I
ich muss das wegtreten | in endlosen Spaziergängen
ich muss irgendetwas aufschreiben | ich weiß noch nicht was | aber ich kaufe mir Notizbücher
ich kaufe mir Weckgläser | ich muss Marmelade einkochen | ich will etwas Gutes, etwas Eigenes auf den Frühstückstisch stellen
ich habe selbst keinen Hunger | aber die Anderen sehen sehr hungrig aus | sie wollen sich ihre Träume erzählen | sie wollen sich ausziehen und nackt über die Dünen laufen
ich muss wegtreten, damit ich nicht im Weg stehe | ich habe selbst nichts zu erzählen | ich muss den Weg treten | sie wollen gleich fort | ich bleibe zurück | ich wüsste auch nicht, wo ich sonst hin sollte | hier ist noch so viel zu tun | die Wäsche, der Abwasch, die Betten frisch beziehen, den Sand wegfegen | die Wege wegfegen, dass mich hier niemand findet
sie bringen immer den Sand mit vom Strand, von den Wegen zum Strand, zum Strandhaus zurück | der Sand rieselt aus ihren Schritten, aus ihren Augen und Ohren, aus ihrem Schlaf, aus den uferlosen Nächten
und die Blumen brauchen frisches Wasser | ich hole erst frisches Wasser, bevor ich den Sand fege | sie bringen immer Blumen mit von den Wiesen, von den Hügeln, die über der Küste Wind und Sonne des späteren Sommers atmen
ich habe salziges Wasser geschluckt | ich habe salziges Gras gekaut
ich hole frisches Wasser | da sind noch neue Blumen angekommen | ich wasche das Milchglas aus | es gibt keine Vasen mehr | dann muss ich mich selbst auch noch waschen | sehr gründlich | ich muss diesen Körper waschen | sehr gründlich | erst von außen | dann von innen | es gibt nur diesen einen Körper | für diese eine Seele | auch wenn ich sie in Fetzen reißen muss, weil die Putzlappen ausgegangen sind | es gibt so viel zu reinigen | ich komme kaum hinterher | so viel von dem Schmutz hat sich festgetreten, weil man ihn wegtreten wollte | ich muss kräftiger schrubben | es ist eine gute Übung für Bauch und Hüfte | ich kaufe mir Knieschoner | ich lasse vom Sand etwas übrig | es ist gut gegen den Schmutz, der sich hineingefressen hat in die Dielen, in die Fliesen | ich lasse die Fingernägel wachsen und kratze ihn aus den Fugen, damit sie die Welt halten können
ich muss Bretter kaufen | viele Bretter | auf denen sich sicher laufen lässt | Bretter für die Bühnen, auf denen sich das Leben noch einmal inszenieren kann | Bretter für die Stege über das viele Wasser unter den Füßen
ich muss meine Träume vernageln | ich muss mir ein Kreuz aufrichten | auf den Wiesen, auf den Hügeln | über der Küste | dass mein Tod atmen kann | Wind und Sonne des späteren Sommers
II
du bist vielleicht berühmt | wenn du tot bist | aber dann musst du dich nicht mehr ausziehen lassen | sie befragen nur nackte Orakel oder versteinerte | aber sie stülpen Wollmützen über die Steine, wenn das Moos nicht schnell genug wächst, denn der Klang der Stille scheppert in ihren Ohren | sie brauchen Worte wie Watte, um sich das Gehör zu verstopfen | sie ziehen einmal die Woche die alten Korken verfilzter Geräusche mit Sand und Schmalz wie Perlen aus den Muscheln, damit es nicht knallt im Trauma, im Traum, wo es ruhig zugehen muss, wo alles lautlos zufällt | die Türen, wenn sie zugegangen sind | die Schritte, ordentlich in Touristen- und Zweierreihen
III
sie reden irgendwas von Beziehungen | von gelungenen Trennungen | von der Möglichkeit, allein zu bleiben, damit man sich erst gar nicht trennen muss | von der Unvollständigkeit jeglichen Lebens | anzuerkennen und auszuhalten, dass man vergeblich suchte | dass man dem Scheitern nicht auszuweichen vermag | von den enttäuschten Erwartungen, wie wenig man war | wenn nichts übrigbleibt
