
Vorwort
Es heißt, aus dem Morgenland seien sie gekommen – die drei Weisen, aus denen später Könige gemacht wurden, vermutlich weil man sich nur Könige vorstellen konnte, die eine solche Reise auf sich nehmen und die sie sich auch leisten können. In der Bibel sind sie weder drei, noch Könige, noch exotische Dekorationsfiguren. Sie sind magoi: Sterndeuter, Forscher; Menschen, die lesen, was wir anderen übersehen. Ihre Heimat liegt irgendwo zwischen Babylon und Persien, dort, wo man den Himmel noch nicht für eine unverbindliche Lichtinstallation hielt.
Später dann hat man ihnen Namen gegeben – Kaspar, Melchior, Balthasar – und ganze Erdteile zugeordnet, als müssten sie die Menschheit vertreten. Die alten Ausleger sagten: Ihre Gaben erzählen mehr als ihre Namen. Gold: die Macht. Weihrauch: der Sinn. Myrrhe: der Schmerz. Oder, wie es eine Studiengangsbeauftragte unter Akkreditierungszwang sagen würde: ein dreifaches Curriculum der menschlichen Zumutungen.
Doch vielleicht bedeutet ihre Reise etwas Einfacheres: dass Wahrheit immer eine Bewegung ist, kein Besitz. Dass man aufbrechen muss, lange bevor man weiß, wohin. Und dass niemand am Ziel ankommt, ohne unterwegs das eine oder andere hinter sich zu lassen – Überzeugungen, Sicherheiten, vielleicht auch ein früheres Selbst.
T. S. Eliot hat diesen Gedanken in seiner Journey of the Magi auf eine Weise zugespitzt, die kaum noch feierlich ist. Er lässt einen der Weisen erzählen – alt geworden, müde, heimatlos. Der Weg war hart, die Welt feindlich, die Zeichen widersprüchlich; und als sie endlich ankamen, war das große Ereignis nichts weiter als satisfactory. Keine Engelschöre. Keine sentimentale Kulisse. Nur eine Geburt – und gleichzeitig ein Tod. Denn Eliot sagt uns: Wenn eine neue Zeit beginnt, stirbt immer eine andere. Auch in uns.
Die Magier kehren zurück in ihre Königreiche, aber sie passen nicht mehr hinein. No longer at ease, schreibt Eliot – nicht mehr heimisch in der Welt, die sie einmal kannten. Eine Begegnung mit dem Heiligen, wenn es denn ein Heiliges überhaupt gibt, macht den Menschen nicht moralisch besser, sondern existentiell fremd. Sie schafft keine Behaglichkeit, sondern öffnet eine Wunde.
Vielleicht ist dies der einzige Grund, warum wir ihre Geschichte heute wieder brauchen. Weil wir in einer Zeit leben, in der das Aufbrechen schwerfällt und das Ankommen unmöglich scheint. In der es leichter ist, einen Stern zu übersehen, als ihm zu folgen. In der die Welt von sich sagt, sie sei aufgeklärt – und gleichzeitig jeden Sinn verlernt hat, der nicht sofort anwendbar ist.
Die Frage der Magier bleibt deshalb auch unsere: Wurden wir geführt – in dieser Welt, in dieser Geschichte – zu einer Geburt oder zu einem Tod? Und ist beides vielleicht dasselbe?
Der Poet würde vielleicht sagen: „Man geht so weit, bis einem die Wege selbst aus dem Weg gehen“. Seine Verlegerin mit Doktorhut würde ihm trocken antworten: „Das nennt man Fortschritt“.
Ich sage: Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, was diese alten Wanderer wussten – dass jeder Stern, dem man folgt, uns verwandelt; und dass jede Geburt, die etwas in uns öffnet, ein Ende mit sich bringt. Und dass diese Doppelbewegung – Sterben und Werden, Verlust und Hoffnung – vielleicht die einzige Wahrheit ist, die uns noch bleibt.
T. S. Eliot, Journey of the Magi
‘A cold coming we had of it,
Just the worst time of the year
For a journey, and such a long journey:
The ways deep and the weather sharp,
The very dead of winter.’
And the camels galled, sore-footed, refractory,
Lying down in the melting snow.
There were times we regretted
The summer palaces on slopes, the terraces,
And the silken girls bringing sherbet.
Then the camel men cursing and grumbling
And running away, and wanting their liquor and women,
And the night-fires going out, and the lack of shelters,
And the cities hostile and the towns unfriendly
And the villages dirty and charging high prices:
A hard time we had of it.
At the end we preferred to travel all night,
Sleeping in snatches,
With the voices singing in our ears, saying
That this was all folly.
Then at dawn we came down to a temperate valley,
Wet, below the snow line, smelling of vegetation;
With a running stream and a water-mill beating the darkness,
And three trees on the low sky,
And an old white horse galloped away in the meadow.
Then we came to a tavern with vine-leaves over the lintel,
Six hands at an open door dicing for pieces of silver,
And feet kicking the empty wine-skins,
But there was no information, and so we continued
And arrived at evening, not a moment too soon
Finding the place; it was (you may say) satisfactory.
