Wind und Sonne des späteren Sommers

du bist vielleicht berühmt | wenn du tot bist | aber dann musst du dich nicht mehr ausziehen lassen | sie befragen nur nackte Orakel oder versteinerte | aber sie stülpen Wollmützen über die Steine, wenn das Moos nicht schnell genug wächst, denn der Klang der Stille scheppert in ihren Ohren | sie brauchen Worte wie Watte, um sich das Gehör zu verstopfen | sie ziehen einmal die Woche die alten Korken verfilzter Geräusche mit Sand und Schmalz wie Perlen aus den Muscheln, damit es nicht knallt im Trauma, im Traum, wo es ruhig zugehen muss, wo alles lautlos zufällt | die Türen, wenn sie zugegangen sind | die Schritte, ordentlich in Touristen- und Zweierreihen

[…]

ich bin nicht mehr da | ich sitze neben ihnen | aber ich bin nicht mehr unter ihnen | ich saß zuletzt da auf dem Stuhl | man hat ihn in einen anderen Raum geschoben | man hat die Heizung abgestellt und die Lichtschalter zugeklebt und die Tür von außen verriegelt | der Schlüssel klappert im Schloss, wenn einer den Gang entlanggeht nachts | wenn es zügig ist auf den Fluren, pfeift er was, fast wie ein Vöglein | es singt von seinen gerupften Flügeln und wie es ist, auf dem Kissen des Windes zu schweben, über den Klippen, über der Brandung, über den Wipfeln gekrümmter Kiefern, als wüssten sie nicht, wohin sie ihre Äste strecken sollen, zum Himmel oder zum Wasser

[…]

als du dann endlich das Fliegen gelernt hattest, blieb nicht mehr viel Zeit, um über die Landschaft zu gleiten und Ausschau zu halten nach der Bucht des letzten Schauens auf ein spiegelglattes Meer | und noch weniger Zeit bliebe, nach jemandem zu suchen, dem du das Gesehene beschreiben könntest, damit er es zum Anfang oder zum Ende einer Erzählung machte | oder das kurze Ende einer Begegnung, das keinen Raum mehr ließ für eine Beziehung, aber den Ausgang eines anderen Lebens ermöglichte, als ein Land, das du dir immer hattest vorstellen können, als eine Erde, von der du gerne verschlungen sein wolltest, eine Schwelle, sobald sie überschritten wäre, von der aus du nicht mehr fragen würdest, wohin es gehen soll, wenn die Sorge zu Ende gefühlt ist und das Ende selbst entsorgt, selbst wenn es dahinter wirklich nur stockfinster sein sollte, klanglos und kalt, weil es keine Frage mehr wäre, was noch zu tun bliebe oder gar bis wann, denn es war ja zu Lebzeiten besser, die Fristen nicht zu kennen und die Trauer nicht bis über das Ende der Traurigkeit oder der Freude hinaus zu tragen, sondern nur bis an jene Pforte oder Stufe, wo Freude ist in der Traurigkeit und Traurigkeit in der Freude, weil die Stille der Toten in deinem Schweigen atmete, wie die kaum spürbaren Wellen des unsichtbaren Lichtes an einem wolkenverhangenen und viel zu milden Wintertag wie heute, wo ein Ufer, umgeben von Verlassenheit, dich willkommen heißt und alles, was du bei dir trägst von den Deinen

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