IV
ich bin nicht mehr da | ich sitze neben ihnen | aber ich bin nicht mehr unter ihnen | ich saß zuletzt da auf dem Stuhl | man hat ihn in einen anderen Raum geschoben | man hat die Heizung abgestellt und die Lichtschalter zugeklebt und die Tür von außen verriegelt | der Schlüssel klappert im Schloss, wenn einer den Gang entlanggeht nachts | wenn es zügig ist auf den Fluren, pfeift er was, fast wie ein Vöglein | es singt von seinen gerupften Flügeln und wie es ist, auf dem Kissen des Windes zu schweben, über den Klippen, über der Brandung, über den Wipfeln gekrümmter Kiefern, als wüssten sie nicht, wohin sie ihre Äste strecken sollen, zum Himmel oder zum Wasser
V
weh | diese Feinstaubbelastung | wenn zu viel von den Innereien zergangen ist auf den Zungen der schmatzenden Götter | man muss mit den Seelen sparsamer sein, dass das Gras auf den Dünen wieder atmen kann | man wickelt sie ein in Frischhaltefolie, um den Glasstaub zu binden und den Schmerz zu verdichten, bevor er verdunsten kann
VI
noch eine Stunde | dann beginnt der Abend | wir stehen kurz vor der letzten Frage und wundern uns über die Genauigkeit der Weissagungen zu allem bereits Geschehenen | wir sind schon Jahre vorausgegangen, die letzten Zimmer im Innern des Schlosses zu putzen und die Spuren derer zu erkennen, die uns folgten durch den Staub | aber wir verrücken nichts, bevor sie nicht angekommen sind | alles bleibt an gewohntem Ort | aber die Bilder nehmen wir vorsorglich, vorübergehend, von den Wänden | sie werden es nicht bemerken in diesen lichtlosen Räumen
VII
wandere mühsam die Straße | konnte ihren Stimmen entkommen | nicht aber ihren Blicken | Landschaften ohne Grenzen | wie soll ich in ihnen zur Überschreitung gelangen | Ebenen ohne Horizont | nicht zu erkennen das Ende der Schatten |…| aber wer sagt mir jetzt, wonach ich suchen soll
will dorthin nicht zurück | als es Morgen war | als jemand die Treppe herunterkam | ich war sehr verstrickt in Höflichkeiten | der Kaffee sollte nicht kalt werden |…| ich hätte einen Brief schreiben sollen, eine Beschwerde oder Erläuterung | doch es hätte einer Läuterung bedurft | aber kein Sommergewitter unterbrach die quälende Stille |…| ein offenes Zimmer | halbiert vom Verrat | geteilt in Augenblick und Zeit
VIII
bin auf der letzten Insel | eingeinselt von Nebelwänden | eingepinselt mit schneefarbener Asche | die Ereignisse um mich herum haben mir ein Grab gemauert | ich habe mir einen großen Pott Kaffee gemacht und die Kissen aufgeschlagen und setze mich noch eine Stunde mit Notizbuch und Bleistift ins Bett | ich muss mir aufschreiben, was ich für die Ewigkeit nicht vergessen darf | was von diesem Leben, was von dieser Welt für die Ewigkeit ist | die wichtigsten Dinge, Ereignisse, Menschen schreibe ich auf Zettel und klebe sie an die Innenwände des Sarkophags, gesetzt den Fall, dass meine Seele wandern will und wissen möchte, welche Orte und Personen sie besuchen soll | und meine Seele wird vermutlich zu Totzeiten nicht so blind sein wie ich zu Lebzeiten war | ich habe Lebkuchen gebacken, um die Liebsten, für die ich keine Zeit hatte im Advent, zu erfreuen | meine Seele wird ihnen Totkuchen bringen, damit sie sich nicht in Trauer über die Sterbenden verlieren, sondern ihr Leben erleben als einen Advent des Todes | ich habe immer im späteren Sommer, spätestens