All this was a long time ago, I remember,
And I would do it again, but set down
This set down
This: were we led all that way for
Birth or Death? There was a Birth, certainly,
We had evidence and no doubt. I had seen birth and death,
But had thought they were different; this Birth was
Hard and bitter agony for us, like Death, our death.
We returned to our places, these Kingdoms,
But no longer at ease here, in the old dispensation,
With an alien people clutching their gods.
I should be glad of another death.
drei stimmen۰drei stimmungen۰stege۰drei
wir kamen: eis.kalt_wir blieben: unter.wegs.
mo.rph
grumpy.cat.stephen.unheilig
lunge.am.abgrund: slam.minge
zunge: riss.einer.nadel
pier.cing: bootsman
in: seh.not
kalt wars. eine ankunft, die uns fror.
die mieseste jahreszeit für straßen.
und dieser weg: ein endlos ausgefranster schatten.
schon müde, bevor er beginnt.
pfade: eingesackt. luft: freundlich wie ein mahnbescheid.
winter: eine glasaugen-gottheit, die nicht mehr zuckt.
und die kamele: wundgescheuert. grantig. störrischer noch als wir.
schmissen sich in den tauenden dreck.
wir waren ein jammernder chor der reue.
diese sommerpaläste, diese terrassen,
diese seidenmädchen mit ihrem eis.
alles nur wüstengeflimmer unseres wahns.
und die kameltreiber, flüche auf beinen,
rannten davon, wollten nur schnaps und haut.
nachtfeuer? erloschen. schutz? nada.
die großen städte? voll hass. die kleinen? im geizkrampf.
die dörfer? drecklöcher mit aufpreis.
wir kauften uns härte ein. härter als wir ertragen konnten.
und fuhren am ende nur noch bei nacht.
zerschlugen unseren schlaf.
im ohr das jammergeschrei:
dieses alles für’n arsch.
wir stiegen hinab. im dämmer. ins „liebliche“ tal — na klar.
nasskalt. unter der schneekante.
geruch von dingen, die wachsen wollen, aber gefrieren.
ein bach: stürzend. eine mühle: will die dunkelheit zu staub zermahlen.
doch: die gedeiht prächtig.
drei bäume: flach, in den himmel gestochen. weiser als wir.
die fahle schabracke: brach los, verschwand im hochgras. clever! das vieh.
später dann: eine spelunke. weingestrüpp über knarzgebälk.
und hinter dem durchschlupf: sechs schwielige pranken, würfelnd um silber.
käsemauken, tretend die leeren schläuche, als pressten sie daraus trost.
doch: keiner sagt was. also: weiter.
einbruch des abends. gerade rechtzeitig. als alle hoffnung verbraucht war.
wir fanden den ort. nun ja: solide. mehr sag ich nicht.
verdammt lang her. ich weiß es wie heute.
und klar: ich würde es wieder tun.
aber. schreib dir das in die knochen:
wozu wurden wir geführt? den ganzen weg?
geburt oder tod?
klar: es gab ‘ne geburt.
wir hatten beweis genug. und zweifeln war nicht erlaubt.
ich kannte geburten und tode —viel zu viele—
und hielt sie früher für gegensätze.
doch diese geburt
war ein schmerz, der uns zerriss,
ein tod im strampler.
unser tod. im kostüm eines anfangs.
wir kehrten heim. in unsere sogenannten „reiche“.
doch wir passten nicht mehr. an keinem ort.
wir, die ruhlosen. gefallen: aus den alten ordnungen—löchriger als unser schlaf.
fremd im volk, dass sich an fremde gottheiten klammert. wie an fettige rettungsringe.
und ich? ich könnte gut leben. mit einem weiteren tod. wirklich.
dies: academicus
schrei: ich.hasse.lyrik.kleingeschrieben
!!
peer.sing: la.la.rynx
rauh.und.reif
ein kaltes kommen, ja. wir hätten’s wissen können:
die denkbar schlechteste saison, um sich aufzumachen—
und dann diese strecke, diese lächerlich gestreckte strecke.
wege: bis zum knöchel im dreck. wetter: wie ein urteil.
winter: der kontrakt des todes. signiert von der kälte selbst.
das wüstenvieh: natürlich aufgescheuert, entzündet, widerspenstig.
legte sich in den schmelzenden schnee. kündigte. tierisch. mit besseren argumenten.
und selbstverständlich gab es momente des bereuens—
die hangpaläste, die terrassen,
die seidenmädchen mit ihrem sorbet-protokoll—eine perfekt gereichte überflüssigkeit.
die kamelführer: nörgelnd, fluchend.
dann flohen sie, zurück zu den schlichten begierden: trinken, benutzen, verschwinden.
die nachtfeuer? erloschen. unterkünfte? nicht vorgesehen.
der moloch: im steten abwehrmodus. das kaff: im passiven widerstand.
die dörfer: unhygienisch und überteuert.
ein, wie es im fachjargon heißt, verlustgeschäft—emotional wie logistisch.
