichen musste, damit niemand mehr die götter erkennt an ihrer abwesenheit. wir sagen nicht mehr: den frieden. denn er ist nur das sedativ der schuldigen. wir sagen nicht mehr: die ruhe. denn sie ist nur der stillstand im getriebe der vernichtung. wir sagen nichts mehr von der freiheit als einer gewohnheit. weil jede gewohnheit eine seuche ist, die wir ausrotten werden. wir behaupten nichts mehr. und darum behaupten wir uns so gut. wir sind hier nicht, um den klagenden zu hören. wir sind hier, um seinen ort umzudrehen wie einen stein, unter dem etwas fault. denn wir schleifen die namen. und löschen die pfade. und verzehren die grenzen. und werden nie satt davon. wir sind der paramilitärische proteinshake der verzweiflung. der erdrutsch, der sich selbst gehorcht. die dritte stunde nach dem ende der welt. und wir sagen: niemand kehrt zurück. niemand kommt an. niemand wird je herausfinden, wohin das verschwinden sich verwandelt, wenn es endlich genug geschluckt hat. niemand darf sagen: die angst sei abgeschafft. denn jeder weiß: sie hat nur ihre form verloren. sie wurde zu einer dünnen, klaren flüssigkeit, die tropfenweise in die brunnen rinnt, aus denen wir trinken. wir kennen den ort, der sich land nennt. und die erde, die uns aufnehmen wird. sie ist kein boden. sie ist eine speicherplatte für verlorene namen. sie frisst die schritte, bis nichts mehr bleibt als die kante im staub, die der wind verwischt, bevor jemand sieht, dass wieder einer gegangen ist. denn das ungeheure erzählt sich selbst, in uns und durch uns und ohne uns. es ist der hall, der bleibt, wenn der letzte sprecher verstummt ist. wozu sollte denn alles gut sein? gut ist nur, was niemanden mehr stört. und uns stört nichts. weil wir das störende längst in uns begraben haben. wir begruben es, als die welt noch dachte, man könne uns retten. aber wir wissen schon lange, was hier ist – hier ist der ort, an dem die zukunft ihre akten vernichtet. hier ist der ort, an dem die engel ihre flügel trocknen nach den letzten missglückten botengängen. hier ist der ort, an dem die fremde aufhört fremd zu sein, weil es keine heimat mehr gibt, aus der sie kommen könnte. hier ist der ort, an dem die zeit sich weigert zu vergehen, weil sie niemanden mehr findet, der sie messen möchte. wir heißen hier jeden willkommen. aber jeder soll auch wissen: wer hier ankommt, ist nicht mehr unterwegs. und wer hier bleibt, hat nichts mehr zu verlieren. wer hier noch spricht, spricht nur, damit das schweigen nicht merkt, dass es längst übermächtig geworden ist. wir sind viele. wir sind die stimmen unter der erde. wir sind die, die nicht mehr hoffen müssen. nicht mehr fragen müssen. nicht mehr ankommen müssen. weil wir schon lange da sind, wohin alle aufbrechen, die sich setzen, um nicht mehr aufstehen zu müssen. wir sagen: hier ist kein ende. hier ist das nach.

ihr habt nun: traurigkeit

übungen: im.bleiben

sitzen. sitzen. sitzen. bis das warten beginnt. bis die erwartung endet. das aufstehen ist kein gedanke mehr. das aufstehen wurde aus der sorge entlassen. weil das sitzen seinen sitz nicht hat im schlechten mut, sondern im guten, in der gutmütigkeit, die in kleineren räumen wohnt, der gemütlichkeit wegen, die alles, was früher landschaft war und fenster und wachstum dahinter, als man noch hinausschaute, um der sehnsucht nahezukommen, mit dem dekor des funktionalen verdeckte. also: sitzen. sitzen. noch ein stündchen. eines sehr sehr langen lebens. weil man alles totschlagen kann. nur nicht die zeit. weil man vieles totschweigen kann. nur nicht die innere stimme. die ja so geduldig ist. und länger bleibt als man selbst. die nicht zuständig ist. und sich dennoch immer einmischt. also: sitzen. vor der wand, die man aufgerichtet hat gegen den blick, der weiter wollte. also: sitzen. und die tage nach farben ordnen. nach tassen und tellern. nach den geräuschen der uhren. nach den schritten, die draußen vorüberziehen. von wo der ruf nicht mehr ankommt, der früher genügte. man sitzt nicht ungern. weil sitzen nicht fortgeht. weil sitzen nicht fragt. weil sitzen nichts verspricht. und manchmal, wenn das licht am nachmittag schräg wird und ein staubkorn für einen augenblick so tut, als sei es ein zeichen, dann hebt sich etwas im innern, nicht zum aufstehen, nein — nur zum erinnern daran, dass man einmal stand, dass man ging, ohne zu wissen, wohin. und dieses nicht-wissen war damals eine art von mut. jetzt aber sitzt man weiter. sitzt, bis selbst das sitzen still wird wie ein zurückgenommener befehl.

sitzen. und sehen. aber vielleicht sind zwei augen eines zu viel. oder zwei sogar. die blindheit wäre ein glück. die welt und die dinge am duft zu erkennen, der durch die seelischen stoffe greift. ohne aufzustehen, setzte eine bewegung ein. die die steilen hänge und die schmalen stege nicht fürchtete. man sähe die wege wieder unter den noch nicht gewagten schritten. man kehrte aus seinem schatten zurück in den fluss der zeit. und nähme gelassen abschied vom sommer. und ließe sinken das schwere licht des späten. das sich nie verspätet. nicht absichtlich jedenfalls. es sei denn, die verspätung zeigte an, dass eine ankunft nicht gewollt war. man wüsste wieder sehr genau, wer sich sehnte nach einem blick. der klarer und tiefer träfe. man stünde nicht mehr ungesehen in der allee der nummerierten bäume. man steht wieder, halb zertrümmert vielleicht von den wettern, auf freiem feld, ungeschützt, aber endlich.