
I [Haiku-Variation | Auftrag: schreibe ein Gedicht über den Herbst in 20 Minuten | Antrag: auf mehr Zeit | Ertrag: am Ende wie immer ein Unvollendetes | Vertrag: mit dem Leben als einem Vergangenen]
um mein Warten
Saum des Versäumten
Nimbus dem, der mich beginnt
II [Tropfen | letztes Licht | gebrochenes]
nach dem ersten Herbststurm
Heimweh und Fernweh
verstreut zwischen Laub und Schritten
drei Wolken verteilt über den Tag
drei Gebete in Decken gewickelt
die Blicke hinaus voller Falten
und rankend um die Gesichter ein hilfloses Wünschen
die Fahrt geht weiter
die Fährten von Zeit bedeckt
und Föhren über die Klippen gebeugt
als hätte die Küste ihr Wandern unterbrochen
ach
so lang die Wege zwischen Tag und Bestimmung
und wund die Pfade vom wuchernden Dickicht
wussten die Tränen nicht
was die Hände halten wollten
was mit den Rehen hinter der Lichtung verschwand?
ein Meer
rauschend um die Augenblicke
ein Wehen
ein Weh
um das endlose Schauen
III [eingeschlafen auf der Echo-Warte]
die Stimme
die stumme
in sandiger Hülle
entlang der Scheiden zwischen Meer und Land
unterwegs mit den Winden
mal Flosse
mal Flügel
die Lider gelöst
die Blicke gefallen
durch ihren Sang
gegen die Wogen
ihr flüchtiges Schwingen
einsam und fern
IV [zerrende Zeit | Wolken wie ziehende Herden | Abdruck des Engels | Nachtkuss auf dem Gestein | des Bittenden Auge]
dein letzter Blick
zum Abschied
geschnürte Schuhe
alle Wege führen fort
aus der Luft des blühenden Jahres
hinaus aufs stille Meer
wo sich mischt der Staub mit Licht
und wie zu stehen scheint auf einem fernen Odem
V [Lied. klanglos. Leid. klaglos]
Lied
klangloser Schlaf
im Schatten kahler Weiden
auf gefrorenem Wasser
Leid
des verwaisten Ufers
klaglos im fernen Glockenschlag
nicht kehrte zurück
zum Ast
die Blüte des geschlossenen Auges
doch kehrte heim
der Mond
aufzuhellen die Nächte
allein
der Fortgezogene wird wissen
wo die Heimat ist
wenn traumlos überwintert
der Verlassene
VI [Tagtraum | unter den Zweigen]
[durch Mark und Bein. die Kälte. Hütte nahe des Flusses. Orte, an denen das neue Jahr erst im Frühling… Wegesränder. wissen um das Verschwundene. was fort ist. was da war. was nicht bleiben konnte. weil sich das Dunkel breitete. auf den Wassern… Farben der Stimmen. zwischen Weiß und Dämmerung. bronzen. Hügel ohne Namen. im Trost des Morgennebels… erwarte nichts, wenn du ans Ufer trittst]
zeig mir ein Schönes
das Atmen einer Schneenacht
zur Mondzeit. den schlafenden See
sing mir ein And’res
wenn sich der Klang des Windes verliert
Werkstatt VII [das Leben (nicht zu) einfach machen]
das Leben [nicht zu] einfach machen
nicht zu
im Klang von Wind und Regen
am Rand des Steges sitzt das Kind
und zählt die Fische
und gibt den Sternen Namen
wenn es sich schlafen legt
es kennt nicht die Furcht vor dem Staube
und sieht sich hissen die Segel einsamer Boote
zuzusteuern dem Ferneren
der mütterlichen Liebe Fesseln zu entkommen
und eines Tages
aus den Augen sich den Sand zu waschen
nach langer Wanderschaft
heilend nun dem Tode zugewandt
wenn mancher Liebe Schmerz durchschritten
wenn eines Lebens Hoffnung die gegangnen Wege säumt
und wenn es endlich von der Stille in den Wunden, in den Wundern träumt
Werkstatt VIII [Vierte Elegie | im Vorsprung zur Zehnten]
[Sonett, 64,28% | reine Hoffnung | Neigung der Waage]
die Szenen des Abschieds sind gut dokumentiert
die Gärten erwarten den Frühling, den Fröhling, der dort spaziert
und seine Gedanken an gestern verliert
sie warten auf die frisch Verliebten,
auf die zärtlich Ungeübten,
die auf ihren Schatten liegen,
mit Krokuslippen und Augen von Tausendschön,
die Sanftes sich flüstern, ohne zu lügen
z.B.: wir werden uns morgen wiedersehn
[3 Waka-Variationen | Froschklappen. Fallleitung. Schmerz. im Überlauf. Staubfluss. vorletzte Waschung]
dein blick hängt
schlaff über reglosem wasser
weidenlaub
schlafend über den sternen
im see versunken. wie steine
dein blick hängt
schaukelnde anker verwaister boote
verwester träume gewölle
immer deine frage:
wer geht mit mir —
fort
fern —
dein himmel. der schlingengrund
der schlangen häute. und netze aus silbernem garn
wunder des spiegels, über den jeder zweifler laufen kann
wie jeder fromme über die klamm
wenn dort sein blickt hängt
wenn er ihn fängt
Werkstatt IX [suchend. sehnend | SuchtSehne]
eisiges atmen. bodennah
klarheit des letzten schöpfungstages
mit den auraflecken der ersten sünde
schuf die welt
schuf aber auch die gegenwelt
ufer und ferne
spiegelung auf dem gespannten draht des horizonts
fallwinde. wundfalle
stürzen zu lassen. himmlisches. in die stimme
flügellose engel. bis einer spricht:
deine augen. mein brunnen
der durstigen seele. kein ende
Werkstatt X [anderer traum. fernes gesicht]
frag mich doch. ufer des ausgangs. des letztes jahres verödetes echo.