schlussendlich bevorzugten wir nachttransit,
schliefen in unzureichenden mikrointervallen,
während stimmen insistierten:
dies alles sei schwachsinn. komplett.
im morgengrauen also ein abstieg: ein gemäßigtes tal.
klamm. gleich unterhalb der schneegrenze. ein geruch von leben. unangebracht. beleidigend fast.
ein schnelllaufender bach. eine mühle, die am dunkel kratzte; doch das dunkel gewann.
drei bäume in niedriger himmelszone.
ein alter weißer gaul, der im feld fluchtartig davongaloppierte
— ein muster an kaltschnäuzigkeit; vermerkt. und gestrichen.
anschließend eine taverne: weinrebenblätter über dem türsturz (ein raum, der bedeutung spielt, mit schlechter besetzung).
sechs hände, die am offenen eingang um silber würfelten,
während füße die leeren weinschläuche traktierten.
informationen: keine. also rasch weiter.
ankunft bei sonnenuntergang. zeitgerecht. ein zufall, den wir nicht goutierten.
und das zielobjekt? man könnte — mit akademischer vorsicht — sagen:
zufriedenstellend.
natürlich war all dies vor geraumer zeit. jetzt ist es noch eine erinnerung,
die ihre eigene quelle erfindet.
und ja: ich plädiere für einen wiederholungsversuch.
aber protokollieren wir es genau. schlagen wir es ein, in die härte der akten.
dort: wo nichts weich werden darf—
wurden wir für geburt oder tod geführt? eine geburt fand statt, zweifelsfrei.
nachweise? etliche. gestempelt. trost? gleich null.
ich hatte geburten beobachtet und auch todesfälle,
und hielt sie für unterscheidbar. eine hübsche theorie, von der wirklichkeit verspottet.
doch diese geburt war der schmerz in seiner vollzähligkeit. ein migränegewitter. im schädelbasisbruch.
wir kehrten also in unsere territorialen einheiten zurück.
doch die alte struktur hielt uns für unbelehrbare störfälle.
ein fremdes volk krallte sich fest. an die götter aus zweiter hand.
und ich? ich würde eine weitere form des todes ganz still betrachten:
als abgang. rückstandsfrei.
III
stern.der.prophet*in
immer: auch.bei.wolken
immer.drei.schritte.voraus
immer: die.eine.zeile.mehr.gemurmelt
song.a.long: für.die.so.lange.fahrt
die.niemals.enden.darf
für.alle.namen: den.einen
für.jegliche.bitte: das für.wort
pro.nomen_als.anti.fon: ab.sonder.lich
kalt war euer aufbruch.
zur dunkelsten aller jahreszeiten,
für eine reise, die euch bis an den rand trug.
die wege: verschüttet. der himmel: wie messer.
ein winter: wie ausgewanderte, ausgestorbene götter.
doch ihr gingt. gegen alles, was euch hielt.
die kamele waren verwundet und widersinnig.
sie legten sich nieder in den tauenden schnee.
und es gab stunden, da sehntet ihr euch zurück
nach den sommerpalästen am hang, den terrassen,
den seidenen mädchen, die euch kühle reichten.
die führer der tiere fluchten und verzagten,
entschwanden, suchten trunkenheit und tröstung.
die nächte verloschen, eure feuer stürzten in sich. kein dach, das euch kannte.
die städte: feindlich. die kleinen orte: verschlossen.
die dörfer: voller schmutz, voll fordernder hände.
schwer war eure zeit, schwer.
so zogt ihr nachts,
schliefet in zerschnittenen momenten,
und in euren ohren sangen die stimmen:
dies sei torheit. alles.
und im dämmern stiegt ihr hinab
in ein mildes tal,
feucht vom tau unter der grenze des schnees,
duftend nach allem, was wachsen will.
ein bach lief euch voraus,
und eine mühle schlug das dunkle aus der zeit.
drei bäume standen im niedrigen himmel,
stumm wie zeugen.
ein weißes pferd, alt an den knochen, floh über die wiese.
dann eine schenke, weinlaub über dem balken der tür;
sechs hände warfen um silber,
und füße traten gegen leere schläuche.
doch keine zeichen, keine stimme, die euch führte.
so gingt ihr weiter
und kamt an im abend—
nicht einen augenblick zu früh—
und fandet den ort,
jener, von dem man sagen darf:
er genügte.
all dies geschah vor langer zeit,
und ich trage es noch in mir.
und ja: ich würde es wieder tun.
doch schreib es nieder,
schreib es nieder,
dies:
wurden wir geführt all diesen weg
für geburt oder für tod?
eine geburt war es, gewiss,
keiner hegte zweifel.
ich hatte geburten gesehen und tode,
und hielt sie einst für zwei pfade.
doch diese geburt
war schwere, bittere qual,
wie tod.
wie unser tod.
wir kehrten heim in unsere königreiche,
aber ruhten nicht mehr in der alten ordnung.
ein fremdes volk hielt sich fest an den göttern,
die längst nicht mehr trugen.
und ich, der ich ging und zurückkam,
sehne mich
nach jenem tod—
der alles vollendet.