aber im frühen Herbst, spätestens dann, wenn die Kraniche sich sammelten, wenn sie die Seelen versammelten der vor kürzerer oder längerer Zeit Gegangenen, spätestens wenn sie fortgezogen und abends nicht mehr zu den Schilfwiesen zurückgekehrt waren, gewusst, dass ich noch Gewürze kaufen muss für meine Lebkuchen | aber meine Seele wird die Zutaten nicht vergessen | sicherheitshalber habe ich sie auf einen Zettel geschrieben | und auch die Früchte und Kräuter, die sie sammeln muss, durch alle Sommer hindurch, falls sie lieber selbstgekochte Marmelade verschenkt
IX
als du dann endlich das Fliegen gelernt hattest, blieb nicht mehr viel Zeit, um über die Landschaft zu gleiten und Ausschau zu halten nach der Bucht des letzten Schauens auf ein spiegelglattes Meer | und noch weniger Zeit bliebe, nach jemandem zu suchen, dem du das Gesehene beschreiben könntest, damit er es zum Anfang oder zum Ende einer Erzählung machte | oder das kurze Ende einer Begegnung, das keinen Raum mehr ließ für eine Beziehung, aber den Ausgang eines anderen Lebens ermöglichte, als ein Land, das du dir immer hattest vorstellen können, als eine Erde, von der du gerne verschlungen sein wolltest, eine Schwelle, sobald sie überschritten wäre, von der aus du nicht mehr fragen würdest, wohin es gehen soll, wenn die Sorge zu Ende gefühlt ist und das Ende selbst entsorgt, selbst wenn es dahinter wirklich nur stockfinster sein sollte, klanglos und kalt, weil es keine Frage mehr wäre, was noch zu tun bliebe oder gar bis wann, denn es war ja zu Lebzeiten besser, die Fristen nicht zu kennen und die Trauer nicht bis über das Ende der Traurigkeit oder der Freude hinaus zu tragen, sondern nur bis an jene Pforte oder Stufe, wo Freude ist in der Traurigkeit und Traurigkeit in der Freude, weil die Stille der Toten in deinem Schweigen atmete, wie die kaum spürbaren Wellen des unsichtbaren Lichtes an einem wolkenverhangenen und viel zu milden Wintertag wie heute, wo ein Ufer, umgeben von Verlassenheit, dich willkommen heißt und alles, was du bei dir trägst von den Deinen
X
was heute gesät ist, holen morgen die Krähen | ach, all die Geheimnisse, die über die Zeit in die Matratzen sickerten | aber wenn sie sich morgens im Bad die Zähne putzen, bevor sie verschwinden, werde ich hinter dem Spiegel stehen und sehe genau, was noch übrig ist von der Zärtlichkeit | sie aber irren sich irre, von Nacht zu Nacht, und kein Schnee wird ihren brennenden Füßen Linderung schaffen | und ihre falben Seelen fallen in den trüben Strom, den ein endloses Meer verschlingen wird | und alles nur, weil sie keinen Mut haben, ohne Hoffnung am Ufer zu stehen und zu warten
XI
das halte jetzt fest | das lasse jetzt nicht mehr aus deinem Munde fallen | das letzte Wort darf nicht vergiftet sein | nicht, wer es sprach | nicht, wem es gesagt wurde | die Schlange muss sich noch häuten und zum Schoßhund werden | sie muss zuvor durch die Adern gekrochen sein und drei Winter in der linken Herzkammer gewohnt haben | ihr Auge und ihr Zahn müssen da noch einen Sommer flimmern, wie die Kiste, auf die sie glotzen Abend für Abend | weil die Stunden vor dem Schlaf zu sehr ähneln den Jahren vor ihrem Tod
XII
ich wurde zur Möwe, als seine Hände sich öffneten |…| wie weit aber soll ich fliegen | über die Wasser | vom Weg über die Insel hin | die Fäden ihrer Träume zum Seegras fallen lassen | wie lange die Glocke noch schlagen über der Nebelküste | und ihre funkelnden Augen zwischen den Steinen | unter den Wellen