weiß nicht mehr. wann du mich träumtest.
nicht nutzt sich ab die zeit. und das vergangne nicht. das uns umrauschte. als mit den kiefern wir standen auf den dünen.
hier aber sind die gesetze andere. und die sätze immer die gleichen. den gleichen sind gepflastert die straßen. den anderen gelegt die verborgenen wege.
standst du nicht auch an den gräbern? wuchs da nicht einmal das feinere auf der rauhen haut des gröberen? eins um das andere. augen der verliebten. wie knospen geschwollen. weil ihr schlaf zu lang.
suchte da nicht mit zarten pfoten das kätzchen nach dem licht im wasser?
sag mich doch. wenn auf die kahle wand hinter deinem bett des fensters schatten fiel. dass ich verrate dir. ein heimatliches.
Werkstatt XI [was es kostet]
eintritt
in einen traum
unbezahlbare stille
von dort
kommt dir entgegen
ein weg
auf dem noch keiner gegangen sein kann
ort einer stimme
die nach dir
gerufen haben muss
erwartend
ein echo
stege
ins meer hinaus
sich verlierend
im nebel
klarheit einer heimkehr
deren erinnern zerstört
vom erwachen
einsame stunde
wenn nichts mehr gesagt werden darf
und zahllos sind
die augenblicke
aus denen wir vertrieben wurden
mit denen sich nun totschlagen ließen
sehnsucht und zeit
Werkstatt XII [ur/teil]
blindheit. ihr sehenden :||: ihr träumenden. hört
schaue zurück. zum quell fließe hinauf. ruhig wurde schon jedes verwirrte herz. von deinen gesängen. ich aber muss die stille verlassen. die stelle. wo das ufer der zeit in die goldenen klänge stürzte. drehe dich um. dass ich wissen kann, ob du zu sterben wagst. dass ich weiß, ob du die liebe fürchtest. störe die schlafende nicht. erwecke die eigene seele. dass sie dir zeige, wer die richtende war. ihr wildes gesicht. so weiß. vom schnee deiner ferne. so kalt vom gestein der bezwungenen höllen. und selbst die vögel zum schweigen zu bringen. um immer zu singen. allein. stehend vor allen gründen. nie endende stufen herabzusteigen. von allen bergen und türmen. den immer schattenlosen. nein. nie hätte dir eine folgen können, die ans licht gezogen sein soll. allein. um ihren schatten zu opfern. allein. um durch den fremden traum zu wandern. allein. mit seinen schmerzen.
Werkstatt XIII [17/2/17. Kuckssee OT Krukow]
da liegt es
inmitten der herabholung des himmlischen friedens
zwischen hügeln und wäldern und seen
zwischen nazi-dorf und siehdichum
da liegen sie
unter ihren hoffnungen. in wickeln aus mikrofaser
zwischen wildbraten und schneewittchenkuchen
eingeklemmt in ihren ängsten vor dem fremden und dem kommenden
da sitzen sie
auf den terrassen. kaum dass der letzte frost gegangen
wenn ein milderer wind den duft von raps und gülle in ihre gärten bläst
da gehen sie
hin und her. zwischen den enden der verwaisten geschichte
die überall ihre orte ausgestreut hat. als seien sie saat in ackerfurchen
orte des wartens auf eine rückkehr derer
die noch oder wieder an etwas glauben können
da liegt es
in der mitte der leere
friedliches vieh im verdauungsschlaf
geduldig sterbend. unter den rufen des raben
Werkstatt XIV [ein mecklenburger im rheinland. meisterung der guten laune | haiku-variation]
lustig hüpfen aus gelben blüten
die froschgesichtigen
lästig ist mir ihr lächeln
Werkstatt XV
[finnhütte. exeunt urijah. finish. geometrie der entlassung. abdank/ur/kunde. liegekur. 7einhalb. jahre ferne | 7einhalb waka-variationen]
zwischen düne und kiefern
das dreieck der vermessenheit
weil – er. du. ich – einer zu viel
weil – du. er – maßlos. in euren wünschen
unter den veluxfenstern
wie einsam
die insel sein kann
in ihrer überlaufenheit
in ihrer überspanntheit
mit strand- und sand-gefühlen
insel der rauschenden laken
der raschelnden haut
an haut. wie vernäht
mit den küssen. du.
und er
ich. ist unsichtbar
am ort der verbannung
aller zeit
zwischen pflicht und fluch[t]
zwei wochen. sonntag
hütte. in der ich stimmlos
atem an atem hefte
wenn ihr euch – du. er –
durch die vormittage vertuschelt
bis die stunde der müden möwe schlägt
spräche ich finnisch. oder wie die feen
die sich draußen im wacholder verheddert
wäre doch jedes wort
das ich sagte
ein kämmen durch trockenes schilf
zwischen ende und abschied
im dreieck der vergessenheit
lasse ich mich vetruvisch strecken
solange der weiteste himmel von allen
sich zwängt durch das spitzdach
hinein. ins nurdachhaus. und sich spannt
über grab und geduld